Beiträge mit dem Schlagwort ‘Hélio Oiticica’

Glück oder Tod?

Ewa Hess am Mittwoch den 7. Dezember 2016

Liebe Leserinnen und Leser, die Zeiten von «anything goes» scheinen endgültig vorbei zu sein. Wir müssen uns entscheiden! Es wird von uns gefordert! Links oder rechts? Kunst oder Kitsch? Glück oder Tod?

Gut, die letzte Paarung scheint etwas krass zu sein. Stammt auch nicht von mir, sondern von Bernardo Paz. Mir ist der «moderne Fitzcarraldo» in Berlin begegnet, an einer tollen Kunstkonferenz der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung», organisiert und moderiert von Ulrike Berendson. Es waren viele Exponenten der deutschen Kunstwelt dabei, auch die Leiterin des Frankfurter Museums der Modernen Kunst Susanne Gaensheimer oder die Geschäftsführerin der Documenta Annette Kulenkampff.

Die deutsche Kulturministerin Monika Grütters hielt den Eröffnungsvortrag (ganz toll, hier nachzulesen), und es fiel mir auf, mit welcher Ernsthaftigkeit in Deutschland über Kultur diskutiert wird. Vielleicht liegt das daran, dass Deutschland eine Ministerin hat, die nur für die Kultur zuständig ist. Unser Innenminister, zurzeit Alain Berset, hat ja auch noch das Gesundheitswesen und die Altersvorsorge unter seinen Fittichen, und das sind zwei schwierige Dossiers. Daneben erscheint Kultur als ein fröhliches Leichtgewicht.

Der «moderne Fitzcarraldo» Bernardo Paz in seinem tropischen Paradies in Brasilien (l.) und an der Kunstkonferenz der FAZ mit Kurator Jochen Volz. Fotos: Inhotim, ewh

Der «moderne Fitzcarraldo» Bernardo Paz in seinem tropischen Paradies in Brasilien (l.) und an der Kunstkonferenz der FAZ mit Kurator Jochen Volz. Fotos: Inhotim, ewh

Das ist sie aber nicht, und in keinem der Vorträge, so ernst sie auch waren, kam das so klar zum Vorschein wie im Auftritt von Bernardo Paz am Vortag der Konferenz. Paz ist im brasilianischen Bergbaugeschäft Milliardär geworden. In dem Bundesstaat, der Minas Gerais heisst, also allgemeine Minen, wo Eisen, Kalk, Mangan, Aluminium, Zink, Gold und Diamanten aus der Erde geholt werden – oft unter Anwendung von für die Umwelt ruinösen Methoden.

Gieriges Geschäft in Minas Gerais: Geförderte Turmaline, zerstörte Umwelt. Fotos: GIA

Gieriges Geschäft in Minas Gerais: Geförderte Turmaline, zerstörte Umwelt. Fotos: GIA

Paz war auch kein Heiliger in dieser Hinsicht, und heute, auf seine vergangene Sünden angesprochen, pflegt er darauf hinzuweisen, dass es nicht darauf ankommt, nie etwas Falsches gemacht zu haben, sondern darum, einsichtig zu werden. Vor zwanzig Jahren beschloss Paz, da war er gerade bei Ehefrau Nr. 4 angelangt (inzwischen sind es ihrer 6), dass er nicht mehr reicher werden wollte – und begann sein riesiges Stück Land zu einem botanischen Garten auszubauen und in ein Freiluftmuseum zeitgenössischer Kunst umzuwandeln. Die interessantesten Künstler der Gegenwart lud er ein und liess ihnen freie Hand. Auch dreissig berühmte Architekten haben inzwischen in Inhotim Pavillons gebaut – die selbst wieder künstlerische Perlen sind. Auf einer Fläche von 90 Hektaren schuf Paz seine Vision von einem Paradies auf Erden. Inhotim ist mittlerweile weit über die Grenzen Brasiliens bekannt – doch Paz kam nach Berlin, um etwas anderes zu erzählen.

Diskussionsrunde in Berlin, ganz links Tobia Bezzola, ehemals Kunsthaus Zürich, jetzt Museum Folkwang in Essen, rechts Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Fotos: Klaus Weddig

Diskussionsrunde in Berlin, ganz links Tobia Bezzola, ehemals Kunsthaus Zürich, jetzt Museum Folkwang in Essen, rechts Kulturstaatsministerin Monika Grütters. Fotos: Klaus Weddig

Weisse Löwenmähne und stechender Blick, verkörpert Paz die Vorstellung eines Visionärs in geradezu idealtypischer Weise. Selbst in den funktionalen Räumen des Café Moskau in der Nähe des Berliner Alexanderplatz tritt der 66-Jährige mit der Grazie einer Wildkatze auf. Er spricht frei und fixiert mit dem Blick das Publikum, um seinen Worten mehr Gewicht zu verleihen. Wir können so nicht weitermachen, sagt der reiche Mann. Das Leben müsse wieder einfach werden. Nur eine Rückkehr zum einfachen Leben, in Schönheit und Frieden, sei unsere Rettung. Ein solches Refugium will er nun auf seinem Inhotim-Areal weiter ausbauen. Er breitet vor uns die Vision einer wieder rural gewordenen Erde aus, ohne Autos, ohne Stress. Menschen leben in Dörfern und bauen ihr eigenes Gemüse an. Man muss nicht mehr zur Arbeit – denn offensichtlich sind die Segen der modernen Telekommunikation aus Paz’ Paradies nicht verbannt. 

Das Glück der Koexistenz mit der Natur: Performance in Paz' Kunstoase. Fotos: Inhotim

Das Glück der Koexistenz mit der Natur: Performance in Paz’ Kunstoase. Fotos: Inhotim

Es gehe um eine Entscheidung – wollen wir den Tod oder wollen wir das Glück? Der weisshaarige Seher macht eine Pause. Und sagt dann einladend, einschmeichelnd: Das künstlerische Wunderland Inhotim sei eine Saat der Entscheidung fürs Glück. 

Bernardo Paz ist ein unglaublich charismatischer Typ, man möchte seinem weichen Brasilianisch, das vom deutschen Kurator Jochen Volz ins Englische übersetzt wird, endlos zuhören. Das alles klingt wie süsser Sirenengesang. Man muss sich nur für das Glück entscheiden, und schon kann man dem Stress und dem nervösen Gepiepse der modernen Welt entsagen, eigene Ananas (oder Rüebli) im Vorgarten kultivieren und in der Umgebung von schönster und nützlichster Kunst wie einst die Ureltern Adam und Eva glücklich leben. Doch dann sagt Paz etwas, das mich aufhorchen lässt. Er sagt: «Wir haben fünfzig Jahre mit der Moderne vergeudet. Diese intellektuell verquasste Kunst war eine Kopfgeburt, die uns in unserem Streben nach Glück behindert hat. Alle diese Picassos und Pollocks waren doch nur Boten einer dissonanten Welt, die mit dem wahren Bedürfnis der Menschen nach Harmonie und Eindeutigkeit nichts zu tun hatten. Erst die menschenfreundliche zeitgenössische Kunst nimmt das kreatürliche Bedürfnis ernst, positive Impulse des sozialen Friedens auszuleben.» 

Inhotim: Links die Skulptur des vielverehrten brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica von 1977, rechts ein Spiegel-Pavillon von Olafur Eliasson.

Inhotim: Links die Skulptur des vielverehrten brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica von 1977, rechts ein Spiegel-Pavillon von Olafur Eliasson.

Hm. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht! Je länger ich darüber nachdenke, kommt es mir immer stärker so vor, als ob gerade in dieser Überzeugung der fatale Widerspruch von Paz’ Vision zutage treten würde. Denn wenn es eine grundlegende Erkenntnis der Moderne gibt, dann ist es die, dass uns hienieden eben kein widerspruchsfreies Paradies beschieden ist. Dass eine wahre Schönheit nur um den Preis der ertragenen Hässlichkeit zu erlangen ist, dass die Risse, Kratzer und Dissonanzen im Ganzen genau so zur Conditio humana gehören wie die Sehnsucht nach der Eindeutigkeit und dem Frieden. Jeder Versuch, die Vorstellung von einem sorgenfreien Paradies zu realisieren, hat – wie die Geschichte eindeutig bewiesen hat – zu totalitären Systemen geführt, ob sie faschistisch oder kommunistisch angehaucht waren.

Inhotim: Links eine Skulptur von Edgard de Souza, rechts der Kachel-Pavillon von Adriana Varejao, (tolle jünger Künstlerin aus Brasilien, war die Gattin Nr. 5 des Minenmagnaten).

Inhotim: Links eine Skulptur von Edgard de Souza, rechts der Kachel-Pavillon von Adriana Varejao, (tolle junge Künstlerin aus Brasilien, war die Gattin Nr. 5 des Minenmagnaten).

Wie komplex es sein kann – und wahrscheinlich auch sein muss –, die kulturellen Prozesse nicht unter der wohlwollenden Schirmherrschaft eines Milliardärs, sondern im demokratischen Prozess der Rede und Widerrede zu steuern, zeigten die interessanten Diskussionen am nächsten Tag der Konferenz. Da wurde etwa verhandelt, wie gut die Museen für das polarisierte politische Klima in Deutschland gerüstet seien – vielleicht nicht gut genug. Wie wichtig ein breit abgestütztes bürgerschaftliches Engagement in der Vergangenheit und in der Zukunft für das sinnvolle Funktionieren der Kulturinstitutionen sei. Man spricht darüber, wie die revolutionäre Kraft der Kunst auf konstruktive Weise die Gesellschaft dynamisieren kann und wie eine stabile kulturelle Identität Ressentiments verhindert. 

Das Café Moskau im ehemaligen Ostberlin erinnert an Avantgarde-Träume von anno dazumal (links), Bernardo Paz und Jochen Volz bei der Diskussion. Fotos: Klaus Weddig

Das Café Moskau im ehemaligen Ostberlin erinnert an Avantgardeträume von anno dazumal (links), Bernardo Paz und Jochen Volz bei der Diskussion. Fotos: Klaus Weddig

Der Auftritt des modernen Fitzcarraldo, der sogar dem Darsteller Klaus Kinski aus dem gleichnamigen Werner-Herzog-Film gleicht, ist ein guter Einstieg in diese Gespräche. Erstens, weil er die charismatische Kraft einer Vision vorführt. Und zweitens, weil wir lächelnd und träumend einsehen, dass dass Dilemma nicht «Glück oder Tod» heissen kann. Das Leben ist eben alles: sowohl Glück wie Unglück, und der Tod gehört am Ende auch dazu.

Beitragsbild von Nino Andrès.

Fun mit «Hörsoog e Dümüron»

Blog-Redaktion am Mittwoch den 22. Juni 2016

Seit ihrer Eröffnung 2001 führt die Tate Modern in London in ihrer ganz und gar unbritischen Unbescheidenheit das Rudel der neuen Supermuseen an. Und wenn sie ihre spektakuläre Erweiterung ausgerechnet während des VIP-Previews der Art Basel der Presse vorstellt, kann das kein Zufall sein. Vielmehr ist es ein Beweis dafür, dass ein Paradigmawechsel ansteht. Kunst soll der Umarmung des Markts entrissen werden. Wie? «Private View»-Gastautorin Brigitte Ulmer* hat sich am ersten Publikumstag in der neuen Tate umgeschaut. Hier ihr Bericht.

Switch House, die neue Erhöhung der Tate Modern: der Volksmund nennt sie «Gedrehte Zigarette» oder «dekonstruierte Pyramide»

Die neue Erhöhung der Tate Modern: «Eigernordwand», «Gedrehte Zigarette». (Bild: Tate)

Was: Das neue Switch-House der Tate Modern in London
Wann: Freitag, der 17. Juni 2016, erster Tag mit Publikum

Sind Sie schon mal vor einem lebenden Gemälde gestanden, das sie mit den Augen fixierte? Am vergangenen Freitagnachmittag, dem ersten Eröffnungstag der neuen Tate Modern, stand ich in den Gedärmen des neuen «Switch House», den «Tanks», vor dem leibhaftigen «Cargador de Flores», dem Blumenträger von Diego Rivera. Ein Mann im weissen Pullover kauerte auf allen Vieren am Boden, eine Frau balancierte auf seinem Rücken und mimte den Blumenkorb, eine weitere rückt die Last zurecht. Das «Gemälde» kündigte sich praktischerweise gleich selbst an, sonst hätte ich es nicht erkannt, und zwar so, wie es die Buchhalter der Kunstgeschichte lehren: Künstler, Werktitel, Jahrzahl (1930) und in welcher Museumssammlung es sich befindet (Museum of Modern Art San Francisco). Einen Augenblick später formierten sich fünf Männer und Frauen in T-Shirts und Jeans zu Delacroix’ Gemälde «La liberté guidant le peuple». (Die Flachversion hängt im Louvre in Paris).

Eine performance stellt Delacroix’s Gemälde «La liberté guidant le peuple». (Die Flachversion hängt im Louvre in Paris).

Links: Eine Performance stellt Delacroix’ Gemälde «La liberté guidant le peuple» nach. Rechts: Hängende Aluminiumwürste aus Marisa Merz’ Küche. (Bilder: B. Ulmer)

Wie symbolisch! Alexandra Piricis und Manuel Pelmus’ Performance «Public Collection of Modern Art» mimte nämlich gleich die Gesamtstrategie der neuen Tate, die Nicholas Serota etwa so formulierte: Nicht die Kunst, sondern die Menschen sollen im Zentrum stehen. Nicht nur die Kunst-«Produkte», sondern auch Prozesse. Und das, was wir, als Betrachter, mit der Kunst anstellen. Auf gut Deutsch: Partizipation! Interaktion! Das passt auch zu dem Satz, den Yoko Ono prägte, und der irgendwo in einem der vielen Räume an die Wand projiziert wird: «I thought art was a verb, not a noun» (Ich dachte, Kunst sei ein Verb, nicht ein Substantiv).

Das Switch House, im eleganten Strickmuster aus Backsteinen

Das neue Switch House: Aussen ein elegantes Strickmuster aus Backsteinen, drinnen grosszügige Treppen und Flächen.

Wird die Tate, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, ihre Aufgabe nicht nur der Kunstvermittlung und Forschung, sondern auch der aktiven Integration der Besucher wahrnehmen zu wollen, ihrem Anspruch gerecht? Dafür könnte der Tag des ersten Massenandrangs ein erster Gradmesser sein. Ich beobachtete Teenager, die sich in Ricardo Basbaums käfigartigen Behausungen auf Kissen wälzen, ich lausche einem Chor von 500 Hobbysängern, die dutzendfach «Brick Brick Brick» intonierten, ich sehe Kleinkinder in Windeln über Skulpturen wanken, erwachsene Menschen hinter Performern hinterherrennen.

Und ich lausche Frances Morris, der neuen Direktorin der Tate Modern, die den Frauenanteil der Künstlerräume mit einem Schlag auf 50 Prozent erhob. Mit einem weissen T-Shirt des japanischen Kleiderbrands Uniqlo (ein Sponsor) bekleidet, spricht sie vor Louise Bourgeois’ Käfig über ihr Trauma und die tiefe Symbolik ihrer Kunst. Die Message ist klar: Wir wollen nahbar, demokratisch sein. Das regt die Besucher unübersehbar an. Und zwar nicht einfach zum Cüpli-Trinken.

Blick von der Brücke in den Turbinenhalle und die Tanks. Von ferne Ai Wei Weis zusammengeschraubter Baum. «Tree 2010» und die neue Tate-Direktorin im Uniqlo-shirt erklärt persönlich den Besuchern ein Werk von Louise Bourgeois

Links: Blick von der Brücke in die Turbinenhalle und die Tanks. Rechts: Die neue Tate-Direktorin Frances Morris im Uniqlo-Shirt erklärt den Besuchern ein Werk von Louise Bourgeois.

Schon Herzog & de Meurons Neubau zu durchwandeln, aktiviert bei mir mit seinen vollkommen neuartigen Raumerlebnissen Gehirnregionen, von denen ich gar nicht ahnte, dass sie existierten. Das Haus, das schon vor Inbetriebnahme Kosenamen erhielt wie Eigernordwand, gedrehte Zigarette, dekonstruierte Pyramide, wirkt von aussen wie eine Festung.

Doch welche Offenheit herrscht innen! Von den unterirdischen Tanks, wo Performances stattfinden und auch ein labyrinthischer Raum mit dem Achtkanal-Video des preisgekrönten thailändischen Künstlers Apichatpong Weerasethakul aufwartet, zieht einen förmlich ein Sog über die mal weit ausladende spiralförmige, dann schmale Treppe bis in den zehnten Stock, von wo man einen spektakulären Blick über die Stadtlandschaft hat. Dazwischen wartet jedes Stockwerk mit überraschenden Ein- und Ausblicken, und seien es bloss die formvollendeten Bänke aus Gussbeton oder das Licht- und Schattenspiel der Backsteinmuster oder die zwei Brücken hinüber zum «Boiler House». Oder eben diese Treppe: Sie ist eine Skulptur für sich, elegant, generös, raffiniert, Marke «Hörsog e Dümüron», wie die BBC-Kommentarin unser Schweizer Architektenduo nannte.

Licht- und Schattenspiel à la «Hörsög e Dömüron», farbige Installationen, Kinder, die auf Skulpturen mit Puppen spielen

Licht- und Schattenspiel à la «Hörsoog e Dümüron», Installationen zum Mitspielen, Kinder, die auf Skulpturen mit Puppen spielen (es ist Marwan Rechmaouis «Beirut Caoutchouc»).

Stiehlt die Architektur der Kunst die Show, wie im Vorfeld befürchtet wurde? Nicht für mich. Sie ist eine wunderbare, ausladende Bühne für Kunst, die viel, sehr viel Raum beansprucht. In dieser riesigen, in einem Strickkleid aus Backsteinen gestalteten Ausstülpung, die aus der alten Powerstation herauszuwachsen scheint, mit ihrer verwirrenden, schwer zu begreifenden Zickzack-Form, fühlte ich mich wie auf einer nicht enden wollenden Flânerie durch Zeiten (60er-Jahre bis zur Gegenwart) und Geografien (Kunst aus 50 Ländern). Doch im Unterschied zum echten Flâneur wird man immer wieder einmal von seiner beobachtenden Haltung heraus zur Interaktion herausgefordert.

Jeder darf sich amüsieren: Das Publikum kam, machte mit und postete auf Instagram

Museum zum Herumtollen: Das Publikum kam, machte mit und postete auf Instagram.

Ach ja, und die Kunst: Der neuen Direktorin Frances Morris, die unweit der Tate Modern im einst armen Süd-London aufgewachsen ist, ist ein echter Coup gelungen, was die Neuordnung der Sammlungsräume angeht. Im immensen Raum (60 Meter lang!), der dem Thema «Between Object and Architecture» gewidmet ist, findet man neben den üblichen Verdächtigen wie Carl Andre und Donald Judd weniger oder gänzlich Unbekannte: etwa die Schaummaschine des in England lebenden Philippinos David Medalla.

Vor allem aber werden die harten Linien des Macho-Minimalismus gebrochen: Eine Wucht sind Marisa Merz’ von der Decke hängende Aluminiumwürste, die sie einst in ihrer Küche konstruiert hatte, oder der schlaff und weich wirkende Haufen aus Stahl in der Ecke von Lynda Benglis. Werke von Künstlern aus Brasilien, Libanon, Taiwan brechen die Grenzen gegen Osten auf.

Heu-Sammelritual von Ana Lupas

Rumänische Entdeckung: Heu-Sammelritual von Ana Lupas.

In Stockwerk Nummer drei, zum Thema «Performer and Participant», steht man im umwerfenden Raum der Rumänin Ana Lupas, die zwischen 1964 und 2008 zusammen mit den Bewohnerinnen ihres Dorfes ritualartig Heu zu Ringen geformt hat. Ana Lupas … Nie gehört? Ich auch nicht. Oder Suzanne Lacys Quilts, das Produkt einer Kollaboration mit älteren Frauen in Minneapolis. Überwältigende Räume sind Rebecca Horn und Louise Bourgeois gewidmet, sie führen in exzentrische Gegenwelten, auch die Fantasie eines «Museums of Contemporary African Art» von Meschac Gaba aus Benin, mit dem er das Konzept europäischer Museen ironisiert.

Ein Museum im Museum: Louise Bourgeois’ Raum in der neuen Tate Modern.

Ein Museum im Museum: Louise Bourgeois’ Raum in der
neuen Tate Modern.

Und spätestens im Raum des Brasilianers Hélio Oiticica, dem Begründer der Tropicalia-Bewegung, wo er in einer nachgebauten Favela echtes Leben mit Kunst kurzschliesst, wird einem klar: Hier wird der eurozentrische kunsthistorische Kanon radikal über den Haufen geworfen, die Karten neu gemischt. Das ist herrlich erfrischend.

Eine Stadt aus gekochtem Cousous, Kader Attias «Untitled» (Ghardaïa)

Eurozentrischer Kanon adieu: Kader Attias Stadt aus gekochtem Couscous.

Wird das Museum mit zu viel Aktivitätsprogrammen zum Fun-Parcours umgemünzt? Es erstaunt tatsächlich, dass von insgesamt 17 Etagen nur 7 der Kunst gewidmet sind. Der ganze Rest ist für Community-Aktivitäten, zum Durchatmen, Verdauen, Austauschen, Flirten. Aber das alles in Reichweite von Kunst, Kino und toller Architektur: Ist da etwas dagegenzuhalten? Ich finde nicht.

Der Tate-Mastermind Nicholas Serota live und auf einer Karikatur der Financial Times

Der Tate-Mastermind Nicholas Serota live und auf einer Karikatur der «Financial Times». (Bilder: Tate und FT)

Ob die Tate damit ein Statement gegen die Kommerzialisierung der Kunst machen wolle, fragte BBC-Starjournalist Andrew Marr den Tate-Überdirektor Nicholas Serota angesichts der vielen nicht objekthaften Kunst. Der reagierte sanft lächelnd mit Diplomatie. Die Tate Modern wolle, sagte er, alle Formen von Kunst präsentieren. Dass die Eröffnung der neuen Tate auf die Art-Basel-Woche fiel, und die Presse-Preview auf denselben Morgen wie die Art-Basel-Pressekonferenz, kann aber schwerlich ein Zufall sein.

 

DSC_897700* Gastautorin Brigitte Ulmer lebt als freischaffende Kunst- und Kulturjournalistin in London und Zürich. Für die «Bilanz» berichtet sie über Kunst und verantwortet sie das jährliche Künstlerrating.(Bild: Gian Franco Castelberg)