Beiträge mit dem Schlagwort ‘Pipilotti Rist’

Bewegende Bergrituale

Ewa Hess am Mittwoch den 8. Februar 2017

In Gstaad, liebe Leserinnen und Leser, hat es am Wochenende ununterbrochen geschneit. Das hat zu der Veranstaltung, von der ich hier berichten werde, sehr gut gepasst. Denn die Kunstschau «Elevation 1049», die in regelmässigen Abständen im Berner Oberland stattfindet, erweist der Natur Respekt. Sie tut es auf eine sehr moderne Art – doch davon später.

Was: Kunstschau «Elevation 1049 – Avalanche»
Wo: Gstaad und Umgebung
Wann: Eröffnungswochenende 3.–5. Februar, die Schau dauert bis 19. März 2017.

Douglas Gordons und Morgane Tschiembers Performance «As close as you can for as long as it lasts», rechts der schottische Künstler an einem Talk in Gstaad.

Am Anfang brannte es lichterloh. Der Schotte Douglas Gordon, Turner-Preisträger und ein geschätzter Zeremonienmeister unter den zeitgenössischen Künstlern, inszenierte den kleinen runden See unterhalb Saanerslochgrat als eine rituelle Natur-Huldigungsstätte. Auf dem Eis brannte Holzfeuer, eine Audioinstallation mit Wolfsgeheul begleitete die heidnisch anmutende Szene.

«Was ist denn Kunst anderes, als der immerwährende Versuch, um das Feuer herumzutanzen?» fragte uns der Schotte später. Er erzählte, dass er sich von dem kleinen kreisrunden See wie magisch angezogen fühlte. Das hatte auch linguistische Gründe, die Gegend heisst nämlich Saanerslochgrat. Saaners-Loch-Grat. Aha, sagte sich der Schotte: Loch! Die legendenumwobenen Lochs seiner Heimat standen sofort vor seinem geistigen Auge: Loch Ness, Loch Oich und Loch Lochy. Gemeinsam mit seiner bretonischen Freundin Morgane Tschiember entwarf er flugs ein atemberaubendes Mysterienspiel. Angst, Gefahr, Liebe durchlebten die Zuschauer – all diese Gefühle wecken das Feuer, die Wildnis, die Natur. Und kaum irgendwo spürt man die Wildheit der Natur ja deutlicher als in den stolzen Bergen des Berner Oberlands.

Links: Die Mäzenin Maja Hoffmann, deren Luma Foundation die Kunstschau im Schnee finanziert, links von ihr am Bildrand Kuratorin Olympia Scarry. Mitte: Künstler Christian Marclay labt sich an der Suppe mit Markknochen. Rechts: Der Ausstellungskurator Neville Wakefield. (Bilder ewh)

Die Tradition der Winterschau «Elevation 1049» (die Zahl steht für die Höhe über dem Meer in Gstaad) wurde vor zwei Jahren von Maja Hoffmanns Luma Foundation begründet. Unterstützt durch Freunde und Bekannte, die oft in Gstaad sind, beauftragte die kunstliebende Mäzenin das Kuratorenpaar Olympia Scarry und Neville Wakefield mit dem Entwerfen einer Schneeschau, die zu den Schweizer Bergen passt.

Die beiden leben zwar in New York, doch Olympia hat eine ganz besondere Verbindung zu Gstaad: Ihr Grossvater, der Kinderautor Richard Scarry, lebte hier. Und auch ihr Vater, Richard junior, hielt sich gerne im Familienchalet im Berner Oberland auf. Olympia war hier oft als Kind und kennt jede Ecke.

Richard Scarry jr. (links) bläst Alphorn zu Ehren der Ausstellung seiner Tochter Olympia, die Markknochensuppe erfreut sich derweil grossen Zuspruchs.

Der Schau merkt man an, dass hier Ortskundige am Werk sind. Die Organisatoren machen sich einen Spass daraus, die Kunstwerke so in der Landschaft zu platzieren, dass man sie eben nicht bloss bequem «konsumiert». Man soll mit der Landschaft eins werden, um zur Kunst zu kommen. Auch wenn am Eröffnungswochenende die Gletscherlocation wegen eines Schneesturms unerreichbar ist – dort hätte man eine Totem-Skulptur der Gruppe Superflex bewundern und Markknochen-Suppe essen sollen –, kommt der Schneewanderer doch noch ausgiebig zum Zug.

Michaël Borremans’ «gestürzter Mönch» taucht beim Wandern von Schönried nach Gruben unerwartet am Horizont auf, man erkennt erst beim Näherkommen, dass es sich hier um eine riesige Skulptur handelt. (Bilder ewh)

Beim heftigen Schneetreiben brechen vereinzelte Besucher auf, um die angekündigte Skulptur des belgischen Stars Michaël Borremans zu erleben. Beim Wanderweg von Schönried nach Gruben meint man zuerst eine Landwirtschaftsmaschine zu sehen, doch beim Näherkommen wird einem die volle Dimension der Skulptur bewusst: ein 8 Meter grosser Mönch scheint Kopf voran in eine Schneeverwehung gestürzt zu sein.

Es hat etwas Irrwitziges, als ob dieser Riese beim Aufführen eines seltsamen Rituals hier einen peinlichen Unfall erlebt hätte. Die nackten Füsse rudern lächerlich in der schneeschweren Luft. Man erinnert sich vage an die Figuren, die Borremans in einer Ausstellung der Galerie Zwirner kürzlich zeigte. Auf diesen rätselhaften Tableaus (namens «Black Mould») tanzten schon solche Mönche (Schergen? Geheimbündler?). Der belgische Maler und Zeichner Borremans scheint seine Fähigkeit, Bilder und Zeichnungen unheimlich erscheinen zu lassen, nun auch in der Skulpturenwelt unter Beweis zu stellen.

Im Innern des «Vieux Chalet», des ehemaligen Zuhauses von Gunter Sachs. Links und Mitte: Pipilotti Rists Projektionen auf dem Bett und im Pool, rechts eine Skulptur von Louise Bourgeois und ein Bild von Fernand Léger. Die Galerie Hauser und Wirth bietet hier ihrer Kunst eine passende Umgebung.

Eine Ausnahme vom Prinzip des «erschwerten Zugangs» gibt es doch: Die Galerie Hauser & Wirth lädt zu einem Steh-Dinner im ehemaligen Chalet des Playboys Gunter Sachs ein. Das berühmte «Vieux Chalet» ist riesig, aber gemütlich. Der Hausherr Iwan Wirth macht die Honneurs, auch James Koch und die sympathische Fiona Römer, welche die Gstaader Dependence leitet, sind da.

Die ersten Gäste erleben eine geheimnisvolle Schwimmerin im schimmernden Pool: es ist die Lichtkünstlerin selbst, Pipilotti Rist, die in dem von ihr in ein Farbenmeer verwandelten Schwimmbecken den Gästen mit gutem Beispiel vorangeht. Doch das Kunststück will ihr an diesem Abend niemand nachmachen, ausser ganz am Schluss, als fünf Männer beherzt die Nacht mit einem Sprung in die Kunst hinein beschliessen – es ist die Produktionscrew der «Elevation» um den Basler Produzenten Marc Bättig.

Projektion auf Schnee: die Künstlerin Cecilia Bangolea tanzt später dazu einen wilden Tanz. Sam Keller kommt mit Sarah Morris’ Zug in Gstaad an (Mitte), Bice Curiger mit der Belle-Epoque-Bahn (rechts).

Bei einem Spaziergang durchs Dorf merkt man, dass die illustren Chaletbewohner rund um Gstaad nicht erst seit gestern Kunst im öffentlichen Raum unterstützten. Die schmucke Kuh Rosie am Dorfbrunnen (aus Bronze) wurde etwa schon von Elizabeth Taylor und Bernie Ecclestone gespendet. Gut, es war nicht ein gänzlich uneigennütziges Geschenk der Diva, denn die Künstlerin Liza Todd-Tivey war ihre eigene Tochter.

Die Kuh Rosie am Dorfbrunnen – von Elizabeth Taylor gespendet.

Die Werke, die heuer in den Scheunen und Matten rund um Gstaad zu entdecken sind (den tollen Japaner Ryoji Ikeda im Menuhin-Zelt nicht vergessen!), sind weniger lieblich, dafür bringen sie die Besucher ein bisschen ins Grübeln. Diesmal ist es nicht das kühle, abstrakte Denken, welches oft mit der konzeptuellen Kunst einhergeht. Wakefield und Scarry schaffen es im Glamourdorf Gstaad wirklich, den Ruf der authentischen Berglandschaft mit authentisch bewegender Kunst zu beantworten.

Wo geht es zur Kunst? Alle Informationen auch auf https://www.elevation1049.org

Im Bett mit Pipilotti

Claudia Schmid am Dienstag den 1. März 2016

Becker will nicht. Der Kunsthausdirektor will sich partout nicht fotografieren lassen. «Ich bin nicht der Protagonist hier, suchen Sie die Künstlerin», sagt Christoph Becker und lacht. Vielleicht ist er auch etwas fotomüde, weil im Kunsthaus gerade ein Anlass den anderen jagt: eben noch Dada-Kostümball. Und jetzt, zwei Wochen später, das Opening der grossen Pipilotti-Rist-Ausstellung. Die Menschen strömen ins Haus, die Vernissage gerät zum glorreichen Heimspiel für die in Zürich wohnhafte Künstlerin und das Museum.

Was: Pipilotti Rist, «Dein Speichel ist mein Taucheranzug im Ozean des Schmerzes»
Wo: Kunsthaus Zürich
Wann: Vernissage am Donnerstag, dem 25. Februar 2016, Ausstellung bis 8. Mai

Bilder, die man nicht vegisst: Pipilottis Kunsthaus-Zauber

Bilder, die man nicht vergisst: Pipilottis Zauberlandschaften. Fotos: C. Minjolle/Kunsthaus

Es sind mehrere Hundert Menschen, die der weltberühmten Rheintalerin am Donnerstag die Ehre erweisen. Der Vortragssaal, wo Kuratorin Mirjam Varadinis die Einführungsrede hält, ist schwarz vor lauter Vernissagegästen, es gibt kein Durchkommen, die Luft ist dick, die Stimmung familiär. Kinder toben herum, und es gibt auffallend viele (bunt gekleidete) Frauen.

Kennt sich mit X-Chromosom aus: Brida von Castelberg (links), die Architektin Tila Theus mit Neffe Nico und seiner Frau Gabriela, Rists Galerist, Executive Director von Hauser Wirth James Koch

Kennt sich mit X-Chromosomen aus: Brida von Castelberg (links), die Architektin Tila Theus mit Neffe Nico und seiner Frau Gabriela sowie Rists Galerist, Hauser & Wirths James Koch (Mitte), Künstler Costa Vece mit Angelika Bühler (Fondation Beyeler). Fotos: Claudia Schmid

Das hat wohl unter anderem auch damit zu tun, dass Pipilotti Rist viele (bunt gekleidete) Weggefährtinnen hat, die sie bei der Ausstellung unterstützt haben. Etwa Gynäkologin Brida von Castelberg, die im glossarartigen Katalog zur Ausstellung über das X-Chromosom sinniert. Rists Schwester Tamara hat die Vorhänge am Eingang genäht, und die vielen Videotechnikerinnen aus dem Team der Künstlerin stellten sicher, dass die zahllosen Videos der Künstlerin aus den letzten 30 Jahren tadellos auf Bildschirme, Textilien und Skulpturen projiziert werden konnten. Natürlich war auch der männliche Kulturbetrieb da. Die Verleger (Lars Müller, Patrick Frey und andere), Autoren wie Martin Suter, Künstler (Huber und Huber, Costa Vece) und Galeristen.

Gäste des Abends: Anne Keller Dubach, die kenntnisreiche head Citizenship & Art beim sponsor Swiss Re mit Schriftsteller Martin Suter und seiner Frau Margrith Nay Suter

Gäste des Abends: Anne Keller Dubach, Head Citizenship & Art des Kunsthaus-Sponsors Swiss Re, mit dem Schriftsteller Martin Suter und seiner Frau Margrith Nay Suter (links), die Künstlerin mit «ihrer» Kunsthaus-Kuratorin Mirjam Varadinis. Schmid/Minjolle

Weil so viele kamen – wir wüssten nicht, wann wir im Kunsthaus mehr Leute gesehen hätten –, konnte man nicht einfach durch die Ausstellung spazieren. Man musste sich den Gang in Pipilottis einzigartiges Zauberland förmlich verdienen – und eine gefühlt endlose Weile anstehen, bis man überhaupt in den Bührle-Saal reinkonnte. Ein paar Gäste gönnen sich erst mal eine Bratwurst am Vorderen Sternen beim Bellevue in der Hoffnung, es möge später leerer werden.

Familiär und ausgelassen: Kinder und Künstlerin wirbeln umher

Familiär und ausgelassen: Kinder und Künstlerin wirbeln umher. Schmid

Die Künstlerin finden wir nicht in der Ausstellung, sondern ganz entspannt am Boden sitzend mit Freunden im Vortragssaal. Oder ist sie am Tanzen? Jedenfalls wirbelt sie wie ein Vögelchen umher. Kaum hat man sie auf einer Treppe ausgemacht, steht sie eine Minute später gegenüber vor dem DJ-Pult, wo DJane Hyde Serge Gainsbourg auflegt. Oder sie tanzt allein mit ihren selbst gemachten Kissen, die sie auf der Schulter trägt – ausgestopfte Hosen und Pullover –, froh und ausgelassen wie ein Kind. «Das sind die günstigsten Kissen zum Selbermachen überhaupt. Zuerst wollten wir sie in der Ausstellung auf den Boden legen, damit man sich darauf die Videos anschauen kann. Allerdings war uns das dann doch ein wenig zu makaber, so einzelne Beine und Oberteile.»

Die Künstlerin mit einer ihrer vielen Freundinnen, der Sängerin Erika Stucky sowie Stuckys Tochter Maxine, tanzend und lachend im Kunsthaus.

Die Künstlerin mit der Sängerin Erika Stucky sowie Stuckys Tochter Maxine (links), tanzend im Vortragssaal. Schmid

Pipi hatte sich für die Ausstellungseröffnung eine Party gewünscht. «Ich möchte, dass wir alle tanzen», war denn auch ihr Wunsch des Abends. «Und ich möchte, dass ihr mir alle erzählt, was ihr in der Ausstellung gearbeitet respektive gesehen habt.»

Zwillingsbrüder und Künstler: Huber Huber (links), Unterhosen-Leuchter, Pixelwald Stimmungen, die man nicht vergisst

Zwillingsbrüder und Künstler: Huber und Huber (links), Rists Unterhosenleuchter, Pixelwald. Schmid

Oh ja, Pipi, wir sahen Bilder, die man ein Leben lang nicht mehr vergisst: einen fast vollständig abgedunkelten Bührle-Saal, dessen 1400 Quadratmeter fast vollständig ohne Stützen auskommen und so zu neuem Leben erweckt werden. Eine riesige, weiche Wohnlandschaft mit sanfter Musik, in der auf praktisch jedem Gegenstand und Möbel Videos versteckt sind. Und die neuste Arbeit der Künstlerin, einen Pixelwald aus 3000 LED-Leuchten. Man könnte Tage in diesem wohltuenden Kunst-Spa verbringen, ja gar im weichen Bett schlafen, auf dessen Bettwäsche auch eine Arbeit läuft. «Wir haben extra Bettwäsche zum Wechseln gekauft, weil sich die Leute ins Bett legen dürfen», sagte Kuratorin Mirjam Varadinis.

Nicht nur Künstlerin darf sich in ihr Bett legen - die Laken werden gewechselt . Foto L. Huber

Nicht nur die Künstlerin darf sich in ihr Bett legen – die Laken werden gewechselt. Foto L. Huber

Die letzten Monate hat sie mit Pipilotti an der Ausstellung gearbeitet. «Das war schon sehr praktisch und einmalig, mal mit einer Künstlerin zu arbeiten, die ganz in der Nähe wohnt und zu uns herunterkommen kann, wenn es ein Problem gibt.» Rist, die beim Triemli wohnt, ist nämlich erst die zweite lebende Schweizerin in der 110-jährigen Geschichte des Kunsthauses, die eine Einzelausstellung bekommt – nach Verena Loewensberg (und diese ist auch schon eine Weile her, nämlich 1981). Die dritte, Helen Dahm, musste sich 1963 den Raum mit Germaine Richier teilen.

Drei Generationen Schweizer Künstlerinnen: Werke von Verena Loewensberg (1981 im Kunsthaus), Helen Dahm (1963 im Kunsthaus), Pipilotti rist (2016 im Kunsthaus)

Zwei lebende Schweizer Künstlerinnen pro Jahrhundert: Werke von Verena Loewensberg (links, 1981 im Kunsthaus), Helen Dahm (Mitte, 1963 im Kunsthaus), Pipilotti Rist (rechts, 2016 im Kunsthaus)

Um 21 Uhr – zwei Stunden nach der offiziellen Eröffnungsrede – wurden die Gäste aus der Ausstellung hinauskomplimentiert und mit Hörnli und Ghacktem in den Vortragssaal gelockt. In Rists Wahlheimatstadt wird eben nicht lange gefackelt: Wenn das Kunsthaus schliesst, schliesst es eben. Das ist in Ordnung: Diese Ausstellung ist so schön, dass jeder nochmals (zu Randzeiten!) in Ruhe dorthin zurückkehren muss. Und in der Zwischenzeit feiert Pipilotti Rist mit uns ihre Party. Schön ists!

Zürich ist bezaubert - Party time im Kunsthaus. Minjolle

Zürich ist bezaubert – Partytime mit DJane Hyde im Kunsthaus. Minjolle

Einstiegsdrogen für Sammler

Ewa Hess am Dienstag den 16. Dezember 2014

Wir befinden uns in einer Zeit des Jahres… Okay, Sie wissen es. Man kann sich dem gesellschaftlichen Biorhythmus schwer entziehen. Die ersten «Jingle Bells» im November gehen uns noch auf den Wecker, und drei Wochen später ertappen wir uns selbst mitten auf der Strasse mit mehr als drei Einkaufstaschen in der Hand. Darum, liebe Freundinnen und Freunde des Private-View-Blogs: Warum nicht das Schöne mit dem noch Schöneren verbinden? Kaufen Sie doch Kunst.

Ja, ich weiss, nicht jeder verfügt über ein Portemonnaie, um sich am Wettlauf der Preise zu beteiligen, wie sie uns von den Auktionshäusern zugetragen werden. Aber auch ohne Millionen kann man Kunst kaufen. Und trotz des Titels dieses Blogbeitrags muss man dadurch nicht notgedrungen zum «Sammler» werden. Werke zu besitzen oder zu verschenken, die Sinn stiften und zum Nachdenken anregen, kann sehr befriedigend sein. Auch ohne den Drang, immer mehr und mehr davon haben zu wollen. Aber Achtung: Das Sammeln ist ein Virus. Akute Ansteckungsgefahr.

Einstiegsdroge Schweizer Senkrechtstarter: Augustin Rebetez, «arrière-tête, (mécanismes)», 2014, Inkjetprint auf Hahnemühle, Total Edition von 6 + 1 Preis je nach Grösse: 27 x 40 cm    CHF 1'500,  40 x 60 cm    CHF 1'800,  67 x 100 cm  CHF 2'500 bei Galerie nicola von Senger, wo am 9.1. eine Ausstellung des Künstlers eröffnet wird

Einstiegsdroge junge Kunst: Augustin Rebetez, «Arrière-tête, (mécanismes)», 2014, Inkjetprint auf Hahnemühle, Total Edition von 6 + 1, Preis je nach Grösse: 27 × 40 cm, 1500 Fr.; 40 × 60 cm 1800 Fr.; 67 × 100 cm 2500 Fr. Bei Galerie Nicola von Senger, wo am 9.1. eine Ausstellung des jurassischen Senkrechtstarters eröffnet wird.

Darum hier schon mal auf den Weg: Fünf Tipps für angehende Sammler. Alle mit Vorsicht zu geniessen.

Erstens. Kaufe mit den Augen, nicht mit den Ohren.
Bedeutet: Nicht auf den «buzz» hören, und nur Sachen kaufen, die einem selbst gefallen. Stimmt unbedingt.
Aber: Sich trotzdem informieren. Und das heisst: Schauen, lesen, vergleichen, Ausstellungen besuchen. Auch eigener Geschmack braucht Bildung.

Zweitens. Kaufe mit dem Herzen, nicht mit dem Geldbeutel.
Bedeutet: Wer beim Kunstkauf auf Gewinn spekuliert, hat schon verloren. Weil ihm die Dollarzeichen in den Augen den Blick auf das Wesentliche verstellen. Moma-Chef Glenn Lowry bringt es folgendermassen auf den Punkt: «Man besitzt ein Kunstwerk, weil man es beschützen will oder weil es geheimnisvoll ist. Man besitzt ein Stück Kultur, man besitzt ein Stück seines Herzens, und man besitzt ein Stück aus seiner Generation und aus seiner Gesellschaft. Man besitzt etwas, das auf undefinierbare Weise etwas für einen bedeutet. Das, was Besitztum eigentlich ausmacht, ist eigentlich unmöglich.»
Aber: Trotzdem soll man sich beim Kunstkauf nicht übers Ohr hauen lassen. Es gibt heute Websites, die einem anhand von Auktionsergebnissen den Marktwert eines Kunstwerks ungefähr zu bestimmen helfen. Etwa Artprice.com oder Artnet.com. Sie sind zahlungspflichtig, aber man kann Pässe für einen Tag oder eine Woche kaufen, das kostet nicht alle Welt. Man soll darauf nach einem vergleichbaren Werk des Künstlers suchen, von gleicher Grösse, Beschaffenheit etc. Für den Anfang kann das eine Orientierungshilfe sein.

Pipilotti Rist, Parkett-Edition «The Help», 2800 Franken

Einstiegsdroge Edition: Pipilotti Rist, Parkett-Edition «The Help», 2800 Franken bei www.parkettart.com (Cut-out, 4-color print on fabric, ca. 70 7/8 × 43 5/16” (178 × 110 cm), with 7 straight pins (plus 7 spare pins), Photo by Martin Stollenwerk, printed by Plotfactory, Weisslingen, Switzerland, Ed. 70/XX, signed and numbered).

Drittens. Kaufe Werke von Künstlern aus deiner Generation.
Bedeutet: Im Dickicht der zeitgenössischen Kunst, die heute Werke aus 70 Jahren oder mehr umfasst, versteht man die der eigenen Generation besser. Weil man in der gleichen Zeit gelebt hat und die kulturellen Referenzen besser einschätzen kann.
Aber: Natürlich ist es doch am spannendsten, Werke ganz junger Künstler zu kaufen, weil man da ein noch wenig bekanntes Terrain betritt und Entdeckungen machen kann. Auch hier gilt: Zuerst vieles anschauen, erst dann entscheiden. Die Künstlerin oder den Künstler kennen zu lernen, ist eine wunderbare Entscheidungshilfe. Und oft eine tolle Inspiration fürs eigene Leben und Denken. Ich habe noch keinen Künstler getroffen, der einem Neuling, der sich für sein Werk interessiert, an einer Vernissage aus dem Weg geht. Im Gegenteil!

Viertens. Investiere mehr Zeit als Geld.
Bedeutet: Das ist wie im Militär. Die in Aufklärungsmanöver investierte Zeit ist nie verloren. Man begreift dann besser, was einen ergreift (die alte Maxime des Zürcher Germanisten Emil Staiger). Und Ausstellungen besuchen ist wie das Sammeln auch, eine wunderbare Droge, die zwar süchtig, aber nicht abhängig macht. Im Gegenteil, man wird mündiger davon.
Aber: Will man irgendwann von der Rolle des Verehrers ins Liebhaberfach wechseln, muss man mal Farbe bekennen. The colour of money, verstehen Sie mich?

Einstiegsdroge Originalgrafik: Daniele Buetti, «Dreams result in more Dreams» 3/2013, Inkjetdruck, Auflage: 35 Bild: 41,5 x 34 cm, Blatt: 49,5 x 41 cm, Druck: Beat Etter, Zürich,  480 Franken beim Verein für Originalgrafik, Zürich

Einstiegsdroge Originalgrafik: Daniele Buetti, «Dreams Result in More Dreams» 3/2013, Inkjetdruck, Auflage: 35;
Bild: 41,5 × 34 cm, Blatt: 49,5 × 41 cm, Druck: Beat Etter, Zürich, 480 Franken beim Verein für Originalgrafik, Zürich.

Fünftens. Pfeife auf alle Ratschläge und kauf, was dir Spass macht und was dein Portemonnaie mittragen kann.
Bedeutet: Vergessen Sie aber nicht, es gibt auch Werke auf Papier, Editionen, Druckgrafik, signierte Künstlerbücher und viele weniger kostspielige, dennoch ebenso wunderbare Zeugen künstlerischer Suche nach… Wonach? Die Antwort darauf gibt Ihnen das Werk.
Aber: Siehe Tipps eins bis vier!

Auch für Fortgeschrittene: K8 HARDY, Eau d'K8, 2014, Lightbox, 40 x 50 x 12 cm, 3.800 Euro bei Karma International, Zürich

Auch für Fortgeschrittene: K8 Hardy, Eau d’K8, 2014, Lightbox, 40 × 50 × 12 cm, 3800 Euro bei Karma International, Zürich.

Beni Bischof, Anthrax, 2014, Plastilin auf LP-Cover, 31 x 31 x 3 cm CHF 3'000 (exkl. MwSt.)

Furios und unaufhaltsam: Beni Bischof, «Anthrax», 2014, Plastilin auf LP-Cover,
31 × 31 × 3 cm, 3000 Franken bei Galerie Nicola von Senger.

Und zuletzt noch dies: Die hier abgebildeten Werke sind nur Beispiele. Schauen Sie wieder herein, bis Weihnachten werden weitere Ideen aufgelistet! (Und damit niemand auf seltsame Ideen kommt, die Autorin dieses Blogs schlägt die Werke aus ureigenster Begeisterung vor und hat keinerlei finanzielles Interesse daran.) Und nun viel Spass beim Selberentdecken!

Manetas und die Monetas

Ewa Hess am Dienstag den 27. Mai 2014

Wo: Galerie Plutschow & Felchlin an der Waldmannstrasse 6 in Zürich
Wer: Miltos Manetas
Bis: 19.7.

Die Griechen! Ein wehrhaftes Volk. Der künstlerische Parcours von Miltos Manetas gleicht einer Geschichte von Homer: eine endlose Suche im Labyrinth des Lebens. Kaum findet Mr. Manetas etwas (das Glück, den Erfolg oder auch nur eine freundlich gesinnte Galerie), gehört es alsbald weggeworfen. Denn wo die Suche den Sinn darstellt, ist ein Finden nicht vorgesehen. An der Vernissage bei Plutschow & Felchlin am Freitag sitzt der Künstler im hintersten Raum der Galerie und skypt mit seiner Familie. Freundin Catalina und Tochter Alpha sind vor einiger Zeit nach Kolumbien abgehauen. Konzentriert, ernst, entrückt hängt Manetas während der ganzen Vernissage in einer endlosen Internetkonversation, die auch Performance ist. Hinter ihm hängt ein Gemälde: Selbstporträt des 50-jährigen Künstlers – als Kabelsalat.

Skype-Performance von Miltos Manetas: Der Künstler ist «connected»

Skype-Performance von Miltos Manetas, 50: Der Künstler ist «connected».

Einst stand Manetas, ein Pionier der Internetkunst, in der Sonne des Künstlerglücks. Vanessa Beecroft, die US-italienische Performance-Künstlerin, teilte mit ihm das Leben sowie die Gunst der mächtigen Gagosian-Galerie. Beecroft, man erinnert sich, war eine Dompteurin von Massenperformances, in welchen die schönsten Frauen – mit wenig bis nichts bekleidet – die grossen Museumssäle und Fotostrecken von berühmten Modemarken bevölkerten wie schmucke Aliens eine kalte Zukunftswelt. Doch dann wollte Beecroft Kinder, Familie, ihr, der herrischen Kunstdomina mit grosser Gegenwart und prophezeiten Glanzzukunft, wars plötzlich nach spiessigem Bürgerglück. Da hat sie aber die Rechnung ohne den stolzen Griechen gemacht. Miltos sagte nein, Beecroft fand einen anderen. Anstatt einer Armee wohlgewachsener Nackedeis dirigiert sie jetzt einen Hauskosmos voller Windeln, liegen gelassener Spielzeuge und anderer Requisiten des Glücks (die letzte Performance auf ihrer Website datiert von 2010).

Performance von Vanessa Beecroft (2000), die von Dolf Schnebli umgebauten  Räume

Performance von Vanessa Beecroft (2000), die von Dolf Schnebli umgebauten Räume

Andere Galerien, andere Frauen kamen. Manetas machte unterdessen aus Videogames Kunst, gründete eine Internetseite, auf der jeder so malen konnte wie Jackson Pollock, und rief eine neue Kunstrichtung ins Leben, die sich NEEN nannte. Es ging darum, einfach voll und ganz, im Jetzt, im Moment, da zu sein. Er war bei Almine Rech, der berühmten Pariser Grande Dame der zeitgenössischen Kunst. Angewidert vom wilden Treiben des Kunstmarkts wagte Advocatus Diaboli Manetas ein Experiment: Mme Rech sollte ihm eine horrende Vorschusssumme zahlen. Sie hatte sie nicht. Er ging. Auch bei der Galerie Yvon Lambert blieb er nicht lange. Als Freundin Catalina ihm ein Töchterchen gebar, wurde er kurz schwach. Liess er sich doch vom Glück korrumpieren? Da half ihm Catalina, indem sie das Kind unter den Arm packte und in ihr Heimatland Kolumbien zurückfuhr – dort konnte sie die Kindsbetreuung besser organisieren. Miltos blieb in Rom.

Der Galerist und Vernissagengästen: Anwalt Christoph von Graffenried, Künstlerin Eugenia Burgo, Grafikdesignerin Karin Erdmann

Der Galerist und seine Gäste (von links): Roman Plutschow, Anwalt Christoph von Graffenried, Künstlerin Eugenia Burgo, Grafikdesignerin Karin Erdmann.

Die Verbindung Manetas mit Plutschow & Felchlin scheint gut zu passen. Die Ausstellung in den grossartigen Räumen, welche der Schweizer Architekturstar Dolf Schnebli 1995 für seine Frau Jamileh Weber umbaute und die Grösse und Souveränität ausstrahlen, funktioniert nach dem Prinzip des Kontrasts. Die disparate, zerstückelte, atemlose Kunst Manetas’ zeigt sich verwundbar und lebendig inmitten der Schweizer Beständigkeit und Qualität. Die Galeristen Roman Plutschow (ex Gmurzynska und ex Christie’s Deutschland) sowie Joe Felchlin (ex Art Felchlin, ein Spross der Schwyzer Schokolade-Dynastie Felchlin) sind schon die zweite Nachfolgemannschaft an der Waldmannstrasse 6, wo Jamileh Weber als Pionierin der zeitgenössischen Kunst in Zürich amtete, bis sie 2012 entnervt das Tuch warf. Ivo Kamm, der als Galerie-Newcomer überraschenderweise nach ihr die Räume bezog, blieb nicht lange, er zog im November 2013 in die Villa der Künstlerin Ursula Hodel an der Bellerivestrasse 10, wo er jetzt einen Kunstsalon betreibt. (Ich höre gerade, auch dort zieht er wieder aus. Die Räume sind auf den Sommer gekündigt). Plutschow und Felchlin wünscht man einen etwas längeren Aufenthalt an der edlen Adresse unweit von Kunsthaus und Niederdorf. Was die Miete dieser Räume kostet, traut man sich schon fast nicht zu fragen.

"Blackberry»-Painting, präsentiert von Nora, Selbstporträt des Künstlers als Kabelsalat

«Blackberry»-Painting, präsentiert von Nora, Selbstporträt des Künstlers als Kabelsalat.

Was die Manetas-Bilder kosten, steht auf der Preisliste, auch wenn man sich manchmal auf die Preise keinen Reim zu machen vermag. Sie sind, erklärt mir Joe Felchlin, nach persönlicher Bedeutung der Werke für den Künstler gestaffelt. Es gibt kleine Fotowerke für 500 Franken, grössere Leinwände für 12’000 Fr., und dann wieder ein Bild für 40’000. Das innovativste ist wohl das sogenannte Blackberry-Painting. Das ist eine Aufnahme von den schlafenden Catalina und Alpha, die der Künstler mit einem verträumten Pinsel vor der Blackberry-Kamera in der Luft «nachmalt». Dieses komplexe, wenn auch nicht besonders auffällige Werk, wird zu 25’000 Franken angeboten. Das Blackberry gibt es dazu. Nur blöd, dass die Schweiz ein iPhone-Land ist.

«Baustellen-Dinner» in der Galerie

«Baustellen-Dinner» in der Galerie

Nach der Vernissage gibt es ein «Baustellen-Essen». Das habe sich der Künstler so gewünscht, und die beiden Galeristen gehorchten auf kreative Weise. Ein kunstvoll, doch sichtbar provisorisch zusammengezimmerter langer Tisch, gekrönt von einem Baumzweig, wird in die Galerie reingestellt, und köstliche Pasta vom nahe gelegenen Comestibles Tschingg kommt in handlichen Essschachteln auf den Tisch. Die Gespräche drehen sich um die Wohltätigkeit, denn am Tisch sitzt auch der Künstler Noritoshi Hirakawa, der Gründer der «Today is the day»-Stiftung, die sich um kranke Kinder von Fukushima kümmert. Am Vortag fand in der nahe gelegenen Galerie Mai 36 eine Versteigerung der Kunstwerke für die Stiftung statt und Noritoshi muss der Schweiz in Sachen Wohltätigkeit ganz schlechte Noten ausstellen. Spendabel waren nur die Künstler – etwa Pipilotti Rist, die nicht nur ein Werk spendete (eine ihrer Unterhosen-Lämpchen), sondern auch eins erwarb. Dabei gab es lauter Schnäppchen, sagt Noritoshi, etwa einen echten Lawrence Weiner für 9000 Franken.

Künstler und Philanthrop Noritoshi Hirakawa, Galerist Joe Felchlin

Galerist Joe Felchlin, Künstler und Philanthrop Noritoshi Hirakawa.

Jamileh Webers Präsenz ist immer noch spürbar, auch wenn die Galeristin selbst nicht anwesend ist. Seit einigen Wochen ist ihr neuer Schauraum an der Wühre 3 offen. Sie zeigt dort Werke von Robert Rauschenberg und Samaras. Als die Gesellschaft um Mitternacht die Räume verlässt, hat der angekündigte Regen noch nicht eingesetzt. Manchmal braucht es zum Glück so wenig.