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Die Sache mit der Macht

Ewa Hess am Mittwoch den 8. November 2017

Listen, höre ich seit einigen Jahren, sind soooo Nineties! Darum wohl werden diverse Kunstlisten nicht mehr so stark beachtet. Es gibt ihrer viele, zum Beispiel die wichtigsten Sammler weltweit, die aussichtsreichsten jungen Künstler, die einflussreichsten Kuratoren etc. etc. Nur diese eine Liste, Art Power 100, hat sich halten können und hat sogar seit ihrer ersten Ausgabe 2002 noch an Bedeutung gewonnen. Soeben ist die 2017 Power 100 veröffentlicht worden – und hat ein erhebliches Rauschen quer durch die Kanäle verursacht. Warum?

Die Herrscher über den Weltgeist: v.l.n.r. Donna Haraway, Pierre Huyghe, Hito Steyerl. Fotos: Asunow, Interview, Dismagazine

Das könnte am Namen liegen – die Machtliste. Die Macht ist auch in transparenteren Welten als derjenigen der Kunst an sich etwas Geheimnisvolles. Warum ist jemand mächtig? Worin äussert sich seine Macht? Wie hat diese Person sie erworben? In der Kunst sind diese Fragen besonders spannend, denn niemand versteht so richtig, wie dieses System funktioniert. Es geht ums Geld, aber dann doch nicht, denn die Werke, die gekauft und verkauft werden, entfalten ihre Kostbarkeit durch einen geheimnisvollen Mechanismus. Sie sind anziehend, komplex, schön oder hässlich, aktuell oder allgemeingültig. Warum ist jemand mächtig in der Welt der Kunst? Geht es um die Herrschaft über die Seelen oder über die Portemonnaies?

Ein Werk Hito Steyerls. Foto: publicseminar.org

Gerade diese Dichotomie hat die Liste der Zeitschrift «Art Review» besonders gut in den Griff bekommen, und deshalb – so geht meine Behauptung – ist diese Liste dazu geeignet, den Kampf zwischen Geld und Geist, der innerhalb der Kunstwelt tobt, auf eine 100-Punkte-Formel zu bringen. Ich sage hier Kampf, aber vielleicht ist es eher eine Symbiose. Das Geld kauft den Geist, und der Geist bleibt trotzdem der Herrscher. Zumindest im Idealfall.

Ein Werk Pierre Huyghes, das an der Documenta 13 (das war die vorletzte, 2012) für Aufsehen sorgte: Eine Skulptur mit Bienenstock am Kopf. Foto: Documenta

Die aktuelle Liste, wir haben es schon überall lesen können, bringt einen Paradigmenwechsel mit sich. Auf den drei ersten Positionen stehen die Namen von zwei engagierten Künstlern und einer feministischen Philosophin. Alle drei Namen: Hito Steyerl, Pierre Huyghe und Donna Haraway, stehen für die «helle» Seite der Macht, wenn der schnöde Mammon die dunkle sein sollte. Oliver Basciano, einer der Herausgeber der seit 1949 in London erscheinenden Zeitschrift «Art Review», welche die Liste erstellt, kommentiert diese «Erschütterung der Macht» so: «Das ist auch eine Rückversicherung, dass es verschiedene Mächte in der Kunstwelt gibt», sagt er. «Die eine Macht ist sicher das Geld, aber es gibt auch die intellektuelle, aktivistische und politische Macht.»

Das oberste Powertrio 2014 bestand noch aus einem Superkurator und drei Galerie-Giganten: v.l.n.r. Nicholas Serota, Iwan und Manuela Wirth, David Zwirner. Fotos: «Telegraph», «Independent», Artnet

Hito Steyerl lässt sich zum Beispiel von keiner Galerie vertreten, ihre an Computergames erinnernden Videos und Installationen sind nicht selten gesellschaftskritisch. Sie denkt aber mit ihrer Arbeit über das Verhältnis von Mensch und Maschine nach, ein Thema, das mit der Erstarkung der Robotik sicher unsere Zukunft prägen wird. Pierre Huyghe hat in seiner Arbeit an der Aussstellung «Skulptur Projekt Münster» in einer verlassenen Eissporthalle ei­ne Mondlandschaft entstehen lassen und sie mit Pfauen, Bienen und Krebszellen belebt. Das Verhältnis des Menschen zu den Tieren, zu seiner Umwelt – das sind oft Themen, welche seine Sensibilität beschäftigen. Auch die von Donna Haraway, der 73-jährigen US-Philosophin, die Genderforschung betreibt.

Wirklich weniger einflussreich? Gerhard Richter und eins seiner abstrakten Bilder. Fotos: Artnet, Pinterest

«Es gibt weiter die wichtigen und grossen Galeristen auf der Liste, und auch grosse Sammler sind noch da», sagt Basciano und schüttelt wissend den Kopf, wenn er darauf angesprochen wird, dass der deutsche Maler Gerhard Richter nicht mehr auf der Liste vorkommt – hm, er sei vielleicht weniger einflussreich geworden. Aber Moment, wie kommt diese Liste eigentlich zustande? Wer sind die strengen Juroren, welche über Macht oder Ohnmacht in der Kunstwelt urteilen, und aufgrund welcher Kriterien?

Die «Art Review» und ihre «mächtigen» Redaktoren Mark Rappolt und Oliver Basciano. Fotos: Artnet, Pinterest

Schaut man genauer nach, staunt man – die Liste wird von 20 Menschen bestimmt, die anonym bleiben. Die Zeitschrift legt Wert darauf, dass die Juroren nicht miteinander sprechen und aus verschiedenen Weltteilen stammen. Mehr wird über ihre Identität nicht verraten. Allerdings – und das ist doch bemerkenswert – werden sie jedes Jahr neu von der Redaktion der «Art Review» ausgewählt. Und gewisse Redaktionsmitglieder sitzen auch in der Jury.

Nun ist die «Art Review» bestimmt eine sehr honorige Zeitschrift. Gegründet in den Nachkriegsjahren, hat sie in ihrer langen Existenz sowohl gute Standards wie auch eine gute Durchmischung zwischen akademischen Beiträgen und Künstlerporträts behalten. Ihre gegenwärtigen Chefredaktoren, Mark Rappolt und David Terrien, sind weltweit angesehene Experten. Und doch … Manchmal erscheint einem die Liste doch etwas mehr ein politisches Statement zu sein als eine möglichst wirklichkeitsgetreue Zustandsbeschreibung. Zum Beispiel damals, als die Zeitschrift Ai Weiwei auf die Spitze hob und dafür einen Rüffel von der chinesischen Regierung einkassierte.

Der Geist regiert: Werke von Pierre Huyghe (links) und Hito Steyerl. Fotos: Documenta, Biennale

Wishfull thinking, vielleicht, Kollegen? Wenn man die Jury auswählt, kann man schon auch gewisse Weichen stellen, schliesslich weiss man ungefähr, wer was denkt. Und sprechen die Juroren nicht miteinander, so werden sie doch alle mit ihrem Verbindungsmann bei der Redaktion reden. Lasst mich mal raten: Basciano? Aber mir soll es wirklich recht sein. Und ich bete es der «Art Review» nach: Die Erschütterung der Macht hat stattgefunden. Der Geist regiert.