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Die Zürcher Ladung

Ewa Hess am Mittwoch den 15. Juni 2016

Okay, liebe Leserinnen und Leser, Zürich hatte am vergangenen Wochenende seine Stunde (oder zwei). Der Kunsttross war da, bevölkerte kurz die Strassen, füllte Galerien und Museen, trank Bier und Champagner in den Bars, schaukelte auf dem Wasser. Und dann war der Spuk auch schon vorbei, sie zogen alle weiter, man vermutet sie nun in Basel. Und man kann nicht sagen, dass sich die Limmatstadt hat lumpen lassen! Im Gegenteil, meine Herrschaften, da war vielleicht was los: Manifesta, Art Weekend, Gasträume, Parallel Events und und und. Natürlich war Ihre Chronistin auch da und dort, hat am Löwenbräu geschnuppert und auf dem Reflections-Floss geschaukelt. Doch heute fragte ich mich – was blieb eigentlich all den Gästen von unserer Pracht? Und habe mich ein bisschen auf den Social Media umgesehen. Hier folgt also als ein kommentierter Feed: Zurich Art Weekend im Spiegel der Postings.

Liebling der Massen: der «Pavillon of Reflections» auf dem Zürichsee, hier während der Performance von Maurizio Cattelan, der Edith Hunkeler übers Wasser fahren lässt. Foto: Urs Jaudas

Liebling der Massen: Der «Pavillon of Reflections» auf dem Zürichsee, hier während der Performance von Maurizio Cattelan, der Edith Hunkeler übers Wasser fahren lässt. Foto: Urs Jaudas

 

1. Das Holzding auf dem See

Das beliebteste Sujet war natürlich die filigrane Struktur des «Pavillon of Reflections» genannten Flosses. Extra für die Manifesta erbaut, komplett mit Wasserkino und Bar. Es war die Silhouette, die von weitem an eine Art Mississippi-Dampfer erinnert, die mit Gusto gepostet wurde. Zumal die Stadt auch wettermässig alles gab. Mal schien strahlend die Sonne, mal gaben Gewitterwolken einen dramatischen Hintergrund ab. Schwäne gleiteten graziös vorbei und liessen sich willig fotografieren. Nicht einmal Maurizio Cattelans Performance mit dem Rollstuhl auf dem Wasser konnte der Idylle auch das Geringste anhaben. Man könnte direkt meinen, das «Reflections» im Titel bezöge sich hauptsächlich auf die schöne Spiegelung im Wasser.

 

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2. Die Gelitin-Performance im Cabaret Voltaire

Gelitin, das sind vier österreichische Berserker, die es gerne bunt treiben. Sie verstehen sich als Nachkommen des Wiener Aktionismus. Ihre Taten sind oft kühn – legendär ihr Auftritt in luftiger Höhe des damals noch existierenden World Trade Center. Gegenwärtig  haben sie eine Ausstellung bei Nicola von Senger an der Limmatstrasse vis-à-vis vom Löwenbräu. Die Vernissage ging einigermassen manierlich vonstatten, aber spät am Abend gaben die Gelitin mithilfe von Gips, Tüchern, Freundinnen, Grünpflanzen und weiterer ähnlicher Requisite eine Performance  im Cabaret Voltaire, also dem «Zunfthaus der Künstler». Es war orgiastisch – es blieb kein Stein auf dem anderen. Ausführlicher Fotobericht dazu auf der Website von Thomas Haemmerli hier.

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3. Die Artoons von Pablo Helguera

Obwohl die witzigen Zeichnungen, die im Rahmen der Manifesta-Schau ausgestellt sind, die Kunstwelt gewaltig auf die Schippe nehmen, fanden sie alle wunderbar. Der 45-jährige US-Künstler Pablo Helguera (geboren in Mexiko) weiss ganz genau, wovon er da berichtet, denn er ist in seinem Brotberuf Museumspädagoge am Moma NY. Auf den Cartoons sieht man irgendwo im Busch verirrte Biennale-Kuratoren, die in kompletter Verkennung der Realität nach Videobegleitung durch die Eingeborenen fragen, oder verirrte Theoretiker, die mit irrem Blick Foucault und Agamben suchen. Die Dinger sind nicht sooo neu, denn Helguera hat sie schon mehrmals gezeigt und publiziert, aber es gibt immer wieder neue Sujets, und sie sind einfach eine kleine Freude inmitten der geballten Kunst. Für nicht Ausstellungsgänger: Sie werden peu à peu jeden Samstag im «Magazin» veröffentlicht.

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Dieser Artoon von Helguera als Zugabe, weil er so gut zum Anlass passt.

4. Die Prominenz in Sicht

Picabia-Ausstellung im Kunsthaus und Dada-Africa im Rietberg erfreuten sich – zu Recht – ebenfalls gesteigerter Aufmerksamkeit. Vereinzelte Nennungen weiterer Exponate und Kollaborationen lassen keinen weiteren grösseren Kunsttrend erkennen. Dafür trifft man doch immer gerne Stars unter den ausstellenden Künstlern. Michel Houellebecq und Maurizio Cattelan posierten graziös mit den hübschen Damen. Vergnügt wie selten lässt sich etwa Michel Houellebecq von der sympathischen Pressefrau der Manifesta, Nora Hauswirth, auf ihrem Velo kutschieren. Maurizio Cattelan machte Faxen für Diana Lira – in Zürich ist Cattelan längst zu Hause, hat doch der Galerist Nicola von Senger ihn ausgestellt, als noch kaum jemand den Namen kannte. Kurator Jankowski hielt als Fotosujet für Selfies willig hin und schien allgegenwärtig zu sein. Hans Ulrich Obrist war sogar doppelt anzutreffen! Erstens persönlich, zweitens als Grosskopf-Figur der Künstlergruppe «Big Head Brigade». Der Witz bei der Verkleidung war: unter dem Kopf von Obrist versteckte sich Jankowski!

Michel H. lässt sich von der Pressefrau der Manifesta Nora Hauswirth durch die Stadt kutschieren. Dabei bescheinigt ihm sein künstlerischer Check-up eine verhältnissmässig gute Gesundheit. Nächstes Projekt: künstlerischer Besuch eines Fitnessclubs, Herr Houellebecq

Maurizio Cattelan schneidet Faxen für die lustige und schöne Diana Lira - in Zürich ist Cattelan längst zuhause, hat doch der Galerist Nicola von Senger ihn ausgestellt, als noch kaum jemand den Namen kannte

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Chrisstian Jankowski als Hans Ulrich Obrist - eine Arbeit der Big Head Brigade

Christian Jankowski als Oberkurator Hans Ulrich Obrist – eine Arbeit der Big Head Brigade

Ein Prominenter seltsamer Art wurde von Andrei Below (Direktor des Garage-Museums in Moskau) im Helmhaus entdeckt und sorgte für Aufsehen in seinem Heimatland. Belov gelang es, den ehemaligen (und mittlerweile legendären) Bürgermeister von Moskau, Juri Luschkow (mit Glatze), mit seiner Gattin Jelena Baturina (mit grüner Hose) beim Betrachten eines Kunstwerks zu knipsen.

Im Helmhaus ausgespäht: Ex-Bürgermeister von Moskau Jurij Luzhkov (der Herr mit Glatze) mit steinreicher Gattin Jelena Baturina (grüne Hose)

Luschkow, muss man wissen, hat sich in Moskau vor allem mit seiner Vorliebe für schrecklich hässliche Skulpturen Surab Zeretelis zum Gespött der Bevölkerung gemacht. Eine davon steht immer noch mitten im Moskwa-Fluss und erschreckt die Touristen. Seine zweite Frau, Baturina, ist eine Bauunternehmerin und die reichste Frau Russlands – was um Himmels willen haben die beiden in Zürich an der Manifesta verloren?, fragte man sich in Moskau. Ein russischer Kommentator ist dann zum Schluss gekommen: Luschkow will den Schweizern Bienenhäuser andrehen (ein weiteres verspottetes Projekt Luschkows war die Ansiedlung von Bienenvölkern in Moskaus Pärken).

5. Das grosse braune Ding

Natürlich konnte das «Zurich Load» genannte grosse Minimalart-Kunstwerk von Mike Bouchet im Löwenbräu nicht unerwähnt bleiben. Doch der Gestank muss aggressiv machen, denn die meisten Kommentare sind schlecht gelaunt. Eigentlich erstaunlich! Wir mögen uns doch alle an den Erfolg von Charlotte Roches «Feuchtgebiete» erinnern und auch an die immer noch andauernde Begeisterung für Giulia Enders’ «Darm mit Charme». Wir leben eigentlich im Zeitalter der Verdauungseuphorie (der Bauch ist das bessere Hirn usw.).

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Warum machen also das Kunstwerk Bouchets und sein widerspenstiger Gestank alle so sauer? Meine Vermutung: atavistische Abneigung gegen die Ausscheidung anderer. In der Masse der Exkremente erkennt niemand seine eigene Duftnote, sondern nur die Markierung der anderen. Jedenfalls, das sollte hier doch auch gesagt sein: Es ist ein tolles Kunstwerk.

Formal überzeugend – in seiner porösen Ausbreitung, als ob es ein Stück Land Art wäre, mit seiner inhaltlichen Verdichtung (ja, so viel «produzieren» wir an einem Tag in Zürich). Es holt das Verdrängte ans Tageslicht, es zeigt auch, was Menschen fürs Geld tun (etwa die Mitarbeiter der Kläranlage, die täglich den Gestank ertragen), und es hat sogar Humor. Auch ist es nicht harmlos – und damit hat es vielen anderen der Manifesta-Joint-Ventures etwas voraus! Weil es eben stinkt, gegen alle Absicht, gegen die Bemühungen des Künstlers und allen Anstandsregeln zum Trotz.

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