Beiträge mit dem Schlagwort ‘Christoph Rütimann’

Bevor die Abrissbirne kommt

Ewa Hess am Dienstag den 21. April 2015

Was ist ein Haus? Eine Strasse? Eine Stadt? Was ist uns schon die ganze Welt? In dieser Ausstellung, die ganz beiläufig solche grossen Fragen stellt und sie ganz schön fies am Ende offen lässt, hat auch der listige Schweizer Weltvermesser Christoph Rütimann einen Beitrag inszeniert. Und siehe da: Es ist ein Loch.

Was: Projekt «Sollbruchstelle» 03
Wo: In den ehemaligen Hallen der Carrosserie Boffa und dem Autospritzwerk Max Zimmermann auf dem Areal an der Werdstrasse 126 im Zürcher Kreis 3
Wann: 15. bis 19. April (weitere Tage: 22. bis 26. April)

Ausstellung

Der Initiant Jenja Roman Doerig gräbt die Grube für sein eigenes Kunstwerk mit dem Namen «Wrong Way To Hell oder über die Vorherrschaft religiöser Moralvorstellungen» (links), Doerigs Werk vor der farbigen Wand, die bald verschwinden wird (Mitte), Eingang zur Fabrikhalle (rechts).

«Sollbruchstelle» ist ein zwar exakt passender, und dennoch nicht ganz korrekter Name für das Projekt. Denn das geplante Abbrechen, namentlich von Häusern, ist bei den Projekten der Initianten Nikkol Rot und Jenja Doerig nur ein Aspekt. Ihre ganze Energie richtet sich eigentlich auf die Zeit dazwischen. Zwischen dem Abbruch und dem Neubau. An einem Ort, wo etwas Altes wegbrechen soll und etwas Neues noch nicht da ist, befinden wir uns in einem definitorischen Niemandsland. Und das ist im Zeitalter von Profilsucht und Wikipedia ein tolles Ding.

Eine Brackwasser-Ecke nannte die Zürcher Modemacherin Sissi Zöbeli mal einen solchen Ort. Sie sagte damals, dass die Künstler Berlin deshalb so lieben, weil es dort noch so Ecken hat. Mir hat das sehr eingeleuchtet, seither nenne ich das auch so. Brackwasser – weder Salzwasser noch Süsswasser. Eine Umgebung, wo vielerlei gedeihen kann.

Die Sollbruchstelle-Leute suchen Orte, wo etwas wegbricht. Und bespielen das Dazwischen. Mit Kunst und Projekten, die mit dem abzubrechenden Haus zusammen verschwinden werden. Die Werkhallen an der Werdstrasse sind ihr dritter Austragungsort. An der Löwenstrasse gab es schon so etwas und in Zollikon. Und jetzt diese wahnsinnig schöne Werkhalle. In der lauen Frühlingsluft erstrahlt der Ort zum letzten Mal – ganz hell.

Die Auswahl der Künstler, die hier zusammengerufen worden sind, ist ein Kunstwerk eigener Prägung. Manche sind Künstler, manche nicht, und allen gemeinsam ist, dass sich ihnen die Welt als ein poetisches Mysterium erschliesst. Manche sind schon länger als ganz besondere Tüftler bekannt (wobei die Bezeichnung Tüftler nicht despektierlich, sondern gänzlich bewundernd gemeint ist!). Also eben Christoph Rütimann, der Mann, der lange vor der Performance-Queen Abramovic die Präsenz des Künstlers zum Inhalt seiner Aktionen machte – etwa indem er auf dem Dach der Kunsthalle Bern sass. Oder Hans Knuchel, der Mann mit dem «Unterwasserteleskop», der Meister der Camera obscura und hoch geachteter Lehrer an der ZHdK. Oder Jürg Egli, der Video-Pionier, der zwischen den bewegten 80er-Jahren und seiner heutigen Praxis als «Zeitmaler» eine Karriere als viel bewunderter Bildermagier für Werbung und Fernsehen untergebracht hat (ich sage nur: Rundschau-Signet!).

«Was bleibt» - das Loch von Christoph Rütiman, Graffiti an der Wand gab es schon vorher

«Was bleibt» – das Loch von Christoph Rütimann, Graffiti an der Wand gab es schon vorher.

Von Rütimanns Loch war schon die Rede. Schlicht und genial – denn ohne die Wand gäbe es das Loch nicht und mit ihr wird das ephemere Werk, das hier und jetzt ein so solides Statement punkto Form und Ausdehnung macht, auch verschwunden sein. Oder doch nicht? «Was bleibt» titelt Rütimann seine Intervention. Unsere Erinnerung an das nicht dingfest zu machende Ding auf jeden Fall.

Eglis Werk im Mondschein (rechts) und im Regen (links), dazwischen die Mooslandschaft

Eglis Werk «Plötzliche Stille» im Regen (links) und im Mondschein (rechts), dazwischen die Mooslandschaft im Close-up.

Jürg Egli schafft in Moos. Buchstäblich. Auf dem Dach der Garage wuchs die archaische Pflanze zu einer Landschaft heran. Jürg holt sie runter, ins Rampenlicht der kurzen Schau. «Moos ist weich, Moos ist feucht, Moos ist alt», sagt er. Sein Werk nennt er «Plötzliche Stille», ein 3-D-Teppich mit heraufragenden Sporenkapseln, zum Werk gehört auch die Dachöffnung. Durch diese fällt Sonnenschein, Regen und auch Mondschein herein. Magisch.

Egli beobachtet sein Mooswesen im Halbdunkel der Halle. Der mit allen Raffinessen des elektronischen Bildes vertraute Crack zeigt den Zuschauern (auch mir), wie man mit einem iPhone ein Hightech-Panorama seines Werkes hinkriegen kann. Auch das ist Magie. Er säte sich übrigens selbst ins Werk hinein – als einen Mann aus Kresse.

Joinedkresse

Der Journalist und Gents-Tonic-Unternehmer HG Hildebrand hätte auch nichts gegen ein Schläfchen auf dem Moos (links), Jürg Egli (mit weissem Hemd) gibt ein Ad-hoc-iPhone-Kürsli, der Kressemann wächst jeden Tag höher.

Man ehrt hier, in der Halle, wo früher Autokarosserien auf Hochglanz gebracht wurden, umfassend die Natur. Schon im Hof begegnet man einem selig lächelnden Afrikaner – riesengross an eine Wand gepinselt. Darf man vorstellen: Edie Mukiibi, ein 28-jähriger Agronom aus Uganda, der Pionier einer neuen afrikanischen Schulgärten-Bewegung. Gemalt haben ihn Fassino & Lobeck, ein Duo, bestehend aus Architekt und Fotograf. Und in einem anrührenden Dokumentarfilm präsentiert Lidija Burcak ein ebenso altes wie ungewöhnliches Bauernpaar: Edith und Werner Freidig. Er hat 25 Jahre auf den Weiden von Lenk im Simmental nach alter Väter Art Gras gemäht und die Sense gedengelt. Sie aber, das kluge Mädchen, das von Japan geträumt und ethnografisch interessiert war, hat das Leben der beiden mit ihrer Super-8 in einen unendlichen Lebensfilm gebannt. In der Video-Koje, in der der Film zu sehen ist, sitzen die Zuschauer auf echten Strohballen.

Edie Mukiibi schaut von der Wand auf den Vorhof der Garage, Werner Freidig mäht seine Weide in Lenk nach der Väter Art (Filmstill)

Edie Mukiibi schaut von der Wand hinunter auf das Vernissagenvolk, Werner Freidig mäht seine Weide in Lenk nach der Väter Art (Filmstill).

Auf dem Weg zur Sollbruchstelle war mein Velo übrigens frühlingshaft beschwingt. Ich fuhr Umwege und sah das Quartier, in dem ich arbeite, mit anderen Augen an. Ein Graffiti mit roter Rübe rief alle auf, die Begierden zu wecken. Neue Beizen, alte Sehnsüchte … Kreis drei, dachte ich, ist eigentlich ein besonderer Ort. Auch so eine Brackwasserecke – nicht schick, nicht arm, und vielen Arten vom Leben zuträglich. Es lebe die Sollbruchstelle! Es wäre besser, sie bräche uns nicht gänzlich ab. Die Siedlung, die an Stelle der Werkhalle hinkommt – man kann sie hier schon als Rendering sehen–, ist übrigens vorbildlich verdichtet und architektonisch interessant. Doch alles andere als ein Brackwasserbecken voller seltsamer Lebewesen.

Die Filmemacherin Lidija Burcak (links), Sollbruchstelle-Initiantin Nikkol Rot (Mitte), und der Beweis, dass Glamour keine Frage der Adresse ist

Die Filmemacherin Lidija Burcak (links), Sollbruchstelle-Initiantin Nikkol Rot (Mitte), und der Beweis, dass Glamour keine Frage der Adresse ist (rechts).