Beiträge mit dem Schlagwort ‘Rem Koolhaas’

Frau Pradas Anti-Expo

Ewa Hess am Dienstag den 5. Mai 2015

Ein Haus aus Gold, das ist nicht gerade Understatement. Doch das neue Museum der Gegenwartskunst in Mailand, gestiftet von der Modegigantin Miuccia Prada und ihrem Mann Patrizio Bertelli, hat Stil. Sehr viel Stil. Zu viel? Ach was, das ist doch Mailand! Zu viel Stil ist gar nicht möglich.

Was: Erste Präsentation der Fondazione Prada, des privaten Kunstzentrums von Miuccia Prada und Patrizio Bertelli
Wo: Im Industriequartier Mailands, Largo Isarco 2, 20139 Milano, visit.milano@fondazioneprada.org
Wann: Ab 9. Mai fürs Publikum offen, jeden Tag von 10 bis 21 Uhr

Signora Miuccia Prada schreitet energisch ihr neues Reich ab

Signora Miuccia Prada schreitet energisch ihr neues Reich ab.

Man könnte meinen, dass die von Firmen und privaten Mäzenen gesponserten Museen populärer zu sein versuchen als die öffentlichen Museen, die im öffentlichen Auftrag handeln. Oft ist aber das Gegenteil wahr. Während die öffentlichen Museen sich vor Gremien und Steuerzahlern durch Eintrittszahlen legitimieren müssen, machen die Mäzene mit ihrem Geld vor allem das, was sie selbst (und ihre meist den gesellschaftlichen Eliten angehörenden Freunde) für richtig halten. Und das ist oft: Intellektualität. Oder wie es Professor Salvatore Settis an der allerersten Pressekonferenz der Fondazione Prada sagt: «Far pensare!» Die Anregung zum Denken soll im neuen Kulturzentrum Mailands also ein Gebot sein.

Ein «güldenes» Haus, wie im Märchen. Die Fassade ist mit 24-Karat-Blattgold ausgelegt. Das sei das Billigste Verkleidungsmaterial gewesen, sagt Koolhaas, und es reflektiert das Licht so schön!

Ein «güldenes» Haus: Die Fassade ist mit 24-Karat-Blattgold ausgelegt. Das sei das billigste (weil dünnste) Verkleidungsmaterial gewesen, sagt Koolhaas, und es reflektiere das Licht so schön!

Das Zitat zeigts schon. Obwohl die Modemarke Prada vor allem in New York und Hongkong zu dem wurde, was sie heute ist, also zum internationalen Luxusgiganten, herrscht in ihrer Kulturstiftung edle Italianità. Die Vorstellung wird auf Italienisch abgehalten, bis auf das Votum des Architekten Rem Koolhaas, welches er in seinem holländisch gefärbten Englisch hält. «Zu viel Individualität tut uns nicht gut», sagt Koolhaas. Patrizio Bertelli, der mit seinen weissen Locken und der dunkel gerahmten Brille wie ein distinguierter norditalienischer Avvocato aussieht, hält sich, während Koolhaas spricht, den Übersetzungsstöpsel ans Ohr. Kann das sein? Der Patron von Prada versteht kein Englisch?

Herr Prada - Patrizio Bertelli (ganz links) lauscht der englischen Übersetzung der Worte  seines Architekten Rem Koolhaas, Signora Prada parliert mit dem Kulturminister Franceschini

Patrizio Bertelli (ganz links), lauscht der italienischen Übersetzung der Worte seines Architekten Rem Koolhaas, Miuccia Prada parliert mit dem Kulturminister Dario Franceschini, Professore Settis fordert: «Far pensare!»

«Kulhas» sagen sie hier, und natürlich ist der grosse Architekt mit seinem Thinktank/Architekturbüro OMA durchaus ein cooler Hase, gefragt überall, wo die Architektur mehr sein soll als nur gebaute Materie (aber dennoch gut aussehen soll). Koolhaas rühmt sich also an der Pressekonferenz, dem individualistischen Denken eine Absage erteilt zu haben . Weil er für Pradas nichts Neues erbaut, sondern die alte Schnapsfabrik am Rande Mailands transformiert habe. Geschmeichelt sei er, sagt er zudem, dass ihm, einem Mann des Nordens, die Südländer ihr Vertrauen schenkten. Damit spielt er auf das jahrhundertealte Kunstparadigma an: als die italienische Malerei die Schönheit suchte (in der Hochrenaissance), der Norden aber lieber die Wahrheit auf seine Leinwände bannte, auch wenn sie hässlich war.

Imperiale Ausmasse: Der riesige Innenhof der Fondazione

Imperiale Ausmasse: Der riesige Innenhof der Fondazione Prada Milano.

Um den nahtlosen Übergang von Altem zu Neuem gehe es hier, das betonen alle auf dem Podium, auch der extra herbeigeeilte Kulturminister Dario Franceschini. Tatsächlich hat Italien, verliebt in seine Tradition, es bisher weitgehend versäumt, diese in einem modernen Kontext erstrahlen zu lassen. Ob das mit dem Umbau einer alten Destillerie zu einem Kulturzentrum schon getan ist? Damit allein wohl kaum. Denn Hand aufs Herz: Eine Industriebrache in ein Kulturzentrum umwandeln? Damit erfindet man 2015 nicht das Pulver.

Das Kino verbirgt sich hinter den Spiegeln

Das Kino verbirgt sich hinter den Spiegeln, dahinter der noch im Bau befindliche Turm.

Darum wohl hat Miuccia Prada, die in der Art italienischer Matriarchinnen den Gatten aufs Podium schickt und die Pressekonferenz aus der ersten Reihe dirigiert, die erste Wechselausstellung dem alten Professor Settis anvertraut, dem hochverehrten Archäologen und langjährigen Rektor der Scuola Normale von Pisa, einer italienischen Elite-Uni. Er habe sie beim ersten Treffen gefragt, warum gerade antike Kunst, erzählt Setti. Und Miuccia Prada habe ihm geantwortet: Das sei eine politische Geste. Die Tradition eben. In einer eindrücklichen Explosion der italienischen Suada macht der Professore klar und deutlich, dass die antike Kunst der Römer schon moderner als modern war, weil – dem Prinzip des Multiplen gehorchend – nicht nur eine berühmte Skulptur, sondern immer Serien davon, Kopien und Kopien von Kopien, erzeugt worden sind. Die Archäologie habe zudem das zutage gefördert, was er die «macelleria di arte antica» nennt, also die Metzgerauslage der antiken Kunst: unzusammenhängende Füsse, Hände, Torsi und Köpfe. Und kennen wir diese Zerstückelung des menschlichen Körpers nicht zur Genüge aus der zeitgenössischen Kunst? Ha!

Antike Skulpturen wirken ungewohnt modern, wenn ihre Bemalung rekonstruiert ist (links). Die «macelleria di arte antica» (Mitte). Kopie von Kopie war üblich.

Antike Skulpturen wirken modern, wenn ihre Bemalung rekonstruiert ist (links). Die «macelleria di arte antica» (Mitte). Kopie von Kopie war üblich – darum geht es in der ersten Schau der Fondazione Prada Milano.

Aber kommen wir zur Sache. Der Komplex der Fondazione, bestehend aus mehreren Gebäuden auf 19000 Quadratmetern, ist sehr, sehr edel geworden. Riesengross, mit viel Luft, mit wahrhaft imperialen Innenhöfen, einem grossen Kino, einer schönen Bar, vielen Galerienfluchten und einer extra eingerichteten – wir sind im Kinderland Italien! – Accademia dei Bambini (und es kommen noch die Bibliothek, der grosse Turm, weitere Lagerräume…). Alles aus den allerbesten Materialien. Den verschiedenen Gebäuden, die es schon gab, wurden neue hinzugefügt. Am sichtbarsten das goldene Haus, das (in plötzlicher Abkehr vom Italienischen) im modernen Englisch-Esperanto «The Haunted House», das verwunschene Haus, genannt wird. In diesem wurden Werke von Robert Gober und Louise Bourgeois als ständige Installation eingerichtet. Ja, da ist sie, die «macelleria» der Moderne. Gobers Füsse, Beine, Lavabos und in den Ausgusslöchern leuchtende Karfunkel-Herzen sprechen vom Schmerz des fremd gewordenen Körpers, von der Ausgrenzung der Sexualität, vom Verlust des Sakralen, von all den Themen, die uns der Amerikaner seit den 80er-Jahren mit seinen Inszenierungen nahegebracht hat. Im Basler Schaulager der Mäzenin Maja Oeri gibt es Gobers Räume, wir kennen diese Stimmung auch. Und Louise Bourgeois’ textile Skulpturen und Installationen, die etwas von Boudoir und viel von Gefängnis haben, sind doch auch denkwürdige Offenbarungen einer schmerzlich aufschreienden (weiblichen) Körperlichkeit.

Im «Spukhaus»: Blick aus dem goldenen Fenster, Robert Gobers «Untitled», Louise Bourgeois' Figur am Boden.

Im «Spukhaus»: Blick aus dem goldenen Fenster, Robert Gobers «Untitled», Louise Bourgeois’ Figur am Boden.

Aus der legendären und geheimnisumwitterten Sammlung der Prada-Bertellis wurden Teile für wechselnde Präsentationen herausgegriffen. Aha! Das also sammeln die Modefürsten! In der «Introduction» genannten Ausstellung erkennt man in einer langen Reihe von an die florentinische Pinakothek erinnernden Kabinetträumen den Leitgedanken sofort. Die tollen Italiener, vor allem der wunderbaren Arte-Povera-Zeit, also der 60er-Jahre, (nicht umsonst ist der umtriebige Arte-Povera-Impressario Germano Celant der Generalkunstdirektor der Pradas), wurden nahtlos unter die schönsten Stücke der internationalen zeitgenössischen Prominenz gereiht. Die Schau fängt zwar mit dem Amerikaner Walter de Maria an. Doch war er nicht ein Kind von italienischen Einwanderern, hat sein Vater nicht den Kaliforniern Pasta serviert? Dann Piero Manzoni, Lucio Fontana, Emilio Vedova, Alighiero Boetti, dazu Gerhard Richter, Frank Stella und – nicht unbedingt erwartbar – Jeff Koons. Eine Serie von in Seide und Silber gewirkten italienischen Teppichbildern von 1560 («Trionfo di Bacco») umrahmt Werke von Kurt Schwitters und Joseph Cornell – den frühen Meistern der Collage.

Teile der legendären Prada-Sammlung: Natalie Djurbergs «Potato», dicht gehängte Auswahl, Yves Kleins «Vague» von 1957 und Piero Manzonis «Achrome» von 1962

Teile der legendären Prada-Sammlung: Natalie Djurbergs «Potato»,  Yves Kleins «Vague» von 1957 und Piero Manzonis «Achrome» von 1962, in einem weiteren Saal Meisterwerke dicht an dicht.

Alles vom Feinsten. So soll das hier sein. Es geht aber auch um die stimmungsvolle Inszenierung. So hat die Bar, die sich sinnig «Luce» nennt, obwohl sie im Schatten einer typischen schwarzen Koolhaas-Wand ihre Aussentischchen aufstellt, der amerikanische Filmregisseur Wes Anderson («The Grand Budapest Hotel», «The Magnificent Andersons») installiert. Sie ist eine Mischung aus der Galleria Vittorio Emmanuelle, Mailands gefeierter Shopping-Arkade, und einem italienischen Strandrestaurant aus den Fifties. Anderson konnte es sich nicht verklemmen, in einem der altmodischen Flipperkästen seinen eigenen Film «The Life Acquatic» mit der Figur des Meeresforschers Zissou zu verewigen. Im Kino: Ein anderer Meister der Stimmung. Roman Polanski erzählt in einem eigens hergestellten Dok-Film, woher er seine filmischen Inspirationen hat. Die dazugehörigen Filme, lauter Klassiker wie «Citizen Kane» etc., werden in einem extensiven Cinémathèque-Programm in dem in Altgold eingerichteten Kinosaal auch gezeigt. Das Zentrum ist ja schliesslich etwas für die Mailänder Bevölkerung und nicht nur für Touristen.

Das von Wes Anderson eingerichtete Café «Luce», Flipperkasten mit Zissou, Frau Prada empfängt beim Kaffee und Tramezzino

Das von Wes Anderson eingerichtete Café «Luce», Flipperkasten mit Zissou, Frau Prada empfängt beim Kaffee und Tramezzino.

Und über allem thront die magnificent Signora Prada, die so forsch dem gängigen Schönheitsgebot trotzt und sich wie eine in Würde alternde Mailänder Grossbürgerin präsentiert. An der «Anteprima», also Vorpremiere am Samstag, trägt sie eine stahlblaue Bluse mit einem gestreiften Wollschal, dazu einen dunklen Plisseerock (pikantes Detail: der Gürtel scheint verrutscht zu sein, doch es gehört sich so), unter den strammen Wädchen weinrote Sandalen mit Keilabsatz, die aus den 40er-Jahren zu stammen scheinen. Dazu gehört auch die schlichte Frisur, die ihr von keinem Schönheitschirurgen berührtes Gesicht sanft umrahmt. Sie geht herum, spricht mit allen, trinkt ab und zu ein Tässchen Kaffee in ihrer schönen neuen Bar, schmaust dazu ein liebevoll vom Personal gereichtes Tramezzino. Und als ihr Mann Patrizio auf dem Podium etwas sagt, das ihr nicht passt, ruft sie in bewährter Manier der italienischen Mammas laut die Berichtigung hinauf. Ich glaube, es ging ihr darum, dass sie ihre Modestylisten in ein ebenso inspiriertes Licht wie die Künstler stellen wollte. Anstand und Höflichkeit müssen sein.

Der Feigenbaum als Skulptur im Innenhof, der Plan des Museums im edlen Metall am Boden.

Der Feigenbaum als Skulptur im Innenhof, der Plan des Museums im edlen Metall am Boden.

 

Kunstalarm Stufe gelb!

Ewa Hess am Dienstag den 10. Juni 2014
Private View

«Untitled Horror» heisst Cindy Shermans Ausstellung im Kunsthaus. Nicht immer ist der Horror so subtil wie auf diesem Bild «Untitled #3» von 1981, wo man sich fragt: Ist es Schmerz? Angst? Trauer? Oder gar Lust? (Foto: Cindy Sherman / Metro Pictures, New York)

Liebe Leserinnen und Leser.

Sie wissen es und ich weiss es: Wir befinden uns in den zwei Wochen des Jahres, in welchen die Kunstwelt in einen Ausnahmezustand gerät. In den Tagen vor  ART passiert alles gleichzeitig: Die Museen und die Galerien machen ihre schönsten Ausstellungen auf, die Gäste aus Übersee jetten nach Europa, machen erst Venedig (dieses Jahr: Architekturbiennale!),  dann Zürich unsicher und strömen anschliessend nach Basel. Es ist ein süsser Wahn, in den die Kunstwelt gerade verfällt, und deshalb möchte «Private View» diese  ekstatischen Atemlosigkeit mit Ihnen teilen. Heute: ALARM GELB, nächsten Dienstag ALARM ROT. Und dann kommt die ART. Follow me!

Zürich
Haus Konstruktiv
Mittwoch Abend

Künstlerin Nika Spalinger mit Freundinnen, Designer Alfredo Häberli mit Gattin, die «Angeschlagene Moderne»

Kuratorin Yvonne Volkart, Künstlerinnen Judith Albert und Nika Spalinger (Bild links), Designer Alfredo Häberli mit Gattin Stefanie, die «Angeschlagene Moderne»

Am Mittwoch, 5. 6.,  stellt das Haus Konstruktiv gleich drei neue Schauen vor. Ich fasse mich kurz, da noch ganz viele Anlässe auf uns warten. Der US-Slowene Tobias Putrih misst sich mit Kasimir Malewitsch, der Deutsche Florian Dombois nimmt es auf mit der Moderne aus der Sammlung des Hauses auf. Beide gehen aus den Kämpfen als Verlierer heraus. Ich will nicht in Abrede stellen, dass dieses Verlieren auch programmatisch sein könnte. Während Putrih das Schwarze Quadrat (bzw die ihm vorangegangene Oper) in einer dämmrigen Installation, die New Age Assoziationen weckt, thematisiert, bringt Dombois mit Schlagwerkzeugen Klassiker zum klingen. So richtig klar wird das alles nicht – könnte das auch an der Präsentation liegen? Die Kartonobjekte Putrihs, welche sein Konzept in eine klare Form überführen sollten, sprechen wenig an. Da ist die dritte Schau – wunderbare Bilder von Auguste Herbin – richtig erholsam. Herbin, ein französischer Pionier der Abstraktion (1882-1960), trifft mit seinen Farben und Formen direkt ins Auge. Paff. Danke. Die Vernissagengäste – Medienleute, Künstler, Galeristen, Fotografen und Designer sind dennoch wohlwollend angetan. Der innere Kreis diniert im Museum drin, die anderen trinken ihr Bier an der Freiluftbar vor dem Haus aus.

Tagi-Online-Chef Michael Marti, Haus-Konstruktiv-Präsident Andreas Durisch, ein Werk von Auguste Herbin, Künstlerin Claudia Comte

Mitglied der Tagi-Chefredaktion Michael Marti, Haus-Konstruktiv-Präsident Andreas Durisch, ein Werk von  Herbin, Künstlerin Claudia Comte

Rapperswil
Alte Fabrik
Mittwoch Abend

Das optische Unbewusste: Die zwei Jungkuratoren Fredi Fischli und Nils Olsen, die zur Zeit viele Institutionen beglücken (ihr eigenes Offspace Studiolo, gta-Ausstellungen), zeigen ihr ehrgeizigstes Programm im Rahmen eines einjährigen Stipendiums der Gebert Stiftung für Kultur in Rapperswil. Die jüngste Schau «Das optische Unbewusste» begeistert den «Private View»-Autor Giovanni Pontano so sehr, dass wir ihr einen separaten Beitrag widmen.

Zürich
Kunsthaus
Donnerstag Abend

«Untitled Horror» von Cindy Sherman: Zürich gilt als eine Weltstadt, fast so etwas wie klein New York – abgebrüht und  Seltsamkeiten gewohnt. Dennoch erstaunlich, dass  die Schau, welche das Kunsthaus am Donnerstag, dem 6.6., frohgemut eröffnet, nicht zumindest für ein gewisses Unbehagen sorgt. Der Titel «Untitled Horror» ist nämlich alles andere als übertrieben.

Eine Erregung bleibt aber komplett aus. Im Gegenteil sogar. Die fröhliche Vernissagenschar scheint gegen den in Cindy Shermans Bildern sehr – sehr! – drastisch dargestellten Horror komplett immun zu sein. Mit Puppengliedern nachgestellte Vergewaltigungsszenen, explizite Anspielungen an pornografische Grobheiten, aus Knetmasse nachgeformte Genitalien… Widerlich schimmelnde Lebensmittel und Porträts von Mitleid erregenden Frauengestalten sind in diesem Reigen schon fast eine Erholung. Den Vernissagengästen weicht indes das Lächeln nicht vom Gesicht. So, als ob sie gar nicht sähen, was da die Wände ziert. Ein Herr fotografiert mitten im Saal artig sitzende Kinderchen, echte Damen ohne Alter bewundern fotografierte Karikaturen von Damen ohne Alter, kunstbeflissene Bürgerinnen bleiben ehrfurchtsvoll von den monströsen Genitalien stehen.

Dame schaut Dame, «Untitled horrors», Fototermin vor Cindy

Dame betrachtet Dame, «Untitled horrors», Fototermin vor Cindy

Verstehen Sie mich richtig: Ich selbst gehöre zu den glühenden Bewundererinnen der US-Fotokünstlerin, die sich ihr Leben lang um nichts, das schwierig, zweideutig oder lächerlich war, in ihrer Kunst gedrückt hat. Und ich will die Auswahl alles andere als kritisieren. Dass sie vor allem das Schlimme aus dem Werk der Künstlerin hier in Zürich ausbreitet, ist Programm. Ich verstehe: diese Auswahl ist eine Antwort auf die US-Retrospektive, die gerade das Schlimme auszuklammern versucht hat.

Ich kann nur diese seltsame Teflonschicht nicht verstehen, welche das Kunsthaus-Publikum vor der drängenden Aussage dieser Darstellungen zu schützen scheint. Die Menschen scheinen komplett unberührt. Das liege an der Präsentation, hat inzwischen mein Kollege Samuel Herzog in der NZZ vermutet. Weil die Bilder so «kreativ» gehängt sind, nicht in strengen Serien, sondern kunterbunt durcheinander, würden sie wie eine Jahrmarkt-Geisterbahn wirken und dadurch ihren Schrecken verlieren. Wirklich? Mich haben manche von ihnen dennoch bis tief in den Schlaf verfolgt.

Zürich
Grossmünster-Krypta
Donnerstag Abend

Mario Sala alias Anthonycells: Was für ein Szenenwechsel! Nur wenige Schritte vom Kunsthaus mit seiner seltsamen Szenerie tritt man im Grossmünster in eine heilige Stille hinein. Stille? Nein, man hört Klänge. Es ist Tom Combo an der Orgel. Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch hat gemeinsam mit dem Kurator Giovanni Carmine eine Installation des Schweizer Künstlers Mario Sala in der Krypta vorgestellt. Die Leserinnen und Leser von «Private View» erinnern sich an seine Ausstellung bei Nic von Senger.

Karl der Grosse mit «Tageslichtverstärkern» aus Eierschalen, unser tägliches Knäckebrot als Glasfenster

Karl der Grosse mit «Tageslichtverstärkern» aus Eierschalen,  Knäckebrot als Epiphanie

Ich sage nur eins: Wunderbar! Mit leichter Hand hat Anthony Cells, das Alter Ego des Künstlers, in der kargen Krypta eine archaische Kunstinstallation angebracht. Simple Lebensmittel weisen den Augen den Weg zum Himmel. Einer Spur aus  Eierschalen folgend, die der Künstler «Tageslichtverstärker» nennt, erhebt sich der Blick bis zum schmalen Fenster, in dem eine Scheibe schwedischen Knäckebrots so vergeistigt ihr löchriges Rund im Abendlicht präsentiert, dass einem fast die Tränen kommen. Eine Epiphanie! Und es ist Pfingsten!  Es lebe die Kunst in der Krypta. Amen.

Venedig
Giardini
Freitag Nachmittag

Architekturbiennale: Die «Private View» Sonderkorrespondentin Michelle Nicol schreibt: «Ich habe die Architektur-Biennale besucht und ich möchte, dass Rem Koolhaas für immer der Dirigent, nein der Rockstar, der Dinge ist, die mich umgeben. ..» Aber lesen Sie selbst! Wir widmen der Architekturbiennale, die, was den Schweizer Pavillon anbelangt, am Freitag, 6. 6., vom Bundesrat Alain Berset im Beisein des Alt-Bundesrats Moritz Leuenberger eröffnet wurde, einen gesonderten Beitrag.

Zürich
Spiralgarage an der Badenerstrasse 415
Pfingstsonntag

Gruppenausstellung Guyton Price Smith Walker: Hier mal eine kühne Behauptung: Die Kraft des Idealismus kann es mit jeder wirtschaftlichen Übermacht aufnehmen. Wetten? Jedenfalls, das non-kommerzielle «artist-run-off-space» Plymouth Rock, über das wir auch schon berichtet haben (hier), erfreut sich an dem fantastisch sonnigen Pfingstsonntag in Zürich, an dem die ganze Welt in den See zu springen scheint, eines interessierten Publikumzustroms.

Draussen Sonne, drinnen Kunst: Plymouth Rock, Mitchell Anderson

Plymouth Rock, Mitchell Anderson vor Emanuel Rossettis Werk

Mitchell Anderson, der Texaner in Zürich und Betreiber des Kunst-Garagenhäuschens, hat eine wunderbare Gruppenausstellung zusammengestellt, die sich mit verschiedenen Stufen der Appropriation beschäftigt. Junge Kunstcracks sind hier mit ihren Werken vertreten: Tobias Madison steuert verliebte Tiger bei, Hannah Weinberger ein Soundpiece und Emanuel Rossettis futuristische Loops erinnern an Landschaften der Zukunft. Wunderbar witziges Stück: Vittorio Brodmanns «A couple of problems» stammt aus der eigenen Sammlung des Kunstspace-Betreibers. Verkauft wird hier nix, man kann sich, wenn man etwas will, an die Künstler selber wenden. Sie kommen im Verlauf des Nachmittags vorbei, sitzen mit ihrem Bierchen vor dem Häuschen und erleuchten mit guter Laune den dunklen Innenraum der Garage. Mitchells Miete für das Häuschen läuft übrigens im August aus. Wer also das witzige Kunstkabinett noch erleben will, muss sich unbedingt beeilen.

Architekturbiennale: We love.

TA Korrektorat am Dienstag den 10. Juni 2014

Ein Gastbeitrag von Michelle Nicol
Ich habe die Architektur Biennale besucht und ich möchte, dass Rem Koolhaas für immer der Dirigent, nein der Rockstar, der Dinge ist, die mich umgeben. Koolhaas wollte eine Biennale, die nichts mit Design zu tun hat und nichts mit Architekten. «Architecture. Not Architects.» druckte er auf den Katalogrücken. Deswegen hat er sich auf das Fundamentale berufen und die Biennale «Fundamentals» genannt.

Student erklärt, Rem Kohlhaas muss reingelassen werden, Balkon der Moderne

Student erklärt die Konzepte, Rem Koolhaas muss reingelassen werden, Balkon der Moderne

Fundamental ist für Koolhaas der Zeitpunkt, wenn die Moderne jeweils akut wird. Die einzelnen Länder wurden gebeten das Thema «Absorbing Modernity 1914-2014» zu inszenieren. Der Terminus «Modernismus» ist in dieser Ausstellung verpönt und von Koolhaas ausdrücklich verbannt. Und doch flirtet jede Länderdarstellung mit den sexy Möglichkeiten der Aera, welche die absolute Öffnung der Gesellschaft versprach.

Die Schweiz, unter der Leitung von Kuratorenstern Hans Ulrich Obrist, inszeniert den «Palazzo F» nach Vorbild von Architekt Cedric Price (wir kennen den «Fun Palace») und Soziologe Lucius Burckhardt. Studenten erklären die Burckhardt- und Price-Projekte vor Ort und darüber hinaus wurden zahlreiche Künstler kuratorisch dazu gebeten. Carsten Höller’s Beitrag etwa ist ein Baum, welcher den synthetisch erzeugten Körperduft von Cedric Price verbreitet. We love.

Carsten Höllers Duftbaum, Cedric Price (rechts) mit Freunden,Leuenberger hört zu

Carsten Höllers Duftbaum, Cedric Price (rechts) mit Freunden, Moritz Leuenberger hört zu

«Elements of Architecture» heisst die Ausstellung im zentralen Pavillon der Giardini. Hier hat Koolhaas, zusammen mit Harvard Studenten und anderen Mitdenkern, eine Serie von Räumen inszeniert, welche die Geschichte der grundlegenden Architekturelemente aufarbeiten: Korridore, Balkone, Türen, Treppen – was sich langfädig anhört ist eine Entdeckungsfreude. Zum Beispiel die installatorischen Ausführungen zur Rampe. Von der Rampe für Rollstuhlfahrer bis hin zum Hippy Wohnzimmer von Claude Parent ist alles dokumentiert.

«Monditalia» heisst die Ausstellung im Arsenale. Sie zelebriert Koolhaas Liebe für Italien. Ihre Schönheit, ihre Brutalität, ihre Sentimentalität. Die rechte Seite der Ausstellung ist dem filmischen Oeuvre des Landes gewidmet. Von Stromboli über Roma bis Le Mépris. Tausend Stunden möchte man hier verbringen, um alle cineastischen Höhepunkte zu erleben und mitzufühlen.

Pessimistisch macht das für die Zukunft. Traurig. Wie soll das Land aus dieser verblühten Grandezza wieder aufsteigen? Linkerhand wird zelebriert, was es sonst auch noch gibt in Italien: Theater, Tanz, Bühne, Musik. Darüber hinaus spannende Momente wie: Bilder von Häusern von italienischen Mafiosi. Nein wirklich – sie leben in Häusern mit ganz wenigen Fenstern und ganz und gar nicht grandios.

Bitte besuchen Sie diese der Architektur Biennale unbedingt. Sie ist eine der Besten. Sie wird Sie viele Stunden beschäftigen und amüsieren. Sie will sich abgrenzen von den Feldern Kunst und Design und demonstriert dabei, dass Architektur immer schon Teil eines kulturellen Ganzen war. Und: sie besiegelt Koolhaas Liebe zum Modernismus, den er ganz und gar aus dem Diskurs entfernt haben möchte.

Michelle* Michelle Nicol. Kunsthistorikerin und Gründungspartnerin der Kreativagentur Neutral Zürich AG. Kuratorin, Kritikerin und Werberin. Bringt Kunst, Architektur und Marken zusammen.