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Hello and goodbye

Claudia Schmid am Dienstag den 23. September 2014

Was für ein heiterer Mensch! David Lamelas streift durch die Kunsthalle und plappert viersprachig mit den Gästen, als sei er mit allen befreundet. Der 68-jährige Argentinier setzt sich auch mal hinter die Ticketeria und ruft mit dem Festnetztelefon mitten im Gewühl seine Schwester in Buenos Aires an. Er erreicht sie dann allerdings nicht. Lamelas (sprich: LAmelas, nicht LamelAS), ein Pionier der Konzeptkunst der 60er- und 70er-Jahre, verwandelt sich später in einen Zauberkünstler und zelebriert eine Performance, an der auch Adam Szymczyk, Direktor der Kunsthalle, teilnimmt. Dieser bleibt noch bis Ende Oktober, danach ruft ihn die Documenta nach Kassel.

Was: Die Ausstellungseröffnungen «David Lamelas, V» und «Festival of the Eleventh Summer»
Wo: Kunsthalle Basel
Wann: Samstag, 20. September, 19 Uhr. Ausstellungsdauer bis 2. resp. 16.11.2014

Trotz der gleichzeitig stattfindenden Benefizgala in der Fondation Beyeler (der Abend war sehr schön!) fanden unentwegte Kunst-Aficionados am Samstagabend den Weg in die Kunsthalle Basel zur Eröffnung der zwei neuen Ausstellungen. Es gab genug Tannenzäpfle, das süddeutsche Hausbier der Kunsthalle, und man stand sich nicht auf den Füssen herum.

Kuratorin Mara Berger, Noch-Kunsthalle-Chef Adam Szymczyk mit dem legendären Lamelas, Kurator Fabian Schöneich mit dem Künstler Raphael Hefti

Co-Kuratorin Mara Berger, Noch-Kunsthalle-Chef Adam Szymczyk mit dem ausstellenden Künstler, der Konzeptkunstlegende David Lamelas, Kurator Fabian Schöneich (soeben an den Portikus in Frankfurt berufen) mit dem Künstler Raphael Hefti.

Das war gut so, denn die Ausstellung von David Lamelas (kuratiert von Ruth Kissling mithilfe von Mara Berger) brauchte Luft und Platz, um ihre Wirkung zu erzielen. Lamelas’ Arbeit «Time» etwa besteht nur aus zwei Fotografien und einer weissen Linie auf dem Boden. Die Linie soll die Besucher dazu auffordern, sich nebeneinander in eine Reihe zu stellen.

Das machen die Gäste Punkt 20 Uhr auch brav – denn Lamelas bittet zur Performance. Nach 1970, als er in den französischen Alpen diese erstmals aufführte, soll an diesem Abend die seither erste Wiederholung stattfinden. Die Performance geht so: Die erste Person der Reihe – in diesem Fall Adam Szymczyk – nennt die Zeit, zählt still eine Minute hinunter und lässt dann den Nachbarn eine Minute weiterzählen. Lamelas, der einen weiten, glänzenden Mantel trägt und die Leute anweist, sieht jetzt tatsächlich aus wie ein Zauberkünstler. Und es ist lustig zu sehen, wie nervös gewisse Leute sind, weil sie auf dieser Linie gefangen sind und warten müssen, bis sie mit Zählen dran sind.

Tannzäpfli-Biel, Lamelas ruft die Schwester in buenos Aires an, die Zeit-Performance geht los

Tannenzäpfle-Bier, Lamelas ruft die Schwester in Buenos Aires an, die Zeit-Performance.

Viele Gäste, darunter (Nachwuchs-)Künstler wie Gina Folly (betreibt in Zürich mit Freunden das Offspace Taylormacklin), Kilian Rüthemann (im Stiftungsrat der Kunsthalle Basel), Raphael Hefti oder Fabio Pirovino, machen nicht mit und gehen Bier trinken. Andere, etwa Liste-Chef Peter Bläuer, harren auf der Linie aus. Es wird eine gute halbe Stunde dauern, bis die gut 30 Leute ihre Minute durchgezählt haben – also gehts in der Zwischenzeit ab in die zwei weiteren Räume der Ausstellung.

Auch im Video «18Paris IV.70» (1970) beschäftigt sich Lamelas mit der Zeit. Es zeigt drei Freunde des Künstlers, darunter Daniel Buren, die je drei Minuten an drei verschiedenen Orten in Paris gefilmt werden. Ohne dass die Akteure viel machen, vergehen jeweils drei Minuten. Im Handyzeitalter, wo man kaum eine «leere» Minute verbringen kann, ist das Video kaum auszuhalten. Man wird total nervös und wartet darauf, dass die drei Minuten endlich vorbeiziehen.

Das Spiel mit der Zeit ist ein Hauptthema des Biennale-Teilnehmers von 1968, dessen Kunstwerke nicht nur aus Performances und experimentellen Filmen, sondern auch aus Skulpturen und Fotos bestehen. Weder geografisch – er pendelt zwischen Los Angeles, Paris und Buenos Aires – noch «medientechnisch» ist Lamelas ein steter Mensch. Den Moment, also die Zeit, in Kunst zu fassen, gibt ihm ein Zuhause.

Historische Performance-Fotos von David Lamelas: In der Mitte mit Hildegard duane bei den Dreharbeiten zum Film «Diktator», rechts ein Filmstill aus 18Paris IV.70

Historische Performance-Fotos von David Lamelas: In der Mitte mit Hildegarde Duane bei den Dreharbeiten zum Film «The Dictator», rechts ein Filmstill aus «18Paris IV.70».

Apropos zu Hause: Adam Szymczyk verlässt demnächst seine zweite Heimat Basel, wo er zehn Jahre gelebt hat, und geht nach Kassel, wo er bekanntlich Documenta-Chef wird. Ende Oktober soll es einen Abschiedsapéro für ihn geben – allerdings weiss Szymczyk das Datum nicht auswendig. «Ich glaube, es ist am 30. Oktober.» Was er an Basel vermissen werde? «Everything!», sagt er knapp – wie das der Stil des wortkargen Polen ist. Doch «alles», das sagt doch alles. Elena Filipovic, die per 1. November seine Nachfolgerin wird (und übrigens wie er einen slawischen Namen trägt, wenn sie auch in den USA aufgewachsen ist), zieht erst Ende Oktober nach Basel – sie war an der Vernissage nicht anwesend.

Fakt ist: Szymczyks Weggang hat im Kunsthalle-Team für Veränderung gesorgt. So wechselt Kurator Fabian Schöneich zum Frankfurter Ausstellungshaus Portikus. Die Ausstellung «Festival of the Eleventh Summer», die im Parterre der Kunsthalle parallel zu Lamelas Schau eröffnet wird, ist denn die letzte, die Schöneich kuratiert.

Ronnie Füglister, der das Ausstellungsplakat und die neue Website der Kunsthalle entworfen hat, Künstler Fabio Pirovino und Gina Folly, das Programm des historischen Festivals «of tenth summer»

Ronnie Füglister, der das Ausstellungsplakat und die neue Website der Kunsthalle entworfen hat, Künstler Fabio Pirovino und Gina Folly (Mitte), das Programm des historischen «Festival of the Tenth Summer» in Manchester.

Der Titel bezieht sich auf das «Festival of the Tenth Summer», das 1968 in Manchester stattfand und an dem Konzerte, Mode, Bandvideos oder Fotoausstellungen gezeigt wurden. Das Kunsthalle-Festival ist ebenfalls eine Hommage an die Musik und zeigt etwa die Plattencoversammlung des ehemaligen Kunstleiters der HGK, René Pulver, der auch anwesend ist. Podiumsdiskussionen und Konzerte sind genauso geplant wie wechselnde Videoarbeiten. Schöneich möchte mit seinem Festival explizit die Rolle von Kulturinstitutionen wie der Kunsthalle hinterfragen. Doch reicht das öffentliche Rahmenprogramm, um «unterschiedliche Bevölkerungsschichten der Stadt» anzuziehen? Am 16.11, wenn das Festival fertig ist, weiss Schöneich mehr.

Was wir wissen: Das erste Konzert des Portugiesen Garcia da Selva, der auf die Tasten seines Pianos einschlug, machte etwas Kopfweh. Aber vielleicht war es auch das warme Wetter.