Beiträge mit dem Schlagwort ‘Andy Warhol’

Im Zeichen der Katze

Ewa Hess am Dienstag den 7. Juli 2015

Liebe Leserinnen und Leser von Private View: Der Sommer ist da. Vor den grossen Ferien noch ein kleiner schnurrender Ausblick auf die Herbstsaison. Beim Sichten der kommenden Highlights bin ich über eine grosse Schau von Warhol und Ai Weiwei in Melbourne gestolpert. Kluge Paarung! Die beiden Propheten beieinander: Andy Warhol, der Papst des popbesessenen 20. Jahrhunderts, und Ai Weiwei, der Held der Generation Instagram und der aktivistischen Kunst, die erste grosse Figur des 21. Jahrhunderts. Der eine ist West, der andere Ost, und sie spielen beide mit den Grenzen: des Konsums, des Landes, der Toleranz etc. Ich sage aber heute nur: «Miau

Der junge Ai Weiwei macht den grossen Warhol gestisch nach

Der junge Ai Weiwei macht den grossen Warhol nach.

Es wird nämlich in Melbourne eine kleine Nebenschau der grossen Doppel-Retrospektive geben, welche die Besessenheit (oder Freundschaft, um es weniger aufgeregt auszudrücken) der beiden Künstler mit Katzen dokumentiert. Wenn man bedenkt, welch überraschende Führungsrolle die Samtpfoten innerhalb der Internetkultur übernommen haben, muss man doch sagen: Chapeau! Auch in dieser Hinsicht haben die beiden Visionäre den Vogel voll abgeschossen.

Posieren mit ihren Katzen: der Chinese und der Ami

Posieren mit ihrer Katze: Weiwei mit einem struppigen Tiger, Warhol mit einer eleganten Siamkatze.

Warhol lebte in den 50ern mit 25 Siamkatzen und seiner Mutter in New York. Die Vierbeiner hiessen alle Sam (oder Hester, wenn sie weiblich waren). Er malte sie ununterbrochen, seine Mutter schrieb als Legenden in ihrer schönen Handschrift den Katzennamen zu den Bildchen, eben meistens: Sam. Dann wurde ein Buch daraus, es hiess: «25 Cats Name Sam and One Blue Pussy». Eigentlich sollte es ja «A Cat Named Sam» heissen, aber Warhols Mutter hat das «d» am Schluss von «named» vergessen. Andy fand das super.

Das Cover des «25 Cats Name Sam»-Buchs mit Widmung für Lou Dorfsman, den CBS-Werbechef, der Warhol als Illustrator gross machte, Der Künstler mit Katze in seinem Atelier

Das Cover des «25 Cats Name Sam»-Buchs mit Widmung für Lou Dorfsman, den charismatischen CBS-Werbechef, für den Warhol als Illustrator arbeitete; der Künstler mit Brillo-Packung und Katze in seinem Atelier.

An die 40 Katzen tigern durch das grosse, selbst gebaute Atelier von Ai Weiwei in Peking, das er ja lange nicht verlassen durfte, weil die chinesische Regierung ihm nach der Entlassung aus dem Gefängnis Hausarrest aufgebrummt hatte (jetzt darf Ai Weiwei zwar Peking verlassen, aber nicht China). Man sieht es sehr schön in dem Dokumentarfilm «Never Sorry» von Alison Klayman: Die Katzen machen, was sie wollen. Das geht einem schon fast auf die Nerven. Ai Weiwei baut ein Modell, zum Beispiel, und die Katze beginnt, damit zu spielen. Anstatt sie zu verscheuchen, gibt ihr Ai Weiwei mit ernster Miene noch mehr Elemente in die Pfote… Es gibt dort eine Katze, welche die Tür selber aufmachen kann. Ai Weiwei sagt dazu etwas Lustiges: «Der Unterschied zwischen den Katzen und den Menschen ist, dass die Katzen zwar auch lernen können, die Türe aufzumachen, sie aber nie hinter sich schliessen.»

Aus Alison Klaymans Film:

 

Über Warhols Kohabitation mit seinen Katzen hat sein Neffe James Warhola ein lustiges Kinderbuch geschrieben, «Uncle Andy’s Cats». Man sieht darin ein Rudel kleiner Sams zwischen den Beinen des Popgiganten wieseln oder den Mann mit den weissen Haaren unter einer Decke aus warm atmenden Kätzchen schlafen. Ai Weiwei sagt immer wieder in Interviews, sein Haus sei eigentlich das Haus seiner Katzen. Sie würden dort wohnen, Kinder kriegen, sich wohlfühlen. Er findet es nett, dass die Hausherrinnen ihm und seiner Familie auch noch Unterschlupf gewähren.

Hm. Interessante Meinung. Vielleicht gehört das Internet auch ihnen? Denkt darüber nach! Und seid glücklich im Sommer! Wir sehen uns Ende August wieder.

Warhols «So happy» (links), eine Edition von Ai Wewei

Warhols «So Happy» (links), eine Edition von Ai Weiwei.

An der ART entdeckt

Ewa Hess am Dienstag den 23. Juni 2015

Vieles wird am heutigen entfesselten Kunstmarkt kritisiert, auch von mir, doch eine der Nebenerscheinungen finde ich wunderbar: Die Neigung der Galerien, bisher verkannte Künstlerinnen und Künstler wiederzuentdecken. Der Markt ist trocken, die Käufer suchen Qualität, der Nachschub von tollen Werken, historischen oder aktuellen, ist beschränkt. Und so kommt es, dass man nochmals nach hinten schaut und oft auf diese Weise die Ungerechtigkeit der Geschichte korrigiert. Denn ja, es gibt Künstler, die so ungewöhnlich, so avantgardistisch oder so scheu bzw. widerspenstig sind, dass sie zu ihrer Lebzeit übersehen werden. Und, falls sie schon tot sind, auch später im Verborgenen bleiben. An der am Sonntag zu Ende gegangenen (tollen) Art Basel, bei der die Messeleitung die Galeristen explizit ermuntert hat, hochwertige historische Kunst mitzubringen, gab es für mich in dieser Beziehung richtige Offenbarungen. Ich teile sie mit Ihnen, liebe Leserinnen und Leser von Private View. Als Inspiration und auch als Tipp, falls Sie etwas Spielgeld zur Verfügung haben und es gegen Zeugnisse ephemerer Schönheit und exemplarischer Lebenshaltung tauschen möchten.

Ray Johnson (1927-1995), der Erfinder von Mail Art und so manchem anderen

Ray Johnson (1927-1995), der Erfinder von Mail Art und so manchem anderen.


 

Beginnen wir mit Ray Johnson. Ich sah eine wunderschöne Collage von ihm am Stand der New Yorker Galerie Richard L. Feigen & Co., die auch seinen Nachlass verwaltet. Der 1927 geborene Künstler war ein Wegbereiter für verschiedene Kunstströmungen. Seine Werke der 1950er-Jahre erinnern an Pop Art  (Jahre vor seinem Freund und manchmal Rivalen Andy Warhol). Johnson machte Performances, bevor es diese Bezeichnung überhaupt gab. Konzeptkunst, damals noch kaum vorhanden und heute praktisch Alleinbeherrscherin der Szene, war sein Sandkasten. Auch wenn er sich später über ihre gezierten Possen lustig machte (und uns allen, die wir des prätentiösen Konzeptkunst-Kauderwelschs müde sind, schon damals aus dem Herzen sprach). Und er war der Erfinder der Mail-Art, die damals den Gang zum Briefkasten bedingte. Johnson verbreitete seine Collagen und sibyllinischen Texte, indem er sie an ein riesiges Netz von Künstlerkollegen, Freunden und Fremden verschickte und diese ermunterte, den Ball seiner Inspiration aufzunehmen. Erinnert uns das an etwas? Ja, Johnson war ein analoges Social Medium, bevor es das Internet gab.

Ray Johnson «Untitled (Send to Brain Surgeon I)», 1974-76-1980-1985-1993-94,  collage, 38.10 x 38.10 cm., 30,000 Dollar

Ray Johnson «Untitled (Send to Brain Surgeon I)»

Vor zwanzig Jahren, an einem klirrend kalten Januartag, sprang Ray Johnson von einer Brücke im schönen Sag Harbor in den Hamptons, schwamm ins Meer hinaus und ertrank. Zwei Teenager sahen ihn springen und wollten die Polizei benachrichtigen, fanden aber den Polizeiposten nicht und gingen, anstatt das Leben des Unbekannten zu retten, ins Kino (das hätte ihm bestimmt gefallen). Erstaunlicherweise geschah das zu einem Zeitpunkt, als sein kommerzieller Erfolg gerade einzusetzen begann – was er nie suchte und sogar aktiv verhinderte, etwa als er 1990 von der Galerie Gagosian umworben wurde. Er war befreundet mit fast allen Grössen der amerikanischen Avantgarde jener Zeit, schon seit seiner Zeit am Black Mountain College, der avantgardistischen Kunstschule in North Carolina, der die amerikanische Kunst fast alles verdankt (ich erwähne hier nur die Namen einiger seiner Kommilitonen: John CageMerce CunninghamWillem de KooningBuckminster Fuller).

In den vergangenen Jahren begann Johnsons Ruhm stark zu wachsen, es gab Bücher, Artikel, Ausstellungen (alles, inklusive einer Timeline und schönen Videodokumenten) findet man auf der Website seines Nachlasses hier). Er wird ein Schwerpunktthema des Festivals Performa (NY) im November sein, und die Museen stehen offensichtlich Schlange bei Feigen, wie mir die nette Galeriedame an der Art erzählt hat. Dennoch, sagt sie, lagern noch stapelweise Kisten mit noch unbearbeitetem Material in einem unbenutzten Badezimmer der Galerie in New York, Arbeit genug für mehrere Generationen von Kunststudenten. So reich war das Lebenswerk dieses «Unbekannten».

Ray Johnsons Mail Art, Beispiele seines unnachahmlichen Humors

Ray Johnsons Mail Art, Beispiele seines unnachahmlichen Humors.

Die Arbeiten von Ketty La Rocca waren mir ebenfalls nicht bekannt – ich sah einige am Stand der Düsseldorfer Galerie Kadel Willborn. Sie haben mich sofort mit ihrer scheuen Grazie erobert. Ketty, was ich nicht wusste,  gehört zu den wichtigsten ersten Konzeptualisten in Italien. Sie starb 1976 mit nur 38 Jahren, und obwohl es nachher einige Retrospektiven gab, wurde ihr Name nicht allgemein bekannt. Schade! Überhaupt, die Italiener jener Zeit, aus den 60er- und 70er-Jahren, haben Kunst geschaffen, die ihrergleichen weit suchen muss. Ich denke daran seit meinem Besuch bei der Fondazione Prada Milano, weil die Bertelli-Pradas so viele tolle Werke in ihrer Sammlung haben. Viele dieser Künstler sind mittlerweile zu Marktstars geworden, wie Lucio Fontana oder Giuseppe Penone. Aber es gibt (gerade auch im konzeptuellen Bereich) noch so viel zu entdecken.

Ketty La Rocca und ihre Sprache der Hände

Ketty La Rocca und ihre Sprache der Hände.

Aber zurück zu Ketty. Sie entwickelte eine neue Sprache, die mit Händen zu tun hatte. Sie untersuchte deren Ausdrucksstärke, beschriftete sie mit Wörtern und versuchte, diese neue Kommunikationsmethode der existierenden Sprache entgegenzusetzen. Für die Frauen sei heute keine Zeit der Erklärungen, schreibt sie 1974 aus ihrer feministischen Perspektive, die hätten zu viel zu tun und überdies nur eine Sprache zur Verfügung, die ihnen fremd und feindlich sei. Sie seien der Gesamtheit beraubt bis auf die Sachen, die niemand beachte, und das seien viele, auch wenn sie geordnet werden müssten: «Die Hände zum Beispiel, zu langsam für weibliche Fähigkeiten, zu arm und zu unfähig, um das Hamstern fortzusetzen; es ist besser, mit Worten zu sticken.» Ich musste natürlich auch an die Arbeit Judith Alberts in der Grossmünster-Krypta denken, die ich vor drei Wochen hier vorgestellt habe und die eine weibliche «Händesprache» dem männlich geprägten Evangelium hinzufügt.

ketty La Roccas Werk «Il Mio Lavoro» von 1973 basiert auf einem Foto, in dem sie sich selber in ihrem Atelier aufgenommen hat und dann die Umrisse des Fotos mit Handschrift-Notizen nachgezogen hat. Es ist schon verkauft, der Preis war um die 20 000 Euro.

Ketty La Roccas Werk «Il mio lavoro» von 1973 basiert auf einem Foto, in dem sie sich selber in ihrem Atelier aufgenommen hat und dann die Umrisse des Fotos mit Handschriftnotizen nachgezogen hat. Es ist schon verkauft, für um die 20’000 Euro.

Kadel Willborn hat eine schöne schmale Publikation zu Ketty La Rocca herausgegeben, die den wunderbar poetischen Titel trägt: «The you has already started at the border of my I.»

Vito Acconcis Beiss-Performance

Vito Acconcis Beiss-Performance «Trademarks».

Die dritte Position, von der ich heute erzählen möchte, habe ich schon gekannt. Ich habe sie bei Grieder Contemporary vor einem Jahr nochmals gesehen, doch damals konnte ich dem Werk nicht genug Ehre erweisen. Jetzt war Damian Grieder mit seiner Acconci-Präsentation in Basel (in der «Features»-Sektion) und ich war wieder restlos begeistert. Vito Acconci ist heute 75 Jahre alt und ähnlich wie die zwei oben Beschriebenen prägte er die 70er-Jahre mit seinen Gedichten, Aktionen und Konzepten. Mit «Seedbed» (1972) hat er seine Karriere begründet. Achtzehn Tage lang lag Acconci unsichtbar unter einer Holzrampe in der Galerie Ileana Sonnabend. Besucher konnten ihn nicht sehen, aber aus dem Lautsprecher hören. Es wurde gemunkelt und den Geräuschen nach schien es wahrscheinlich, dass der Künstler dort unten masturbierte, während er Ungehöriges über die über ihn wandernden Galeriebesucher murmelte. Der heilige Nimbus einer Kunstgalerie wurde ganz gehörig erschüttert.

Bei Grieder sind von Acconci persönlich adnotierte Fotografien seiner diversen Aktionen zu sehen. Etwa: «Trademarks». Da hockt er im Schneidersitz vor einer weissen Wand und beisst sich in alle Körperteile, die er erreicht. Detailfotos zeigen einige der Bissspuren, die er sich 1970 in seinem Atelier zufügte. Weil ich direkt von Ketty La Rocca kam, musste ich daran denken, wie spektakulär es war, eine solche Performance von einem Mann vorgeführt zu bekommen. Die Beschäftigung mit dem eigenen Körper und Auto-Aggression waren für lange Zeit das verschämte Spielfeld der Frauen. Die Integration dieser Elemente zeigt eine besondere Sensibilität des Künstlers. Seit den 1980er-Jahren hat er sich übrigens ganz der Architektur und dem Design zugewandt,  mit dem Ziel, zukunftsweisende, partizipatorische Architektur-Kunst-Projekte durchzuführen.

Hört auf mit den Deppen!

Ewa Hess am Dienstag den 3. Februar 2015

Willkommen im Februar. Ein schwer zu rechtfertigender Monat (der einzige Pluspunkt liegt wohl in seiner Kürze). Ich ging ins Kino anstatt an eine Vernissage. Johnny Depp als schrulliger Kunsthändler – das könnte doch einen Eintrag wert sein? Doch Fehlanzeige. Dem abenteuerlichen Wesen eines Kunsthändlers wird der Streifen in etwa so gerecht wie eine stümperhafte Fälschung dem Meisterwerk von Goya (und im Film spielt eine der stümperhaftesten aller Zeiten eine Rolle).

Was: «Mortdecai» mit Johnny Depp, Gwyneth Paltrow, Ewan McGregor, Regie: David Koepp
Wann und wo: Jetzt in den Kinos

Kunsthändler sind in Filmen sowieso meist absolute Karikaturen ihrer selbst. Auch wenn sie von coolen Typen gespielt werden. Ich denke da etwa an Bruno Bischofberger – nicht einmal Dennis Hopper wurde im gerecht. Das war in «Basquiat», einem Film, bei dem der Maler Julian Schnabel hinter der Kamera stand und wenigstens dafür sorgte, dass die allergröbsten Klischees in Sachen Kunstwelt aussen vor blieben. Leider fiel er einer anderen Sentimentalität anheim, der Legende vom tragischen Künstlerschicksal (es ging um das Strassenkunst-Genie Basquiat) – zunächst unverstanden, dann ausgenutzt, dann drogensüchtig, dann früh tot. Auch wenn es so passiert ist, muss eine Fiktionalisierung mehr als eine Heiligenvita sein, finden Sie nicht auch?

Echt links: Andy Warhol, Jean-michel Basquiat, Bruno Bischofberger, Francesco Clemente. Im Film (rechts): Dennis Hopper als BB, David Bowie als Andy Warhol (aus dem Film «Basquiat»)

Echtes Leben, von links: Andy Warhol, Jean-Michel Basquiat, Bruno Bischofberger, Francesco Clemente. Im Film «Basquiat» (rechts): Dennis Hopper als Bruno Bischofberger, David Bowie als Andy Warhol.

Eigentlich erstaunlich, dass die Kunsthändler oft so klischierte Figuren in den Filmen abgeben. Kunsthändler habens doch drauf! Sie sind moderne Abenteurer, aber nicht in dem Sinn, wie es die doofen Filme haben wollen. Nehmen wir etwa ebendiesen Bischofberger (74). Aus dem Appenzell direkt aufs Weltparkett! Glaubte an Warhol – und an Basquiat –, bevor es die anderen taten. Und macht bis heute nur das, was ihm passt. Unter anderem: eine neue Riesengalerie bauen. In Männedorf. Eröffnung im Juni. Den Standort in St. Moritz gab er übrigens an den Sohn von Julian Schnabel, Vito, ab. Ja, an den Vito Schnabel, einschlägig gehandelt in der Regenbogenpresse als Heidi Klums Toyboy.

Ich durfte einst mit Herrn Bischofberger zusammen seine musealen Lagerbestände besichtigen. Meine Herren! Es ist nicht nur eine Schatzkammer, es ist auch eine Neuinterpretation der zeitgenössischen Kunst. Denn Bischofberger hat einen Blick, der das Archaische, Grossartige herausschält. Ich nenne das mal: den Alpenblick. Unter den Designern ist der Architekt Ettore Sottsass sein persönlicher Held. Und über Sottsass ist noch lange nicht alles gesagt worden, da kommt noch ganz sicher eine Wiederbewertung auf uns zu. Bischofberger erzählte mir übrigens damals, wie es mit Basquiat und ihm begonnen hatte. Und wie der Mann mit den Rastalocken bei einem Sennen-Zvieri im Toggenburg Bratwurst entdeckte – essend und malend (nachzulesen hier).

Schauspieler Seymour hoffman (links), Iwan Wirth (Mitte), perfekte Filmlocation: Hauser & Wirth in einem Haus aus dem 17. Jh in Somerset, GB

Schauspieler Philip Seymour Hoffman (links), Iwan Wirth (Mitte), perfekte Filmlocation: Hauser & Wirths «Campus» in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert in Somerset (GB), vorne Skulptur von Subodh Gupta.

Auch Iwan Wirths Vita, wenn er auch dreissig Jahre jünger als BB ist, gäbe einige Filme her. Titelvorschlag: «Iwans Reich», und eigentlich wäre Philip Seymour Hoffman gesetzt als Darsteller für Iwan den Grossen, leider ist Seymour Hoffman selber durch einen immer noch zu beklagenden verfrühten Tod zum Filmstoff geworden. Ebenso filmreif: Das Leben von Eva Presenhuber, die Zürich schon in den 80er-Jahren zeitgenössische Kunst verordnet hat. Ihre eiserne Willenskraft und ihr unerschrockenes Naturell würden den Filmtitel «All About Eve» rechtfertigen, und als Darstellerin schlage ich Geena Davis vor, eine meiner Lieblingsdarstellerinnen («Cutthroat Island», «Thelma & Louise» oder «Long Kiss Goodnight»). Die Rolle der Presenhuber würde Geenas Karriere durchaus aufmöbeln, sie stagniert in der letzten Zeit.

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Galeristin Eva Presenhuber (links), Schauspielerin Geena Davis (Mitte), filmreife Szene: Eva P. in ihrem Haus in Vnà.

Oder denken wir mal an Ernst Beyeler. Ich sehe das vor mir. Der Film beginnt in seinen letzten Jahren. Herr Beyeler – gespielt von Paul Newman – lässt sein Leben an sich vorbeiziehen. Mein Lieblingsfilm wäre auch die Vita vom ebenfalls viel zu früh verstorbenen Thomas Ammann, dank dessen unglaublichem Instinkt und Kontakten unter anderem auch die Daros-Sammlung zusammengekommen ist. Gerade haben wir erfahren, dass die Fondation Beyeler einen Erweiterungsbau plant, um das heute Stephan Schmidheiny gehörende famose Konvolut standesgemäss unterzubringen. Als Darsteller von Thomas Ammann könnte ich mir Jon Hamm vorstellen, den unfassbar gut aussehenden «Mad Men»-Protagonisten. Auf dem Gebiet der Kunst würde die diskrete Intellektualität des Darstellers besser zur Geltung kommen als in der profanen Werbung.

Schauspieler Jon Hamm (links), Kunsthändler Thomas Ammann (Mitte und rechts)

Schauspieler Jon Hamm (links), Kunsthändler Thomas Ammann (Mitte und rechts).

Also bitte, hört auf mit den Kunstdeppen in den Filmen! Dort wo Geist und Geld so schön zusammenkommen wie in der Kunst, braucht es eindeutig bessere Helden. Und wenn schon Deppen oder Deppinnen, dann wenigstens so lustig wie in dieser Jeanswerbung mit der genialen US-Komödiantin Amy Poehler:

Das Wunder von Bern

Ewa Hess am Dienstag den 20. Januar 2015

Früher Vogel fängt den Wurm, und wenn es auch uns reichlich Vögel gab am Sonntagmorgen beim Kornfeld, muss ich euch, die nicht dabei waren, den Speck durch den Mund ziehen: Ihr habt was verpasst. Es wurde ein epochales Werk gefeiert. Die Publikation «One Cent Life» von 1964 ist ein Meilenstein der Pop-Art, und der Galerist Eberhard W. Kornfeld (91) steht im Zentrum ihrer wundersamen Geschichte.

Was: Vernissage der Ausstellung «Fifty Years of ‹One Cent Life›»
Wann: Sonntag, 18. Januar, um 11.30 Uhr (die Ausstellung dauert bis 28.2.)
Wo: Galerie und Auktionshaus Kornfeld an der Laupenstrasse in Bern

Der Umschlag von «One Cent Life» und junger Walasse Ting in Paris

Der Umschlag von «One Cent Life» und der junge Walasse Ting in Paris.

Wenns um die Kunst geht, haben die Schweizer stets ihre Nüchternheit links liegen lassen. Erstaunlich, nicht? Mit Leidenschaft stürzten sich die grossen Figuren des Schweizer Kunsthandels in moderne Kunstabenteuer. Ernst Beyeler, Bruno Bischofberger, Eberhard W. Kornfeld – sie alle und noch einige mehr hatten das Herz auf dem rechten Fleck, wenn es darum ging, der Poesie und der Verrücktheit der Kunst einen soliden Platz zu erobern. So war es in den frühen 60er-Jahren, als Eberhard W. Kornfeld, Auktionator, Verleger und Galerist in Bern, zum Kreis der jungen Künstler in New York stiess, die sich im Atelier von Sam Francis am Broadway trafen.

Der Eingang zum Atelier im ehemaligen Auktionssaal befand sich gegenüber dem Flatiron-Gebäude an der Fifth Avenue – das ist jener erste Skyscraper New Yorks, dessen dreieckige Form und schmale scharfe Ecke bis heute ein Wahrzeichen von Big Apple geblieben ist. Man trank, man lachte, Träume und Fantasien der jungen Künstler hingen wie eine bunte Wolke unter der hohen Decke des Raums.

Einer von ihnen war ein Chinese mit dem Namen Walasse Ting. Er war Dichter, Maler, Abenteurer und Fantast. China lag damals noch am ganz anderen Ende der vorstellbaren Welt, doch Walasse träumte schon damals den Globalisierungstraum. Natürlich schwebte ihm keinesfalls eine Weltvereinigung im Zeichen des internationalen Kapitals vor. Die Poesie und die ästhetische Tollkühnheit waren seine Leitsterne. Man beschloss, die Weltveränderung mit einem Buch zu initiieren. Einem Buch der Bücher, in dem Tachismus, Dadaismus, Pop-Art und was es sonst noch damals an verrückten Bewegungen gab, gemeinsam mit Walasses Gedichten als ein Gesamtkunstwerk  zwischen zwei Buchdeckeln zu Ehren kamen.

Die Rede des Hausherrn, The Repeatles-CDs, Housi Wittlin in action

Die Rede des Hausherrn, The Repeatles-CDs, Housi Wittlin in action.

Gut, dass «Ebi» Kornfeld, damals  ein gestandener Geschäftsmann von 40 Jahren, dabei war! Mit Schweizer Vorliebe für gut gemachte Arbeit und dem helvetisch soliden Portemonnaie stand er von nun an dem Projekt Pate, dessen Realisierung zwei Jahre in Anspruch nahm. Walasse Ting, ein ehemaliger Matrose, war ein grosseur Charmeur und hat sie alle gekriegt, alle wichtigen Künstler dieser Zeit. Mirakulös. «Dass damals Bern eine Schlüsselrolle bei der Publikation und dem Vertrieb übernehmen durfte, ist auch heute noch erstaunlich», sagt Kornfeld in seiner Eröffnungsrede.

Lest mal die Künstlerliste und lasst eure Vorstellungskraft wirken:
Pierre Alechinsky (5 Lithos);
Karel Appel (5 Lithos);
Enrico Baj (2 Lithos);
Alan Davie (2 Lithos),
Sam Francis («Pink Venus Kiki» + 5 andere Lithos);
Robert Indiana (2 Lithos);
Asger Jorn (2 Lithos);
Roy Lichtenstein (Cover + 1 Litho);
Joan Mitchell;
Claes Oldenburg (3 Lithos);
Mel Ramos (2 Lithos),
Robert Rauschenberg (2 Lithos);
Allan Kaprow,
und Rinehound, Jim Dine, Jean-Paul Riopelle, James Rosenquist; Antonio Saura, Kimber Smith, K. R. H. Sonderborg, Bram Van Velde; Oyvind Fahlstrom, Andy Warhol, Tom Wesselmann …

Es gab 2000 Stück «regular edition», alle numeriert und folgende Spezialausgaben: 20 New York edition, 20 Paris edition, 20 «rest of the world»-edition und 40 Stück für Künstler. Dies war auf handgeschöpften Velin gedruckt und jede Litho signiert... Rechts: Walasse Tings Brief an Eberhard Kornfeld

Es gab 2000 Stück der «Regular edition», alle nummeriert, und folgende Spezialausgaben: 20 «New York edition», 20 «Paris edition», 20 «Rest of the world»-Editionen und 40 Stück für Künstler. Diese waren auf handgeschöpftem Velin gedruckt und jede Litho signiert … Rechts: Walasse Tings Brief an Eberhard Kornfeld.

Es hat schon seine Richtigkeit, dass Kornfeld die führende Rolle Berns bei der Herstellung des Buches so hervorhebt. Denn Bern tut sich schwer mit seinem Kunst(selbst)bewusstsein. Erst am Vortag fand aus Anlass des Galerienwochenendes in der Kunsthalle eine Diskussion statt, die hiess: «Bern – eine Kunststadt!» (übrigens moderiert von ebenfalls hier anwesendem Partner Kornfelds, Bernhard Bischoff). Trotz des Ausrufszeichens im Titel war die Diskussion kleinlaut: Als ob man selbst nicht so recht daran glaubte, dass Bern eine Kunststadt sein könnte.

Nun gut, die Matinée bei Kornfeld erinnert kraftvoll an bessere Zeiten. Die Lithos aus einer Vorzugsausgabe und Werke der Künstler aus dem Umfeld des «One Cent Life» werden präsentiert und feilgeboten. Und wenn ich sage feil, ist das keine Floskel. Ab 300 Franken kann man schon eine dieser Lithos erwerben – und sie gehen auch weg wie die warmen Semmeln! Um 13.30 Uhr ist die Ausstellung mit roten Punkten nur so gesprenkelt. Kein Wunder. Es sind wirklich sehr schöne Trouvaillen.

Nebst Lithos der «Grossen» gibt es an den Wänden auch Werke von sehr feinen Künstlern, um die sich der heutige Markt weniger schert. Der Berner Fotograf Dominique Uldry macht mich auf Kimber Smith aufmerksam. Zwei Gouachen und zwei Ölgemälde des eigenwilligen Abstrakten hängen im Raum 3 – wunderschön! Der Fotograf Uldry ist übrigens der Sohn des legendären Serigrafen Albin Uldry, der mit seiner Frau Noëlle die weltweit berühmte Siebdruckstätte in Hinterkappeln gegründet hat, in der Künstler wie Jean Tinguely und Max Bill ihre Werke herstellen liessen und in der immer noch auserlesene Druckkunst entsteht. Sie wird heute von Dominiques Bruder Jacques geführt. Berner, Ihr seid eine Kunststadt!

Dominique Uldry, Gemälde von Kimber Smith

Dominique Uldry, Gemälde von Kimber Smith.

Kornfelds Vernissagegäste sind lauter Habitués, darunter der Berner Design-Guru Christian Jaquet (er war beim Aufbau der Hochschule für Gestaltung, Kunst und Konservierung, HGKK, und ihres Studiengangs Visuelle Kommunikation federführend) sowie die Berner Galeristenlegende Martin Krebs. Erst vor wenigen Tagen haben wir erfahren müssen, dass Krebs seine Traditionsgalerie an der Münstergasse schliessen muss – das Gebäude wird saniert. Bis es so weit ist, ist eine Ausstellung von Urs Stoos dort zu sehen.

Die in Bern lebende Enkelin des grossen Marc Chagall, Meret Meyer Graber, ist von der Ausstellung begeistert. Sie erzählt mir, dass ihr Grossvater, der ja fast 100 Jahre alt wurde und erst 1985 gestorben ist, die farbstarke Pop-Art durchaus wahrgenommen hat. Natürlich war aber die Farbgebung von Matisse und Chagall auch eine wichtige Referenz für die Pop-Art-Künstler. Die sympathische Mme Meyer spricht von den starken Farben als «Yves Saint Laurent»-Farben. Stimmt eigentlich, nicht wahr, meine Damen?

Fullhouse bei Kornfeld: v.l. der «Kunstkorridor» der Galerie, Enkelin Chagalls, Mme Meret Meyer, s.g. Raum zwei

Full House bei Kornfeld (v.l.): «Kunstkorridor» der Galerie, Chagalls Enkelin Meret Meyer, der sogenannte Raum zwei.

Ganz am Anfang hält Kornfeld eine Rede. Auch das ist hier Tradition. In wohl gewählten Worten beschreibt der 91-jährige Unermüdliche in dem an die Galerie angrenzenden Glaspavillon die Geschichte, die mit der Ausstellung zusammenhängt. Es ist, als ob man der Geschichte selbst beim Entstehen zuhören würde. Der Auktionator ist eine wandelnde Enzyklopädie der zeitgenössischen Kunst.

Seit der Name Kornfeld im Zusammenhang mit der Affäre Gurlitt so zwiespältig in die Schlagzeilen kam, scheinen viele meiner Kollegen komplett zu vergessen, wer hier alles an der Laupenstrasse sonst noch verkehrt hat, ausser Cornelius Gurlitt selig. Es ist eine Welt für sich, in der die Kunst regiert. Denn selbst wenn es um die Auktionen geht, bleibt Kornfeld der klassische «scholar dealer», einer, der selbst beim Verkauf noch der Wissenschaft dienen möchte. Partner Bernhard Bischoff und Christine Stauffer, seit 1967 in der Galerie tätig, helfen dem Doyen dabei und auch, honneurs zu machen. (In Bischoffs eigener Galerie, die er weiterführt  – im Progr – sind zur Zeit übrigens Werke der Berner Künstlerin Elsbeth Böniger zu sehen. Don’t miss.)  Am Sonntag beim Kornfeld sind sogar die Schwestern Bischoffs anwesend – eine Berner Familie wie aus dem Bilderbuch. Und ein Buffet mit Berner Burehamme gibt’s auch.

Kornfeld-Partner Bernhard Bischoff mit dem Galeriegründer (rechts) und mit Schwestern Linda und Nina, der Nichte Finja und der Partnerin Tanja Stettler

Kornfeld-Partner Bernhard Bischoff mit Eberhard W. (rechts) und mit den Schwestern Nina, Linda, der Nichte Finja und der Partnerin Tanja Stettler.

Und dann muss ich noch von den The Repeatles erzählen. Kennt ihr die Band? Nein? Schade. Sie besteht aus Berner Rocklegenden. Housi Wittlin ist Gitarrist, Sänger, witzigster Songwriter. Am Schlagzeug Sam Mumenthaler, Medienjurist und Musikhistoriker, dazu Stöffu Kohli (Span) und Stefan Gardo – do I need to say more? Sie rocken den Glaspavillon mit Evergreens aus der Zeit. Selbst Mme Meyer ersteht danach zwei CDs.

The Repeatles: Housi Wittlin, the Band, Sam Mumenthaler

The Repeatles: Housi Wittlin, the Band, Sam Mumenthaler.

Die farbige Dekoration übrigens, die ihr hinter der Band seht, das sind Ausschussbögen der «One Cent Life»-Publikation, also die Bögen, die man durch die Druckmaschine schickt, um die Farbe zu justieren. Die gibt es für nur Franken 20 zu kaufen. Wenn ihr mich fragt: schnellstens zugreifen!