Beiträge mit dem Schlagwort ‘Douglas Gordon’

Bewegende Bergrituale

Ewa Hess am Mittwoch den 8. Februar 2017

In Gstaad, liebe Leserinnen und Leser, hat es am Wochenende ununterbrochen geschneit. Das hat zu der Veranstaltung, von der ich hier berichten werde, sehr gut gepasst. Denn die Kunstschau «Elevation 1049», die in regelmässigen Abständen im Berner Oberland stattfindet, erweist der Natur Respekt. Sie tut es auf eine sehr moderne Art – doch davon später.

Was: Kunstschau «Elevation 1049 – Avalanche»
Wo: Gstaad und Umgebung
Wann: Eröffnungswochenende 3.–5. Februar, die Schau dauert bis 19. März 2017.

Douglas Gordons und Morgane Tschiembers Performance «As close as you can for as long as it lasts», rechts der schottische Künstler an einem Talk in Gstaad.

Am Anfang brannte es lichterloh. Der Schotte Douglas Gordon, Turner-Preisträger und ein geschätzter Zeremonienmeister unter den zeitgenössischen Künstlern, inszenierte den kleinen runden See unterhalb Saanerslochgrat als eine rituelle Natur-Huldigungsstätte. Auf dem Eis brannte Holzfeuer, eine Audioinstallation mit Wolfsgeheul begleitete die heidnisch anmutende Szene.

«Was ist denn Kunst anderes, als der immerwährende Versuch, um das Feuer herumzutanzen?» fragte uns der Schotte später. Er erzählte, dass er sich von dem kleinen kreisrunden See wie magisch angezogen fühlte. Das hatte auch linguistische Gründe, die Gegend heisst nämlich Saanerslochgrat. Saaners-Loch-Grat. Aha, sagte sich der Schotte: Loch! Die legendenumwobenen Lochs seiner Heimat standen sofort vor seinem geistigen Auge: Loch Ness, Loch Oich und Loch Lochy. Gemeinsam mit seiner bretonischen Freundin Morgane Tschiember entwarf er flugs ein atemberaubendes Mysterienspiel. Angst, Gefahr, Liebe durchlebten die Zuschauer – all diese Gefühle wecken das Feuer, die Wildnis, die Natur. Und kaum irgendwo spürt man die Wildheit der Natur ja deutlicher als in den stolzen Bergen des Berner Oberlands.

Links: Die Mäzenin Maja Hoffmann, deren Luma Foundation die Kunstschau im Schnee finanziert, links von ihr am Bildrand Kuratorin Olympia Scarry. Mitte: Künstler Christian Marclay labt sich an der Suppe mit Markknochen. Rechts: Der Ausstellungskurator Neville Wakefield. (Bilder ewh)

Die Tradition der Winterschau «Elevation 1049» (die Zahl steht für die Höhe über dem Meer in Gstaad) wurde vor zwei Jahren von Maja Hoffmanns Luma Foundation begründet. Unterstützt durch Freunde und Bekannte, die oft in Gstaad sind, beauftragte die kunstliebende Mäzenin das Kuratorenpaar Olympia Scarry und Neville Wakefield mit dem Entwerfen einer Schneeschau, die zu den Schweizer Bergen passt.

Die beiden leben zwar in New York, doch Olympia hat eine ganz besondere Verbindung zu Gstaad: Ihr Grossvater, der Kinderautor Richard Scarry, lebte hier. Und auch ihr Vater, Richard junior, hielt sich gerne im Familienchalet im Berner Oberland auf. Olympia war hier oft als Kind und kennt jede Ecke.

Richard Scarry jr. (links) bläst Alphorn zu Ehren der Ausstellung seiner Tochter Olympia, die Markknochensuppe erfreut sich derweil grossen Zuspruchs.

Der Schau merkt man an, dass hier Ortskundige am Werk sind. Die Organisatoren machen sich einen Spass daraus, die Kunstwerke so in der Landschaft zu platzieren, dass man sie eben nicht bloss bequem «konsumiert». Man soll mit der Landschaft eins werden, um zur Kunst zu kommen. Auch wenn am Eröffnungswochenende die Gletscherlocation wegen eines Schneesturms unerreichbar ist – dort hätte man eine Totem-Skulptur der Gruppe Superflex bewundern und Markknochen-Suppe essen sollen –, kommt der Schneewanderer doch noch ausgiebig zum Zug.

Michaël Borremans’ «gestürzter Mönch» taucht beim Wandern von Schönried nach Gruben unerwartet am Horizont auf, man erkennt erst beim Näherkommen, dass es sich hier um eine riesige Skulptur handelt. (Bilder ewh)

Beim heftigen Schneetreiben brechen vereinzelte Besucher auf, um die angekündigte Skulptur des belgischen Stars Michaël Borremans zu erleben. Beim Wanderweg von Schönried nach Gruben meint man zuerst eine Landwirtschaftsmaschine zu sehen, doch beim Näherkommen wird einem die volle Dimension der Skulptur bewusst: ein 8 Meter grosser Mönch scheint Kopf voran in eine Schneeverwehung gestürzt zu sein.

Es hat etwas Irrwitziges, als ob dieser Riese beim Aufführen eines seltsamen Rituals hier einen peinlichen Unfall erlebt hätte. Die nackten Füsse rudern lächerlich in der schneeschweren Luft. Man erinnert sich vage an die Figuren, die Borremans in einer Ausstellung der Galerie Zwirner kürzlich zeigte. Auf diesen rätselhaften Tableaus (namens «Black Mould») tanzten schon solche Mönche (Schergen? Geheimbündler?). Der belgische Maler und Zeichner Borremans scheint seine Fähigkeit, Bilder und Zeichnungen unheimlich erscheinen zu lassen, nun auch in der Skulpturenwelt unter Beweis zu stellen.

Im Innern des «Vieux Chalet», des ehemaligen Zuhauses von Gunter Sachs. Links und Mitte: Pipilotti Rists Projektionen auf dem Bett und im Pool, rechts eine Skulptur von Louise Bourgeois und ein Bild von Fernand Léger. Die Galerie Hauser und Wirth bietet hier ihrer Kunst eine passende Umgebung.

Eine Ausnahme vom Prinzip des «erschwerten Zugangs» gibt es doch: Die Galerie Hauser & Wirth lädt zu einem Steh-Dinner im ehemaligen Chalet des Playboys Gunter Sachs ein. Das berühmte «Vieux Chalet» ist riesig, aber gemütlich. Der Hausherr Iwan Wirth macht die Honneurs, auch James Koch und die sympathische Fiona Römer, welche die Gstaader Dependence leitet, sind da.

Die ersten Gäste erleben eine geheimnisvolle Schwimmerin im schimmernden Pool: es ist die Lichtkünstlerin selbst, Pipilotti Rist, die in dem von ihr in ein Farbenmeer verwandelten Schwimmbecken den Gästen mit gutem Beispiel vorangeht. Doch das Kunststück will ihr an diesem Abend niemand nachmachen, ausser ganz am Schluss, als fünf Männer beherzt die Nacht mit einem Sprung in die Kunst hinein beschliessen – es ist die Produktionscrew der «Elevation» um den Basler Produzenten Marc Bättig.

Projektion auf Schnee: die Künstlerin Cecilia Bangolea tanzt später dazu einen wilden Tanz. Sam Keller kommt mit Sarah Morris’ Zug in Gstaad an (Mitte), Bice Curiger mit der Belle-Epoque-Bahn (rechts).

Bei einem Spaziergang durchs Dorf merkt man, dass die illustren Chaletbewohner rund um Gstaad nicht erst seit gestern Kunst im öffentlichen Raum unterstützten. Die schmucke Kuh Rosie am Dorfbrunnen (aus Bronze) wurde etwa schon von Elizabeth Taylor und Bernie Ecclestone gespendet. Gut, es war nicht ein gänzlich uneigennütziges Geschenk der Diva, denn die Künstlerin Liza Todd-Tivey war ihre eigene Tochter.

Die Kuh Rosie am Dorfbrunnen – von Elizabeth Taylor gespendet.

Die Werke, die heuer in den Scheunen und Matten rund um Gstaad zu entdecken sind (den tollen Japaner Ryoji Ikeda im Menuhin-Zelt nicht vergessen!), sind weniger lieblich, dafür bringen sie die Besucher ein bisschen ins Grübeln. Diesmal ist es nicht das kühle, abstrakte Denken, welches oft mit der konzeptuellen Kunst einhergeht. Wakefield und Scarry schaffen es im Glamourdorf Gstaad wirklich, den Ruf der authentischen Berglandschaft mit authentisch bewegender Kunst zu beantworten.

Wo geht es zur Kunst? Alle Informationen auch auf https://www.elevation1049.org

Piano, piano

Ewa Hess am Dienstag den 1. September 2015

Man will ja Rilke nicht überstrapazieren, liebe Leserin und lieber Leser, aber der Sommer war nun mal so etwas von gross. Die herbstliche Kunstsaison ging dementsprechend sanft los. Die Ausstellung, die am meisten zu reden gab, war schon mal eine, die gar nicht stattfand.

Was: Saisonstart der Zürcher Galerien, Löwenbräu und weiter westlich
Wann: Mittwoch bis Freitag, 26.–28. August 2015

Bob van Orsouw hat sich entschieden, die Pforten seiner Galerie gar nicht erst aufzumachen. Der verdienstvolle Keyplayer  des Zürcher Szene zieht es vor, eine Saison auszusetzen, und heftete an seine Tür ein Manifesto der Entschleunigung: Er wolle jetzt mal innehalten und nachdenken. Das passiert nicht alle Tage, man reagierte leicht perplex. Bob war aber da und gab geduldig Auskunft. Ich war die hundertste Person, die ihn dann fragte, was das denn wirklich zu bedeuten habe, und kann jetzt allen, die nicht da waren, eine gute Botschaft überbringen: nichts Schlimmes. Bob ist weder krank noch pleite, er hat einfach von diesem überhitzten Kunstbetrieb die Nase gestrichen voll. Er will jetzt eine Weile nicht hetzen und nicht über Preise reden, sondern mit den Besuchern Tee trinken und über Grundsätzliches diskutieren. Das trifft sich natürlich wunderbar, das mit dem Tee, weil nicht nur hat das Museum Rietberg eine echte Teemeisterin engagiert, auch haben die Architekten Fuhrimann Hächler in der Christian-Marclay-Ausstellung im Kunsthaus Aarau ein modernes Teehäuschen eingebaut. Tee for everybody, heisst es also fortan von A nach Z. Vergesst alle Hugos, Spritzs und Caipis.

Es werde Farbe: Martin Creed hat dem Löwenbräu seine White-Box-Ernsthaftigkeit ausgetrieben

Es werde Farbe: Martin Creed hat dem Löwenbräu seine White-Box-Ernsthaftigkeit ausgetrieben.

Meditative Elemente gibt es unter den neuen Schauen auch sonst nicht wenige. Allen voran eine filigrane Installation der Brasilianerin Fernanda Gomes bei Kilchmann im Maag-Areal. Gomes, eine würdige Nachfolgerin der grossen Brasilianer wie Lygia Clark oder Helio Oiticica, verbrachte den Sommer in der Galerie und hat sie mit ihrem feinen Händchen in ein raumfüllendes Gedicht in Weiss verwandelt. In perfekter Balance und wie das der brasilianischen Kunst eigen ist, im Geiste eines augenzwinkernden Konstruktivismus, überzog sie die Galerieräume mit einem Netzwerk von Objekten, Mobiles und Installationen, die den Raum prägen, fast ohne ihn zu berühren. Mir hat es der mittlere Raum vor allem angetan, in dem die grossen Fenster das wechselnde Licht von draussen hereinlassen, wodurch das Weiss in allen Farben des Tages und des Abends erstrahlt und die Schatten der feinen Skulpturen ihren neckischen Schabernack mit dem Auge des Betrachters treiben.

Galerie Peter Kilchmann: Raum mit Schatten, die brasilianische Künstlerin Fernanda Gomes

Galerie Peter Kilchmann: Raum mit Schatten, die brasilianische Künstlerin Fernanda Gomes.

Zudem waren nicht weniger als zwei Philosophen von der Insel Shakespeares in der Stadt: Douglas Gordon und Martin Creed. Als ob sie Figuren aus einem Bühnenstück des grossen Barden wären, gaben sie Rätsel auf und straften mit ihren melancholischen Scherzen das höfische Getue der Vernissagegäste Lügen. Douglas, der seinen Turner-Preis 1996 bekam, ist ein Schotte mit martialischen Tattoos auf den muskulösen Unterarmen. Auf die Einladung der von der Zürcher Kunsthistorikerin Kathrin Beer ins Leben gerufenen Organisation «Expanding the Contemporary» hat Douglas in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Druckermeister Thomi Wolfensberger in mehrmonatiger Arbeit zwei Editionen kreiert (plus ein Steinskulptur-Unikat). Als wir Gordon zu einem Pre-Saisonstart-Dinner in den Löwenbräu-Räumen seiner Galeristin Eva Presenhuber trafen, war er gerade in allerbester Laune. Mit Kajal-umflortem, unwiderstehlich tiefem Blick bat er Bice Curiger, ihre dezent gemusterte Bluse gegen sein braunes T-Shirt zu tauschen, welches, um ehrlich zu sein, nicht den allerfrischesten Eindruck machte. Doch alles ging gut, sehr gut sogar, am Ende liessen sich die Gäste zu einem Sängerwettbewerb herausfordern. Wie viele der zwei Editionen (Auflage je 13, mit mehreren tiefschwarzen oder farbigen Druckblättern) schon weg sind, kann ich im Moment nicht berichten. Ich vermute, dass sich Interessenten noch melden könnten: hier.

Douglas Gordon gibt Singbefehl, Gäste vor der Edition «Just Me»

Douglas Gordon gibt Singbefehl, Gäste vor der Edition «Just Me».

Creed, der seinen Turner 2001 für ein Werk bekommen hat, welches aus einem Raum besteht, in dem im rhythmischen Abstand das Licht ein- und ausgeht, ist zwar kein Schotte wie Gordon, doch auch im Norden des Königreichs aufgewachsen. Auch er wird gerne grundsätzlich. Seine Schau bei Hauser & Wirth zeigt den Konzeptualisten indes als Maler. Nicht nur, weil er die Wände des gesamten Löwenbräus mit farbigen Mustern ent-sterilisiert hat. Nein, in der Ausstellung hängen tatsächlich Ölbilder. Eins wandert sogar als eine Art Schweizer Alp-Transportbahn am Seil in der ganzen Ausstellung herum. Ansonsten trat an der Vernissage ein Trüppchen Parolenschreier auf. Die Anführerin hatte eine grosse Ähnlichkeit mit Morticia, der Mutter der Addams-Family. Zumindest was die Kostümierung anbelangt.

Mortitia und die seltsamen Figur, ein Ölbild Creeds

Vernissage-Performance: Morticia und weitere seltsame Figuren, rechts: ein Ölbild Creeds.

Es gäbe noch viel zu erzählen: über neue, erstaunlich skulpturale Objekte des «teuflischen Ingenieurs» der Schweizer Kunstszene, Florian Germann, bei Gregor Staiger. Über den langen Tisch, den Pamela Rosenkranz für die Parkett-Editionen im Parkett-Space angerichtet hat und wo Jayne Mansfields Skalp nur durch ein offenes Messer von kleinen Kinderschühchen getrennt ist. Von Josh Smiths beinahe rudolf-steinerschen Zeichnungen bei Eva Presenhuber und von den komplexen Videos in der Kunsthalle und beim Migrosmuseum. Aber Leute, hey, die Saison hat erst angefangen. Wir wollen nichts überstürzen und jetzt einmal schön ruhig ein Tässchen Tee trinken.

Gregor Staiger, ein Kunststoff-Objekt von Florian Germann

Gregor Staiger, ein Kunststoff-Objekt von Florian Germann.

Künstlerin Pamela Rosenkrantz im Gespräch mit der Kuratorin Alexandra Blättler, Joan Crawfords Skalp

Künstlerin Pamela Rosenkranz im Gespräch mit der Kuratorin Alexandra Blättler, rechts: Jayne Mansfields Skalp (es handelt sich dabei um die Parkett-Edition von John Waters, anlässlich der gegenwärtigen Waters-Ausstellung im Kunsthaus neu aufgelegt).

Martin Creed and his band: Der Künstler gibt sich die Ehre an der Löwenbräu-Party, Stimmung auf der Terrasse

Martin Creed and his band: Der Künstler gibt sich die Ehre an der Löwenbräu-Party, Stimmung auf der Terrasse

Martin Creed and his band: Konzertausschnitt mit dem Song «I’m feeling brown».