Beiträge mit dem Schlagwort ‘Jean Jullien’

Piktogramm des Horrors

Ewa Hess am Montag den 16. November 2015

Innert weniger Stunden haben sich Tausende des Zeichens bemächtigt: Ein mit leicht zu zittern scheinender Hand gezeichnetes Peace-Symbol, dessen inneres Dreieck dem Eiffelturm gleicht, dem Wahrzeichen von Paris. «Peace for Paris» wurde nebst der in den Farben der Tricolore eingefärbten Profilfotos sowohl auf Facebook wie auf Twitter zum meistgeteilten Piktogramm des Horrors. Die Zeichnung habe Banksy angefertigt, hiess es schon bald – dem grossen Konsumverweigerer der Kunstwelt traute man zu, eine solche Chiffre für das kollektive Entsetzen schnell entwerfen zu können.

Acht Minuten nach Mitternacht: Jean Julliens Post auf Twitter, dreizehn Minuten nach Mitternacht: Der falsche Banksy bemächtigt sich des Zeichens

14. November, acht Minuten nach Mitternacht: Jean Julliens Post auf Twitter (links), dreizehn Minuten nach Mitternacht: Der falsche Banksy bemächtigt sich des Zeichens.

Zu Unrecht, wie sich zeigt. Die Zeichnung hat der französische Künstler Jean Jullien voll Kummer gekritzelt und gleich nach Mitternacht auf seinen Accounts geteilt. Eine Person, die sich auf Twitter @therealbanksy nennt und für Banksy ausgibt (und auf diese Weise über eine Million Follower gesammelt hat) schnappte das Bild sofort und postete es ebenfalls. Die vielen Retweets dieses Posts trugen die Verwirrung in Bezug auf die Autorenschaft ins weltweite Netz hinaus. Der richtige Banksy unterhält zwar seit 2007 einen Twitter-Account, dessen einziger, oft wiederholter Inhalt aber besagt: «Banksy is not on Twitter». Am Wochenende fügte er seiner Homepage in der Sektion «Question + Answers» die Bekräftigung an, dass er sich auf Social Media nicht äussert. Denkt man über die Sache etwas länger nach, scheint einem logisch, dass das Zeichen nicht von ihm stammen kann – Banksys Zeichensprache fehlt die Direktheit der Piktogramme. Seine Graffitis, auch wenn sie manchmal wie Kinderzeichnungen aussehen, sind komplexer in ihrer Symbolik.

Diesen Update zu seiner Homepage hat Banksy erst am Wochenende hinzugefügt - seine Art, der Usurpierung einer falschen Autorschaft entgegenzuwirken

«Banksy is not on Facebook and is not on Twitter». Dieses Update zu seiner Homepage hat Banksy erst am Wochenende hinzugefügt – wohl um der falschen Autorenschaftzuschreibung entgegenzuwirken.

Wer ist aber der wahre Autor des «Peace for Paris»-Zeichens? Jean Jullien ist 32, in Paris geboren, hat in London studiert und lebt wahrscheinlich immer noch dort, wenn er auch seinen genauen Wohnort zurzeit nicht verraten möchte. Er hat inzwischen einige Interviews gegeben. Er zeichne meistens, um Menschen zum Lachen zu bringen, sagte er in diesen, «doch diese Zeichnung war meine direkte Reaktion auf Trauer». Der Zeichner hat auch früher politische Aktualität kommentiert, auch die brutalen Attacken auf  «Charlie Hebdo» in Paris. Die Verwirrung um die Autorenschaft sei ihm übrigens egal, das sei kein guter Zeitpunkt, um sich wegen der Urheberrechte aufzuregen.

Jean Jullien, der Zeichner des «Peace for Paris»

Jean Jullien, der Zeichner des «Peace for Paris». Foto: Daniel Arnold

Julliens satirische Begabung ist gefragt, erst vor wenigen Tagen hat die «Süddeutsche Zeitung» eine Serie seiner Zeichnungen veröffentlicht, die peinliche Begrüssungsmomente schildern. Er beobachtet genau und mokiert sich meist nur leise über seine Umwelt und ihre diversen Absurditäten: die tägliche Verlogenheit, die Feriengewohnheiten, die Kommunikationspannen. Wie viele im Ausland lebende Franzosen hat er die Schreckensstunden am Freitag, dem 13. am Fernsehen mitverfolgt.

Ältere Prints von Jean Jullie: Louis-Vuitton-Burka, die Bräune des Handynutzers

Ältere Prints von Jean Jullien: Louis-Vuitton-Burka, die Bräune des Handynutzers.

Die französischen Künstler und Kulturschaffende haben ihrem Entsetzen sonst weniger bildlich Ausdruck gegeben. Der algerisch-französische Bildhauer und Zeichner Adel Abdessemed etwa, der Algerien verliess, weil er mit dem agressiven Islamismus nicht zurecht kam, sagte die Eröffnung seiner Ausstellung in Los Angeles ab, wie er der Zeitung «Le Figaro» erzählte. «Diese Verrückten, die Mord und Selbstmord nicht scheuen, die kenne ich schon», sagt er, «ich bin bereits vor ihnen geflohen. Ich weiss wie sie funktionieren und ich weiss, wie sie rekrutiert werden. Ein gut funktionierender Mechanismus, der mich an die Hitlerjugend erinnert – das jugendliche Bedürfnis nach Utopie wird brutal ausgebeutet». Abdessemed selbst ist vor zwei Jahren anlässlich seiner Ausstellung in Doha unter Androhung einer Fatwa gezwungen worden, eine seiner Skulpturen aus der Ausstellung zu entfernen. Die Skulptur, fünf Meter gross, zeigte Zinedine Zidane und Marco Materazzi in der berühmten Kopfstoss-Szene der Fussball-WM von 2006. Unklar, was den Fanatikern daran nicht passte, sie wurde schliesslich wegen «Idolatrie» aus Katar entfernt.

Die der «Idolatrie» angeklagte Skulptur von Abdemessed wird aus Doha (Katar) entfernt

Die Zidane-Skulptur von Adel Abdessemed in Doha, Katar.

Die Filmemacherin Agnes Varda, von mehreren Medien belagert, weigerte sich übrigens standhaft, die ihr wohlfeil scheindenden Betroffenheitsfloskeln zu äussern. Das sei nicht ihre Art, sagte sie. Sie müsse erst nachdenken. Und auch die 90-jährige Künstlerin und Dichterin Etel Adnan, über die ich letzte Woche berichtet habe und die gerade im Haus Konstruktiv eine schöne Ausstellung hat, schrieb einen nachdenklichen Satz als Kommentar zum Geschehen, den Hans Ulrich Obrist auf Instagram postete: «Der Terror ist unser kollektives Versagen. Das Leben der Triumph der Natur».

Screen Shot 2015-11-16 at 02.02.33