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Die Paarungen in Albisrieden

Ewa Hess am Sonntag den 22. Juni 2014

Gastbeitrag von Martin Jaeggi*

In einem der beschaulichsten Teile von Albisrieden, in einem durchschnittlich schweizerischen Wohnhaus, versteckt sich der Projektraum Taylor Macklin, betrieben von den jungen Künstlern Adam Cruces, Gina Folly und Thomas Julier, der sich mit seinen sorgfältig kuratierten Ausstellungen schnell einen Namen macht. Eröffnet wurde der Projektraum mit einer Ausstellung, die historische Mail-Art mit Kunstwerken kombinierte, die junge Künstler per Post oder Mail übermittelten, dann folgte eine Ausstellungen des in Zürich lebenden Künstlers und Offspace-Betreibers Mitchell Anderson. Während des Zürcher Weekends eröffnete die dritte Ausstellung, Couplings (Paarungen, bis 11.7.2014), kuratiert von Piper Marshall, die lange Jahre am Swiss Institute in New York arbeitete und heute als freie Kuratorin tätig ist.

Links: Nicolas Guagnini Hard of Hearing, 2014 Glazed ceramic, rechts: Dmitri Hertz Sweetwater cup series, 2014 Cast lead

Links: Nicolas Guagnini, «Hard of Hearing», 2014, glazed ceramic, rechts: Dmitri Hertz, «Sweetwater Cup Series», 2014, cast lead

 

Wie der Titel andeutet, umkreist die Ausstellung Fragen nach Körperlichkeit und Materialität, Form und Geschlechtszuschreibung, Objekthaftigkeit und Bewegung. Die Ausstellung umfasst elf kleinformatige Werke, in denen sich Form und Material wechselseitig aufladen. Ergänzt werden sie durch ein Video von Kerry Downey und Joanna Seitz, das eindringlich und fast schon unangenehm berührend einen Körper inszeniert: Während zwanzig Minuten sehen wir, wie eine fettleibige Frau in wohlkomponierten Aufnahmen Posen und Bewegungsabfolgen zwischen Choreographie und Improvisation vorführt und so provokativ ihren gegen die gesellschaftliche Norm verstossenden Körper als künstlerisches Material inszeniert.

Das Thema körperlich-materieller Üppigkeit kehrt, wenn auch weit weniger aggressiv, in anderen Werken wieder. Ein dunkelblau glasiertes Keramikobjekt von Nicolas Guagnini liest sich auf den ersten Blick als amorphes Geschlinge, wird dann als Geflecht von pflanzenhaft stilisierten Phalli, Nasen und Ohren erkenntlich, gewissermassen eine Büste ohne Gesicht. Das Motiv und die weiblich konnotierte Formensprache stehen in einem offenkundigen Spannungsverhältnis, das dem Objekt beunruhigende Präsenz verleiht. Gegenstück dazu ist ein anderes blaues Keramikobjekt von Dustin Hodges, ein austernförmiges Objekt, gefüllt mit leuchtend orangem Lachsroggen, das an ein weibliches Geschlechtsorgan denken lässt. Ebenso organisch wuchernd sind drei übergrosse Pilzhauben von Carlos Reyes, nach einem Holzschnitt von Hokusai mit Laser in Kunststoff geschnitten. Die scharfen Kanten und Schnitte des Hightech-Verfahrens verweisen das Organische der Form in den Bereich der Illusion.

Einen Kontrapunkt zu diesen Arbeiten, die auf das Organische verweisen, setzen Werke, die den Pop-Appeal von Kunststoff zelebrieren. Julietta Aranda zeigt einen schwarzen Würfel aus Schaumstoff, über den eine weisse Lache aus glänzendem Kunststoff ausgegossen wurde, angehalten im Moment des Zerfliessens, eine paradoxe Suggestion von Bewegung und Zeitlichkeit, die die Starrheit des Objektes unterstreicht. Nüchtern konzeptionell wirkt dagegen eine Textarbeit von Karin Schneider über die polnisch-russische Konstruktivistin Katarzyna Kobro, ein elegant schwebendes Mobile, das einen Text über Bilder zu einem Objekt werden lässt.

Alle Werke in der Ausstellung zeichnet eine Paradoxie und Rätselhaftigkeit aus, die den Betrachter zum Denken verführt und die Ausstellung lange nachhallen lässt.

Taylor Macklin, Mühlezelgstrasse 24, 8047 Zürich, www.taylormacklin.com

* Martin Jaeggi ist Kunsttheoretiker, Publizist und Dozent an der HdKZ in Zürich