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Ähnlichkeiten und Wahlverwandtschaften

Ewa Hess am Dienstag den 15. Dezember 2015

An diesem Abend stimmte einfach alles. Es war Advent, doch blieb die Hektik vor der Tür. Das Wohnquartier öffnete sich ohne jegliche Anbiederung dem zeitgenössischen Kunstgeschehen. Der Galerist machte unaufgeregt die Honneurs, während dem kuratierenden Künstler die Freude über den gelungenen Coup aus den Augen leuchtete. Putzmunter wirkten die Werke – sie hatten es gut zusammen.  Aber erst mal der Reihe nach.

Was: Gruppenausstellung «Interjektion». Künstler: Kevin Aeschbacher, Irene Düring, Markus Gadient, Lori Hersberger, Angelika Loderer, Clemens Wolf und Sigmar Polke. Kuratiert von Lori Hersberger.
Wo: Galerie Clemens Gunzer, Hottingerstrasse 44 in Zürich.
Wann: Vernissage 10.12.2015, bis 23. Januar.

Von links: Skulptur «Cola» von Angelika Loderer, Clemens Wolfs schwarzes Epoxy-Gemälde «Parachute Painting #9», Markus Gadients «Zyklus Wildenstein Nr. 277»

Von links: Skulptur «Cola» von Angelika Loderer, Clemens Wolfs schwarzes Epoxy-Gemälde «Parachute Painting», Markus Gadients Ölbild aus der Reihe «Wildenstein».

Meine früheste Erinnerung an ein Werk des Basler Künstlers Lori Hersberger sind natürlich die schwimmenden Teppiche im Arsenale während Harald Szeemanns unvergessener erster Venedig-Biennale von 1999. Szeemann hatte damals ein Werk des jungen Künstlers (Lori war damals 35 Jahre alt, er ist Jahrgang 1964) in Berlin gesehen und erkannte sofort das Potenzial. Er lud ihn ein, das soeben als Ausstellungsbühne entdeckte Arsenale zu bespielen, und der Künstler hat den bärtigen Visionär nicht enttäuscht. Seine monumentale Installation «Archaic Modern Suite» mit auf dem Kanalwasser floatenden Secondhandteppichen hat zum Glanz dieser berühmten Biennale beigetragen, mit der Szeemann das venezianische Event damals so gut wie neu erfunden hat. Seither haben wir viele Phasen im Werk von Lori H. gesehen. Eine Zeit lang malte er in leuchtendem Acryl (das Werk «Ghost Bayou» bei Gunzer stammt von 2003), dann gab es auch die Neonröhrenphase. Jetzt, soviel ich das überblicke, interessieren ihn grosse metallene Skulpturen, die er mit Vakuum verformt.

Lori Hersberger vor seinem Bild «Ghost Bayou» von 2003 in der Galerie Gunzer und 1999 vor seiner Arsenale-Installation in Venedig

Lori Hersberger an der Vernissage vor seinem Bild «Ghost Bayou» und 1999 vor seiner Arsenale-Installation in Venedig.

Der Salzburger Galerist Thaddäus Ropac hat Hersbergers künstlerische Neugierde als «dreidimensional» beschrieben, was in dieser Gruppenschau besonders gut zur Geltung kommt. Auch hier bringt Hersberger – als Kurator – Älteres, Jüngeres, Bewährtes, Intimes und auch Queres zusammen, und es passt. Das Tüpfelchen auf dem i ist das magische Werk «Interferenzbild» von Sigmar Polke: Ein intensiv leuchtender perlmuttartig schimmernder dünner Farbfilm auf schwarzem Tonpapier scheint sich darauf vom unteren zum oberen Bildrand zu bewegen. Das Bild hat der Galerist in die Gruppenschau eingebracht – es steht ebenfalls zum Verkauf. Für einen Preis unter einer halben Million ist es meiner Meinung nach hier günstiger zu haben, als ich ähnliche Werke auch schon an den Messen gesehen habe.

 

Galerist Clemens Gunzer vor Sigmar Polkes «Interferenzbild» (im vordergrund die Skulptur «Aschenbecher» von Angelika Loderer, ein Blick von Aussen in die Galerie am Hottingerplatz, Tobias Müller von der Galerie Bruno Bischofberger vor Polke

Galerist Clemens Gunzer neben Sigmar Polkes «Interferenzbild» (im Vordergrund die Skulptur «Aschenbecher» von Angelika Loderer), ein Blick von aussen in die Galerie am Hottingerplatz, Tobias Müller von der Galerie Bruno Bischofberger vor Polke.

Clemens Wolfs dunkles, massiges Gemälde «Parachute Painting», welches er mit schwerem, dicken Epoxy-Lack auf Fallschirmseide angebracht hat, war ein perfektes Gegenstück zum transparent-transzendenten Polke. Mich hat es allerdings einigermassen schockiert, dass ich die Malerei von Markus Gadient nicht gekannt habe – die Bilder sind wunderbar. Der 57-jährige Basler Künstler verbindet Figuratives und Expressives in seinen grossen Tableaus (Öl auf Baumwolle), die offensichtlich nach Natur gemalt sind und vor einer gefühlsstarken Pinselführung nicht zurückschrecken. Kevin Aeschbachers «geschnürte Wolke» war das verbindende Glied zwischen den malerischen Höhenflügen und den augenzwinkernd nüchternen Skulpturen Angelika Loderers, die etwas so einladend Unprätentiöses an sich hatten, dass alle Anwesenden am liebsten eine nach Hause genommen hätten (einige haben es auch getan, die grössere Skulptur etwa wurde für, soviel ich hörte, 7000 Franken verkauft).

Irene Dürings Wandstickerei «I Wish I Had Known In That First Minute», Irene Düring und Niklaus Künzler, Kevin Aeschbachers «Charismalimboindiafoxtrottfuckface»

Irene Dürings Wandstickerei «I Wish I Had Known in That First Minute», die Künstlerin Düring im Gespräch mit Niklaus Künzler von Phillips, Kevin Aeschbachers «Charismalimboindiafoxtrottfuckface».

Auch die hauchdünne «Wandstickerei» von Irene Düring passte perfekt. Man hatte keine Lust, wieder nach Hause zu gehen, und kam ins Plaudern. Mit Tobias Müller, dem Direktor von Bruno Bischofbergers Galerie, unterhielt ich mich über die Ähnlichkeiten von Kunsthändlern und Schauspielern (ein Beitrag vom Februar 2015, nachzulesen hier). Nun, Tobias war mit meinem Vergleich zwischen dem charismatischen, zu früh verstorbenen Kunsthändler Thomas Ammann und dem «Mad Men»-Schauspieler Jon Hamm nicht einverstanden. Nein, nein, Thomas Ammann habe viel eher Jude Law, dem «Alfie»-Darsteller (dem zweiten, nach dem legendären Michael Caine, natürlich), geglichen. Liebe Leute, Tobias weiss es – er ist Thomas Ammanns Neffe. Akzeptiert bitte hiermit mein Korrigendum.

Michael Fassbender, Niklaus Künzler, Papa und Sohn Vito Schnabel

Michael Fassbender, Niklaus Künzler, Papa Julian und Sohn Vito Schnabel.

(Der ebenfalls anwesende Niklaus Künzler, der in Zürich tätige Fachmann des Auktionshauses Phillips, gleiche übrigens eher dem Hollywood-Beau Michael Fassbender, haben wir uns geeinigt.)

Am Samstag hat Galerist Clemens Gunzer (gleicht übrigens, meiner Meinung nach, Edward Norton) schon wieder eine Eröffnung – diesmal in Kitzbühel, wo der Österreicher auch eine Galerie unterhält. Was uns alle natürlich an die Zeit erinnerte, als Thomas Ammann Bruno Bischofbergers Filiale in St. Moritz führte. Und daran, dass in der gleichen Lokalität in zwei Wochen der junge Vito Schnabel seine St. Moritzer Venue eröffnen wird – er hat die Räume von Bischofberger übernommen. Den wiederum kennt er seit Kindesbeinen, weil sein Vater, der Maler Julian Schnabel, Bischofbergers hochgeschätzter Künstler ist.

Ach, ist diese Welt nicht klein?