Beiträge mit dem Schlagwort ‘Jeremy Deller’

Kunst ist der neue Schweinebauch

Ewa Hess am Mittwoch den 18. Oktober 2017

Anlässlich der Londoner Kunstmesse Frieze hat die britische Zeitung «Guardian» einige Künstler gefragt, was ihnen gerade am meisten Anlass zur Sorge gibt. (Frieze ging ja letzte Woche zu Ende. Laut den Berichten von Galeristen war 2017 eine gelungene Ausgabe. Man habe das Gefühl, der Brexit-Schock sei vorbei und der Londoner Kunstmarkt sei «its old merry self again»). Die Antworten, welche die Künstlerinnen, Künstler und eine Handvoll Kuratoren dem «Guardian» gaben, bestätigen eigentlich diese Auskunft: Dem Markt geht es gut. Ob es aber auch den Künstlern in dieser Situation gut geht? Unklar.

Worüber machen sich Künstler Sorgen? «Der Denker» von Rodin im Garten des Musée Rodin in Paris. Bild via pinterest

Seltsamerweise gelten die Sorgen vieler Künstler gerade diesem soliden Zustand des Kunstmarkts. Der permanente Kapitalzufluss bringt ihre künstlerische Identität in eine schiefe Lage: GB-Künstlerin Tacita Dean sagt, dass das an ihr nage, dass sie einerseits vom Markt abhängig sei, andererseits aber ihre Kreativität vor ihm schützen müsse. Stefan Kalmar, Direktor des Londoner ICA, sorgt sich darum, ob er die Hand beissen darf, die ihn füttert. Und Touria El Glaoui, die Gründerin einer afrikanischen Kunstmesse, fragt: «Wie können wir uns treu bleiben und gleichzeitig im kommerziellen Markt überleben?»

Kein Zweifel: Die andauernde Stärke des Kunstmarktes hat die Kunst in eine Ressource verwandelt, vergleichbar mit Rohöl oder Schweinebauch. Man kauft sie als Anlage, und jede Bank, die etwas auf sich hält, beschäftigt mittlerweile einige Kunstportfolio-Berater. Für die Künstler heisst es nichts anderes, als dass ihre Kreativität «angezapft» wird. Solange sie noch jung sind, wird die Qualität ihrer «Rohkunst» gemessen, ihre künftige Preisentwicklung extrapoliert, und dementsprechend werden die «Tanks», ob zu Hause bei den Sammlern, in der Aufbewahrungskammer einer Bank oder im Freilager, mit ihren Werken bestückt. Der Künstler bleibt ermattet in seinem Atelier zurück – und fühlt sich womöglich wie ein leerer Brunnen.

Ist Kunst das neue Schweinefleisch? Gustave Caillebotte, «Nature morte», Ölgemälde, 1882.

Lustigerweise gab es kürzlich in der «New York Times» eine Reportage, die diese Sorge der Künstler etwas zerstreuen könnte. Denn, liebe Künstler, keine Angst! Die Kunst schlägt zurück. Es ist der Kunst nämlich in die Gene geschrieben, dass sie sich nicht vereinnahmen lässt. Schliesslich war sie schon immer in Gefahr, am Hofe der Mächtigen und der Reichen nur noch den Narren zu geben – über all die Jahrhunderte widerstand sie, und es gibt keinen Grund, wieso das jetzt plötzlich anders werden sollte.

In diesem Artikel also beschreibt Kollege M.H. Miller einige Sammler, die Werke mit Aussicht auf ihre Wertvermehrung gekauft haben, sie in ihrem Zuhause aufnahmen, zunehmend eine Beziehung zu ihnen aufbauten, schlussendlich aber komplett unter ihre Fuchtel gerieten. Die Kunstwerke verlangten immer mehr von ihren Besitzern – eines von ihnen zwingt den Sammler, den smarten Manhattan-Banker Paul Leong etwa, genetisch veränderte viereckige Wassermelonen züchten zu lassen, ein anderes besetzt ein ganzes Zimmer der Wohnung, das sich allmählich in ein immer gefährlicheres Chaos verwandelt usw. usf.

Max Hooper Schneider, «Genus Watermelancholia», 2014, genetisch veränderte  quadratische Wassermelone, Bildrechte: der Künstler und Jenny’s, Los Angeles; Foto: Michael Underwood

Was zeigt, dass die Kunst sich schon noch zu wehren weiss und dass die Künstler, die am Morgen mit dem bangen Gedanken aufwachen: «Oh mein Gott, und was mache ich, wenn jemand mein Kunstwerk aus den falschen Gründen kaufen will?», sich die falschen Sorgen machen. Überhaupt, was mich am meisten bei der Umfrage des «Guardian» erstaunte, war, dass keiner der Gefragten gesagt hat: «Meine grösste Sorge gilt dem unfertigen Kunstwerk in meinem Atelier.» Gibt es das nicht mehr, das Ringen um die Kunst? Von ihrer Stärke hängt doch ab, ob sie dem Marktgedanken Paroli bieten kann.

Eine Installation von Jeremy Deller an der Biennale Venedig 2013. «A Good Day for Cyclists», Jeremy Deller, 2013. Courtesy British Council. Photograph Cristiano Corte

Die beste Antwort hat sowieso der britische Künstler Jeremy Deller gegeben, ich mag den Kerl. Seine war auch die kürzeste Antwort: «WTF?» – What the fuck? In der Tat, eine Frage, die sich jeder Künstler jeden Tag aufs Neue stellen sollte. Was zum Teufel ist los? Was zum Teufel ist mit mir und der Welt um mich herum los? Und wie kann ich daraus gute Kunst machen?

What the fuck?, ich will es mir merken. Es würde auch mir nicht, und auch keinem von uns, schaden, sich jeden Morgen dieses dringende WTF? um die Ohren zu schlagen.

Frieze. Spektakulär

TA Korrektorat am Dienstag den 21. Oktober 2014

Ein Gastbeitrag von Michelle Nicol*

Die Londoner Kunstmessen Frieze und Frieze Masters zu besuchen, heisst, die optimale Mischung zwischen erhebenden Inhalten und schnöder Unterhaltung zu erleben. Wobei die Ereignisse ausserhalb der Messen den mindestens gleichen Stellenwert einnehmen.

Was: Kunstmessen Frieze und Frieze Masters
Wann: 15. bis 18. Oktober
Wo: London, Regent’s Park und überall in der Stadt

Betrachten wir die Gewichtung: 162 Aussteller präsentierten sich an der Frieze London, deren 127 an der Frieze Masters. Die Frieze zeigt ausschliesslich zeitgenössische Kunst und dazu Frieze Projects, eine Serie von eigens in Auftrag gegebenen Kunstwerken, sowie Frieze Talks bestehend aus Diskussionen, Reden, Vorträgen. Neu dieses Jahr: Live. Live ist eine Reihe von performativen Installationen mit echten Menschen, und es war sehr amüsant, auf dem Rundgang durch die Messe immer wieder auf turnende und sich auffällig gebärdende Individuen zu stossen.

Bunte Messe: Wiederaufgeführte Performance Franz Erhard Walthers «Sehkanal» von 1968, Carsten Höllers Würfel bei Gagosian, Büchels «Sleeping guard» bei Hauser & Wirth

Bunte Messe: Wiederaufgeführte Performance Franz Erhard Walthers, «Sehkanal» von 1968, Carsten Höllers Würfel bei Gagosian, Büchels «Sleeping Guard» bei Hauser & Wirth.

Frieze Masters übrigens, ebenfalls in einem Zelt im Regent’s Park lokalisiert, zeigt ausschliesslich Kunst, die vor dem Jahr 2000 produziert wurde. Dieser historische Aspekt gibt der Frieze Masters einen seriösen Anstrich, und schnell war klar: Die Frieze Masters ist die strenge ältere Schwester der ausgeflippten Frieze. Es ist kein Wunder, dass Victoria Siddall, Direktorin der Frieze Masters, neu auch für die Frieze verantwortlich zeichnet.

An der Frieze aufgefallen: Carsten Höllers farbenfrohe Präsentation für die Gagosian Gallery. Man weiss, dass der belgische Künstler Höller sich gerne über die urtümliche Menschenliebe für Kinder lustig macht. So war sein Stand einem fröhlichen Kinderpark nachempfunden – jedoch weiss der Kenner, dass es sich um ein Assortiment von Fallen handeln muss. Und dass der grosse Würfel, in welchen die lieben Kleinen durch die schwarzen Punkte hineinklettern können, mindestens einen Kinderschänder oder noch Wüsteres verbirgt.

Ebenfalls bunt und genauso beeindruckend: die Porträts von Nicolas Party bei Gregor Steiger, eine junge Galerie aus Zürich. Und nochmals Zürich: Bei Hauser & Wirth wähnte man sich in einem klassizistischen Salon, dank grün bespannten Wänden und kleinen runden Nummernplaketten, die jeweils ein Werk bezeichneten – das war so viel schicker als ein Namensschild aus Karton. Und da war der schlafende Wärter in der Ecke: einer der Live-Acts? Oder ganz einfach ein müder Wärter, übermannt vom Sandmännchen? (Es stellte sich heraus, dass es sich um ein Werk des Schweizer Künstlers Christoph Büchel handelte.)

Der britische Künstler Mark Wallinger, neu im Hauser&Wirth-Stall, hat den Messestand der Galerie kuratiert im Stil von Sigmund Freuds Londoner Kabinett, Galerist Gregor Staiger im Gespräch mit dem Künstler Nicolas Party, Steigers booth mit Werken von Party

Der britische Künstler Mark Wallinger, neu im Hauser-&-Wirth-Stall, hat den Messestand der Galerie kuratiert im Stil von Sigmund Freuds Londoner Kabinett (links), Galerist Gregor Staiger im Gespräch mit dem Künstler Nicolas Party (Mitte), Staigers Stand.

Und dann die Auktionen. Auch sie ein gewichtiger Faktor im Kunstprogramm. Das Auktionshaus Phillips eröffnete einen neuen, imposanten Sitz direkt am Berkeley Square. Man sagt, er habe 100 Millionen Pfund gekostet. Zur Feier des Anlasses kuratierte Francesco Bonami eine Skulpturenausstellung im Erdgeschoss, es gab ein gewichtiges Dinner am Montag und je eine Auktion am Mittwoch und Donnerstag. Mein Lieblingswerk: zwei Zeichnungen auf Häuschenpapier von Sigmar Polke aus dem Jahr 1968. Schätzpreis: 25’000–35’000 Pfund. Verkauft für 30’000 Pfund.

Zwei wunderbare Zeichnungen Polkes bei Phillips, das neue Phillips-Headquarters am Berkeley Square

Zwei wunderbare Zeichnungen Polkes bei Phillips, das neue Phillips-Headquarter am Berkeley Square.

Besonders schön sind die charmanten Ereignisse am Rande der Messe. Zum Beispiel das traditionelle Dinner von Sammlerin Valeria Napoleone zugunsten des unabhängigen Kunstortes Studio Voltaire. Valeria empfängt jeweils bei sich zu Hause, und so kann man ihre Kunst – sie sammelt ausschliesslich von Frauen Produziertes – vor Ort bewundern. Als Italienerin ist sie selbst eine ausgezeichnete Köchin, und ihr Personal kocht ihre Rezepte in Perfektion. Nur das Dessert, das macht sie selber. Kim Gordon, Popstar, Penny Martin von «Gentlewoman» (aktuell das beste Magazin der Welt), Clare Waight Keller, Kreativdirektorin von Chloé: Sie alle kosteten davon.

Bei Valeria Napoleone: Turner-Preis-Gewinner Jeremy Deller im Gespräch mit Sarah Douglas, art editor von Wallpaper, die Gastgeberin begrüsst den Direktor des Studio Voltaire Joe Scotland, mit der Musikerin Kim Gordon (Gründerin von Sonic Youth)

Bei Valeria Napoleone: Turner-Preis-Gewinner Jeremy Deller im Gespräch mit «Wallpaper»-Redaktorin Sarah Douglas (links), die Gastgeberin begrüsst den Direktor des Studio Voltaire, Joe Scotland (Mitte), Valeria Napoleone mit der Musikerin Kim Gordon (Gründerin von Sonic Youth).  © Dafydd Jones

Michelle* Michelle Nicol ist Kunsthistorikerin und Gründungspartnerin der Kreativagentur Neutral Zürich AG. Kuratorin, Kritikerin und Werberin. Bringt Kunst, Architektur und Marken zusammen.