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Wow, neue Augen!

Blog-Redaktion am Mittwoch den 5. April 2017

Liebe Leserinnen und Leser, unser Gastautor Claudio Bucher* hat sich übers Wochenende auf ein Virtual-Reality-Experiment eingelassen. Er besuchte die Tagung Being There an der Hochschule der Künste in Zürich. Schnell wurde ihm klar, wie mächtig das neue Medium wirkt – es wird wohl in Zukunft nicht nur den Film, sondern auch Kunst und andere Bereiche der Kultur beeinflussen. Hier Claudios Bericht:

Dieser Blog hat sich Erleuchtungen und Vernissagen verschrieben. Wenn von einem Medium in den letzten Jahren Erleuchtungsversprechen ausgegangen sind, dann von Virtual Reality. Spätestens seit Jordan Wolfsons viel besprochener VR-Installation «Real Violence» an der diesjährigen Whitney-Biennale ist das Medium nun auch in der Kunst angekommen. Artnews schrieb dazu: «Was Real Violence so erschreckend macht, ist, wie akkurat Wolfsons virtuelle Welt diejenige abbildet, in der wir leben.»

Dokumentarfilmtagung ZDOK.17 – Being There. Eröffnungsreferat von Christian Iseli. Bild: Andy Michaelis ©2017

Wenn an VR-Konferenzen noch Kotzbeutel wegen Übelkeit – Cybersickness – ausgeteilt werden müssen, kann noch nicht von einem Durchbruch der Datenbrillen in den Mainstream gesprochen werden. An der ausgebuchten Tagung im Theater der Künste werden zwar keine Kotzbeutel verteilt, die ausgeteilten Kartonbrillen funktionieren aber auch nicht sofort und nicht für jeden.

Dokumentarfilmtagung ZDOK.17 – Being There. VR-Station mit dokumentarischen 360°-Videos Bild: Andy Michaelis ©2017

Nach dem ersten Referat helfe ich dabei, Filmemacher Mischa Hedingers Smartphone zu suchen, das beim Versuch, es in die Kartonbrille einzusetzen, vom Podium gefallen ist. Gemäss der IT-Marktforschungsgruppe Gartner befindet sich die Technologie im Trog der Desillusion: Die ersten hohen Erwartungen wurden enttäuscht, man ist im Tal der nicht erfüllten Erwartungen angekommen, ab jetzt gehts nur noch aufwärts. Aber wohin?

Bevor wir Hedingers Smartphone suchten, unterschied Christian Iseli, ZDOK-Leiter und Dozent im Studiengang Film an der ZHDK, in seinem Eröffnungsreferat perzeptuelle von narrativer Immersion. Ein wenig Theorie: Mit Immersion ist der Prozess des Eintauchens gemeint, so tief oder so weit, dass die virtuell simulierte Umgebung als real empfunden wird. Perzeptuelle Immersion entspricht einem Realitätseffekt durch technisches Geschick, wie in VR oder in IMAX-Kinos: Wir verlieren uns in der Realitätssimulation. Die narrative Immersion wird ermöglicht durch einen Handlungsstrang: Wir verlieren uns in der Geschichte.

Auf der Leinwand der herkömmliche Film «Variation 8» von Delia Schiltknecht. Auf der Bühne die Dokumentarfilmerin und ZHDK-Dozentin Sabine Gisiger mit einem VR Head-Set. Sie schaut sich gleichzeitig die 360°-Variante desselben Films an. Ihre Sicht wird auf den beiden Monitoren angezeigt. Bild: Andy Michaelis ©2017

Erste Erkenntnis: Der dramaturgische Gehalt von VR-Methoden ist noch sehr gering. Das «Wow!» der Erfahrung ist noch grösser als das «Was passiert als Nächstes?». Für Filmschaffende bedeutet die Möglichkeit von 360-Grad-Videos wohl erst mal ein Hinterfragen des Berufsbildes der Kameramänner und -frauen. Das «Improvisieren wie im Jazz» (Iseli), die Kameraführung als subjektiver Blick, der den Blick des Zuschauenden leitet und lenkt, wirkt in 360 Grad zu nervös, zu schwindelerregend. Und die Schnittfrequenz wird nach Dekaden der Beschleunigung wieder auf das Anfangstempo der Dokumentarfilmgeschichte zurückgesetzt: Wir müssen uns zuerst an die neuen Welten gewöhnen.

Dokumentarfilmtagung ZDOK.17 – Being There. Bild: Claudio Bucher

Der Redner Iseli war Teil der ersten Generation von Filmemachern und -forschern, die in den Sechzigern mit dem Fernsehen aufwuchs. Damals, als Kameras leichter wurden und die Technik endlich ermöglichte, dass Menschen ihre Geschichte freien Kameras erzählen konnten, als Tonbandgeräte einer Radikaldiät unterzogen wurden und statt 90 nur noch 9 Kilogramm wogen. Er erlebte, wie der Zuschauer zum User mutierte, weil er nun in die Filmhandlung eingreifen konnte.

Er erlebte, wie die Handlung sich nun nach dem User richten kann und Daten in Echtzeit aus der Cloud, aus Archiven, aus Big Data, Biosensoren, Eye-Tracking-Brillen und Gesichtsausdruckserkennungs-Algorithmen zu uns bringt. Iseli erlebte auch, wie das iPhone 120-mal schneller wurde seit der Einführung vor zehn Jahren und die Auflösung immer besser, wie aus dem Handy ein potenzielles Virtual-Reality-Kino in der Hosentasche wurde.

Links: «Strange Days» (1995, Kathryn Bigelow). Rechts: Dokumentarfilmtagung ZDOK.17 – Being There. VR-Station mit dokumentarischen 360°-Videos: Die Filmemacherin Claire Simon.
Bildautor: Andy Michaelis ©2017

Aus der Filmrezension zu «Strange Days» von Roger Ebert: «Wir wissen, dass wir es wollen: Wir wollen durch die Augen anderer sehen, ihre Erfahrungen an unseren Körper erleben, uns in andere hineinversetzen. Das ist das unausgesprochene Versprechen dieser Filme. Und während die beunruhigende Möglichkeit computergenerierter virtueller Realität näherrückt, wird es denkbardass Millionen heute Lebender wissen werden, wie es sich anfühlt, jemand anderes zu sein.»

Szene aus «Europe, She Loves» von Jan Gassmann. Bild: Moviepilot

Bei aller Tech-Euphorie machen die Brillen aber auch Angst. Das Gespenst der sozialen Isolation geht um. An der Konferenz wird dem oft die soziale Funktion eines Kinobesuchs entgegengesetzt, die Wahrnehmung in der Masse, das gemeinsame Eintauchen. Auch Regisseur Jan Gassmann, der in «Europe, She Loves» im Untergang des entutopisierten Europas die Liebe entdeckt, beendet seinen Vortrag mit einer Laudatio auf das Kino als Aufmerksamkeitstempel.

Dokumentarfilmtagung ZDOK.17 – Being There. Referat von AC Coppens (The Marketing Catalysts, Berlin). Bildautor: Andy Michaelis ©2017

Die Zukunft gehört aber wohl nicht nur dem Kino. Marketingspezialistin AC Coppens erzählt, dass die hohen Investitionen von Facebook in VR Oculus und Live-Video auf eine erweiterte Nutzung von Social Media hindeuten könnten, sobald die Brillen nicht mehr so einschüchternd sind. Eine Entwicklung, die gut in eine Zukunft passen würde, die der Informationsethiker Luciano Floridi in seinem Buch «Die 4. Revolution» entwirft: Eine Welt von Inforgs, die sich in der Infosphäre bewegen und krank werden, wenn sie offline sind, «wie ein Fisch ausserhalb des Wassers».

Ich habe im Vorfeld viel vom VR-Film «Clouds over Sidra» gehört, einer Produktion von Mister-Empathie-Maschine Chris Milk, realisiert mit dem Unicef Innovation Fund. Ein Mädchen, Sidra, führt durch seinen Alltag im Flüchtlingslager Zaatari in Jordanien, Heimat von 130’000 Geflüchteten aus Syrien. Der Regisseur kennt die affektive Wirkung von Musik, arbeitete zuvor für Arcade Fire und Kanye West und unterlegt das Flüchtlingstagebuch mit einer bittersüssen Piano-Ambient-Spur.

Szenen aus «Clouds over Sidra»: 360 Grad und der Zuschauer mittendrin. Bilder: Adelaide Festival

Die Musik spielt, während man bei Sidra im Zimmer sitzt, wenn man auf dem Fussballfeld steht, auf dem Matsch zwischen den Zelten, wenn man den Jungs zuschaut bei Kriegsspielen. Und wenn sie mich anschauen: Immer wieder drehen sich die Kinder zur Kamera hin. Das ist das Neue der VR-Wahrnehmung: The audience is present (AC Coppens), die Position des Zuschauers ist zentral.

«Muss man wirklich so nahe ran?», fragt mich Hedinger in der Pause. «Ist das nicht bloss Voyeurismus?» Ich gebe ihm recht, es ist Betroffenheitskino. Die Emotionen sind noch von der neuartigen Erfahrung von Telepräsenz übertüncht: das Gefühl, sich in einer entfernten Umgebung anwesend zu fühlen. Je wirklichkeitsnaher die Erfahrung, umso weiter rückt man weg.

VR-Hangover? Im Zwischenraum fühlt man sich erst mal verloren. Bild: Eugene Hoshiko/AP

Der Moment des Auftauchens ist seltsam, und dies nach nur ein paar Minuten Film. Als ich die Brille abnehme, aus dem lehmbraunen Matsch des Flüchtlingslagers in der VR-Station mit weissen Kaffeetassen auftauche, lächeln mich eine Studentin und die Regisseurin Claire Simon an. Sie haben mich offensichtlich beobachtet. Es dauert eine Weile, bis ich zurück im Raum bin. Eine Post-VR-Latenz, man hängt kurz in einem Zwischenraum der Welten. Es gibt Studien, die auf diesen dissoziativen Zustand hinweisen, man spricht auch schon von Post-VR-Traurigkeit oder dem Virtual Reality-Hangover.

Als Beispiel dafür, dass das neue Medium auch neue Formen der Erzählungen erfinden kann und wird, überzeugte das von Arte koproduzierte Notes on Blindness: Into Darkness: Basierend auf dem Audio-Tagebuch des erblindeten Schriftstellers John Hull, entsteht hinter der Brille eine Welt und der Entwurf einer VR-Poetik. VR soll als neues Medium gedacht werden, nicht als neues Kino, wird im Schlusspodium der ZDOK sodann auch gefordert. Es ist so wie mit allen neuen Kommunikationsformen: Es werden nicht nur neue Bilder geschaffen, sondern neue Augen, nicht nur neue Töne, sondern neue Ohren.

 

* Claudio Bucher lebt als freischaffender Kulturjournalist und Musiker in St. Gallen und Zürich. Als Claud produzierte er u. a. die Alben von Greis oder Sektion Kuchikäschtli und die Musik für Dokumentarfilme wie «Zum Beispiel Suberg». (Bild: Sammy Photo Studio, Hongkong)