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Ewa Hess am Dienstag den 10. März 2015

Am vergangenen Freitag wohnte ich einer Performance im Zürcher Offspace Hacienda bei. Die Performerin war eine junge Norwegerin namens Jennie Hagevik Bringaker. Es geschah im Rahmen einer Gastausstellung des Osloer Offspace 1857 in Zürich. Zuvor war Hacienda in Oslo zu Gast, all das hatte mit der Schau «Europe, Europe» zu tun; einer Schau, die gemeinsam mit jungen Künstlern und Kuratoren eine neue Kunstkarte Europas zu zeichnen versucht hat. Private View hat für Sie berichtet.

Was: Wochenendausstellung «Pattern Drill» im Offspace Hacienda an der Neustadtgasse 11 in Zürich (im Niederdorf, nah am Grossmünster)
Wann: Freitag, 6.3.2015, die Schau war nur am Wochenende zu sehen

Eingesponnen: Performance von Jennie Hagevik Bringaker im Zürcher Niederdorf

Eingesponnen: Performance von Jennie Hagevik Bringaker im Zürcher Niederdorf  Fotografie: H. Jokeit

Die junge Frau, es ist die Künstlerin selbst, liegt am Boden des Innenhofs der Hacienda. Windungen aus schwarzem Seil fesseln ihren Körper, ihre Füsse, ihre Arme. Sie scheint unruhig zu schlafen. Über ihr steht eine Spinne aus gelbem Stahlrohr, eins ihrer Beine berührt den Körper des Mädchens, sondert den schwarzen Faden ab und vielleicht auch das bewusstseinsraubende Gift. Der Boden ist kalt und dunkel, das blonde Haar des schlafenden Mädchens wälzt sich achtlos im Dreck hin und her.

Die Szene rührt jeden. Und jeden auf eine andere Art. Die meisten Besucher hier sind junge Kunstkenner – darum ist Louise Bourgeois’ «Maman» genannte Riesenspinne aus Bronze die erste kollektive Assoziation. Ich denke, indem ich der stillen Performance zuschaue, an das Thema, welches zu erhellen ich manchen von Ihnen in den Blogkorrespondenzen versprochen habe. Wie erkennt man gute Kunst?

Natürlich gibt es keine Patentrezepte. Das, was wir sehen, schrieb schon John Berger damals in seinem wunderbaren Büchlein «Sehen», hat nämlich immer damit zu tun, was wir wissen und glauben. Das heisst unter anderem, dass je mehr gute Kunst wir schon gesehen haben, desto besser können wir auch gute Kunst erkennen. Sie können aber für sich selbst eine kleine Checkliste aufzustellen. Eine, die nur für Sie gilt.

1. Ein gutes Kunstwerk funktioniert auf mehreren Ebenen.  Einem Kind sagt es etwas,  einem Erwachsenen ebenso und einem Kunsthistoriker erst recht. Um zu prüfen, ob das der Fall ist, genügt Ihre eigene Vorstellungskraft.

Am Beispiel der Spinnenperformance würde es heissen: Ein Kind könnte beeindruckt sein, weil die Szene, das man sieht, Gefühle weckt. Das Mädchen – schläft es? Ist es krank? Was ist mit ihm passiert? Was tut ihm die gelbe Spinne an? Ein Erwachsener könnte beeindruckt sein, weil die Szene Assoziationen weckt, die mit seinem Leben zu tun haben: Ein Individuum wird von einem technischen Ungeheuer gefangen gehalten. Sind wir es nicht alle? Wird unsere Lebenskraft nicht von einem von uns selbst geschaffenen System eingeschläfert, ausser Kraft gesetzt? Sitzen wir nicht alle wie gefesselt den ganzen Tag vor den Bildschirmen, zappeln in einem  vernetzten Universum, das uns virtuelle Traumbilder ins Gehirn projiziert? Ist nicht unsere Vergangenheit auch eine Art Spinne, welche die Lebenskraft einerseits abzieht, andererseits wieder einspeist? Und der Kunstkenner denkt: Aha, hier nimmt eine neue Generation Bezug auf ein Kunstwerk und erweitert seine Aussage. Bei Louise Bourgeois heisst die Spinne «Maman», und wer das Werk der wunderbaren Französin kennt, weiss, wie sehr sich ihre Figuren auf die oppressive – unumgänglicherweise oppressive? – Familienkonstellation beziehen. Mutter als das manchmal auch grausame Prinzip der Lebenserneuerung. Jennies Spinne aber ist kein Naturmonster wie bei Bourgeois, sie wirkt eher wie ein Ding aus einem frühen SF-Film. Die Post-Internet-Generation erweitert die Auseinandersetzung mit der Familie auf die globale Familie, auf ein komplexeres und unpersönlicheres Beziehungsgeflecht.

Louise Bourgeois und ihre «Maman» - (Mitte) im Sommer 2013 in Zürich

Louise Bourgeois und ihre «Maman» – (Mitte und links) im Sommer 2011 in Zürich, rechts die Künstlerin (1911–2010) vor dem Werk «Spider».

2. Ein gutes Kunstwerk spricht Sie – ja, Sie – ganz persönlich an. Ein ganz guter Indikator für die Qualität ist, wenn das Kunstwerk einen an ein intimes Detail aus dem eigenen Leben erinnert. Glauben Sie mir nicht? Probieren Sie es aus. Sobald Sie im zu beurteilenden Kunstwerk die entfernt vertrauten Züge Ihrer Tante Hilda sehen oder eine Farbe, die der Himmel mal hatte, als sie etwas Wichtiges erlebt haben, hat das Kunstwerk Sie schon ein bisschen bezirzt. Und das ist ein sehr gutes Zeichen.

Denn ein gutes Kunstwerk schafft es gleichzeitig, etwas Universelles und etwas Persönliches auszudrücken. Der Künstler «macht» das nicht. Es ist eine Gnade, die seinem Kunstwerk zuteil wird. Ich erkläre mir das so, dass das Unbewusste des Künstlers zum Unbewussten des Zuschauers direkt spricht. Vor einem Kitschbild denkt man vielleicht: «Oh, wie herzig.» Aber in einem Porträt von Picasso kann man vielleicht die Züge eines erbosten Bekannten erkennen. Oder es erinnert einen an die Spiegelung eines geliebten Gesichts im Wasser. Oder whatsoever. Mich erinnert das schlafende Mädchen in der Hacienda ein bisschen an eine Arbeitskollegin, die mal mitten im Filmfestival erschöpft im Pressezentrum einschlief. Genau so schlief sie, zappelnd, unruhig. Ihre Müdigkeit war ihre Lebenskraft, die sich über das fordernde System hinwegsetzte.

Skulpturen von Stian Eide Kluge, Hacienda und 8751 auf der Treppe vor dem «Urban Camouflage« von Ivan Galuzin

Skulpturen von Stian Eide Kluge (links und rechts), Hacienda-Macher Arthur Fink, Oskar Weiss (zuoberst) und die Gäste aus Oslo auf der Treppe vor dem Werk «Urban Camouflage« von Ivan Galuzin (Mitte).

3. Ein gutes Kunstwerk gefällt Ihnen nicht sofort. Das ist als Kriterium schon etwas schwieriger, denn ein schlechtes tut es auch nicht. Und darum muss man den Zeitfaktor berücksichtigen. Vielleicht muss man mehrmals während eines Besuchs zu einem Bild oder zu einem Objekt, das einen interessiert (oder einen besonders ärgert, auch das ist ein gutes Zeichen), zurückkommen und immer eine Weile davor stehen bleiben. Ein gutes Bild, sagt Jörg Heiser, ist eines, das die Kunst weiterbringt. Das ist ein hoher Anspruch, ausserdem gefällt er mir nicht so ganz, weil er eine Vorstellung von einer linearen Entwicklung in der Kunst voraussetzt. Ich glaube aber, dass die Kunst sich wie eine Schachfigur bewegt – mal vorwärts, mal rückwärts, und mal im Zickzack. Auf die Spinnenperformance bezogen, heisst es, dass ich misstrauisch werde, weil mir die Sache zu schnell einleuchtet. Einerseits: Bourgeois. Andererseits: System als die Mutter-Matrix.  Und die nette junge Frau in Bedrängnis – emotional eine Hammerkeule. Das ist schnell begriffen und vielleicht auch ein bisschen zu schnell. Innerhalb der tollen Ausstellung, die dem Titel «Pattern Drill» (was so etwas heisst wie Exerzitien mit Mustern) auf eine sehr differenzierte Weise gerecht wird, funktioniert das prima. Für mein Urteil über das Werk von  Jennie Hagevik Bringaker heisst es – es macht mich neugierig auf weitere Werke von ihr.

Ist auch nicht das Schlechteste, was man von einem Werk sagen kann, nicht wahr?