Beiträge mit dem Schlagwort ‘Jean-Frédéric Schnyder’

Sagt Fischli

Ewa Hess am Dienstag den 16. September 2014
Private View

Feiert sein Debut als Kurator: Peter Fischli im Kunsthaus. Foto: Dominique Meienberg

Peter Fischlis Debüt als Kurator hat Zürich elektrisiert. Ausgerechnet Hodler! Die halbe Stadt war unterwegs zur Vernissage am Heimplatz. Diese Eröffnung enttäuschte auch nicht: Nicht nur ist die Ausstellung Weltklasse. Es gab auch noch besondere Vorkommnisse, inklusive einer mysteriösen Lightshow. (Zur gleichen Zeit und an der Rämistrasse um die Ecke feierte Galerie Mai 36 Eröffnung. Privateview-Autor Giovanni Pontano berichtet darüber hier).

Was: Die Ausstellung «Ferdinand Hodler und Jean-Frédéric Schnyder» – kuratiert von Peter Fischli
Wo: Kunsthaus Zürich
Wann: Donnerstag, 11. September 2014 (Pressekonferenz um 11 Uhr, Vernissage um 19 Uhr). Ausstellungsdauer bis 26. April 2015

Das Zürcher Kunsthaus, muss man vielleicht im Vorfeld erwähnen, hat in der letzten Zeit wirklich Pech gehabt und konnte einem ein wenig leid tun. Da lief es doch schon so prächtig mit den Vorbereitungen für den Neubau und dann das: eine Einsprache, die den ganzen Prozess um Jahre verzögern kann. Genug, um gehörig sauer zu werden. Wer weiss, wie lange sich der Kampf um den «Klotz», wie die rekurrierende Stiftung Archicultura den geplanten Erweiterungsbau nicht allzu freundlich nennt, noch hinziehen wird. Und wer weiss, ob nicht inzwischen auch noch andere Menschen in Zürich plötzlich auf die Idee kommen, dass sie statt des Riesenbaus lieber was Leichteres hätten. Hm.

Ehemalige Kunsthaus-Kuratorin, heute Chefin der Fondation Van Gogh in Arles, Bice Curiger, Sotheby's Chef Stefan Puttaert (rechts), in der Mitte: das japanische Fernsehen interviewt den Sammlungskurator Philippe Büttner

Die ehemalige Kunsthaus-Kuratorin und Biennale-Direktorin, heute Chefin der Fondation Van Gogh in Arles, Bice Curiger (l.), Sotheby’s-Direktor Stefan Puttaert (r.), in der Mitte: das japanische Fernsehen interviewt den Kunsthaus-Sammlungskurator Philippe Büttner.

Nichts könnte besser sein, um sich von diesen unliebsamen Querelen abzulenken, als die soeben eröffnete Hodler/Schnyder-Schau. Ja, es ist der gleiche gelassene Charme, der Fischli/Weiss-Werke wie etwa die schwebenden Equilibre-Skulpturen oder die klugen Frageserien auszeichnet, welcher jetzt in den Sammlungssälen des Kunsthauses mit Fischlis Ausstellung bis im April nächsten Jahres zu erleben sein wird. Diese Säle, befreit von den nach Japan ausgeliehenen grossen Werken, bespielt nun Fischli seifenblasenleicht mit Fundstücken aus dem Hodler-Depot. Und fügt die aus Aarau, Bern und aus den Privatsammlungen geliehenen Werke und Werkserien von Jean-Frédéric-Schnyder hinzu. Seltsam, das Kunsthaus hat Schnyder bisher kaum gesammelt.

Zwei Niesen-Ansichten Thunersee-Serie von Schnyder (er malte auch den Niederhorn)

Zwei Niesen-Ansichten aus der Thunersee-Serie von Jean-Frédéric Schnyder.

Ich konnte nicht umhin, als den sympathischen Sammlungskurator Philippe Büttner zu fragen, ob das Kunsthaus jetzt Schnyder-Werke ankaufen werde. Das Kunsthaus freue sich, sagte mir Büttner, dass diese Ausstellung eine Annäherung an den Künstler erlaube. Nun. Jean-Frédéric Schnyder hat vielleicht etwas Sprödes. Im besten schweizerischen Sinn! Das Wichtigtun ist seine Sache nicht. Er unterhält sich lieber über Konkretes als über Abgehobenes und hat seine ganz eigene Vorstellung davon, wie ein Werk unprätentiös ausgestellt werden soll. Doch dass ein Museum Mühe haben sollte, sich ihm zu nähern, das hat man eigentlich noch nie gehört. Schliesslich sind doch Aarau und Bern irgendwie zu ihren schönen Konvoluten gekommen. Fürs Kunsthaus jetzt hat der Künstler netterweise sogar die Saalführer und Werklisten eigenhändig angefertigt (Bild unten). Allerliebst!

Handschriftliche Werkliste, Jean-Frédéric Schnyder im Kunsthaus, (k)ein Autoporträt

Handschriftliche Werkliste, Jean-Frédéric Schnyder im Kunsthaus, (k)ein Autoporträt.

Auch das Genie von Fischli/Weiss liegt darin, dass sie es schaffen, ihre Klugheit in Werke zu verpacken, die komplett frei von Pomp und Pose sind. Das analytische Denken ist dennoch, und war immer schon, ihre Stärke. Auch wenn David Weiss traurigerweise nicht mehr da ist – das Denken ist noch da. Fischli lässt uns grosszügigerweise daran teilhaben.

Peter Fischli im Gespräch mit der Journalistin Angelika Maas, bei der Vernissagenansprache, die Menge stürmt die Ausstellung

Peter Fischli im Gespräch mit der Journalistin Angelika Maas, der Künstler bei der Vernissagenansprache, die Menge stürmt die Kunsthaus-Treppe hoch (v.l.).

An der Pressekonferenz passiert es: Peter Fischli spricht. Als Künstler haben Peter Fischli und David Weiss immer die kluge Taktik verfolgt, die Wirkung ihrer Werke nicht mit vielen Worten zu konkurrenzieren. Als Kurator kann Fischli nun das Schweigen brechen. Ihm zuzuhören ist ein bisschen, wie der Präzisionsuhr (und damit meine ich das Fischli/Weiss-Gesamtkunstwerk) in die Rädchen zu schauen. Man stellt sich vor, um ähnliche Dinge ging es vielleicht bei den Gesprächen der beiden im Atelier, deren Inhalt zu den bestgehüteten Geheimnissen der zeitgenössischen Kunstwelt gehört.

Hodlers «Mädchen mit Blumen»

Ferdinand Hodlers «Mädchen mit Blumen».

In Kürze hier die Ausführungen: Konfrontiert mit der Frage, wie man sich Hodler nähert, tauchte Peter Fischli ins Depot ab. Er fuhr nach Genf, sah sich um. Dann entdeckte er die «Cahiers», Hodlers Notizhefte, die er ständig bei sich trug und die seine ersten Skizzen und Ideen aufnahmen (wie erinnern uns: David Weiss zeichnete auch in Hefte! Sie sind gerade als eine Faksimile-Ausgabe bei der Edition Patrick Frey herausgekommen). «Ich habe mich geweigert, Hodler ikonographisch zu sehen», sagt Fischli. Ihn interessierte, ganz modern, der Prozess.

Schnydis Wanderschuhe und Staffelei, Fischli und Schnyder im Berner-Veduten-Saal, Schnyder spricht mit Parkett-Chefin Jacqueline Burckhardt und Kunstbulletin-Chefin Claudia Jolles

Schnydis Wanderschuhe und Staffelei, Fischli und Schnyder im Berner-Veduten-Saal, Schnyder spricht mit «Parkett»-Chefin Jacqueline Burckhardt und «Kunstbulletin»-Chefin Claudia Jolles (v.l.).

Und dann kam ihm Kierkegaard in den Sinn, ja der olle dänische Existenzialist, der über Wiederholungen sinniert hat. Hodlers heldischer Parallelismus liess sich durchs Prisma der Philosophie in sein Gegenteil verkehren. Denn Kierkegaard wiederholte eine Kutschenfahrt, während der er immer in Fahrtrichtung sass, mal umgekehrt sitzend. So kam nun Fischli zu seiner «Retourkutsche»-Strategie. Hodler als Skizzierer, Blümchenmaler, Ideengenerator. Und dann Schnydi, der geniale Brachialpinsler in Wanderschuhen. Und alles das unter dem Motto: «Die Abwesenheit der Moderne». Stimmts etwa nicht? Hodler gilt als Vorläufer der Moderne, er läutet sie erst ein. Und Schnyder kommt nach ihr, er demontiert sie genüsslich. Dazwischen die grosse Abwesende: Mme M.

Fischlis Kommentare zu den Werken ergötzen in ihrer saloppen Familiarität: «Mutter und Kind» heisst ein Hodler-Bild – es ist eher «Kind und Mutter», lacht Fischli, weil das Kind so gespenstisch feiss und überpräsent im Vordergrund dräut. Oder zu einem Frauenbild des Symbolisten: «sieht aus wie eine Bardame, fehlt nur die Zigi in der Hand!». Man folgt dem listig gelegten Pfad mit lauter Ohs und Ahs. Und am Schluss stolpert man ermattet in den Saal, in dem die hodlersche Fähigkeit, Naturschönheit in ihrer ganzen sublimen Grösse darzustellen, schlichtweg überwältigt. Die Bilder für diesen Saal hat Fischli sogar aus den Büros der Kunsthaus-Leute geklaut. Eins, wunderschön und zurückhaltend, sogar aus dem Büro des Direktors.

Vor dem Licherlöschen: Galerist Peter Kilchmann spricht mit dem Sammler Hans Bollier, Kunsthaus-Direktor mit der Grafikerin und Leihgeberin Franziska Schott (Schott und Schibig), Autorin Katja Früh und Kunsthistorikerin Laurence Frey

Vor dem Licherlöschen: Galerist Peter Kilchmann spricht mit dem Unternehmer und Sammler Hans Bollier, Kunsthaus-Direktor Christoph Becker mit der Grafikerin und Leihgeberin Franziska Schott (Schott und Schibig), Autorin Katja Früh und Kunsthistorikerin Laurence Frey (v.l.).

Am Abend macht der Direktor, Christoph Becker, die Honneurs. Doch Punkt 20 Uhr – da sind die Besucher noch nicht mal eine halbe Stunde in den Sälen, geschieht Unheimliches. Langsam, wie von einer fernen Macht gesteuert, geht das Licht im ganzen Haus aus. Eisige Luft fängt an die Füsse zu blasen, die Vernissagengäste erschauern – was ist bloss los? Wenige Minuten später versuchen noch Unentwegte, in kompletter Dunkelheit die Bilder beim Schein ihrer Handy-Taschenlampen zu ergründen. Andere stolpern tastend die dunkle Treppe hinab. Über ihr, düster, das grosse Wandgemälde Hodlers – die Rache der verschmähten Ikonographie? Wackere Mannen, die Hand zum Schwur erhoben, blicken stumm dem chaotischen Gestolpere unter ihnen zu. Ihren heldischen Parallelismus verstärkt der Schattenwurf der Gitterstäbe des Hauptfensters – der einzigen schwachen Lichtquelle weit und breit.

Bildbetrachtung im Dunkeln, Hodlers Mannen mit Gitter-Schattenwurf

Bildbetrachtung im Dunkeln, dazwischen Hodlers Mannen mit Gitter-Schattenwurf.

(Die Erklärung ist dann simpel: Man vergass, die Nachtautomatik, die Lichter löscht und die Klimaanlage kälter stellt, von 20 auf 21 Uhr umzustellen).