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Oslo calling

Ewa Hess am Dienstag den 30. September 2014

In Brüssel ist die Botschaft vielleicht noch nicht angekommen, doch aus Oslo haben wir brandaktuell zu vermelden: Die Schweiz ist Europa, und wie! Die Gruppenausstellung «Europe, Europe» im prunkvollen brandneuen Privatmuseum Astrup Fearnley zeigt die Kunst von morgen, also die ganz junge Kunst von heute. Und da ist die Schweiz ganz vorne mit dabei.

Was: Gruppenschau «Europe, Europe» im Astrup Fearnley Museum in Oslo
Wann: 18. September 2014 bis 1. Februar 2015
Wo: Oslo, auf der Halbinsel Tjuvholmen, einem schicken Neubauquartier mit Strand

Fischli/Weiss-Häuschen im Museumspark, Skulptur von Louise Bourgeois, Renzo Pianos Astrup Fearnley Museumskomplex

Fischli/Weiss-Häuschen im Museumspark, Skulptur von Louise Bourgeois, Renzo Pianos Museumskomplex.

Schon der Titel der Schau weist in die Schweiz. Einer der Kuratoren ist schliesslich der Kunstpate Hans Ulrich Obrist. (Mit der Bezeichnung Pate will ich übrigens gar nicht irgendwelche finstere Mafia-Vergleiche evozieren. Ganz im Gegenteil, so viel wie der allgegenwärtige Globalkurator Obrist für die ganz junge Generation tut, das soll ihm mal einer nachmachen! Pate also gleich Götti.) Und Obrist verrät, dass er sich für den Titel «Europa, Europa» wegen Dürrenmatts «Besuch der alten Dame» entschied. Dort wiederholen sich die Sätze der Güllener im bedrohlichen Rhythmus. Na ja, um Gerechtigkeit, wie bei Dürrenmatt, geht es in der Osloer Schau nicht. Doch die raumgreifende Arbeit des neuseeländischen Künstlers Simon Denny im Hauptraum der Ausstellung hat durchaus etwas Bedrohliches an sich. Es geht darin um ritualisierte Corporate-Kultur bei der koreanischen Firma Samsung.

Simon Denny grosse Installation «New Management» zur Corporate-Kultur, hier der koreanischen Firma Samsung

Simon Dennys grosse Installation «New Management» zur Corporate-Kultur der koreanischen Firma Samsung.

Die alte Mme Zachanassian, die im «Besuch» ihr Heimatdorf straft, hat übrigens – erinnern wir uns – ihre Milliarden von den Ehemännern im Öl- und Reedergeschäft geerbt. Ha! Das passt, denn das Museum, in dem «Europe, Europe» gerade ausgerufen wird, hat ein Mann bauen lassen, der den Schiffen und dem Öl auch einige Milliarden zu verdanken hat: Hans Rasmus Astrup, im reichen Norwegen einer der Reichsten. Um Astrups eindrückliche Sammlung der globalen Kunsttrophäen zu beherbergen (Koons! Hirst! Murakami! etc.), hat Renzo Piano ein grosses Wikingerschiff aus Holz und Stahl entworfen, das in Oslos Quartier Tjuvholmen auf ewiger Lauer zu liegen scheint.

Museumbesitzer und Schiffbau-Tycoon Hans Rasmus Astrup mit der norwegischen Königin Sonja an der Inauguration seines Museums 2012, Museumsdirektor Gunnar Kvaran (rechts, links der Co-Kurator Thomas Boudoux) vor den Gemälden Emil M Kleins, Hans Ulrich Obrist spricht an der Eröffnung zur jungen Gemeinde

Museumbesitzer und Schiffbau-Tycoon Hans Rasmus Astrup mit der norwegischen Königin Sonja an der Inauguration seines Museums 2012, Museumsdirektor Gunnar Kvaran (rechts, links der Co-Kurator Thomas Boutoux) vor den Gemälden Emil M Kleins, Hans Ulrich Obrist spricht an der Eröffnung zur jungen Gemeinde.

Hans Rasmus Astrup ist an der Vernissage anwesend, ein grosser Mann mit gesund geröteten Wangen – Fischer und Jäger ist er auch. Und natürlich die Schweizer Delegation, nebst dem HUO und dem von ihm ernannten Kurator Fredi Fischli auch noch Künstler Kaspar Müller, Fabian Marti, der Kurator Arthur Fink und Galeristin Karolina Dankow. Zudem hat Norwegen in der Person von Katya Garcia-Anton auch noch ein in der Schweiz bekanntes Gesicht im Kunstkader: Die ehemalige Direktorin des Centre d’Art Contemporain in Genf ist seit 2011 die Leiterin des OCA, also von so etwas wie der norwegischen Kunst-Pro-Helvetia.

Schweizer mischen sich in Europa ein: Künstler Kaspar Müller, Kurator Fredi Fischli, Galeristin Karolina Dankow, norwegische Künstlerkollegen Ignas Krunglevicius und Tori Wranes

Schweizer mischen sich in Europa ein: Künstler Kaspar Müller, Kurator Fredi Fischli, Galeristin Karolina Dankow, norwegische Künstlerkollegen Ignas Krunglevicius und Tori Wranes.

Aber zurück zur Generation Post-Internet. Welt offline kennen ihre Vertreter, nach 1980 geboren, nur aus Erzählungen. Für die ist ein Gemälde so etwas wie ein kaputter Monitor. Ihre Welt ist im ständigen Fluss der Bilder begriffen. Kein Wunder, steht man zunächst etwas ratlos vor mancher Installation, in der gleichzeitig mehr passiert, als man Augen und Ohren hat. Der Museumsdirektor und Spiritus rector der Schau, der Isländer Gunnar Kvaran, führt das Phänomen Post-Internet auf drei Faktoren zurück. Erstens Schengen. Weil man seit dem Grenzöffnungsabkommen ungehindert reisen kann, was zu einem noch intensiveren Austausch unter den Jungen führt. Zweitens Bologna. Weil die Kunstschulen seit der europaweiten Universitätsreform ihren Fokus nicht mehr auf die ästhetische Ausbildung legen, sondern Konzepte unterrichten. Das führt dazu, dass statt Künstlern philosophisch versierte Intellektuelle die Kunstschulen verlassen. Drittens – na eben. Sie wissen schon. Die grosse Wissens- und Bilderschleuder Internet.

Kaspar Müllers Installation, Camille Henrots Anspielungen an die Moderne. Stein-Installation Tori Wranes': Steckt die Künstlerin drin?

Kaspar Müllers Installation, Camille Henrots Anspielungen an die Moderne. Toni Wranes’ Stein-Installation.

Damit kommen wir zur zweiten Eigenheit der Post-Internetler: Sie lieben Geschichte. Schliesslich ist das Internet nichts anderes als ein grosses, grosses Archiv, in dem alles irgendwie gleichzeitig existiert. So malt der andere Schweizer, Emil M Klein, in einem Stil, der an die geometrisch-realisitische Strömung des Abstrakten Realismus gemahnt, etwa Elsworth Kelly. Das fällt auch Kvaran auf. Doch er gibt sofort wieder Entwarnung: Dieser Flirt mit der Moderne heisst noch lange nicht, dass sich die Werke auch ihrem Inhalt nach gleichen. Es sei eine Koketterie, die die eigentlich konzeptuelle Beschaffenheit der Malerei nur kaschiert.

Es zeigt sich deutlich: Auch diese philosophisch aufmunitionierte Kunst überzeugt vor allem dann, wenn sie ästhetisch einen adäquaten Ausdruck findet. Die ganze heterogene Szene, in der alle gleichzeitig Künstler, Kuratoren, Galeristen, Ideologen, Konzeptmacher, Bildhauer, Maler Fotografen und Videofilmer sind, ist der Humus, auf dem die Fähigkeit eines Einzelnen, ein unvergessliches Kunstwerk zu erschaffen, sich entwickeln kann.

Wie dem auch sei, die Schweizer Ecke mit der grossen Installation von Kaspar Müller und den Gemälden Kleins sieht wunderbar aus. Dort finden auch die Reden statt. Beide Künstler stammen aus dem Stall der Galeristin Francesca Pia, der ursprünglich Berner Unentwegten mit dem Flair fürs Authentische. Ihre seit einigen Jahren nach Zürich umgesiedelte Galerie im «zweiten Löwenbräu», den Räumen an der Limmatstrasse 268, vereint Tradition mit «cutting edge» Moderne.

Pamela Rosenkranz , eine Künstlerin von «Karma International», hat in Oslo einen eigenen Raum erhalten. Die intellektuellste unter den jüngsten Schweizern wird uns bald an der Biennale in Venedig vertreten. Eiskalt richtet die Wissenschafterin unter den Jungkünstlern die Illusion der Integrität des menschlichen Körpers und Geistes hin. Ihre gleichgültige Stimme zählt im dunklen Raum der Osloer Ausstellung detailliert die fatalen Folgen der toxischen Farbe Ultramarin auf den menschlichen Körper auf. Yves Kleins Ultramarin, von einem seiner Gemälde abgefilmt, wird unterdessen mit einem Beamer auf die Wand des dunkeln Raumes projiziert. Der Name des Werks: «The Death of Yves Klein». Klein soll ja am Gift seiner eigenen Erfindung, des International Klein Blue, gestorben sein.

Katya Garcia-Anton, ehemals Centre d'Art Contemporain in Genf, jetzt die norwegische Mme Kunst, Festsaal im Museum, Künstler Fabian Marti und Lena Henke auf der Treppe des Künstlerhauses

Katya Garcia-Anton, ehemals Centre d’Art Contemporain in Genf, jetzt die norwegische Mme Kunst, Festsaal im Museum, Künstler Fabian Marti und Lena Henke auf der Treppe des Künstlerhauses.

Sterben tut in Oslo indes niemand. Ganz im Gegenteil! Nach dem Fischbuffet inmitten eines gigantischen Werks von Anselm Kiefer schlendert man gemeinsam in das Haus der Künstler, wo der Abend bei viel Bier ausklingt. Die Osloer Kunstgemeinde zeigt sich von der gastfreundlichen Seite. Künstler wie Ignas Krunglevicius, eigentlich ein Litauer, und die Performerin Tori Wranes fragen mit ungläubig blinkenden Blicken, ob es stimmt, dass es in der Schweiz so viele Sammler gäbe. In Norwegen, erzählen sie, sammle ausser des alten Herrn Astrup kaum jemand. Die norwegischen Künstlersubventionen seien aber so grosszügig, dass sie ihre Werke gar nicht zu verkaufen bräuchten. Irgendwie wehmütig klingt das schon. Und wie sie die Schweizer Kollegen anschauen: Als ob gut genährte Zootiger die sich in der Wildnis erfolgreich durchschlagenden Raubtiere beobachten würden.