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Das Geheimnis des Burgkellers

Ewa Hess am Dienstag den 3. Juni 2014

Wo: Auf der Churburg in Schluderns, Südtirol
Wer: Melli Ink alias Melanie Grieder-Swarovski
Bis: 5. Oktober 2014

Melli Ink: «Christopher», 2007

Melli Ink: «Christopher», 2007

Die Schweizer, sagt Galerist Damian Grieder an diesem Abend in Schluderns/Sluderno, die Schweizer würden nur vom Engadin her auf das Südtirol runterschauen und dann sofort den Kopf wieder einziehen. Er sei stolz, einige nun rübergelockt zu haben. Zu den Gelockten gehört, wenn auch keine Schweizerin, so doch Schweiz-Touristin aus Santa Maria in Val Müstair, die amerikanische Krimiautorin Donna Leon. Bevor sie jetzt im Grünen Baum ihren Teller Schlutzkrapfen (Südtiroler Ravioli) in Angriff nimmt, lobt sie die Künstlerin, der sie hierher gefolgt ist: Melli Ink.

Galerist Damian Grieder und die Künstlerin Melanie Grieder-Swarovski alias Melli Ink, die Churburg im Südtirol

Galerist Damian Grieder und die Künstlerin Melanie Grieder-Swarovski alias Melli Ink, die Churburg in Südtirol

Melli Ink ist, wie man in Zürich weiss, der Künstlername von Melanie Grieder-Swarovski, und man kennt hier auch ihr Werk. Damian Grieder ist ihr Mann – als Galerist leistet er gern Pionierarbeit. In Berlin vertrat er etwa die zeitgenössische Kunst nach dem Mauerfall, das war dort ein Novum. Auch jetzt, in Zürich, zeigt er Positionen, die sonst wenig vertreten sind. Etwa die mittlere Generation guter deutscher Künstler wie Christian Jankowski oder Michael Sailstorfer. Oder die Polin Alicja Kwade. Dass er auch das Werk seiner Frau vertritt, hat etwas sympathisch Unkompliziertes, was zu dem Paar passt.

Vernissagegäste im Hof der Burg, Inks Werk «Easy Prey»

Vernissagegäste im Hof der Burg, Inks Werk «Easy Prey»

Melli arbeitet mit Glas, was naheliegend scheinen könnte, wenn man bedenkt, dass die Swarovski-Glashütten irgendwie zu ihrem Familienerbe gehören (es gibt allerdings 200 Swarovski-Erben weltweit). Mellis Glaskunst hat indes wenig mit glamourösen Glitzerkristallen zu tun. Ihre transparenten, seifenblasenfeinen Gebilde erzählen vom Fressen und Gefressenwerden – karnivore Pflanzen und blankes Gerippe von Mensch und Tier, so weit das Auge reicht. Die am berühmten St. Martins College in London ausgebildete Bühnenbildnerin hat auch als Künstlerin ein Händchen für Dramatik. Für Franziska Kesslers und Marianne Karabelniks Kunstteppichedition «needknot» etwa entwarf sie einen Wollteppich, der so aussieht, als ob er aus zerscheppertem Geschirr bestehen würde.

Jetzt stellt Melli Ink also auf einer Südtiroler Burg aus, aber bevor ich von dieser erzähle (und es gibt einiges zu erzählen) will ich erst etwas klarmachen: Diese Ausstellung mag an einem touristisch interessanten Ort stattfinden, Folklore ist sie deswegen keinesfalls. Sie ist vielmehr ein Schritt vorwärts in der Entwicklung von Ink. Paradoxerweise hat sich die Künstlerin, indem sie sich von den historischen Ornamenten der fantastisch gut erhaltenen Burg inspirieren liess (die Kreuzgang-Malerei wird auf 1580 datiert), formal in eine ruhigere Richtung bewegt, was ihrem Werk gut tut. Da gibt es zwar immer noch die schönen hauchzarten Glaswerke, etwa Nachbildungen der mittelalterlichen Wasserspeier aus Glas, doch die grossen Zeichnungen, die mit den ebenfalls ausgestellten grossen Keramikarbeiten korrespondieren, überzeugen auf eine formal reifere Art.

Ornament des Burg-Kreuzgangs, Inks Keramik aus der Serie «Coira»

Altes Ornament des Burg-Kreuzgangs, moderne Interpretation auf Inks Keramik aus der Serie «Coira»

Es ist fast, als ob die Burg die Rolle der grossen Exzentrikerin übernommen habe und damit etwas in der Künstlerin befreit habe. Ein Freundschaftsdienst der besonderen Art, kennen sich doch Melanie Swarovski und der amtierende Burgherr Gaudenz ­Hieronymus Graf Trapp zu Churburg, Matsch und Kirchberg seit ihren Kindheitstagen. Der joviale «Gaudi», dessen Familie die von den Churer Bischöfen 1259 gegründete Churburg seit mehr als 500 Jahren besitzt, hat erst kürzlich einige Räume auf der Burg renoviert, und als ihm Melli erzählt hat, dass sie an einer Keramikserie arbeite, die von der ihr seit früher erinnerlichen Burgornamenten inspiriert ist, war die Idee flugs geboren: Wie stellen auf der Burg aus!

«Gaudi» Graf Trapp von Matsch, einer seiner Vorfahren, Besucherinnen

«Gaudi» Graf Trapp von Matsch, einer seiner Vorfahren, Besucherinnen

Zur Vernissage am Freitag nach Auffahrt gibt es Sonne und einige schicke Besucher aus Zürich, Innsbruck, Venedig und sogar aus Übersee. Die amtierende Burgherrin Joanna van Maasdijk Gräfin Trapp, gebürtige Edinburgherin, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Julie Andrews, der Film-Siefmutter der singenden Trapp-Familie im Musicalfilm «Sound of Music». Das waren allerdings andere Trapps, erklären die Gastgeber. Die drei Buben von Gaudi und Jojo (so nennt man Gräfin Joanna) sehen allerdings ebenso malerisch aus, noch einige Geschwisterchen und auch diese Trapps könnten lossingen.

«Jojo» Gräfin Trapp mit XY, St.Moritz-Galerist Stefan Hildebrandt

«Jojo» Gräfin Trapp mit Vernissagenbesucher, St.-Moritz-Galerist Stefan Hildebrandt mit Gattin Michaela

Auf der Burg wohnen die Trapps nur im Sommer – im Winter ist das alte Gemäuer zu kalt. Die weisse Fahne mit drei blauen Flügeln tut ihre Präsenz kund. Cäcilie Gräfin Trapp, (auch Gräfin de la Fontaine und d’ Harnoncourt-Unverzagt), die Mutter von Gaudi, ist mit Donna Leon befreundet, die im nur 20 Minuten Autoreise entfernten Santa Maria ennet der Grenze oft Ferien macht. Die Freundschaft erlebte allerdings schon schwierige Momente, als Leons Commissario Brunetti mal in einem Roman aus Venedig gen Norden fuhr, mitten durch Südtirol hindurch und nicht ein einziges Mal aus dem Autofenster hinausschaute, um die majestätische Churburg zu bewundern.

Cäcilie Gräfin Trapp mit Autorin Donna Leon, Sotheby's Direktorin Nadine Steger-Grisemer

Cäcilie Gräfin Trapp mit Autorin Donna Leon, Sotheby’s Direktorin Nadine Steger-Kriesemer mit Mann Harald

Beim Dinner im Gasthof Grüner Baum im nahe gelegenen Glurns machen weitere Schauergeschichten die Runde. Aber auch Ernstes wird besprochen. Man rätselt mit der ehemaligen Kunsthalle-Zürich-Stiftungsrätin und Zürcher Cashmere-Königin Sabine Parenti über Beatrix Rufs Nachfolge in der Kunsthalle und hört sich Gaudi Trapps Geschichten über das wechselvolle Verhältnis Südtirols zu Italien an (nach dem Ersten Weltkrieg verbot man Deutsch als Schulsprache und ist jetzt viel liberaler). Der Galerist Stefan Hildebrandt aus St. Moritz skizziert eine Vision von einer kunstbeseelten alpinen Landschaft hüben und drüben.

Es ist ein wundersamer Abend in diesem österreichisch-italienisch-schweizerischen Dreiländereck mit viel internationalem Einschlag. Nachts sieht man die Burg nur noch als einen dunklen Schatten vor dem Sternenhimmel. Die weisse Fahne aber, mit drei Flügeln, kündigt weithin sichtbar eine Präsenz an. Die der Kunst, denken die Vernissagengäste auf ihrem Weg in die kleinen Familienhotels der Umgebung.