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Sam kam spät

Claudia Schmid am Dienstag den 27. Januar 2015

Eine Materialschlacht dreier Nachwuchskünstler, Schoggi an der Wand, wenig Bier, warme Würste und ein später Porschefahrer Sam Keller – die erste Ausstellung im Kunsthaus Baselland war ein gemütliches Get-Together nach der Winterpause.

WAS: Vernissage Jahresauftakt-Ausstellung mit Jan Hostettler, Oliver Minder, Katharina Anna Wieser und Kilian Rüthemann
WO: Kunsthaus Baselland
WANN: 22. Januar, 18.30 Uhr (bis 12.4., Rüthemann bis Ende Jahr)

Beim St.-Jakob-Stadion, der Heimstätte des FCB, herrscht zurzeit gähnende Leere: Noch ist Saisonpause, und so verirrt sich kaum jemand an den Stadtrand bei Muttenz. Dank der Vernissage im Kunsthaus Baselland, nur wenige Meter vom «Joggeli» entfernt und auf Muttenzer Boden stationiert, pilgerten am Donnerstag Kunstfreunde in das tötelige Quartier.

Abends in Muttenz: Künstler Jan Hostellter vor seinem Kunstwerk aus Wachs, Hausherrin Ines Goldbach mit dem Fondation-Beyeler-Chef Sam Keller, Künstler Oliver Minder vor seinem «Birkenwald»

Abends in Muttenz: Künstler Jan Hostettler vor seinem Kunstwerk aus 200 Litern mit grünem Malachit gefärbtem Paraffin, Hausherrin Ines Goldbach mit dem Fondation-Beyeler-Chef Sam Keller, Künstler Oliver Minder vor seinem «Birkenwald».

Dort eröffnete Direktorin Ines Goldbach die erste Ausstellung des Jahres – und es kamen viele. Etwa Annette Schönholzer, seit kurzem nicht mehr Co-Chefin der Art, sondern selbstständig als Beraterin tätig, oder Chus Martinez, die neue Leiterin des Kunstinstitutes an der neu gebauten HGK Basel im Dreispitz. Die kleine Katalanin mit besten Kontakten und Nike-High-Heels sollte man im Auge behalten: Sie gleist derzeit Synergien und Plattformen auf, um dank der Kunstschule und Nachwuchsszene die Basler Kunstszene aufzurütteln. «Es ist alles sehr eingespielt und ‹classy› hier, es muss sich was bewegen!», sagt sie. Und musste gleichzeitig lachen, weil sie an diesem Abend wie fast alle eine dunkle, wattierte Jacke trägt. Individualistische Kunstszene? In Basel gibt man sich modetechnisch gesehen konformistisch.

Links: Die neue Kunstleiterin der HGK Basel Chus Martinez (in schwarz) mit Nadja Solari, Mitte: Kuhfell-Monochromie von Oliver Minder, rechts: Kilian Rüthemann

Links: Die neue Kunstinstitutsleiterin der HGK Basel, Chus Martinez (in Schwarz), mit Nadja Solari, Mitte: Kuhfell-Monochromie von Oliver Minder, rechts: Kilian Rüthemann.

Die Ausstellung war allerdings ganz in Martinez’ Sinn: Ihre Kollegin Goldbach holte für die Ausstellung drei Nachwuchskünstler, alle nicht älter als 34  – sowie den mehrfach preisgekrönten Kilian Rüthemann (35). Er ist dieses Jahr für die Gestaltung des Aussenraumes verantwortlich. In einem ersten Schritt hat er eine riesige Plane an der Aussenwand mit einem «Schoggisujet» angemalt; im Frühling wird er auch den Vorplatz bespielen. Das im Graffiti-Stil gemalte Gemälde, das an Schokolade erinnert, lässt einem förmlich das Wasser im Mund zusammenlaufen. Wer das Kunsthaus nicht kennt, könnte meinen, es sei das Werbeplakat einer Basler Schoggifabrik.

Auch drinnen wurden die Sinne angesprochen. Katharina Anna Wieser, wie die anderen ausstellenden Künstler in Basel wohnhaft, verbindet die oberen Räume des Kunsthauses zu einem einzigen Kunstwerk: Eine schräge, begehbare, pyramidenförmige Rampe aus Holzlatten, die fein nach Terpentin riecht, schmiegt sich durch die Kabinetträume. Die Rampe ist begehbar, ja verlangt geradezu, beschritten zu werden. Da stakst man also über die Schräge und ist wie die Räume Teil des Kunstwerks.

Spektakuläre junge Kunst: Kilian Rüthemanns viskose Schoggi-Fassade, Anna Katharina Wiesers «Rampe», Hostettlers Paraffinobjekt

Spektakuläre junge Kunst: Kilian Rüthemanns fliessende Schoggi-Fassade, Anna Katharina Wiesers «Rampe», Hostettlers «ausgelaufenes» Paraffinobjekt.

Dass der Raum nicht einfach «Hülle» für die Kunst, sondern Teil der Interventionen ist und die Werke aller Künstler verbindet, ist eine grosse Stärke dieser Ausstellung. Dass die Arbeiten den riesigen Räumen des Kunsthauses standhalten, ist genauso eine Leistung. So ist auch die temporäre Installation von Jan Hostettler im Untergeschoss Teil der Räumlichkeiten. Durch den horizontalen Schlitz einer neu aufgebauten, weissen Wand lies Hostettler 200 Liter flüssiges, mit grünem Malachit gefärbtes Paraffin laufen. Die Wand ist mit Wachs überzogen, ein Teil des Ausstellungsbodens ebenfalls. Das technisch genau Geplante, aber zufällig Herausgekommene ist eine Spezialität des Solothurners – wie die Wände im anderen Raum, in die er Löcher gebohrt und aus denen schwarze Tusche gelaufen ist.

Kunstwerk als Rampe: Katharina Anna Wieser auf ihrer Holschräge, Kunsthus Baselland in voller Grösse, nicht mehr Mme ART Annete Schönholzer mit Andreas Bicker

Kunstwerk als Rampe: Künstlerin Katharina Anna Wieser auf ihrer Holzschräge (l.), Einblick ins hell erleuchtete Kunsthaus Baselland (Mitte). Rechts: Annette Schönholzer, ehemalige Co-Chefin der Art, mit Art-Generalmanager Andreas Bicker.

Mit Sepiatusche arbeitet Oliver Minder. Er hat damit verschiedene, grossformatige Polyester-Oberflächen übermalt. Bewegt man sich vor den Bildern, verändert sich die Struktur der Sepiafarbe; sie glänzt mal oder bleibt matt. Neben diversen «Fellbildern» arbeitet Minder auch mit Birkensaft, den er in Finnland entdeckt hat. Er bemalte damit weisse Leinwände mit den Logos verschiedener skandinavischer Black-Metal-Bands. Auch da muss man den Kopf drehen und gut schauen, und immer wieder verändert sich die Struktur des Gemalten.

In Sachen Mode gibt man sich Basel pragmatisch, die wattierte Jacke ist Programm (Links), Teenagerarbeit am Grill (Mitte), Schoggi-Kunstwerk von Rüthemann an der Fassade

In Sachen Mode gibt man sich pragmatisch: Die wattierte Jacke ist Programm (links), Teenagerarbeit am Grill (Mitte), Rüthemann-Fassade in der Nacht.

Lange hielten es die Gäste trotz der tollen Ausstellung nicht in den Räumen des Kunsthauses aus. Sie waren so hell erleuchtet, dass man jeden Pickel und jede Falte der Gäste sah. Deshalb froren sie lieber draussen in der Kälte, während Bier (es gab zu wenig) und Würste (schön wärmend) serviert wurden. Die Kinder des Buchhalters des Museums, fünf lustige Teenager, grillierten das Fleisch, schnitten Brot, drückten hastig den Senf für die Gäste aus und unterhielten sich dabei über gemeinsame Teenie-Freunde. Das war nochmals eine Performance für sich, wie einige anwesende Künstler, darunter Johannes Willi oder Livio Baumgartner, bemerkten.

Der letzte Gast kam kurz vor dem Ende gegen 21 Uhr – fast unbemerkt: Sam Keller fuhr mit seinem Vintage-Porsche vor, begutachtete 10 Minuten lang die Schau, machte Goldbach ein Kompliment und brauste wieder davon. So macht man das. Wo käme man da sonst hin?