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Die Diebe und die Nacht

Ewa Hess am Mittwoch den 22. November 2017

Nein, es war keine Vollmondnacht. Und doch war die Stimmung im Löwenbräu von einer fiebrigen Aufregung unterfüttert. Selbst Habitués stolperten schon am frühen Abend wie trunken von Saal zu Saal und von Stockwerk zu Stockwerk – an diesem Freitag (17.11.) war so viel los wie selten: «Extra Bodies» im Migrosmuseum! «Theft is Vision» im Luma-Westbau! Und natürlich: «The Night», der jährliche Kunsthalle-Fundraiser! Der asketische Bau glich direkt einem Überraschungsei, oder soll man eher sagen einem Adventskalender? In jedem Stock war eine andere Attraktion versteckt.

 

Kunsthalle feiert – The Night

«Geht es hier zu ‹Theft›?», fragte ich in das Grüppchen am ersten Treppenabsatz hinein.

Seit ich hier in der Kunsthalle mal mit Sturtevant gesprochen habe, der inzwischen verstorbenen mysteriösen Nachahmungskünstlerin, macht mich das Konzept der Appropriation neugierig, also die Technik des konzeptuellen Klauens in der Kunst. Nicht ganz einfach, damit umzugehen. Sturtevant etwa hat mir gegenüber behauptet, dass ihre Arbeit gar nicht Appropriation sei. Andy Warhol hat ihr (der Legende nach) persönlich die Schablonen seiner Blumen-Siebdrucke vorbeigebracht. Der Schweizer Fotograf Hannes Schmid hingegen findet es nicht lustig, dass der US-Künstler Richard Prince seinen für Werbezwecke kreierten Marlboro-Cowboy klaut. Also mal sehen.

Aber offensichtlich war ich zunächst mal nicht im richtigen Stock gelandet: «This is Swiss Institute», rief mir jemand zu. Ich blickte auf, und vor der Türe stand der Direktor des New Yorker Schweizer Fensters, Simon Castets. Simon, ein Franzose, der sich in New York komplett eingeschweizert hat, ist überall ein gern gesehener Gast, ein unermüdlicher Botschafter seines SI. Er winkte mich freundlich, doch keinen Widerspruch duldend, in die Ausstellung herein.

Ich wusste gar nicht, dass das Swiss Institute gerade auch im Löwenbräu gastierte, aber es ergab Sinn. Denn das Swiss Institute ist heimatlos, seit es sein altes Haus an der Wooster Street in New York verlassen hatte und auf die Fertigstellung des neuen an der St Marks Street wartet. Deshalb gibt die Institution zurzeit lauter Gastspiele, genannt SI Offside.

Das alte SI-Haus an der Wooster Street (links) und das neue an der St Marks. Fotos: artnet, selldorf

 

Die SI-Ausstellung von Cooper Jacoby (er ist 28 Jahre alt und lebt in L.A.) war, wie es sich gehört für die wegweisende Institution, so richtig «cutting edge». Mit simplen Mitteln wie Warteschleifenmusik, flackernden Leuchtröhren und zu Monstern umgeformten Notstromaggregaten kreiert der Youngster eine starke Stimmung. Ich musste an Rem Koolhaas denken, der letztes Jahr am Art Summit in Verbier erzählte, dass die künftigen Museen von Maschinen für Maschinen gebaut werden. Der spukhafte Notstrom-Algorithmus Jacobys ist die passende Kunst dazu – sozusagen das «intelligente Haus» auf LSD.

«Disgorgers» oder zu Monstern umgeformte Notstromaggregate von Cooper Jacoby. (Bilder ewh)

Aber jetzt zu «Theft is Vision»: Die Schau ist ein Wurf. Die Innenarchtektin Petra Blaisse (das hat auch wieder etwas mit Rem Koolhaas zu tun, sie ist nämlich seine Lebensgefährtin) hat in den grossen Westbau-Saal eine Galerienflucht eingebaut, mithilfe von federleichten Wänden aus Metallstäben, mit durchsichtiger Schrumpffolie bezogen. Das sieht nicht nur genial aus, sondern passt auch zum Thema. Bei den Werken, die andere Kunstwerke nachäffen, sieht man ähnlich «halb durch» – auf das Werk eines anderen.

«Theft is Vision»: Beeindruckende Schrumpffolie-Architektur, Werke des Briten Dan Mitchell.

Fredi Fischli und Nils Olsen, das bewährte gta-Kuratorenduo, haben hier für den Westbau der Stiftung Luma von Maja Hoffmann eine sehr kluge Schau zusammengestellt, die erst noch brillant aussieht. Der Ausstellungstitel «Diebstahl ist Vision» verkörpert schon mal die These, dass gezielter Diebstahl sehr oft am Anfang der Kreation steht (auf Deutsch würde man das mit dem Sprichwort «gut geklaut ist halb gewonnen» wiedergeben).

Das Vorbild und die Travestie: Hans von Marées, «Die Lebensalter» von 1877 und Mathieu Maloufs Nachbildung aus Kunstharz, 2015.

Mir hat besonders gut die Travestie Mathieu Maloufs gefallen, der einen alten deutschen Ölschinken mit einer Kunstharz-Skulpturengruppe nachstellt. Wenn ich das richtig sehe, sind die Figuren im Zuge des Aneignungsprozesses sogar doppelgeschlechtlich geworden. Da lassen auch die britischen Brüder Jake und Dinos Chapman mit ihrer «Zygotic Acceleration« grüssen. Köstlich.

Denim-Bild von Valentina Liemur (links), die Fontana-Wand von der Seite.

Auch die Fontana-Wand ist ganz stark, in der sich verschiedene Künstlerinnen und Künstler an Leinwand-Schlitzwerken von Lucio Fontana abarbeiten. Da gibt es bewundernde Versionen, etwa von Sylvie Fleury, ironisierende, etwa von Maurizio Cattelan (der ein Zorro-Zeichen schlitzt) oder Verbeugungen vor dem Meister, wie die Denim-Fantasien der Künstlerin Valentina Liemur.

Dann war aber schon Zeit für «The Night» der Kunsthalle. Aus den Räumen drangen ein violettes Licht und der Klang von Champagnerkelchen. Nur die Karomuster-Bahnen an den Wänden erinnern an die laufende Ausstellung «My Plastic Bag» der US-Künstlerin Cheryl Donegan (55). Die Künstlerin ist auch da, bei bester Laune. Sie hat das ästhetische Motto des Abends herausgegeben: «A Touch of Gingham!» (Gingham, erfahren wir alle bei dieser Gelegenheit, nennt sich das kleinkarierte Muster, welches sowohl auf Oxford-Hemden wie auf Küchentüchern vorkommt).

Vollmond-Stimmung in der zum Festsaal umfunktionierten Kunsthalle.

Das muntere Organisationskomitee von «The Night» führt durch den Abend. Dazu gehören nebst dem Kunsthalle-Direktor Daniel Baumann noch drei Damen: Chantal Blatzheim (Kulturkommunikatorin, Sammlerin), Sandra Nedvetskaia (ehemals Christie’s Russland, Khora Foundation) und Martina Vondruska (Modelabel Brand of Sisters). Ein Tischplatz kostet 1000 Franken, der Saal ist voll, und bei der darauffolgenden Versteigerung der gespendeten Werke kommen 110’000 Franken zusammen. Schöner Erfolg!

Künstlerin Donegan in Gingham, Organisations-Komitee der «Nacht»: Direktor Baumann, Damentrio Nedvetskaia, Vondruska, Blatzheim (alle in Donegan-Strampelanzügen).

Um alles transparent zu machen: Ich durfte am Tisch der Galeristin Eva Presenhuber dazusitzen, die als eine pflichtbewusste Bürgerin ihrer Stadt die Kunsthalle mit dem Kauf eines ganzen Tisches unterstützte. Das ist ein gutes Zeichen, denn die für Zürich wichtige Galerie, die viele Schweizer Künstler im Programm führt, hat eine Dependance in New York eröffnet. Gut zu wissen, dass sie sich Zürich nach wie vor verbunden fühlt.

Überraschenderweise trat ein Ballett-Duo auf. Das fanden manche seltsam, denn an einem Kunsthalle-Fest hätte man eher eine schräge Performance erwartet. Doch das Schräge gibt es erst am kommenden Freitag, an der Performance-Nacht der Kunsthalle – fürs Publikum zugänglich. Die wunderbaren Tänzer haben zum Abend gut gepasst – ich fand das Interlude überraschend poetisch.

Elena Vostrotina und Jan Casier tanzen, Sandra Nedvetskaia schwingt den Hammer.

Lauter gute Nachrichten also: Die Kunstmanagerin Sandra Nedvetskaia, die zusammen mit ihrem Mann, dem Star-Auktionator Andreas Rumbler (aktuell ist er Chairman von Christie’s Switzerland) in Zürich lebt, ist selbst eine höllisch geschickte Hammerschwingerin. Sie hat der Kunsthalle für nur sieben Werke (Warren, Eisenman, Das Institut, Kippenberger, Madison, Wekua und ein Plakat von Wade Guyton) immerhin 110’000 Franken ersteigert. Top Lot: Martin Kippenbergers Buntstift-Zeichnung von 1992. Sie ging für 32’000 Franken weg.

Einen Preis gab es auch: Bice Curiger, aus Los Angeles angereist, übergab ihn dem Off-Space Taylor Macklin (links). Rechts eine der Künstlerinnen, die Taylor Macklin betreiben, Michèle Graf.

Der grosse Abwesende des Abends war indes der Verleger Michael Ringier, immerhin seit einem Jahr Präsident der Kunsthalle und bedeutender Kunstsammler. Man rätselte über den Grund seines Wegbleibens – und fragte sich, ob ihm die Affäre um seine langjährige Sammlungsberaterin und ehemalige Kunsthalle-Direktorin Beatrix Ruf etwa zusetzt.

Wie es sich herausstellt, hat die Sache einen viel entspannteren Hintergrund: Michael Ringier weilte mit seiner Frau Ellen, einer Juristin und Herausgeberin des Elternmagazins «Fritz und Fränzi», auf einer vierwöchigen Südamerika-Reise.

 

Namedropping nach der ART

Ewa Hess am Mittwoch den 21. Juni 2017

Bei den Preisen, die mittlerweile für gute Kunst bezahlt werden, könnte man die Aufregung um die ART für übertrieben halten – einkaufen können dort die meisten Normalsterblichen nicht. Aber: Die Messe, das ist ja nicht Kunsthandel allein! Nein, die Messe in Basel schliesst vor allem die vorsommerliche Kunstaufregung mit einem grossen Branchenpalaver ab. Wenn Art ist, dann sind Venedig, Documenta, Skulpturenprojekte (selten alle drei im gleichen Jahr, aber 2017 war es so) vorbei, und man hat sich viel zu erzählen.

Man pilgert durch die Liste, durch die Hauptmesse, durch die Ausstelllungen in Basel, trifft Kunst, trifft Menschen und macht sich ein Bild. Darum, liebe Leserinnen und Leser von Private View, will ich heute ein bisschen Namedropping betreiben. Folgen Sie mir, einfach nur so quer durch die Messe.

Ein stolzer Japaner: Yusaku Maezawa postet seinen neunstelligen Einkauf. (via Instagram)

Basquiat

Einen Monat vor der Messe wurde Jean-Michel Basquiat zum teuersten US-Künstler und deklassierte damit Andy Warhol nach vielen Jahren der Marktführung. Der japanische Milliardär Yusaku Maezawa (sein Geld stammt aus dem E-Business, woher denn sonst) kaufte das Bild ohne Namen für 110,5 Millionen Dollar an einer Sotheby’s-Auktion. Seinen obsessiven Kauf macht er kurz darauf auf seinem Instagram-Account publik. Natürlich war Basquiat danach ein Dauerthema auf der Messe. Weil die Galerie Acquavella den ihren für «nur» 20 Mio. verkauft hat (also ist der Basquiat-Markt doch erst im achtstelligen, und noch nicht im neunstelligen Bereich?). Weil mit Basquiat aufs Mal zwei Minderheiten gewürdigt werden: Sein Vater stammt aus Haiti, seine Mutter aus Puerto Rico. Nicht nur schwarz, sondern auch Latinx! (Das Latinx ist kein Tippfehler, sondern die neue geschlechtsneutrale Bezeichnung für einen Latino oder eine Latina).

Basquiats Zeichnung mit einer Schweizer Speisekarte, Künstler mit Bruno Bischofberger in St. Moritz, dazwischen Brooke Bartlett (courtesy Bischofberger collection)

Mir hat einer an der Messe gefehlt, der sehr viel über Basquiat erzählen könnte: Bruno Bischofberger! Der legendäre Galerist nimmt schon seit Jahren nicht mehr teil, er war gemeinsam mit Andy Warhol einer der Förderer des Strassenkünstlers und kannte ihn sehr gut. Vor sieben Jahren, als die Fondation Beyeler ihre famose Basquiat-Retrospektive zeigte, sass ich mucksmäuschenstill in Bischofbergers von Ettore Sottsass erbautem Privathaus hoch über dem Zürichsee und hörte den Erzählungen zu (zum Beispiel wie Basquiat in die Schweiz kam und Bratwürste zeichnete, nachzulesen hier). In Bruno Bischofbergers Privat-Schaulager in Männedorf könnten viele unschätzbare Basquiats bewundert werden, und nicht nur diese (open by appointment only).

Bruno Bischofbergers Privat-Schaulager in Männedorf, erbaut von seiner Tochter Nina (Baier-Bischofberger). Bilder: Galerie BB

Fischer

Die Skulptur «The Kiss» des Schweizer Schwergewichts Urs Fischer war der erklärte Publikumsliebling der Messe. Kein Wunder – da durfte jeder ran. Die Rodin-Replik aus Plastilin konnte «weitergearbeitet« werden. Eigentlich erstaunlich, dass die Eingriffe nicht besonders einschneidend waren – offensichtlich reichte der Mut bei den meisten höchstens zu einem tiefen Fingerdruck. Diese Methode der Mitarbeit des Kollektivs hat der Künstler schon früher angewandt, indem er etwa seine Künstlerkollegen bat, an einer Skulptur aus Plastilin mitzuformen, und die so entstandene Vorlage später in Bronze goss.

Urs Fischers interaktive Skulptur «The Kiss» bei Sadie Cole’s HQ. (Bild: ewh)

Einige haben sich unoriginellerweise zu Obszönitäten hingewagt. Man fragte sich, wer so eine bearbeitete Skulptur denn kaufen würde – irgendwie sah sie nicht so appetitlich aus. Doch es stellte sich heraus, dass die ART-Kopie nach der Messe zerstört wurde, und die beiden Käufer (denn die Skulptur durfte man zwei Mal kaufen, was auch geschah, zu je 500’000 Dollar) bekommen eine jungfräuliche Version. Man stellt sich vor, dass sie diese dann an einem geselligen Abend ihren Gästen zur Verfügung stellen …

“Der Kuss” am Schluss der Messe, s. dazu Kommentarspalte. Bild: Rolf Bismarck

Karma

Den schnittigsten Auftritt an der Art Unlimited hatten drei Frauen: die beiden Galeristinnen Karolina Dankow und Marina Olsen von der Zürich-Los Angeles-Galerie Karma International sowie die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury, die zum Galerieprogramm gehört. Zu sehen war Fleurys Ami-Schlitten (ein 1967 Buick), ihr eigenes Auto, mit dem sie manchen Kilometer zurückgelegt hat und den sie nur mit leicht blutendem Herz (aber was macht frau nicht alles für die Kunst) in eine Installation umgewandelt hat.

 

Sylvie Fleurys «Skylark» und der Rücken einer ihrer Galeristinnen. (Bild: ewh)

 

Die pfiffige Genferin Fleury hat es wie immer geschafft, mit lockerer Geste kühne Weiblichkeit, Stil und raumgreifenden Anspruch miteinander zu verbinden. Karolina und Marina (die beiden Teile von Kar-Ma) machten nicht weniger stilvoll die Honneurs. Vor dem Auto lag ein Rouge-Döschen, im Auto war eine elegante Szene mit Foulard und Zeitschrift arrangiert: Hollywood-like! Es passt, dass die Wipkinger Galerie Karma International einen erfolgreichen Ableger in Beverly Hills unterhält.

 

Karolina Dankow (links aussen), Marina Olsen (ganz rechts) und das Stillleben in Fleurys Buick. (Bild: ewh)

Der interkontinentale Spagat zahlt sich aus – auch in der aktuellen Ausstellung in Wipkingen, wo mit Flannery Silva und ihrem «Sugaring off» eine 27-jährige Künstlerin von der Westküste einen so souveränen und lustigen Auftritt hinlegt, dass man nur staunen kann. Worum es darin geht? Natürlich um Frauenfantasien! Zu Karma übrigens gibt es Breaking News (das muss man sich jetzt blinkend vorstellen). Nach der Messe wurde bekannt, dass Karma nun neu den Nachlass von Meret Oppenheim betreut! Das passt im allerschönsten Sinne.

Gupta

Was mir besonders gefiel, war der sympathisch moderne Umgang mit den Genderrollen, der sich in der Unlimited-Halle zeigte. Während die Frauen Gas gaben, kochte Subodh Gupta, der grosse Inder, in seinem Pfannenhäuschen ein so leckeres Süppchen (eher einen Curry), dass allen Messebesuchern der Speichel im Munde zusammenlief. Leider muss man berichten, dass man am langen Tisch selten einen Platz fand. Nun ja, Gupta kochte ja auch nicht die ganze Zeit selbst. Dennoch berichten jene, die sich einen Platz ergattert haben, dass das Essen wirklich gut schmeckte. Was an den Messen ja nicht immer der Fall ist.

Subodh Gupta kocht, das «Pfannenhäuschen» von aussen. Eigentlich heisst das Werk «Cooking the World». (Courtesy Galleria Continua und Hauser & Wirth)

Ruf

Ebenfalls beliebt: Die Kunst-Doppelgänger von Rob Pruitt. Zugegeben, das von der New Yorker Galerie Gavin Brown ausgebreitete Werk «Rob Pruitt’s Official Art World / Celebrity Look Alikes» roch stark nach einem Insiderwitz. Aber hey, wo kann man noch Insiderwitze machen, wenn nicht an dem weltgrössten Branchentreff? Die sind doch bekanntlich die lustigsten. Der Künstler hat die ganze Sache mit den Doppelgängern sozusagen in umgekehrte Richtung durchexerziert. Für die im breiten Publikum weniger bekannten, dafür in der Kunstwelt sehr vertrauten Gesichter von Kuratoren und Künstlern suchte Pruitt Entsprechungen in der Welt der Mainstream-Celebritys. Es waren ganz viele! Eine ganze Koje voll, von der Decke bis zum Boden. Ich suchte nach Schweizern und fand natürlich Sam Keller (Beyeler, Art Basel), den Unlimited-Kurator Gianni Jetzer, den Serpentine-Unermüdlichen Hans Ulrich Obrist sowie Beatrix Ruf, ehemals Kunsthalle Zürich, jetzt Stedelijk Amsterdam. Beatrix Ruf alias Liza Minelli, das hat etwas, finden Sie nicht auch??? Hingegen den Schauspieler neben HUO kann ich nicht knacken, obwohl mir das Gesicht etwas sagt … Ich komme einfach nicht darauf … Helfen Sie, liebe Leserinnen und Leser? Weitere Schweizer – siehe unten.

«Rob Pruitt’s Official Art World / Celebrity Look Alikes», Ausschnitte, 2017          Bild: ewh

 

Sam Keller = Dr. Evil (Mike Myers)

 

Art-Basel-Direktor Marc Spiegler = Drogenbaron El Chapo

 

Unlimited-Kurator Gianni Jetzer = Schauspieler Colin Farrell

 

Künstler Urs Fischer = Schauspieler Michael Madsen

 

 

Schön, böse, schaurig

Ewa Hess am Dienstag den 22. März 2016

Was doch die laue Luft ausmachen kann! Zürich macht sich am Freitag wieder auf die Socken. Wir beschliessen, uns stadtauswärts zu bewegen, und legen am Stauffacher los. Urs Lüthi, der schöne Jüngling von anno dazumal, dessen Fotografien die Siebzigerjahre in eine nostalgische Schwärmerei versetzten, empfängt bei Katz Contemporary schon mal mit neuen Werken.

Was: Vernissagen in den Galerien Katz Contemporary (Urs Lüthi), A. C. Kupper Modern (Cyril Kuhn), Hauser & Wirth (Wilhelm Sasnal) und Karma International (Sylvie Fleury)
Wann: Alle am Freitag, 18 bis 20 Uhr (bei Alain Kupper ging es allerdings weiter bis in die Nacht hinein)
Wo: Katz Contemporary im Haus zur Katz an der Talstrasse 83, A.C. Kupper an der Militärstrasse 84, Hauser & Wirth im Löwenbräu und Karma im Quartierzentrum Wipkingen

Dreimal Urs Lüthi: Mit der gutgelaunten Galeristin Frédérique Hutter, auf seinem Kult-Autoporträt «Urs Lüthi weint für Sie» und vor einem der neuen Werke («Selfportrait Pearls» von 2011)

Dreimal Urs Lüthi: Mit seiner gut gelaunten Galeristin Frédérique Hutter, auf seinem Kult-Autoporträt «Urs Lüthi weint auch für Sie» von 1970 und vor einem der neuen Werke («Selfportrait Pearls» von 2011). Fotos: Hennric Jokeit

Lüthis mittlerweile kahler Schädel ist ja seit der Biennale 2001, als er sich ohne falsche Scham in seiner etwas korpulenterer und weniger romantischen Erscheinung im Schweizer Pavillon wiederholt zum Markenzeichen seiner eigenen Werke machte, ebenso bekannt wie die langhaarigen androgynen Inszenierungen der Aufbruchjahre. «Meine Inszenierungen wurden damals so populär, dass die Menschen gar nicht glaubten, dass es ein Werk von mir ist, wenn ich selbst nicht drauf war», erzählt der 68-Jährige an der Vernissage. Der Künstler beschloss, mit dieser Erwartung ein eigenes Spiel zu treiben. Dies gelingt ihm bis heute vortrefflich, ganz im Sinne des Ausstellungstitels «Art is the better life» zeigt er sich mal als eine Glasskulptur, mal von Fliegen umschwärmt oder auch als kleiner grüner Papst in Aluminiumguss. Wenn man genau hinschaut, erkennt man: Auch der Papst trägt eine Clownnase.

Hugo und Ursula Bütler vor Lüthis Werk «Placebos & Surrogates» von 2001, Installation «Lost Direction»

Hugo und Ursula Bütler vor Lüthis Werk «Placebos & Surrogates» von 2001, Installation «Lost Direction».

In der Ausstellung treffen wir den Filmer und Polit-Lobbyisten Thomas Haemmerli (gerade von einem längeren Mexiko-Aufenthalt zurückgekommen), DJ Thomas Campolongo, auch der ehemalige NZZ-Chefredaktor Hugo Bütler und Gattin geben sich die Ehre. Lüthis Kunst steckt mit guter Laune an, man spricht auch an der Vernissage darüber. Auch die Defizite seines eigenen Körpers (z.B. Krankheiten, wie im Werk «Ex Voto», in dem er sich als eine Art vermenschlichtes Reagenzglas darstellt) münzt der Künstler in Werke um. Immer wieder stiehlt sich jemand in den Keller hinunter, um in den wunderbar nostalgischen alten Fotoarbeiten zu schwelgen. Es sind nur noch wenige Resteditionen vorhanden, flüstert mir die Galeristin zu. Ich gebe es hier also weiter: Zum Preis von 4000 Franken kann man sich noch eine ergattern.

Nur Flyer: Ankündigung von Cyril Kuhns Austellung bei A.C. Kupper, Alain Kupper im Gespräch mit dem Galeristen Nicola von Senger

Nur Flyer: Ankündigung von Cyril Kuhns Ausstellung bei A. C. Kupper, Alain Kupper im Gespräch mit dem Galeristen Nicola von Senger.

Nächste Station auf dem Kunsttrek ist der Offspace A. C. Kupper Modern. Sein Motto: «keine Homepage, keine Mails, nur Flyer». Das ist das Königreich von Alain C. Kupper, dem grossen bärtigen Szenenguru (man sagt, Kupper habe den Namen der Bar «Zukunft» erfunden, die Restaurants Josef, Italia, Lily’s sowie die neue Markthalle mitgestaltet. Er ist als DJ und Musiker aufgetreten, und Grafiker ist er auch.) In seinem sympathischen Low-key-Kunst- & Konzertraum an der Militärstrasse vermischen sich oft die Szenen. Heute stellt ein Gast aus Übersee aus, der Los-Angeles-Schweizer Cyril Kuhn. Kuhn (46) kennt man in Zürich. Er hat schon in Esther Eppsteins «Message Salon» ausgestellt. Seine Mutter ist die Malerin Rosina Kuhn – man liebt sie in Zürich. Seit sie in Bice Curigers legendärer Ausstellung «Frauen sehen Frauen» 1975 im Strauhof vertreten war, entwickelt sie ihr malerisches Werk immer weiter. Ihre aktuellen Bilder sind strahlend farbig und atmosphärisch beflügelt. Ihr Sohn Cyril, ein Jurist und künstlerischer Autodidakt, malt handfest gegenständlich in einer Tradition, die sich zu unrecht «bad painting» nennt. Denn die «schlechten Bilder» suchen natürlich auch das Gute, ja, sogar das Bessere, Authentischere, indem sie die Regeln des herrschenden Stils missachten. Kuhns Porträts und Interieurs bringen eine verrückte Grandezza in den Zürcher Kreis 4 – wunderbar.

Der Künstler Andres Gugginbühl im Gespräch mit Cyril Kuhn, Rosina Kuhn spircht mit Christoph Vitali

Der Künstler Anders Guggisberg im Gespräch mit Cyril Kuhn, Rosina Kuhn parliert mit Christoph Vitali.

An diesem frühlingshaften Freitagabend ist es bei Kupper so voll, dass man kaum durchkommt. Auch Christoph Kuhn, der Vater des Künstlers, ist da – somit ist der Tagi, dessen Kulturchef und Korrespondent Kuhn einst war, mit von der Familie. Rosina Kuhn unterhält sich mit dem ehemaligen Kulturchef der Stadt Zürich, Christoph Vitali. An der Bar mixt Kollege H. G. Hildebrandt Hochprozentiges – natürlich mit Gents, dem von ihm erfundenen und hergestellten Edeltonic. Barbara Brandmaier, Kommunikationscrack, ehemalige Chefin von Sony Schweiz und eine gute Freundin des Künstlers, vernetzt fleissig die Anwesenden untereinander. Auch Becky Kolsrud ist da, Kuhn Juniors Frau und selber auch Künstlerin. Wir unterhalten uns über die Kunstszene in L.A. Es ziehen gerade viele Galerien dorthin, unter anderem haben auch die Zürcher Galerien Karma sowie Hauser & Wirth neue Räume eröffnet (die erstere eine kleine Filiale, die letztere natürlich eine riesengrosse Fabrik). Wir fragen uns, ob die zeitgenössische Kunst nun wirklich eine Chance an der Westküste bekommt. Man ist skeptisch. Trotz einem steigenden Interesse der Filmwelt an der Kunst (siehe Private View zur Sammlung Leonardo DiCaprios) fehlen dort immer noch interessierte Sammler.

Sasnals Gemälde: «Killing an Arab», 2016, «Palm Bay», 2013, «Killing an Arab 1», 2016 @Wilhelm Sasnal und Hauser & Wirth

Wilhelm Sasnals Gemälde: «Killing an Arab», 2016, «Palm Bay», 2013, «Killing an Arab 1», 2016. Fotos: Wilhelm Sasnal und Hauser & Wirth.

Man hat Lust zu bleiben, doch es geht weiter – der Kunsttrek ruft. Man will doch Wilhelm Sasnal nicht verpassen, den rätselhaften Polen bei Hauser & Wirth. Wir kommen reichlich spät an. Die Gäste sind schon zum Dinner aufgebrochen. Umso eindrücklicher präsentieren sich die Gemälde und Filmsequenzen des «polnischen Gerhard Richter» in den fast leeren Räumen. Sasnal (44) dreht gerade mit seiner Frau Anka einen Film mit Assoziationen zu Albert Camus’ Roman «Der Fremde». Wir erinnern uns, darin begeht der Held Meursault, ein französischstammiger Nigerianer, den Mord an einem Araber. Dazu gab es auch einst den beunruhigenden Song «Killing an Arab» der Postpunk-Band «The Cure» aus den späten 70er-Jahren. Eines der Gemälde erinnert an das Cover von der «Cure»-Single damals: die Augen des Bösen. Auf einem anderen Bild sitzen Flüchtlinge in einem Gummiboot mitten im grauen Meeresspiegel. Man sieht Filmausschnitte aus dem neuen Film, «Killing an Arab» läuft darin als Soundtrack. Sasnal schafft es wie immer, hoch emotionale Bilder so abzukühlen, dass sie uns noch unheimlicher vorkommen. Die Filmausschnitte sind echt schaurig. An einem idyllischen Ostseestrand bricht am helllichten Tag eine unmenschliche Aggression aus.

Die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury, ihre Installation «¬'oeuil du Vampire», 2015, Niels Olsen (gta exhibitions) spricht mit der Künsterlin Pamela Rosenkranz

Die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury, ihre Installation «L’oeil du Vampire», 2015, Niels Olsen (Kurator GTA Exhibitions) spricht mit der Künstlerin Pamela Rosenkranz.

Vom Löwenbräu ist es dann nur noch ein kleiner Sprung nach Wipkingen, und man sieht schon von weitem die hell erleuchteten Fenster von Karma International. Da Karolina Dankow sich jetzt um die Los-Angeles-Filiale kümmert, macht Marina Olsen die Honneurs. Auch Sylvie Fleury ist da. Die Genfer Künstlerin hat hier eine Gesamtinstallation eingerichtet, in deren Herz ein wunderschönes lila Motorrad steht, eine prächtige alte Triumph Bonneville. Das Werk trägt den Titel «Every Woman Has a Purple Bike Inside». Dieser geht auf die biografischen Essays der Feministin Gloria Steinem zurück. Schwarz funkelnde Bilder (Acryl und Glasglimmer) hängen wie Abschnitte der Route 66 an der Wand. Die Wand selbst ist jeansblau, das passt. Das ganze Fleury-Panoptikum entfaltete sich inmitten von diesem Blau, mit einem angeeigneten Lucio Fontana (das Werk, geschlitztes Denim, heisst nicht wie bei Fontana «Concetto spaziale», sondern «Concetto speziale», das finde ich sehr lustig). Es gibt übergrosse Haarspangen, Comicfiguren und ein buntes «Auge des Vampirs».

 

Restaurant Habesha: Buntes äthiopisches Essen und eriträisches TV

Restaurant Habesha: Buntes äthiopisches Essen und eriträisches TV. Links Künstlerin Caro Niederer, rechts Michelle Nicol («Neutral»).

Danach geht man gemeinsam an die Weststrasse ins Restaurant Habesha. Das äthiopische Lokal wirkt wie eine Kunstinszenierung «in it’s own right», mit bunten Vorhängen, einem klinisch hell erleuchteten Billardraum und naiven Bildern an den Wänden. Das Essen kommt in bunten Körben auf den Tisch und besteht aus Buchweizenfladen mit dick eingekochten Einlagen. Wir essen mit den Händen, im Fernsehen läuft ein eriträisches Programm, in dem vor allem chinesische Protagonisten auftreten. Wir sind zu Hause und doch mitten in der Welt.