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Inside Venedig

Ewa Hess am Dienstag den 12. Mai 2015

Insider-Talk ist an den Eröffnungstagen der Biennale in Venedig die schönste Nebensache. Die US-Sammler, hiess es im Vorfeld, würden alle erst zur Art Basel im Juni (Art Basel: 18. bis 21. Juni) nach Europa kommen und dann die Biennale besuchen. Entweder sind sie alle trotz der Ankündigung in der letzten Minute doch noch in den Flieger gehopst, oder aber sie machen in der Menge nur einen kleinen Prozentsatz aus. Jedenfalls – es gab auch ohne sie genug Menschen an der dreitägigen Preview (Galeristen, Kuratoren, Künstler, Kulturmanager und Journalisten), um Pavillons und auch die Vaporettos in dicht gedrängte Sardinenbüchsen zu verwandeln. Hier einige Gesprächsthemen, die uns (Giovanni Pontano und mir) in Venedig die Ohren streiften.

Was: Eröffnung der 56. Biennale d’Arte di Venezia  – «All the World’s Futures»
Wann: 5. bis 8. Mai 2015 (die Biennale dauert bis 22. November)

1. Wem nützt die frühere Eröffnung? Als offizielle Begründung des vorgezogenen Eröffnungstermins der Biennale (Anfang Mai statt Anfang Juni) wird die Anbindung an die Weltausstellung in Mailand angegeben. Leicht düpiert suchte die Art Basel im Vorfeld das Gespräch mit Paolo Baratta, dem väterlichen Präsidenten der Biennale (so kam es Private View zu Ohren). Wie käme es den Baslern in den Sinn, war die entrüstete Antwort, dass eine Anbindung der Biennale an eine kommerzielle Veranstaltung wie eine Kunstmesse überhaupt erwägenswert wäre? Hm. Ist das nicht ein bisschen scheinheilig? Schliesslich funktionierte das Prinzip «See it in Venice, buy it in Basel» seit Jahren reibungslos, ohne dass sich jemand daran störte. Der wahrscheinlichste Profiteur der Verschiebung wird wohl die Kunstmesse Frieze in New York sein, wohin viele unmittelbar nach der Biennale-Eröffnung abgereist sind.

Kritisches Werk der Gruppe Gulf Labor, Liste der Sponsoren, der Kurator Okwui Enwezor und Präsident Paolo Baratta

Kritisches Werk der Gruppe Gulf Labor: «Who is Building the Guggenheim Abu Dhabi», Lange Liste der Sponsoren, Kurator Okwui Enwezor (immer so elegant wie seine Schau) und der Präsident Paolo Baratta.

2. Wer bezahlt das alles? Selten hat man die Biennale so elegant gesehen – die Wände im Arsenale gestrichen und repariert, der Garten dahinter maniküriert, Installationen, etwa die von Chris Ofili, gepflegt in die Umgebung eingeblendet. Hat die alte Biennale, sonst chronisch unterfinanziert, etwa einen neuen Sugar Daddy? Von den Insidern hört man, dass der diesjährige Kurator Okwui Enwezor sich nicht nur als ein unerschrockener Kapitalismuskritiker, sondern auch als ein brillanter Fundraiser bewiesen hat. Es ist offensichtlich ein Vorteil, wenn man einen Schrank voll elegant geschnittener Anzüge sein eigen nennt wie der smarte Nigerianer. Oder vielleicht gilt einfach in der kapitalistisch geeinten Welt nach dem Gesetz der Angebotsverknappung: «Marx sells!». Die am Eingang präsentierte Liste der Geldgeber ist jedenfalls lang (darunter die Schweizerinnen Maja Hoffmann mit ihrer Luma-Foundation sowie ihre Schwester Vera Michalski mit der nach ihrem verstorbenen Mann benannten Literatur-Stiftung Jan Michalski). Die Sponsorenliste zeigt dennoch nur einen Teil der Wahrheit. Die mächtigen Galeristen berappen mittlerweile sehr viel aus eigener Tasche – die Produktion, die Installation, die Transportkosten, die Empfänge… Es ist wohl kein Zufall, dass in der Hauptschau viele der ausgestellten Künstler von sechs führenden Galerien repräsentiert werden: den Galerien Gagosian, David Zwirner, Pace, Marian Goodman, White Cube und Hauser & Wirth.

Camille Norment spielt Glasharfe, eines der virtuosen Gemälde von Adrian Gheni, Pamela Rosenkranzs rosa Installation im Schweizer Pavillon

Camille Norment spielt Glasharfe in nordischen Pavillon, eines der virtuosen Gemälde von Adrian Ghenie, Pamela Rosenkranz’ rosa Installation im Schweizer Pavillon.

3. What’s new? Zu den viel besprochenen Entdeckungen der Biennale gehört, da sind sich viele Kritiker einig, «unsere» Pamela Rosenkranz. Ihre eindrückliche Installation im Schweizer Pavillon ist zudem auch beim weniger profilierten Publikum das Gesprächsthema der Eröffnungstage: Wie hat man den Pavillon in eine Zisterne voller rosa Flüssigkeit verwandeln können? Sind der Flüssigkeit psychoaktive Substanzen beigemischt? Manche Besucher fühlen sich nach einem Blick in die blubbernden rosa Fluten euphorisiert, andere benommen. (Die Meinung Ihrer treuen Berichterstatterin: «Our product» ist eines der besten Exponate der Länderpavillons, denn eine pointierte Aussage paart sich darin mit einem formal starken Auftritt.) Weitere starke Auftritte: die Glasharfenmusik-Installation im nordischen Pavillon. Die Künstlerin heisst Camille Norment, und sie wurde von der Schweizer Chefin der norwegischen Kunstbehörde ausgewählt, Katya Garcia-Anton. Im rumänischen Pavillon staunt man über die malerische Virtuosität von Adrian Ghenie. Ein Blick in seinen «Darwin’s Room» voller pastosen, aber seltsam verzerrten Porträts, und man hat das Gefühl, in Francis Bacon’s interessantem Alptraum die Hauptrolle zu spielen.

Das Fotografieren verbindet die Welten: In der von Christoph Büchel als "Erste Moschee in der historischen Stadt Venedig» installiertem isländischen Pavillon

In Christoph Büchels «Erster Moschee in der historischen Stadt Venedig».

4. Provokation oder nicht? Der Beitrag des Schweizer Künstlers Christoph Büchel gibt nicht nur den Besuchern der Biennale viel zu reden, sondern beschäftigt auch die italienischen Behörden, die eine baldige Schliessung der als isländischer Beitrag zur Biennale deklarierten Kirche ankünden (Kirchenschliessung? Pipilotti Rists nackte Wilde in der Kirche San Stae 2005 lassen grüssen). Büchels «Erste Moschee in der historischen Stadt Venedig» ist indes bestimmt keine leere Provokation. An der Eröffnung erleben die Besucher eine gefühlsgeladene Feier der islamischen Gemeinde Venedigs, die Reden kommen direkt aus den Herzen der hier versammelten Moslems. Eigentlich kaum vorstellbar, dass es in Venedig, dieser Stadt, die als Tor zum Orient der islamischen Kultur so viel zu verdanken hat, bisher keine Gebetsstätte für die hier lebenden Moslems gab. Büchel trifft mit seiner Intervention ins Schwarze. Er legt den Finger in die Wunde, mietet eine ausrangierte katholische Kirche (die Santa Maria della Misericordia) und richtet sie als eine Moschee ein.  Voller Dialogbereitschaft sind die Reden des Imams, des Präsidenten der islamischen Gemeinschaft und der Botschafterin von Pakistan an der Eröffnung. Die Moschee soll eigentlich bis November offen bleiben (aber eben), in dieser Zeit hofft die Glaubensgemeinschaft zeigen zu können, dass sie nur Friedliches im Sinn hat. Eine grosse Gemeinsamkeit zwischen dem Kunstvolk und den Damen im Kopftuch: Sie fotografierten alles wie besessen mit ihren Handys.

Eine kleine Provokation vielleicht doch: Die Inschrift über der Eingangstüre der Kirche sagt: «Sacrosanctae Vaticanae Basilicae Perpetuo Aggregata», also für ewig dem Vatikan zugeordent. Immerhin aber ist die Kirche privat, sie funktionierte schon vor der Moschee nicht als Kirche. Rechts: Die neue Inschrift

Eine kleine Provokation vielleicht doch: Die Inschrift über der Eingangstüre der Kirche sagt: «Sacrosanctae Vaticanae Basilicae Perpetuo Aggregata», also für ewig dem Vatikan zugeordnet. Die Kirche ist aber jetzt im Privatbesitz, sie funktionierte schon vor dem Funktionswechsel nicht als Kirche. Links: Die neue Inschrift im Inneren der Kirche/Moschee.

5. François Pinault schafft es. Was? Nichts weniger als die beste und die schlechteste Schau der Biennale beizusteuern. Der französische Luxusmagnat unterhält in Venedig bekanntlich zwei Museen: die Punta della dogana und den Palazzo Grassi.  Der vietnamesische Künstler und Kurator Danh Vo (gemeinsam mit Caroline Bourgeois) zeigt im ehemaligen Zollamt Venedigs eine Schau, die zu den durchaus schwierigen Räumlichkeiten wie ein italienischer – pardon französischer – Massanzug passt. Eine Abfolge quer durch die Kunstgeschichte, nicht ganz unbescheiden machen Danh Vos Werke einen beträchtlichen Anteil davon aus – doch sie bilden einen passenden roten Faden. Wie eine Faust aufs Auge daneben die Martial  Raysse gewidmete Schau im Palazzo Grassi. Musste Pinault hier eine alte freundschaftliche Verpflichtung seinem alten Spezi Raysse gegenüber einlösen? Während man dessen ältere Arbeiten aus den Swinging Sixties noch mit einem Augenzwinkern als chic wahrnehmen konnte – so überkommt einen zunehmend ein ungutes Gefühl: je älter der Künstler, desto jünger die Modelle. Die nicht enden wollende Schau entlarvt zudem das malerische Talent des Künstlers als ein eher bescheidenes. Quel dommage.

Je älter der Künstler, desto jünger die Models: Martial Raxsses spätes Werk. Links: Ein Blick in Danh Vos Schau «Slip of the Tongue» mit einem Werk von Martin Wong

Je älter der Künstler, desto jünger die Models: Martial Raysses spätes Werk. Rechts: Ein Blick in Danh Vos Schau «Slip of the Tongue» mit einem Werk von Martin Wong.

6. Und zu guter Letzt doch noch eine kleine Vorschau auf die ART BASEL: Wie wir erfahren, wird Hauser & Wirth die berüchtigte Roth-Bar im edlen Hotel Trois Rois in Basel einbauen! Und in der Elisabethenkirche wird ein Werk von Isaac Julien vorgeführt, ein der Brasilianischen Architektin Lina Bo Bardi gewidmeter Film «Stones Against Diamonds», den der englische Fast-Turnerpreis-Gewinner (2001) mit Hilfe von Rolls Royce realisiert hat (was etwas kurios anmutet, weil es der gleiche Isaac Julien ist, der die Marx-Lesung der Biennale orchestriert hat). Doch der Film ist sehr schön – in Venedig lief er im schon, im Palazzo Malipiero-Barnabò.

Ein Still aus Isaac Juliens Film: die romanitsche Architektin in den Eishöhlen Islands

Ein Still aus Isaac Juliens Film: die romanitsche Architektin Lina Bo Bardi (gespielt von Vanessa Myrie) in den Eishöhlen Islands.