Beiträge mit dem Schlagwort ‘Paul McCarthy’

Zwei Amis in Venedig

Ewa Hess am Mittwoch den 24. Mai 2017

Ist es Zufall? Zwei Ausstellungen amerikanischer Künstler am Rande der Biennale in Venedig beschäftigen mich nachhaltiger als Christine Macels «Viva Arte Viva», also die Hauptausstellung der Biennale. Es sind Schauen von Philip Guston und Paul McCarthy.

Es sind kaum vergleichbare Ausstellungen – Gustons wunderbare Gemälde betrachtet man in den Sälen der Accademia, spazierend zwischen Säulen, mit Durchblicken auf Tintoretto und Tiepolo. McCarthys neue Arbeit ist ein Werk der Virtual Reality. Das heisst, dass man, um es zu erleben, in eine Zelle tritt, den VR-Helm anzieht und sofort dem Werk ausgeliefert ist. Trotz der Verschiedenheit der beiden Schauen stossen sie beide ein Nachdenken über die jüngste amerikanische Geschichte an – über die USA überhaupt.

Was: «Philip Guston and the Poets», Gallerie dell’accademia, Dorsoduro, bis 3. September
Paul McCarthy, Christian Lemmerz in «New Media» (Virtual Reality Art), Fondazione Giorgio Cini, Isola San Giorgio Maggiore, bis 27. August

Philip Gustons schlafender Maler und Paul McCarthys oversexte Wildwest-Girls. (Courtesy of the artist, Hauser & Wirth, Xavier Hufkens, and Khora Contemporary)

Guston und McCarthy. Zwei Prinzipien: das Feine und das Grobe. Der eine ein Feingeist mit Vorliebe für Dichtung, Verehrer der italienischen Renaissance, ein abstrakter Expressionist, aber ohne Pollocks Rage, und einer, der im Spätwerk zu einer fast kindlichen, wunderbar lyrischen Figuration zurückfindet. Der andere ist der Wilde von der Westküste. Gewalt, Macht, Körper, Sexualität, Lust und Aggression durchschütteln seine Videos wie ein konstantes Erdbeben. Seine Skulpturen – Eruptionen aus der Tiefe des kollektiven Unterbewusstseins.

Intensive Gemälde Gustons in den Sälen der Accademia. (Bild: artnet)

Ich pilgerte zuerst zu Guston. Die Schau des spanischen Kurators Kosme de Barañano ist grösser und repräsentativer, als es der Titel ankündigt. In den schönen Sälen kommen Gustons Rot- und Blautöne fantastisch zur Geltung – man sieht ganze Fluchten von Bildern! (Es sind 50 Gemälde und 25 Zeichnungen). Es kommt einem so vor, als ob man nie genug Guston-Bilder sehen könnte. Eine Intensität umgibt diese Leinwände, die durch ihre Häufung nicht nervöser, sondern ruhiger wird. Diese Bilder sind Nahrung, die unseren Hunger nach «gemalt» stillen.

Philip Guston in Rom – im Dialog mit der Antike. (Bild: courtesy gallerie dell’accademia)

Was mich vor allem überrascht und begeistert hat: Gustons Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte. Es gibt in der Ausstellung Fotos, die den Maler bei seinen Studien der Antike neben den grossen Füssen und Händen zeigen, die für uns das römische und hellenische Erbe symbolisieren. Dadurch bekommen seine eigenen Gemälde von Händen und Füssen eine etwas andere Bedeutung. Man versteht: Diese sehnigen Hände, diese dicken Füsse versöhnen die europäische Tradition mit der amerikanischen Direktheit.

Philip Guston, «The Line» (1978) und «Rome» (1971)

 

Giovanni Bellinis Madonna mit Kind (1470) und Philip Gustons «Young Mother» (1944) (Bild: Lorenzo Palmieri, ©The Estate of Philip Guston, courtesy of the Estate, Gallerie dell’Accademia, und Hauser & Wirth.)

Mich hat auch ein anderes Werk in der Ausstellung berührt, in dem man den Maler und seine Frau, die Dichterin Musa McKim, einfach schlafend im Bett sieht. Es ist ein Werk von gemalter Vertrautheit und Liebe, wie ein Gedicht, schwer und leicht zugleich. In einer anderen Zeichnung findet sich ein kleines Gedicht wieder, das in wenigen Bildern einen Abend in Rom erzählt, an dem der Maler von einer Mücke geweckt wird und durch die Strassen irrt. Das ist Guston: melancholischer Amerikaner mit Sinn für leise Poesie.

Philip Guston, «In Bed» (1977)

Guston, «Awakened by a Mosquito» (1972)

Und dann fährt man mit dem Vaporetto auf die Insel San Giorgio Maggiore, wo Venedig zu Höchstform aufläuft und sich als eine Mischung von Hafenidylle und grossartiger Klosterarchitektur zeigt. Dort haben die dänische Faurschou Foundation und die venezianische Fondazione Giorgio Cini die Kräfte vereint, um einen kleinen Ausblick auf die mögliche Zukunft der Kunst zu geben, also auf Werke in Form von Virtual Reality (lesen Sie zu VR auch den Beitrag unseres Gastautors Claudio Bucher). Es gibt dort auf der Insel auch noch zwei andere tolle Ausstellungen, von Alighiero Boetti und Michelangelo Pistoletto, und wenn Sie schon mal dort sind, müssen Sie diese beiden Grössen der italienischen Kunst auch besuchen!

Die Insel San Giorgio Maggiore mit dem von Napoleon säkularisierten Benediktinerkloster, dank der Stiftung des italienischen Industriellen Vittorio Cini restauriert und als Kulturstätte betrieben.

Jetzt geht es aber um die Amis. Und ich komme grad zur Sache: Die Erfahrung, sich jäh mit Paul McCarthys entfesselten Gestalten in einem virtuellen Raum zu befinden, hat mich beinahe umgehauen. Das hängt natürlich zum Teil mit dem bereits beschriebenen VR-Effekt zusammen, dass man sofort nach dem Anziehen des Helms den Boden unter den Füssen zu verlieren meint. Ich hatte Tasche, Notizblock, Handy in der Hand und streute das alles um mich herum in einem Versuch, das Gleichgewicht zu wahren. Man ist jäh blind und weiss nicht, was mit einem geschieht.

Paul McCarthy, Coach Stage Stage Coach, Experiment Mary and Eve (2017) (Courtesy the artist, Khora Contemporary, Hauser & Wirth)

Man ist mitten im Kunstwerk! In einem grell erleuchteten, mit einem gemusterten Teppich ausgelegten Raum schweben seltsame Damen, sie steigen aufeinander, kämpfen, missbrauchen einander, zum Teil sind sie nur halb vorhanden. Sie sind neben, unter, über einem. Manchmal fliegen sie einem mitten durchs Gesicht. Sie sind laut – sie stöhnen und schreien «Fuck you!». Mit der Zeit merkt man, dass sie alle Replikantinnen sind – es sind eigentlich nur zwei Figuren, eine ältere Brünette im roten Satinkleid und eine jüngere Blonde mit blauem Folklorekleid, die sich endlos vervielfachen.

McCarthys Replikantinnen, Figuren aus seinem geplanten Westernfilm «Stage Coach Coach Stage»

So weit ich es übersehe, ist McCarthy in seiner Generation (er ist 71 Jahre alt) der einzige Pionier der neuen Medien, und das passt gut zu ihm. Für sein oppressives Universum ist eine Veranstaltung wie dieser VR-Loop ideal. Seltsam anziehend ist die Teilnahme an seiner zombiehaften Orgie, und gleichzeitig unendlich abstossend. Dieser spezifische McCarthy-Ekel, seine verliebte Wut auf den amerikanischen Lebensstil, seine Ideale und Ikonen (hier etwa die Frauen aus den Westernfilmen) kommen einem in diesem Werk verdammt nahe. Am Schluss reisst man sich den Helm vom Kopf und versucht sich zu sammeln, während man seine sieben Sachen einsammelt.

Und dann fängt das Nachdenken an: What happened? Und ich meine nicht nur dort, in der VR-Koje auf der venezianischen Insel, unter der Bilderhaube des medial induzierten psychotischen Anfalls. Aber auch – was ist mit unserer Welt, mit der amerikanischen Kunst geschehen?

Philip Guston war 66 Jahre alt, als er 1980 starb, er ist fast vierzig Jahre älter als Paul McCarthy. Nach dem Besuch der beiden Ausstellungen kommt es einem vor, als ob man dem älteren Künstler zusieht, wie er von seinen lyrischen, traditionsverbundenen Idealen leicht melancholisch für immer Abschied nimmt. Danach trifft einen die neuere Zeit mitten ins Gesicht, wenn McCarthys Emotionen eskalieren. Dieser Künstler begehrt gegen die Gewalt und Lüge auf und merkt gleichzeitig, dass sie zu seinem Lebenselixier geworden sind.

Paul McCarthy, Coach Stage Stage Coach, Experiment Mary and Eve (2017) (Courtesy the artist, Khora Contemporary, Hauser & Wirth)

Und man denkt: Eigentlich ist auch diese kraftvolle Wut ein Privileg der Vergangenheit. Der US-Künstler Jordan Wolfson, der in dem Jahr geboren wurde, als Philip Guston starb, und der jetzt 37 Jahre alt ist, hat vor wenigen Monaten an der Whitney Biennale in New York ein VR-Werk vorgestellt, in dem ein Mensch dem anderen den Schädel zerdeppert (das Opfer war eine sehr real aussehende Puppe). Doch Wolfsons Werk war alles andere als wütend. Seine Position ist die eines Kindes, das der Fliege zuschaut, während er ihr die Flügel ausreisst. Von neugieriger Melancholie über heilige Wut zum wissenschaftlich verklärten Sadismus. What a journey we made!

 

Politisches Roulette

Ewa Hess am Mittwoch den 19. Oktober 2016

Liebe Leserinnen und Leser, heute Dienstag erreicht mich die Nachricht, dass die kubanische Künstlerin Tania Bruguera sich auf ihrer Heimatinsel der Präsidentschaftswahl 2018 stellen will – als Kandidatin für das höchste Amt im Land. Sie erklärt ihre Absicht und die Gründe, die sie zu dieser Entscheidung führen, in einem Video, das während des Auftritts des Schweizer Superkurators Hans Ulrich Obrist am Creative Time Summit in Washington, DC, ausgestrahlt wurde. Hier schon mal das Video – der Verständlichkeit wegen, weil wir ja nicht alle des Spanischen mächtig sind – mit englischen Untertiteln.

Tania Bruguera, wir erinnern uns, ist die mutige Artivistin (ein neues Wort für künstlerisch inspirierte Aktivisten), die sich auf Kuba den Mund nicht verbieten liess und dafür Repressionen ausgesetzt war, sogar ins Gefängnis kam. Damals – Anfang 2015 – rief Bruguera ihre Landsleute dazu auf, sich auf den Revolutionsplatz in Havanna zu begeben und ihre Wünsche für das Land frei zu äussern. Jetzt ruft sie alle auf, als Präsident oder Präsidentin zu kandidieren. Sie geht schon mal mit dem guten Beispiel voran und sagt: Ich will.

Tania Bruguera zeigt Verletzungen, die ihr im kubanischen Gefängnis zugefügt wurden

Tania Bruguera zeigt Verletzungen, die ihr im kubanischen Gefängnis zugefügt wurden. (Foto: via Facebook)

Warum eigentlich nicht? Eine solche Kandidatur müsste nicht reine Utopie sein, wäre das nicht eben Kuba, wo das Einparteiensystem ein etwas weniger demokratisches Auswahlprozedere für die neue Präsidentschaft vorsieht. Wenn Raúl Castro, der 85-jährige Bruder von Máximo Líder Fidel, 2018 wie angekündigt zurücktritt, wird die kubanische Nationalversammlung – und nicht das Volk – den neuen Präsidenten bestimmen.

Wie die Zeit vergeht: Brüder Castro regieren Kuba seit mehr als einem halben Jahrhundert vierhändig.

Wie die Zeit vergeht: Die Brüder Castro regieren Kuba seit mehr als einem halben Jahrhundert vierhändig. (Fotos: NPR, AP)

Brugueras Aktion zielt genau auf diesen Umstand und möchte aufzeigen, dass auch in Kuba das Volk stärker in zukunftsträchtige politische Entscheidungen involviert werden könnte. Ähnlich wie in ihrer Performance auf dem Revolutionsplatz möchte Bruguera ihre Landsleute dazu aufrufen, «die Wahlrunde zu nutzen, um ein neues Kuba aufzubauen, eines, in dem die Kultur der Angst überwunden werden kann und die Verantwortung nicht nur einigen wenigen vorbehalten bleibt».

In ihrer Performance «Self Sabotage» in Paris und Venedig 2009 spielte Tania Bruguera während eines Vortrags, in dem sie ihre Gedanken zur politischen Kunst darlegt, russisches Roulette mit sich selbst. (Foto: via chicagoartmagazine.com)

In ihrer Performance «Self Sabotage» in Paris und Venedig 2009 spielte Tania Bruguera während eines Vortrags, in dem sie ihre Gedanken zur politischen Kunst darlegt, russisches Roulette mit sich selbst. (Foto: via chicagoartmagazine.com)

So weit so gut. Ich halte sehr viel von Artivisten aller Couleur. Die politische Dringlichkeit verleiht den künstlerischen Aktionen eine grosse Intensität und das kommt auch der politischen Aussage zugute. Ich bewundere die Mexikanerin Teresa Margolles, die den in ihrem Land herrschenden Drogenbandenterror mit erschütternden Kunstwerken anklagt (nicht selten benutzt sie dazu Flüssigkeiten, die Leichen entstammen).

Die Pussy-Riot-Girls haben mit ihren frechen Aktionen das geschafft, was nicht einmal der US-Präsident und andere Präsidenten der westlichen Demokratien vermögen: dem mächtigen Putin eine lange Nase zu ziehen (und sie mussten dafür in den Arbeitslagern schwer büssen).

Ich halte auch die Verdienste Ai Weiweis für sein Land China hoch – zeigt er doch mit seiner differenzierten Protesthaltung, dass man seine Heimat lieben und doch mit dem Kurs seiner Regierung nicht einverstanden sein kann. Auch er musste dafür ins Gefängnis und liess sich dadurch nicht brechen.

Artivisten (v.l.): Die Sängerin des Todes Teresa Margolles, die frechen Punkerinnen Pussy Riot während ihrer legendären Performance in einer Kirche in Moskau, Ai Weiwei, der eine typische Geste macht

Artivisten (v.l.): die «Todeskünstlerin» Teresa Margolles, die frechen Punkerinnen Pussy Riot während ihrer legendären Performance in einer Kirche in Moskau, Ai Weiwei und seine typische Geste. (Fotos: Wales News, AP, International Documentary Association)

Auch halte ich die Vorwürfe, dass diese Künstlerinnen und Künstler das alles nur machen, um ihre Karriere zu befördern, für zynischen Quatsch. Wer immer solche Vorwürfe von sich gibt, soll mal selbst, in seinem eigenen Kreis, den zivilen Ungehorsam versuchen, etwa dem Arbeitgeber gegenüber – mal sehen, wie einfach das ist.

Ob aber – und hier kommt mein grosser Zweifel – Künstler gute Präsidenten abgäben? Bei aller Liebe – sicher nicht. Warum das so ist, liegt am Wesen der Kunst. Was sie, die Kunst, so ausserordentlich macht, ist jede Missachtung der Pragmatik. In der Kunst darf man aufs Ganze gehen, Ungeheurliches ausprobieren, weil Kunst ein Labor ist.

Artist for President: Angesichts der absurden Züge des US-Wahlkampfs kommt man auch in den Staaten auf die Idee. Links: Kampagnen T-Shirt für den kalifornischen Skandalkünstler Paul McCarthy, rechts: Susanna Dakins Kampagne lief 2011 als Kunstaktion.

Artist for President: Angesichts der absurden Züge des US-Wahlkampfs kommt man auch in den Staaten auf die Idee. Links: Kampagnen-T-Shirt des kalifornischen Skandalkünstlers Paul McCarthy, rechts: Susanna Dakins Kampagne lief 2011 als Kunstaktion.

Darum sind Künstler oft tollkühn in ihren Fantasien. Sie sollten es sein. Und wenn sie in die Nähe von gefährlichen Geisteshaltungen kommen (wie etwa Jeff Koons, dessen Forderung nach totaler Verschmelzung mit dem Kunstwerk durchaus etwas Totalitäres hat), drücken sie das innerhalb eines ästhetisch organisierten Universums aus und niemand kommt dadurch ernsthaft zu Schaden.

Im Gegenteil, die Gesellschaft kann sogar von diesem «Flirt mit dem Teufel» profitieren. Die Kunstbetrachter können versuchsweise in den Abgrund blicken, seine Düsternis erkennen und in der wahren Welt der Versuchung gestärkt begegnen.

Tania Brugueras Werk «Untitled (Havana 2000)» wurde vom Museum of Modern Art in New York angekauft. Screenshot: Vimeo/Foto: MoMA Press Office

Tania Brugueras Werk «Untitled (Havana 2000)» wurde vom Museum of Modern Art in New York angekauft. Screenshot: Vimeo/Foto: Moma Press Office

Nach Kunstprinzipien regieren würde aber heissen, irrational regieren. Etwa Rom abbrennen lassen, um schöner dichten zu können – wie Kaiser Nero. Oder um eines ästhetischen Konzepts willen mit Menschenleben spielen. Wäre etwa Picasso ein guter Staatsvater gewesen? Niemals! Das weiss man nämlich aus seiner Biografie: Seine künstlerische Unerbittlichkeit ging mit seiner menschlichen Rücksichtslosigkeit Hand in Hand.

Strenges Urteil: Zumindest für hohe politische Ämter stimmt die Aussage des senegalesischen Sängers Yousou N' Dour. Foto via az quotes

Strenges Urteil: Zumindest für hohe politische Ämter stimmt die Aussage des senegalesischen Sängers Yousou N’Dour. Foto via az quotes

Darum kann ich mit dem streitbaren Kunstkritiker des «Guardian», Jonathan Jones, nicht einig gehen und «vote Bruguera» empfehlen. Ich werde jederzeit Brugueras Performance unterstützen, sie anschauen, darüber schreiben, sie weiterempfehlen, doch als wirkliche Präsidentin wähle ich lieber eine andere.

«No english, no english!»

Blog-Redaktion am Mittwoch den 12. Oktober 2016

Die Frieze Art Fair in London, heuer im 13. Jahr, war immer die widerborstigere, intellektuelle Schwester der Art Basel (meine These). Erstens, weil die Engländer unter alles, was sie sagen oder tun, einen doppelten Boden legen – somit auch unter das Treiben am Kunstmarkt.

Und zweitens, weil die Messe aus dem Schoss von Kunstmenschen stammt, den Uni-Oxford-gebildeten Gründern des Kunstmagazins «Frieze» (nämlich den 2014 zurückgetretenen Amanda Sharp und Matthew Slotover), und nicht von Businessmenschen. Die Kunsties hoben das Messeformat mit ambitiösen Auftragsprojekten auf ein neues Level. Sie verleihen ihr «Edgyness».

Auch eine Neuauflage: Portia Munsons «Pink Project: Table» (1994/2016) an der diesjährigen Frieze in London. Munson zeigte das Werk zum ersten Mal 1994 an der legendären «Bad Girls»-Ausstellung. Foto: Andy Rain (Reuters)

Auch eine Neuauflage: Portia Munsons «Pink Project: Table» (1994/2016) an der diesjährigen Frieze in London. Munson zeigte das Werk zum ersten Mal 1994 an der legendären «Bad Girls»-Ausstellung. Foto: Andy Rain (Reuters)

Was: Kunstmessen Frieze und Frieze Masters
Wo: Regent’s Park, London
Wann: 6. bis 9. Oktober 2016

Frieze London: Sammler in Sneakers, Urs Fischers (mitte) und Picasso bei Helly Nahmad

Frieze London: Sammler in Sneakers, Urs Fischers verstörende Porträts (Mitte) und Picasso bei Helly Nahmad.

Aus der Anfangszeit bleibt mir in Erinnerung, wie ich in einer von Kultdesigner Peter Saville geführten Gruppe durch die Messekojen gelenkt wurde, als wären wir eine Vögele-Reisegruppe. Ästhetik-Guru Saville steuerte zielsicher Galeristen an und befragte die Verblüfften nach dem Einfluss ihres Outfits auf die Geschäfte. Ein anderes Mal versuchte Christian Jankowski eine 65-Meter-Superjacht mit einem Aufschlagpreis von 10 Millionen Pfund, wenn sie mit einem Kunstzertifikat erworben wurde, an den Mann zu bringen. (Der Versuch misslang; so blöd sind Supersammler nicht.)

Dieses Jahr drang Subversives noch  stärker durch die Ritzen der goldenen Kunstmarktkulissen. Das heisst, wenn man sich die Musse für die «Projects» (dieses Jahr kuratiert von Migros-Museum-Mann Raphael Gygax) und Live-Performances nehmen konnte – und nicht wie der Sammler in seinen kanarienfarbigen Sneakers auf der Pirsch nach käuflicher Kunst von Stand zu Stand hetzte.

kreativität der Klo-Ladys: Toiletteninstallation von Julie Verhoeven (links und Mitte), virtuelle Realität von Jon Rafman

Kreativität der Klo-Ladys: Toiletteninstallation von Julie Verhoeven (links und Mitte), virtuelle Realität von Jon Rafman.

Im inneren Eingangsbereich und im Gartencafé bemerkte ich deshalb dunkelhäutige «Verkäufer», die auf einem Tüchlein auf dem Boden gefälschte Louis-Vuitton-Taschen feilboten, eine Aktion des britisch-norwegischen Duos Ali Eisa und Sebastian Lloyd Rees. «No english, no english» antwortete mir einer der Verkäufer auf meine scherzhafte Frage, ob so ein Stück zu kaufen sei.

Das bunte Treiben setzte sich fort in den Toiletten, die Julie Verhoeven in eine durchgeknallte Bühne der sonst übersehenen, aber offenbar genauso kreativen Toilettenaufseherinnen umgemünzt hat – samt formschönen Stoffnachbildungen von Exkrementen, fantasievollen Tampon-Arrangements und bunten WC-Papierrollen. Ist nicht jeder ein Künstler, also auch die Toilettenaufseherin der Frieze? Der Parcours durch die Gegenwelt der Kunstmesse kulminierte in Sibylle Bergs und Claus Richters dystopischem Theater «Wonderland Ave»: In einer modularen Wohnbox sah und hörte man roboterhafte Maschinen sprechen, die die Kontrolle über Menschen gewonnen haben. Spitzenmässige Performance.

Algorithmen und Roboter beherrschen den Menschen in der dystopischen Vision von Sybille Berg & Claus Richter, «Wonderland Ave», 2016 /links und Mitte), Eichard Billinghams Familienfotos

Algorithmen und Roboter beherrschen den Menschen in der dystopischen
Vision von Sibylle Berg & Claus Richter, «Wonderland Ave», 2016 (links und Mitte), Richard Billinghams Familienfotos.

Die digitale Welt hatte einen auch an den Kojen im Griff. Am Stand der Seventeen Gallery konnte man sich auf einer aus Metallelementen geformten Schlange niederlassen und sich eines dieser seltsam unförmigen Brillengestelle ins Gesicht setzen. Es stellte sich als Oculus Rift Headset von Amazon heraus, und es entführte in das rätselhafte Paralleluniversum des Kanadiers Jon Rafman.

Nicht weit davon war eine Art Go-go-Tanz-Plattform postiert, wo sich ein junger, bärtiger und sehr gut gebauter Mann im glänzend-silbernen Höschen vielversprechend vor dem Publikum produzierte. Allerdings nicht körperlich, sondern verbal: Der ägyptische Künstler Mahmoud Khaled rang sichtlich verzweifelt um Erklärungen, was die «neue Kunst von heute» in einer zunehmend gewaltdurchtränkten Gegenwart denn eigentlich sei.

Was ist Kunst? Was ist Kunst in Zeiten der Gewalt? ... fragt der ägytische Künstler hier. Mahmoud Khaled, Untitled (Go-go Dancing Platform) Speak, 2016, vor dem Eingan steht eine lange Besucherschlange

«Was ist Kunst? Was ist Kunst in Zeiten der Gewalt?», fragt der ägyptische Künstler hier. Mahmoud Khaled, Untitled (Go-go Dancing Platform) Speaks, 2016, vor dem Eingang der Messe steht eine lange Besucherschlange (rechts).

Bei Krisen empfiehlt sich bekanntlich ein Blick in die Vergangenheit, und so ist es kaum erstaunlich, dass seit einiger Zeit die Kunst der 60er- bis 90er-Jahre wieder evaluiert wird. Dazu kuratierte Nicolas Trembley eine Spezialsektion mit elf Galerien, die wegweisende Ausstellungen aus den 90er-Jahren wieder inszenierten. Das funktionierte wie in einer Zeitmaschine, und unversehens fand man sich in der ersten Soloshow von Wolfgang Tillmans in der Galerie Bucholz & Buchholz aus dem Jahr 1993 wieder, in der intime Bilder von Freunden auf Beifälligkeiten und unscheinbare Alltagsbilder stiessen; oder vor den Fotografien des desolaten Elternhauses des britischen Fotografen Richard Billingham bei Anthony Reynolds.

«The Nineties» – ach! Was waren das noch für Zeiten, als sich Künstler, ohne Superstudios und Superproduktionen, an der Realität rieben und in den Privatwohnungen ihrer Galeristen ausstellten!

9.Blick zurück in Nostalgie in der Spezialsektion «The Nineties», kuratiert von Nicholas Trembley: Wiederinszenierung von Wolfgang Tillmans Solo-Show aus dem Jahr 1993 (links), Tillmans im Talk, Tate-direktor Serota im Gespräch mit florian Berktold von Hauser & Wirth

Blick zurück in der Spezialsektion «The Nineties», kuratiert von Nicolas Trembley: Wiederinszenierung von Wolfgang Tillmans Soloshow aus dem Jahr 1993 (links), Tillmans im Talk (Mitte), Tate-Direktor Serota im Gespräch mit Florian Berktold von Hauser & Wirth.

Aber bekanntlich gehts bei Kunst auch um Transzendenz, und dafür bot die Parallelmesse Frieze Masters, eine eklektische Schatzkammer voller Preziosen von der Antike bis in die Gegenwart, Hand.

In das Angebot, das von Kunst vom Spätneolithikum über römische Marmorskulpturen bis zu megalomanen Picasso-Werken (bei Helly Nahmad) und James Rosenquist (Thaddaeus Ropac) und Sigmar Polke (Zwirner) reicht, fügten sich die Latex-Abzüge von Innenräumen der wiederentdeckten Schweizerin Heidi Bucher (bei Jean-Claude Freymond-Guth, neuerdings aus Basel) erstaunlich gut. Auffallend viele Kabinette und Wunderkammern begegneten mir, schon seit geraumer Zeit der Flavour of the Season. Tiepolo neben Georg Baselitz, William Blake neben Mariano Fortuny, Lucien Freud neben Goya und Ingres – das sprüht Funken!

Jäger und Sammler an der Frieze Masters: Am Stand von Hauser & wirth unter einem Arrangement von Werken von Francis Picabia bei Hauser & Wirth & Moretti

Jäger und Sammler an der Frieze Masters: Am Stand von Hauser & Wirth & Moretti unter einem Arrangement von Werken von Francis Picabia.

Bei Hauser & Wirth, der den Stand (zusammen mit Altmeister-Händler Moretti) in die Form eines Sammlerapartments goss, hingen florentinische Meister neben Picabia, Picasso neben Dieter Roth, Marlene Dumas neben Alexander Calder. Gemessen am Besucheransturm am VIP-Tag war der Stand ein Grosserfolg, und man sah Nicholas Serota, das Über-Ego der Tate, mit Florian Berktold smalltalken, derweil sich auf dem Sofa unter einem schönen Arrangement von Francis-Picabia-Werken Sammler wie der deutsche Flick-Erbe Christian «Mick» Flick ausruhten.

Der «wilde» Hauser & Wirth-Stand mit Skulpturen von Louise bourgeois, Hans Josephsohn und Paul McCarthy

Der «wilde» Hauser-&-Wirth-Stand mit Skulpturen von Louise Bourgeois, Hans Josephsohn und Paul McCarthy.

In witziger Entsprechung zum edlen Sammlersalon übrigens liess die global arbeitende Schweizer Galerie an der zeitgenössischen Frieze den Stand in die Messie-Höhle eines imaginären Künstlers verwandeln. Leere Bierflaschen neben millionenschweren Skulpturen von Louise Bourgeois und Paul McCarthy, an die Wand gepinnt Postkarten von Queen Elizabeth und Prince Charles neben Gemälden von Christopher Orr. Dazwischen standen dicht an dicht potenzielle Käufer.

Die Atmosphäre glich der eines Schlussverkaufs.

DSC_897700* Gastautorin Brigitte Ulmer lebt als freischaffende Kunst- und Kulturjournalistin in London und Zürich. Für die «Bilanz» berichtet sie über Kunst und verantwortet das jährliche Künstlerrating. Für Private View berichtet sie fortan regelmässig aus London. (Bild: Gian Franco Castelberg)