Beiträge mit dem Schlagwort ‘Bruno Bischofberger’

Namedropping nach der ART

Ewa Hess am Mittwoch den 21. Juni 2017

Bei den Preisen, die mittlerweile für gute Kunst bezahlt werden, könnte man die Aufregung um die ART für übertrieben halten – einkaufen können dort die meisten Normalsterblichen nicht. Aber: Die Messe, das ist ja nicht Kunsthandel allein! Nein, die Messe in Basel schliesst vor allem die vorsommerliche Kunstaufregung mit einem grossen Branchenpalaver ab. Wenn Art ist, dann sind Venedig, Documenta, Skulpturenprojekte (selten alle drei im gleichen Jahr, aber 2017 war es so) vorbei, und man hat sich viel zu erzählen.

Man pilgert durch die Liste, durch die Hauptmesse, durch die Ausstelllungen in Basel, trifft Kunst, trifft Menschen und macht sich ein Bild. Darum, liebe Leserinnen und Leser von Private View, will ich heute ein bisschen Namedropping betreiben. Folgen Sie mir, einfach nur so quer durch die Messe.

Ein stolzer Japaner: Yusaku Maezawa postet seinen neunstelligen Einkauf. (via Instagram)

Basquiat

Einen Monat vor der Messe wurde Jean-Michel Basquiat zum teuersten US-Künstler und deklassierte damit Andy Warhol nach vielen Jahren der Marktführung. Der japanische Milliardär Yusaku Maezawa (sein Geld stammt aus dem E-Business, woher denn sonst) kaufte das Bild ohne Namen für 110,5 Millionen Dollar an einer Sotheby’s-Auktion. Seinen obsessiven Kauf macht er kurz darauf auf seinem Instagram-Account publik. Natürlich war Basquiat danach ein Dauerthema auf der Messe. Weil die Galerie Acquavella den ihren für «nur» 20 Mio. verkauft hat (also ist der Basquiat-Markt doch erst im achtstelligen, und noch nicht im neunstelligen Bereich?). Weil mit Basquiat aufs Mal zwei Minderheiten gewürdigt werden: Sein Vater stammt aus Haiti, seine Mutter aus Puerto Rico. Nicht nur schwarz, sondern auch Latinx! (Das Latinx ist kein Tippfehler, sondern die neue geschlechtsneutrale Bezeichnung für einen Latino oder eine Latina).

Basquiats Zeichnung mit einer Schweizer Speisekarte, Künstler mit Bruno Bischofberger in St. Moritz, dazwischen Brooke Bartlett (courtesy Bischofberger collection)

Mir hat einer an der Messe gefehlt, der sehr viel über Basquiat erzählen könnte: Bruno Bischofberger! Der legendäre Galerist nimmt schon seit Jahren nicht mehr teil, er war gemeinsam mit Andy Warhol einer der Förderer des Strassenkünstlers und kannte ihn sehr gut. Vor sieben Jahren, als die Fondation Beyeler ihre famose Basquiat-Retrospektive zeigte, sass ich mucksmäuschenstill in Bischofbergers von Ettore Sottsass erbautem Privathaus hoch über dem Zürichsee und hörte den Erzählungen zu (zum Beispiel wie Basquiat in die Schweiz kam und Bratwürste zeichnete, nachzulesen hier). In Bruno Bischofbergers Privat-Schaulager in Männedorf könnten viele unschätzbare Basquiats bewundert werden, und nicht nur diese (open by appointment only).

Bruno Bischofbergers Privat-Schaulager in Männedorf, erbaut von seiner Tochter Nina (Baier-Bischofberger). Bilder: Galerie BB

Fischer

Die Skulptur «The Kiss» des Schweizer Schwergewichts Urs Fischer war der erklärte Publikumsliebling der Messe. Kein Wunder – da durfte jeder ran. Die Rodin-Replik aus Plastilin konnte «weitergearbeitet« werden. Eigentlich erstaunlich, dass die Eingriffe nicht besonders einschneidend waren – offensichtlich reichte der Mut bei den meisten höchstens zu einem tiefen Fingerdruck. Diese Methode der Mitarbeit des Kollektivs hat der Künstler schon früher angewandt, indem er etwa seine Künstlerkollegen bat, an einer Skulptur aus Plastilin mitzuformen, und die so entstandene Vorlage später in Bronze goss.

Urs Fischers interaktive Skulptur «The Kiss» bei Sadie Cole’s HQ. (Bild: ewh)

Einige haben sich unoriginellerweise zu Obszönitäten hingewagt. Man fragte sich, wer so eine bearbeitete Skulptur denn kaufen würde – irgendwie sah sie nicht so appetitlich aus. Doch es stellte sich heraus, dass die ART-Kopie nach der Messe zerstört wurde, und die beiden Käufer (denn die Skulptur durfte man zwei Mal kaufen, was auch geschah, zu je 500’000 Dollar) bekommen eine jungfräuliche Version. Man stellt sich vor, dass sie diese dann an einem geselligen Abend ihren Gästen zur Verfügung stellen …

“Der Kuss” am Schluss der Messe, s. dazu Kommentarspalte. Bild: Rolf Bismarck

Karma

Den schnittigsten Auftritt an der Art Unlimited hatten drei Frauen: die beiden Galeristinnen Karolina Dankow und Marina Olsen von der Zürich-Los Angeles-Galerie Karma International sowie die Genfer Künstlerin Sylvie Fleury, die zum Galerieprogramm gehört. Zu sehen war Fleurys Ami-Schlitten (ein 1967 Buick), ihr eigenes Auto, mit dem sie manchen Kilometer zurückgelegt hat und den sie nur mit leicht blutendem Herz (aber was macht frau nicht alles für die Kunst) in eine Installation umgewandelt hat.

 

Sylvie Fleurys «Skylark» und der Rücken einer ihrer Galeristinnen. (Bild: ewh)

 

Die pfiffige Genferin Fleury hat es wie immer geschafft, mit lockerer Geste kühne Weiblichkeit, Stil und raumgreifenden Anspruch miteinander zu verbinden. Karolina und Marina (die beiden Teile von Kar-Ma) machten nicht weniger stilvoll die Honneurs. Vor dem Auto lag ein Rouge-Döschen, im Auto war eine elegante Szene mit Foulard und Zeitschrift arrangiert: Hollywood-like! Es passt, dass die Wipkinger Galerie Karma International einen erfolgreichen Ableger in Beverly Hills unterhält.

 

Karolina Dankow (links aussen), Marina Olsen (ganz rechts) und das Stillleben in Fleurys Buick. (Bild: ewh)

Der interkontinentale Spagat zahlt sich aus – auch in der aktuellen Ausstellung in Wipkingen, wo mit Flannery Silva und ihrem «Sugaring off» eine 27-jährige Künstlerin von der Westküste einen so souveränen und lustigen Auftritt hinlegt, dass man nur staunen kann. Worum es darin geht? Natürlich um Frauenfantasien! Zu Karma übrigens gibt es Breaking News (das muss man sich jetzt blinkend vorstellen). Nach der Messe wurde bekannt, dass Karma nun neu den Nachlass von Meret Oppenheim betreut! Das passt im allerschönsten Sinne.

Gupta

Was mir besonders gefiel, war der sympathisch moderne Umgang mit den Genderrollen, der sich in der Unlimited-Halle zeigte. Während die Frauen Gas gaben, kochte Subodh Gupta, der grosse Inder, in seinem Pfannenhäuschen ein so leckeres Süppchen (eher einen Curry), dass allen Messebesuchern der Speichel im Munde zusammenlief. Leider muss man berichten, dass man am langen Tisch selten einen Platz fand. Nun ja, Gupta kochte ja auch nicht die ganze Zeit selbst. Dennoch berichten jene, die sich einen Platz ergattert haben, dass das Essen wirklich gut schmeckte. Was an den Messen ja nicht immer der Fall ist.

Subodh Gupta kocht, das «Pfannenhäuschen» von aussen. Eigentlich heisst das Werk «Cooking the World». (Courtesy Galleria Continua und Hauser & Wirth)

Ruf

Ebenfalls beliebt: Die Kunst-Doppelgänger von Rob Pruitt. Zugegeben, das von der New Yorker Galerie Gavin Brown ausgebreitete Werk «Rob Pruitt’s Official Art World / Celebrity Look Alikes» roch stark nach einem Insiderwitz. Aber hey, wo kann man noch Insiderwitze machen, wenn nicht an dem weltgrössten Branchentreff? Die sind doch bekanntlich die lustigsten. Der Künstler hat die ganze Sache mit den Doppelgängern sozusagen in umgekehrte Richtung durchexerziert. Für die im breiten Publikum weniger bekannten, dafür in der Kunstwelt sehr vertrauten Gesichter von Kuratoren und Künstlern suchte Pruitt Entsprechungen in der Welt der Mainstream-Celebritys. Es waren ganz viele! Eine ganze Koje voll, von der Decke bis zum Boden. Ich suchte nach Schweizern und fand natürlich Sam Keller (Beyeler, Art Basel), den Unlimited-Kurator Gianni Jetzer, den Serpentine-Unermüdlichen Hans Ulrich Obrist sowie Beatrix Ruf, ehemals Kunsthalle Zürich, jetzt Stedelijk Amsterdam. Beatrix Ruf alias Liza Minelli, das hat etwas, finden Sie nicht auch??? Hingegen den Schauspieler neben HUO kann ich nicht knacken, obwohl mir das Gesicht etwas sagt … Ich komme einfach nicht darauf … Helfen Sie, liebe Leserinnen und Leser? Weitere Schweizer – siehe unten.

«Rob Pruitt’s Official Art World / Celebrity Look Alikes», Ausschnitte, 2017          Bild: ewh

 

Sam Keller = Dr. Evil (Mike Myers)

 

Art-Basel-Direktor Marc Spiegler = Drogenbaron El Chapo

 

Unlimited-Kurator Gianni Jetzer = Schauspieler Colin Farrell

 

Künstler Urs Fischer = Schauspieler Michael Madsen

 

 

Bowies bestgehütetes Geheimnis

Ewa Hess am Mittwoch den 9. November 2016

David Bowies stilvoller Abgang hat die geheimnisvolle Aura, die ihn schon immer umgeben hat, nicht geschwächt, sondern stärker gemacht. Bald ein Jahr ist seit der Todesnachricht vergangen, und wir rätseln noch immer: Wer war der Mann? Er hatte eine schillernde Qualität, die war in seinem quecksilbrigen Verwandlungsspiel begründet. Es gab viele Bowies, die viele Namen trugen, und der zweifarbige Blick schien sowieso jeder Zuordnung zu spotten.

Das Schillern ist andererseits eine zutiefst künstlerische Haltung, darum ist die Entdeckung, dass Bowie exzessiv sammelte, an sich keine so grosse Überraschung. Denn ja, er sammelte, sein Leben lang, an allen Ecken der Kunst, und jetzt kommt die ganze Sammlung unter den Hammer, an drei nacheinander folgenden Tagen in London.

Was: Versteigerung der Kunstsammlung von David Bowie bei Sotheby’s London.
Wann: Donnerstag, Freitag und Samstag (10.,11., 12. November 2016).
Wo: Ausstellung der Werke bis zur Auktion am 10.11. in Sotheby’s-Räumen an der New Bond Street in London.

Bowie war in seiner eigenen Kunst alles andere als ein «one-trick pony», und so eklektisch hat er auch gesammelt. Sotheby’s musste den ganzen Schatz in drei grobe Gruppen unterteilen, und eigentlich könnte man noch weiter gehen. Am ersten Abend wird Modern and Contemporary Art versteigert, am Tag darauf folgt die Day Sale mit weniger prominenten Stücken der zeitgenössischen Kunst (natürlich sind gerade diese besonders spannend). Der wahre Knüller allerdings ist der dritte Vorabend und Abend, betiteltes Design: Ettore Sottsass und die Memphis Group. Wussten Sie das? David Bowie war ein Riesenfan des italienischen Designers und seiner bunten postmodernen Entwürfe, die ihren kurzen Ruhm in den 1980er-Jahren genossen. Danach mochte man sie lange nicht – man sprach sogar despektierlich von einer Zwangsheirat zwischen Bauhaus und dem Bauklötzli-Hersteller Fisher Price. (Jetzt scheint man sie wiederzuentdecken).

Ja, Memphis war alles, was die kühle Moderne nicht war: ein politisch unkorrekter Lustschrei. Memphis war Farben- und Formen-Kakofonie, war bis zum Kitsch verspielt, passte sich einem Raum nicht brav an, sondern erntete ihn wie ein Pirat. Und Bowie liebte Memphis! Unübersehbar! Wie auch die Schweizer Galeristenlegende Bruno Bischofberger Ettore Sottsass liebt. Er lebt sogar in einem Haus, das von dem 2007 verstorbenen Italiener gestaltet wurde, nicht weit von Zürich. Ein Anti-Design-Märchenhaus wie aus Grimms Märchen, aber davon ein anderes Mal.

Hier also extra für Sie: Einige Trouvaillen aus Bowies Sammlung – sind sie nicht toll? Der Schätzpreis ist meist gar nicht so hoch, und die Vorstellung, Müesli aus einer Keramikschale zu löffeln, die einst Bowie gehört hat, muss wahre Fans begeistern. Oder zu schreiben unter einer Lampe, die einst die Entstehung von «Let’s Dance» beleuchtet hat? Oder gar – mit der roten Olivetti zu schreiben, auf der «Modern Love» getippt wurde?!

Man kann online bieten. Aber, passen Sie auf, es ist eine Auktion, Preise können hochklettern. Wer seine Begehrlichkeiten nicht im Griff hat, sollte sich einen befreundeten Aufpasser zur Gesellschaft bestellen.

Portable Schreibmaschine «Valentine», 1969. Der Ausgangspunkt von Bowies Liebe zu Ettore Sottsass Design. «I typed up many of my lyrics on that», erzählte er. Schätzpreis 300 - 500 £.

Bowies portable Olivetti-Schreibmaschine «Valentine», 1969. Der Ausgangspunkt von seiner Liebe zu Ettore Sottsass’ Design. «I typed up many of my lyrics on that», erzählte er. Schätzpreis 300–500 Pfund.

 

Nein, nicht Memphis, aber irgendwie ein Kind des gleichen Geists... Achille und Pier Giacomo Castiglioni heissen die Designer, die diesen RR126 bereits im Jahr 1966 - offensichtlich in Anlehnung an einen putzigen SF-Roboter entworfen haben.

Nein, nicht Memphis, aber irgendwie ein Kind des gleichen Geists… Achille und Pier Giacomo Castiglioni heissen die Designer, die diesen RR126 bereits im Jahr 1966 – offensichtlich in Anlehnung an einen putzigen SF-Roboter – entworfen haben.

George J. Sowden dieses hübsche Keramik-Tablett heisst –Potato» oder die Kartoffel. Natürlich nicht nur um Chips zu servieren! Stempel sagt: MEMPHIS / MILANO / Made in Italy. Schatzpreis 100 bis 150 GBP.

Dieses Keramiktablett von George J. Sowden heisst «Potato» oder die Kartoffel. Natürlich nicht nur für Chips! Der Stempel sagt: MEMPHIS / MILANO / Made in Italy. Schätzpreis 100–150 Pfund.

 

Aus der allerersten Memphis-Kollektion, Design Sottsass, heissen diese Bodenlampen «Treetops». Stehen auch bei Karl Lagerfeld in Monaco. Der Modezar war wie Bowie ein Fan, er soll damals die ganze erste Kollektion von 1981 aufgekauft haben. 600 bis 800 Pfund Anfangspreis.

Aus der allerersten Memphis-Kollektion, Design Sottsass, heissen diese Bodenlampen «Treetops». Stehen auch bei Karl Lagerfeld in Monaco. Der Modezar war wie Bowie ein Fan, er soll damals die ganze erste Kollektion von 1981 aufgekauft haben. 600–800 Pfund Anfangspreis.

 

Halb Pilz, halb Büchergestell, kurz ein Rumpeltilzchen von einem Möbel. Bowies Prunkstück namens «Malabar», designt von Ettore Sottsass, Schätzpreis 2000 - 3000 GBP.

Halb Pilz, halb Büchergestell, es ist ein Rumpelstilzchen von einem Möbel. Bowies Prunkstück namens «Malabar», designt von Ettore Sottsass, Schätzpreis 2000–3000 Pfund.

 

Sottsass war ja schon 62, als er mit einer Gruppe junger Wilden gemeinsam Memphis gründete, es war eine Art Altersfreiheit, die aus ihm herausbrach. Diese Keramikschalen sind von 1958 und verhältnissmässig brav. Und doch sieht man darin schon die Ansätze der späteren Exzesse. 400 - 600, immer in Pounds.

Sottsass war ja schon 62, als er mit einer Gruppe junger Wilder gemeinsam Memphis gründete, es war eine Art Altersfreiheit, die aus ihm herausbrach. Diese Keramikschalen von ihm sind von 1958 und verhältnismässig brav. Und doch sieht man darin schon die Ansätze der späteren Exzesse. 400–600, immer in Pfund.

 

Das wäre mein Liebling: die Vase «Euphrat». Sieht sie nicht wie eine Ausgrabung aus? Wie Schichten von historischen Sedimenten, die sich in einem Flussbett übereinander geschoben haben... Wenn sie mir versprechen, dass Sie nicht gegen mich bieten, versuche ich vielleicht mein Glück: Der Schätzpreis ist 600 Pfund, aber wie hoch ist zu gehen bereit bin, verrate ich nicht!

Das wäre mein Liebling: Sottsass’ Vase «Euphrat». Sieht sie nicht wie eine Ausgrabung aus? Wie Spuren einer früheren Zivilisation, die sich in einem Flussbett übereinandergeschoben haben… Wenn Sie mir versprechen, dass Sie nicht gegen mich bieten, versuche ich vielleicht mein Glück: Man fängt bei 600 Pfund an. Wie hoch ich zu gehen bereit bin, verrate ich aber hier nicht! (Alle Bilder Courtesy Sotheby’s)

«We will miss you»: Zeichnung von David Bowie am Geburtsort des im Januar 2016 verstorbenen Sängers. (Keystone/Andy Rain)

«We will miss you»: Zeichnung von David Bowie an der Gedenkstätte für den verstorbenen Sänger in Brixton (Januar 2016). (Bild: Keystone)