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Die Sache mit dem Blut

Ewa Hess am Dienstag den 8. Dezember 2015

Die blutige Messerattacke an der Art Basel Miami Beach passt so gut in dieses gewalttätige Jahr, dass man sie ebenfalls für einen Terrorakt halten könnte. Um einen solchen scheint es sich jedoch nicht zu handeln. Viel eher war es eine geistig verwirrte Tat der New Yorker Studentin Siyuan Zhao (man vermutet psychische Probleme). Es ging blitzschnell, die hübsche kleine Person im geblümten Kleid und karierter Hose holte ihr hochwertiges Papierzuschneidemesser der Marke X-Acto hervor und stach dreimal auf eine andere Frau ein. Die Messe wurde nicht unterbrochen und konnte mit einem Besucherrekord und den Meldungen von lukrativen Verkäufen abgeschlossen werden.

Art Basel Miami Beach: Die Installation «Swamp of Sagitarius», die Künstlerin Naomi fisher (zweite von links), der Angriff, der wie eine Performance wirkte

Art Basel Miami Beach: Die Installation «Swamp of Sagitarius», die Künstlerin Naomi Fisher (Zweite von links), der Angriff, der wie eine Performance wirkte.

Mir gab die Geschichte mit der Papiermesserattacke zu denken. Die junge Frau soll etwas von «Ich musste sie bluten sehen» gemurmelt haben. Es war fast eine Autoaggression, denn die Angegriffene hat wie eine ältere Schwester der Angreiferin ausgesehen: auch bildhübsches asiatisches Gesicht, lange dunkle Haare, braves Outfit. Viele hielten den ganzen Spuk für eine Performance, zumal sich die Szene in der Nähe der Installation «Swamp of Sagitarius» ereignet hatte. In dieser Ecke der Messe, genannt Nova, fungierte der astrologisch angehauchte «Sumpf des Schützen» als eine Art Oase, wo man auf bequemen Stühle inmitten wohlriechender Wachsskulpturen sass und sich in Sachen Kunstkauf anhand von Horoskopzeichnungen  beraten lassen konnte (das war ironisch gemeint, wohlverstanden). Der Mastermind hinter der «Sumpf»-Installation war Naomi Fisher, aufstrebende Künstlerin aus Miami. Fisher ist bereits mit einigen Performances aufgefallen, eine von ihnen hiess sogar «What’s a Little Blood Amongst Friends». Das wusste allerdings die Amok laufende Kunststudentin mit ihrem Papiermesser wohl nicht. Die Verletzungen mit der kurzen X-Acto-Klinge waren übrigens (und Gott sei Dank) nicht tief, und das Opfer konnte bereits aus dem Spital entlassen werden.

«Was hat aber diese Faszination mit dem Blut auf sich?», fragte ich mich. Denn in der Tat gehört der signalfarbene Lebenssaft oft zu den Mitteln, mit welchen die Performance-Künstler (und, fast öfter noch, Künstlerinnen) die Dringlichkeit ihrer Botschaft erhöhen. Die Übermutter der performativen Kunst, Marina Abramovic, hat sich einige Male blutig verletzt während ihrer Performances; der weissbärtige Österreicher Hermann Nitsch zog es vor, literweise Rinderblut zu vergiessen; der Engländer Marc Quinn formte seinen Kopf aus dem geronnenen Eigenblut (die Skulptur muss in einem gläsernen Kühlschrank ausgestellt werden) und Phil Hansen klagte den koreanischen Diktator Kim Jong-il mit Blut auf Bandagen an. Abramovic pflegt stolz zu beteuern, wenn sie von ihren Performances spricht: «Das Messer ist echt, das Blut ist echt, und die Gefühle sind echt.» Echtes Blut soll im Gegensatz zu Ketchup in Film und Theater die Kunst als die existenziellste aller performativen Sparten ausweisen.

eigenblut: Marc Qinns «Self», Literweise Rinderblut: Hermann Nitschs «Orgien Mysterien Theater», Marina Abramovics «Der Kuss»

Eigenblut: Marc Quinns «Self», literweise Rinderblut: Hermann Nitschs «Orgien-Mysterien-Theater», Marina Abramovics Rasierklingen-Performance «The Lips of Thomas».

Es mag ein Zufall sein, dass Siyuan Zhao ausgerechnet an der Kunstmesse den Stimmen in ihrem Kopf, die Blut forderten, Folge leistete. Ende des Jahres 2015, in dem so viel echtes Menschenblut mutwillig vergossen worden ist, wird es einem dennoch in Erinnerung an all die blutigen Performances mulmig. Auch das bringt uns das traurige Ereignis in der Ferienstadt Miami zu Bewusstsein: dass diese Bilder, welche nun in den kranken Köpfen spuken, schon längst da waren. Gehören sie zu der archaischen Ausstattung des menschlichen Geistes? Möglich.

Private View

Blutige Kunst: Werk des österreichischen Künstlers Hermann Nitsch. Foto: Keystone

Jedenfalls beklagen wir, gerade an den zu den wichtigsten Kunstevents gewordenen Messen, die schwindende Authentizität des Kunstgeschehens. Andererseits hat sich aber die Gewalt, das Leiden, welches die Künstler seit Jahrzehnten als ein Werkzeug der Intensität angewandt haben, auf eine unheimliche Art und Weise verselbstständigt. Die Bilder von Verletzungen, ja, wenn man an Nitsch denkt, sogar von den ästhetisierten Massakern, spuken in den Köpfen. Vielleicht haben sie das schon immer, aber ausgerechnet jetzt scheinen sie mit kranker Gewalt in die freie Wildbahn hinauszubrechen.