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(K)eine Frage der Grösse

Ewa Hess am Dienstag den 15. März 2016

Dieser Tage liefert sich die australische Performerin und Strassenkünstlerin Illma Gore einen Kampf mit den Social-Media-Diensten. Es geht dabei um die Darstellung eines nackten Donald Trump. Illma zeichnete den amerikanischen Präsidentschaftsanwärter mit einem dicken Bauch, doch die Auseinandersetzung dreht sich nicht darum. Sondern um jenes Körperteil, das darunter liegt und das man das Gemächt nennen würde – das Frau Gore allerdings so klein darstellt, dass man eher von einem Geschwächt sprechen muss. Und – wir wissen es – frontal nudity geht auf Facebook nun mal nicht. Egal, wie gross oder klein das Ding sein mag.

The artist and her model: Künstlerin Illma Gore und ihre Zeichnung «Make America Great Again», 2016

The artist and her model: Künstlerin Illma Gore und ihre Zeichnung «Make America Great Again», 2016 (courtesy of the artist).

Das Hickhack dauert nun schon einige Wochen lang – die Zeichnerin postet ihre Karikatur, Facebook sperrt sie für eine Weile, dann kommt sie zurück und veröffentlicht das Bild wieder auf ihrem Account. Zur Zeit, als ich diese Zeilen schreibe, ist die Zeichnung mal wieder auf Facebook drauf, blonde Frisur, Hängebauch und kleiner Pimmel inklusive. Ebay, wo Gore ihre Werke ebenfalls anbietet, hat sie gerade wieder entfernt. Nun droht Illma lebenslänglich, womit natürlich nicht Gefängnis, sondern der Facebook-Ausschluss gemeint ist. Vielleicht auch nicht so schlimm.

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Illma Gore während ihrer Malperformance («DIS/CONNECT», 2015) und eine Persiflage ihres Trump-Werks, viral auf Facebook.

Aber wer ist überhaupt Illma Gore? Sie lebt in Brisbane und ist mit Al Gore nicht verwandt. Sie nennt sich «gender fluid futurist», also eine geschlechts-unspezifische Futuristin. Es wohnt ihr offensichtlich eine Kraft inne, gegen «das System» zu rebellieren, eine Qualität, die den Künstlern in den letzten Jahrzehnten abhandengekommen zu sein scheint. Das System ortet die hübsche Unversöhnte vor allem in der Stildiktatur der sozialen Netzwerke, die sie mit ihren diversen Projekten zu unterwandern versucht. Sie verkauft also den Platz auf ihrer Haut über den Crowdfunding-Dienst Kickstarter, sie lässt sich bei einer Mal-Performance durch eine Liveübertragung auf Youtube anfeuern oder – eben – sie reizt Facebook und Ebay mit Trumps «private parts». Damit betritt sie auch den politischen Raum, weil sie den Brachial-Republikaner lächerlich macht. Und zwar unter der Gürtellinie, also auf dem ihm vertrauten Gebiet.

Aktionen von illma Gore: «My shirt didn't match my rights», 2013, in der sie für Homo-Ehe demonstriert, und «Human Canvas», in dem sie Platz für Tattoo-Unterschriften auf ihrer Haut verkauft

Aktionen von Illma Gore: «My shirt didn’t match my rights», 2013, in der sie für die Homo-Ehe demonstriert, und «Human Canvas», in der sie Platz für Tattoo-Unterschriften auf ihrer Haut verkauft.

Ihre Motivation für die Trump-Zeichnung sei ursprünglich alles andere als politisch gewesen, wendet die Künstlerin zwar ein. «Ich glaube nicht, dass Genitalien das Geschlecht oder den Status einer Person definieren. Jeder kann ein ‹massive prick› sein, egal, was sich in seiner Hose versteckt», sagte Illma etwa der Kunstzeitschrift «Hyperallergic». Seit aber die Trump-Juristen auf sie losgehen und ihr einen Prozess androhen, spendet sie jedes Mal, wenn ihre Zeichnung vom Netz entfernt wird, 100 Dollar der Kampagne von Bernie Sanders. Besonders entnervt ist sie auch durch die Richtlinien von Ebay, die zwar «Bilder von Nacktheit» erlauben, aber nur, wenn «die abgebildeten Gegenstände der Gattung Kunst angehören, wie Michelangelos David, alte Pin-up-Poster oder nackte Cherubim». Dass ihr Werk nicht zu Kunst gehören soll, will ihr nicht einleuchten. «Das ist doch reine Willkür», lautet ihr Kommentar, «Ebay und Facebook üben Zensur auf eine besonders dumpfe Art und Weise.»

David von Michelangelo: auf Ebay erlaubt

David von Michelangelo: Anders als Donald von Gore auf Ebay erlaubt.   (Screenshots: Ebay)

Tatsächlich kämpfen Kunstfreunde schon seit langem gegen die kleinbürgerliche Kunstauffassung von Facebook, das Nippel und Schenkel zensuriert, als ob es kein modernes Social-Media-Service wäre, sondern eine prüde Gouvernante aus dem 19. Jahrhundert, die ihren Kinderchen den Anstand beizubringen versucht. «Werbung», sagt Gore, «darf uns mit ihren Hochglanzbildern überall, und wie sie will, zudecken. Wenn wir uns nicht wehren, werden uns die Plattformen, die eine immer grössere Rolle im Leben von jungen Menschen spielen, ästhetisch ans Gängelband nehmen.»

Damit hat sie nicht so ganz unrecht, nicht wahr? Auch wenn wir uns den wenig appetitlichen nackten Republikaner nur in Ausnahmefällen als das Gegendotum zur herrschenden Einheitsästhetik wünschen. Ganz unabhängig von seiner – vorhandenen oder fehlenden – Grösse.