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Das Märchen von den zwei Bars

Ewa Hess am Dienstag den 31. März 2015

Es gab einmal… zwei Bars. In Zürich. Die eine war aus Abfall, die andere aus Mahagoni. Die eine war im ehemaligen Drögelerquartier, die andere am Bellevue. Beide waren cool. Und Künstler liebten sie beide. Und dann haben die beiden Bars kurz entschlossen (fast) die Rollen getauscht. Sie sehen: Es ist eine Geschichte wie die von der Gold- und der Pechmarie.

Wann: am Freitag, 27.3.2015, in Zürich
Was: Eröffnung der Roth-Bar bei Hauser & Wirth und einer der letzten Abende in der Krönlihalle-Bar

Ach, Zürich. Eine Stadt, die es faustdick hinter den Ohren hat. Meistens kann sie ja nicht aus ihrer Haut heraus. Selbst wenn sie ausflippt, geschieht es nach Plan. Man flippt von da bis dorthin aus. Und während mans tut, misst man das Ausmass des Exzesses millimetergenau mit einem Lineal nach. Doch, liebe Leserinnen und Leser, auch wenn sie jetzt denken, das sei kein richtiger Spass: Im besten Fall ist dieses Planen und den-kühlen-Kopf-Behalten genau das, was der Doktor zwecks besonders raffinierten Amüsements verschrieben hat.

Am Freitag war das so. Denn die Galerie Hauser & Wirth (H&W) der Power-Player unter den Löwenbräu-Galerien, mittlerweile mit riesigen Spaces in London, New York, Somerset und anderswo vertreten, hat beschlossen, sich an ihre Gründerzeit zu erinnern. Also an die späten Achtzigerjahre, Zürichs wilde – nicht die wildeste, aber wildere als jetzt – Zeit. Die Zeit, als die Galerie auf Wunsch des Künstlers Dieter Roth eine Bar an der Fabrikstrasse betrieb. Die aus lauter altem Krempel bestand.

Dieter Roths «Economy Bar» in den Räumen der Galerie Hauser & Wirth im Löwenbräu

Dieter Roths «Economy Bar» in den Räumen der Galerie Hauser & Wirth im Löwenbräu.

Die Bar von der Fabrikstrasse wurde später aueinandergenommen und nachgebaut und stand einige Zeit in der Zürcher Wohnung von Manuela und Iwan Wirth. Man nannte sie «Bar 2». Dann gab es andere Bars, dieser nachempfunden. In Zürich wurde am Freitag die sg. «Economy Bar» eröffnet. Ich weiss nicht, ob Dieter Roth zufrieden gewesen wäre. Dieser tolle Künstler ging ja immer an die Schmerzgrenze, seine Happenings gingen so weit, dass jeden im Raum ein bedrohlicher existenzieller Schwindel ergriff. Doch die Wiedereröffnung seiner Bar in den Räumen der Galerie war nach den Massstäben von uns Normalsterblichen ein tolles Fest. Die Stadtpräsidentin Corine Mauch hielt eine Rede, und man merkte es ihr richtig an, dass sie am liebsten die neue Bar für illegal erklärt hätte – nicht aus Abneigung oder Formalismus, sondern nur damit sie noch echter sei. Leider geht das nicht. Die eidg. bewilligte Illegalität wurde noch nicht erfunden, und, um ehrlich zu sein, es ist gut so. Unser zivilisatorisch fortgeschrittenes Leben hat auch so genug Widersprüche in petto.

(l.n.r.) DJ Untitled Campolongo, Björn Roth, Schauspieler und Performer Martin Engler

DJ Untitled Campolongo, Björn Roth, Schauspieler und Performer Martin Engler (v. l. n. r.).

DJ Untitled Campolongo legte dann Afrika Bambaataa und Shango Message auf (Vinyl natürlich), auf den Bildschirmen liefen alte Startrek-Videos, der deutsche Schauspieler Martin Engler intonierte Dieter Roths «Mayonnaisen-Ballade», während der Enkel Oddur Roth sich mit dem so besungenen Lebensmittel bekleckerte. Der Sohn Björn Roth inspizierte alles, indem er freundlich lächelnd auf und ab spazierte. James Koch (ehemals Fondation Beyeler, jetzt H&W) und Kollege Florian Berktold hüteten als perfekte Gastgeber im Gedränge die Honoratioren, und sogar der oberste Boss Iwan Wirth, sonst überall auf der Welt anzutreffen, war persönlich anwesend und tauschte sich von Ohrmuschel zu Flüstermund (wegen des Lärms) mit dem Art-Basel-Chef Marc Spiegler aus.

Zwei Mal Mayo: In der Performance von Oddur Roth als Duschmittel, auf dem Hot-Dog-Stand El Companero als Ziermittel für Würstchen

Zweimal Mayo: In der Performance von Oddur Roth als Duschmittel, auf dem Hot-Dog-Stand El Companero als Ziermittel für Würstchen.

Doch nach und nach, muss ich hier petzen, schlichen die Gäste aus der veredelten Prolo-Bar raus und pilgerten an einen anderen Ort (manche Dame auf ihren High Heels leicht hinkend), um einem umgekehrten Phänomen Tribut zu zollen: der aus Trash nachgebauten Edelbar! Ich tat es ihnen nach und erlebte mein blaues Wunder (ähm, pardon, eher grünes). Ein Grüppchen privater Aficionados hat die Kronenhalle-Bar perfekt, wenn auch im leicht kleineren Massstab ganz anderswo nachgebaut. Fantastisch! Sie heisst Krönlihalle-Bar und ist fast ununterscheidbar. Alles wie in der richtigen, von Trix und Robert Haussmann genial entworfenen Bar an der Rämistrasse 4. Komplett mit Diego Giacomettis Lampen, dem engen Windfang samt Pendeltüre und der Tür darüber, dem Mahagoni und dem langen Tresen, mit Barhockern, die den weiter unten sitzenden Gästen die Hinterteile der Tresentrinker präsentieren. Nur den Mirò über den Marmortischchen hat man etwas schematisch wiedergegeben.

Welche ist richtig, welche falsch? Ich verrate es nicht, aber sicher ist eine der beiden die Krönlihalle-Bar und die andere die richtige Kronenhalle-Bar.

Welche ist richtig, welche falsch? Ich verrate es nicht, aber sicher ist eine der beiden die Krönlihalle-Bar und die andere die richtige Kronenhalle-Bar.

Es war bumsvoll, denn die Krönli gab es nur im März. Es waren letzte Tage. Darum, liebe Leserinnen und Leser, muss ich Sie und Ihre von mir angestachelte Neugier auf später vertrösten. Denn ich bin sicher, dass das Kunstprojekt «falsche Kronenhalle», dieses Wunderding aus Tapete und Plastik, in einer nicht allzu fernen Zukunft im Museum landet. Dann können Sie es auch bewundern. Aber ob sie es so lustig haben werden, wie wir es am Freitag hatten … Ich hoffe es! Vorläufig aber: Schöne Ostern!

Die Krönlihalle-Bar: voll und toll

Die Krönlihalle-Bar: voll und toll

Ah, und übrigens: die Roth-Bar bei Hauser & Wirth hat jetzt zwei Monate lang jeden Donnerstag, Freitag und Samstag offen, ab 18 Uhr bis spät in die Nacht.