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Warhol, der Katholik

Ewa Hess am Mittwoch den 28. Februar 2018

Andy Warhol im Vatikan? Es klingt wie ein Witz, ist aber eine beschlossene Sache. Im kommenden Jahr kann man zu Warhol nach Rom pilgern, denn die Vatikanischen Museen zeigen eine grosse Schau seiner Werke. Nicht gerade in der Sixtinischen Kapelle, aber in einem dieser langen Säulengänge, die Peterskirche mit dem Petersplatz verbinden – im sogenannten Braccio di Carlo Magno.

Wenige Wochen vor seinem Tod: Andy Warhol und sein «Letztes Abendmahl», Mailand 1987 (Bild: Giorgio Lotti/Archivio Giorgio Lotti/Mondadori Portfolio via Getty Images)

Waaas? Den infernalischen Andy kennt man doch vor allem als den Mann, der Geld, Ruhm, Konsum und andere gänzlich diesseitige Konzepte für die Kunst erst so richtig salonfähig gemacht hat. Dessen Factory in New York als ein freizügiges künstlerisches Sodom und Gomorrha der 70er-Jahre galt. Von seinen unzüchtigen Filmen wie «Blue-Movie» oder «Blow Job» schon gar nicht zu reden!

Extase – in Warhols Film sieht man nur das Gesicht des Mannes, doch der Titel «Blow Job» deutet die Verzückung nicht etwa religiös. (Bild: Andy Warhol Museum/Carnegie Institute)

Will sich also die katholische Kirche nun in ihrer Not dem Satan selbst an die Brust werfen? Ha! Nein. Weil, liebe Schwestern und Brüder, auch wenn Ihr es nicht gewusst habt, war Andy Warhol zeitlebens ein gläubiger, bekennender und praktizierender Katholik.

Der Katholizismus, hat einer seiner Biografen mal behauptet (namentlich John Richardson), war sogar der Schlüssel zu allem, was der exzentrische Künstler schuf und tat. Und diese spirituelle Seite will der Vatikan nun ans Licht bringen.

Warhols «Letztes Abendmahl», verkauft für 6,8 Millionen Euro an einer Auktion 2014. (Bild: Per Larsson/TT News Agency/AFP)

Gezeigt werden – es liegt auf der Hand – hauptsächlich Andy Warhols «Letztes Abendmahl»-Serien von 1986, bunt seriegrafiert nach dem berühmten Fresko Leonardo da Vinci in der Mailänder Kirche Santa Maria delle Grazie.

Laut der Aussage der Museumschefin der Vatikan-Museen zählen in ihren Augen auch einige weitere Werke zum spirituellen Nachlass Warhols, solche, die in einer Memento-Mori-Manier an die Vergänglichkeit alles Irdischen erinnern.

Da sind die Siebdrucke von Schädeln bestimmt dabei. In meinen Augen würden auch die Werke aus der Gruppe «Death and disaster» dazu passen, die Warhol seit 1962 schuf. Sie zeigen Flugzeugabstürze, Autounfälle und Abbildungen von elektrischen Stühlen. Diese lassen einem das Blut in den Adern gefrieren, durchaus passend zur strengen Tradition der katholischen Kirche.

Aber eben, unter Papst Franziskus ist nicht nur die Strenge angesagt, es liberalisiert sich im Vatikan einiges. Vor allem findet der argentinische Pontifex, dass viel zu wenig Frauen im Vatikan wichtige Positionen bekleiden. Der Vatikan brauche Frauen, sagt der Papst – zum Wohl der Kirche.

Eine der neuen starken Frauen im Vatikan: die Kunsthistorikerin Barbara Jatta (55), Museumsdirektorin. (Bild: Domenico Stinellis/AP/Keystone)

Er macht auch ernst damit: Eine Frau leitet die Kinderabteilung des Krankenhauses Bambino Gesù, und die Universität Antonianum hat neuerdings eine Rektorin. Letztes Jahr hat Franziskus nun Barbara Jatta, eine 55-jährige italienische Kunsthistorikerin, als erste Direktorin der Vatikanischen Museen bestellt. Diese werden von sechs Millionen Menschen jährlich besucht, es ist ein wichtiger Posten.

Und die experimentierfreudige Frau Jatta holt nun Warhol ins Haus. Ein durchaus schlauer Zug, denn Warhols Einfluss auf die Kunst und seine Bedeutung im Markt sind seit seinem Tod im Februar 1987 kontinuierlich gewachsen. Wenn man jetzt sagen könnte, dass das wegen seiner bisher wenig wahrgenommenen Spiritualität so ist, wäre das für die Kirche ein Gewinn und eine Imagemodernisierung zugleich.

Ob man es glaubt oder nicht, Warhol ging tatsächlich zur Kirche. Als Immigranten-Sohn aus der Slowakei gehörte er der griechisch-katholischen slowakischen Rituskirche an und liebte es, in New York an den Messen teilzunehmen.

St. Vincent Ferrer war die Kirche, die er am meisten besuchte. Er verbrachte auch oft seine Abende als Hilfskraft im Obdachlosenasyl der Kirche der Himmlischen Ruhe. In seinen Tagebüchern ist oft von der Religion die Rede. Doch die Tagebücher wurden erst nach seinem Tod veröffentlicht, zeitlebens hängte Warhol seine gläubige Seite nicht an die grosse Glocke.

Einer seiner ernsten Momente: Andy Warhol mit Schädel. (Bild: RDA/Getty Images)

Immerhin antwortete er 1975 in dem von ihm selbst gegründeten Magazin «Interview» auf die Frage, ob er heute schon in der Kirche gewesen sei, klar bejahend. Im gleichen Gespräch gab er auch zu, zur Beichte und zur Kommunion zu gehen, obwohl «ich nie das Gefühl hatte, etwas Böses getan zu haben».

Er finanzierte stolz das Priesterstudium seines Neffen und besuchte 1980 den Papst Johannes Paul II. in Rom. Auf dem von diesem Treffen erhaltenen Foto spricht sein Blick Bände – der Master of Cool scheint echt bewegt zu sein. Als Zeichen des Respekts trug er bei diesem Treffen eine Krawatte und eine äusserst manierliche Version seiner sonst so verstrubbelten Perücke.

Seine Beschäftigung mit christlicher Bildsprache intensivierte sich deutlich in den Jahren vor seinem Tod. Nicht nur «Letztes Abendmahl» – das bei seiner geliebten Mutter als Kopie an der Küchenwand hing –, sondern auch Bilder von Christus und Kreuzen; auch Interpretationen und Ausschnitte von Leonardos «Verkündigung» wurden in diesen Jahren oft zu Warhols Motiven.

Man nahm damals an, dass es eine Verhöhnung der konsumistischen Haltung zur Religion war, denn Warhol malte nicht nach Original, sondern nutzte Drucke aus dem Souvenirshop als Vorlage. Nach der Lektüre der Tagebücher war man sich da nicht mehr so sicher. Da war was, nicht nur Hohn. Echter Glaube?

Selbst das Wiederholungsprinzip, das er in die Kunst einführte, kann auf seine katholische Prägung zurückgeführt werden – so können etwa seine Marilyns, immer wieder inbrünstig wiederholt, mit einem Rosenkranzgebet verglichen werden.

Wiederholungsprinzip Marilyn: Andy Warhols Serie von 1967. (Bild: Peter Macdiarmid/Getty Images)

Nicht ausgeschlossen übrigens, dass auch diese im Vatikan gezeigt werden, schliesslich malte er die Filmdiva erst nach ihrem Suizid 1962, somit können auch diese Bilder in die Memento-Mori-Reihe eingeschlossen werden.

 

 

Blösse unter dem Hammer

Ewa Hess am Mittwoch den 20. September 2017

Das ist vielleicht eine Überraschung! Thomas Koerfer, der Sammler mit dem sinnlichen Auge, trennt sich von seinen fotografischen Blue Chips. Da ist sich Christie’s ganz sicher. Mit stolz geschwellter Diktion berichtet das Auktionshaus, am 9. November in Paris DAS Werk verkaufen zu dürfen: «Noire et Blanche» von Man Ray, entstanden 1926. Aus der Sammlung von Thomas Koerfer. Tatsächlich scheint ein grosser Teil der Fotografien Koerfers in dieser Versteigerung unter den Hammer zu kommen. Nicht weniger als 74 Lose. Die insgesamt eine schöne Summe einbringen könnten. Allein Man Rays Frau mit Maske wird auf bis anderthalb Millionen Euro geschätzt.

Ein Foto aus Nobuyoshi Arakis Serie «Bondage», ein Teil von Thomas Koerfers Sammlung. (Bild: courtesy Araki)

Die Sammlung Thomas Koerfers ist hierzulande alles andere als unbekannt. 2015 stellte sie das Kunsthaus Zürich unter dem poetischen Titel «Sinnliche Ungewissheit» aus. Da ist ein Verkaufshaus wie Christie’s weniger zimperlich, man nennt den Verkaufsabend etwas zupackender «Stripped bare», was so etwas wie «Entblösst» heisst. Den Titel hat man allerdings dem Buch entliehen, welches 2004 zu Koerfers Sammlung erschien (Hgb: Marianne Karabelnik). Denn die Sammlung Koerfers, zu der nicht nur Fotos, sondern auch ganz viele Kunstwerke gehören (die in der Christie’s Sale im November nicht veräussert werden, oder sollte man sagen: noch nicht veräussert werden?), hat es in sich. Den Sammler interessiert es, wie weit ein Kunstwerk selber zu einem Träger erotischer Spannung werden kann. Eine heisse Sache.

Andy Warhols «Blue Movie», ursprünglicher Titel «Fuck», auch in der Sammlung Koerfer, gelangt im November nicht zum Verkauf bei Christie’s. (Bild: Screenshot)

Wie heiss, zeigt folgende Anekdote: Das Kunsthaus musste damals die Ausstellung hinter verschlossenen Türen inszenieren. Darauf stand: Zutritt ab 16 Jahren. Ich selbst war damals mit einer Gruppe Teenies drin, es gab sehr viel Gekicher. Dabei: Bis die heutigen Teenies verlegen kichern, braucht es bekanntlich einiges. Ich deutete das damals positiv in meiner Kurzbesprechung – dass nur gute Kunst diese fast unerträgliche, nach Übersprungshandlung verlangende Spannung vermitteln kann. Die Pornografie schlägt diese ja tot.

Man Ray (1890–1976), Noire et Blanche, 1926, Schätzpreis: € 1’000’000–1’500’000 (via Christie’s, © Pro Litteris).

Das Man-Ray-Foto, das zu verkaufen Christie’s nun so stolz ist, ist zwar kein gutes Beispiel für diese supersinnliche Qualität. Es ist sublim, leise, dafür exquisit erotisch. Wir sehen den Kopf der berühmten Kiki, der Muse der Künstler von Montparnasse, und ihre Hand, die eine afrikanische Maske hält. 1926 entsprach das Motiv genau dem, was gerade angesagt war: das unergründlich Weibliche und das unergründlich Exotische. Wussten Sie, dass der berühmte Spruch Freuds von der Psyche der Frau als einem «dunklen Kontinent» genau aus dem gleichen Jahr wie das Bild stammt? 1926 nämlich. Nur wenige Jahre zuvor hat der Forschungsreisende Henry Mor­ton Stan­ley den Begriff «dark continent» überhaupt geprägt. Er meinte damit natürlich Afrika.

Kiki de Montparnasse – links in einer zeitgenössischen Fotografie, etwas weniger glamourös den Kopf auf die Tischplatte stützend, rechts in einer weiteren berühmten Inszenierung von Man Ray: «Le violon d’Ingres». (Bilder: L’oeuil de la Photographie, © Pro Litteris)

Kiki de Montparnasse, eigentlich Alice Prin, war selber Künstlerin, Performerin, eine Figur mit Charakter. Auf «Noire et Blanche» erscheint sie vor allem als eine Chiffre – das strahlend weisse Gesicht neben der tiefschwarzen Maske. Ihre Augen sind zu, ihre Haut schimmert, die dünnen Augenbrauen zeigen wie kühne Ornamente nach oben. Ein grossartiges Bild. Dieser Vintage Print gehörte übrigens zuerst Jacques Doucet, einem raffinierten Modedesigner in Paris dieser Jahre. Zusammen mit den Desmoiselles d’Avignon von Picasso. Eine Provenienz, die den alten Fotoabzug zusätzlich adelt.

Diane Arbus’ Zwillinge aus Roselle in New Jersey – der Vintage Print wird auf eine halbe Million Euro geschätzt. (Bild: Christie’s)

Ausser der «Noire et Blanche» verkauft Christie’s noch einige Schätze aus der Fotoschatzkiste Koerfers: die identischen Zwillingsmädchen aus Roselle, New Jersey, von Diane Arbus (geschätzt auf eine halbe Million Euro) und zeitgenössische Werke von Thomas Ruff, Cindy Sherman, Nobuyoshi Araki, Robert Frank, Francesca Woodman oder Paul Outerbridge. Ach, möchte man da sagen. Lauter Meisterwerke – und man ist gerade nicht so supergut bei Kasse.

Warum verkauft Koerfer? Der geschätzte Filmregisseur und Sammler (73) stammt aus einer begüterten Familie. Sein Vermögen wird auf etwas zwischen 100 und 200 Millionen geschätzt. Bestimmt kann sich Thomas Koerfer den einen oder anderen Wunsch erfüllen, ohne die Blue Chips seiner Sammlung zu verscherbeln. Aber vielleicht ist es Familientradition? Sein Vater Jacques, Zigarettenfabrikant, BMW-Teilhaber, Financier und Liebhaber von Kunst der klassischen Moderne, hat die von ihm zusammengebrachte Sammlung von Mondrians, Manets, Van Goghs usw. auch bei Christie’s versteigern lassen. Er wollte nicht, dass sich seine acht Kinder um die Werke streiten. Allerdings hat er den Verkauf testamentarisch verfügt, damit er erst nach seinem Tod geschehe. Die Auktion fand 1990 statt und erbrachte 158 Millionen Dollar.

Thomas Koerfer mit Partnerin und Galeristin Frédérique Hutter (Galerie Katz Contemporary) vor zwei Wochen auf dem Cover einer «NZZ am Sonntag»-Beilage.

Museum auf dem Mond

Ewa Hess am Mittwoch den 1. März 2017

Die Absurditäten auf der Erde häufen sich, Eskapismus feiert Urständ. Eben erst las ich in der «Zeit» (im Artikel «Fuck you, Silicon Valley»), wie kindisch es von den Silicon-Valley-Gurus Elon Musk & Co. sei, in Kosmos-Besiedelungsfantasien zu schwelgen. Und nun erreicht mich aus der Kunstwelt die Nachricht, dass eine engagierte Gruppe von US-Künstlern die Vereinigung «Mocam» gegründet hat. Das Akronym steht für Museum of Contemporary Art on the Moon. Ja, auf dem Mond. Noch haben sich also die jungen Künstler nicht so richtig in ihre Rolle als politisch engagierte Bürger reingefunden, schon denken sie ans … Abhauen. Hm.

Der Mond, der bekannte unbekannte Wegbegleiter der Erde. Fotos: Julio Orta, Mocam

Also gut, Leute. Seien wir mal klarsichtig. Mit dieser Sache ist nicht zu spassen. Das Szenario mit der Besiedelung des Alls, glaubt mir, hat in allen SF-Romanen, die ich einst verschlungen habe, eine einschneidende Begebenheit beinhaltet, die sich kurz vorher ereignet hat: Die Erde wurde zerstört. Oder ihre Atmosphäre vergiftet. Oder die Oberfläche verstrahlt. Man konnte hier nicht bleiben, darum musste man ins All ausweichen und warten, bis auf dem Heimatplaneten wieder die Sonne schien, die Pflanzen wuchsen oder einem wenigstens die Lungen beim Atmen nicht mehr verätzt wurden. Das wollen wir doch sicher nicht.

Etwas spröde: Der Eingangsbereich des Museum of Contemporary Art on the Moon.

Aber gut, in jenem Film, der von den futuristischen Philosophen sehr oft zitiert wird, wenn es um realistische Zukunftsszenarios geht, also im Pixar-Zeichentrickfilm «Wall-E», sitzt die Menschheit verblödet und körperlich aufgeschwemmt in aufblasbaren Fauteuilles irgendwo auf einem Dépendance-Planeten, zieht sich Süssgetränke durch einen Strohhalm ein und schaut auf grossen Bildschirmen Info-Mertials. Während ein kleiner tapferer Putzroboter die Erde aufräumt! Und sie rettet!

Der tapfere kleine Roboter Wall-E putzt die Erde, während sich die verweichlichte Menschheit im All die Zeit mit dümmlicher Unterhaltung vertreibt. Screenshots: Pixar

Gut, man kann sagen, dass die grösste Leistung der Menschheit dereinst die sein wird, Maschinen erfunden zu haben, die klüger sein werden als sie selbst. Aber Kunst, meine Damen und Herren, ist eine Disziplin, die bei den Entwicklern der Artificial Intelligence nicht unbedingt zuvorderst auf der Prioritätenliste steht. Darum könnte es durchaus Sinn machen, den künftigen Generationen ein Zeichen zu geben, dass es uns gab und dass wir Kunst machten.

Mocam – Ansicht von aussen. Die Ausstellungssäle sind unterirdisch angebracht.

Ich weiss allerdings nicht, ob dieses wichtige Zeichen an die künftigen Generationen und andere Mondbewohner der kleinen Gruppe junger Künstler um Julio Orta (ein wenig bekannter Künstler aus Mexiko, der in Los Angeles lebt) überlassen werden kann. Zu sehen sind ihre Entwürfe und Überlegungen zurzeit im Indianapolis Museum of Contemporary Art, kurz IndyMoca. Die Ausstellung, in deren Rahmen das Projekt gezeigt wird, heisst «The Museum of Real and Odd».

«The Museum of Real and Odd»: Cassandra Klos, «The Arrival», 2013. Foto: IndyMoca

Obwohl, warum eigentlich nicht? Die Jungs und Mädels haben schon eine Parzelle auf dem Mond gekauft (zu vernünftigen Preisen, wie sie sagen) und machen auch sonst einen wild entschlossenen Eindruck. Man weiss, was passiert, wenn man alle fragt, andere Künstler, wichtige Kuratoren und Behörden. Am Schluss kann sich niemand für etwas entscheiden, und die Sache versandet.

Die Kaufurkunde für eine Mondparzelle und ein Plan, wie das Museum unter der Mondoberfläche verankert werden soll.

Aber! Vergessen wir nicht! Es gibt schon Kunst auf dem Mond! Seit bald schon 50 Jahren. Als nämlich Apollo 12 sich 1969 anschickte, die Astronauten Charles Conrad und Alan Bean auf den Mond zu befördern (es war die zweite bemannte Mondlandung), hatte der Bildhauer Forrest Myer schon mal die gloriose Idee, Kunst von sich und einigen seiner Kollegen mitzuschicken.

Auf einer winzig kleinen Keramikplatte, wie sie für Schaltkreise benutzt werden, brachten dann Myers, Andy Warhol, Robert Rauschenberg, David Novros, Claes Oldenburg und John Chamberlain ihre Zeichnungen an. Bis zuletzt war es nicht klar, ob das Plättchen mitfliegen darf. Man kam überein, es in einem Bein der Mondfähre zu verstecken, die auf dem Mond bleiben würde.

Keramikplättchen «Museum on the Moon», 1969: Unten links die Zeichnung von Myers, darüber das stilisierte AW von Warhol, das auch an eine Rakete oder einen Penis erinnert; die Linie in der Mitte stammt natürlich vom Minimalisten Rauschenberg, das schwarze Quadrat ist von Novros, das Diagramm von Chamberlain. Und die Mickey-Mouse-Figur? So hat sich der Popkünstler Claes Oldenburg verewigt. Foto: Moma

Der Mann, der das Plättchen an der Fähre anbringen sollte, versprach Myer, beim Gelingen des Vorhabens ein Telegramm zu schicken. Dieses kam dann auch, am 12. November 1969, zwei Tage vor dem Start. Der Text hiess: «You’re on. A.O.K. All systems are GO. John F.» Alles klar? Von wegen! Nicht nur Myers und Warhol damals, bis heute zerbrechen sich die Menschen den Kopf darüber, was das hätte heissen sollen. Und wer war John F.? (Für mögliche Verschwörungstheoretiker: Sicher nicht JFK, der war nämlich seit 1963 nicht mehr auf dieser Erde.)

Das geheimnisvolle Telegramm «You’re on» von Cape Canaveral: Der Bote sollte es unter der Tür reinschieben, falls Adressat abwesend.

Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber mir kommt die ganze politische Landschaft in den USA in der letzten Zeit wie ein gespenstisches Revival der 60er-Jahre vor: Aufrüstung, Rassismus und Antirassismus, Frauendiskriminierung und die Empörung dagegen … Es ist wie ein Déjà-vu. Darum halte ich es nicht für ausgeschlossen, dass wir bald wieder bemannte Mondlandungen haben werden. Dann kann ja jemand endlich irgendwo in der grossen Ebene des Oceanus Procellarum, wo die alte Mondfähre von sich hindämmert, einmal nachsehen, ob es mit dem hochkarätigen Kunst-plättchen wirklich geklappt hat.

Glücksspiel Kunst

Ewa Hess am Mittwoch den 6. Juli 2016

Liebe Leserin, lieber Leser, darf ich kurz vor der Sommerpause mal grundsätzlich werden? Selten wurde so viel über die Kunst nachgedacht und geschrieben wie in unserer Zeit. Das hat seine Gründe: Erstens bewegt sich die zeitgenössische Kunst auf einem so hohen Abstraktionsniveau, dass ein grosser Erklärungsnotstand herrscht. Zweitens aber: wegen der Preise.

Aufschrei der Körper: Francis Bacon und Lucian Freud in den jeweiligen Selbstporträts.

Aufschrei der Körper: Francis Bacon und Lucian Freud in den jeweiligen Selbstporträts.

Der Kunstmarkt ist inmitten der ökonomischen Wirren solid. (Oder auch ausser Rand und Band, wie es manche sehen, weil generell zu hoch). Jedenfalls kostet bestimmte Kunst heute eine dicke Stange Geld, und Menschen, die sonst nicht so viel von Kunst halten, nehmen sie plötzlich ernst. Dennoch bleibt das Urteil über ein Kunstwerk arbiträr, auch wenn man scheinbar objektive Kriterien anführt: Am Ende liegt es «im Auge des Betrachters».

Francis Bacon, "Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion", courtesy Tate Collection

Grossartig, ob das aber schön ist? Francis Bacons «Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion», courtesy Tate Collection.

Ich habe gerade einen Text von J. Tomilson Hill in «The Art Newspaper» gelesen. Der Mann sammelt barocke Bronzeskulpturen und Zeitgenössische Kunst (auch eine aparte Kombination). Und er ist der Chef von Blackstones Hedgefonds-Abteilung, also einer der mächtigsten Geldakrobaten der Welt.

Wir müssen, schreibt er, drei Wertaspekte der Kunst sehen: Geldwert, sozialen Wert und den Grundwert. Geld versteht sich von selbst, aber sozialer Wert liegt für Hill vor allem im Wettbewerb um die Frage «was hängt bei mir über dem Cheminée?» – also im kleinlichen Konkurrenzdenken.

Den Grundwert nennt er «Schönheit». Dass er es nicht oberflächlich meint, beweist seine Sammlung, die wurde in Teilen in der Frick Collection ausgestellt. Hill sammelt nicht nur klassisch Schönes. Die Achtung, die er in der Sammlerwelt geniesst, gründet unter anderem darauf, dass er früh auf Francis Bacon gesetzt hat. Und Bilder von Francis Bacon sind erschreckend, grossartig, grausam, wie man sie immer bezeichnen will – schön kann man sie eigentlich nicht nennen. (Teuer sind sie auf jeden Fall, Hill soll die «Study for Portrait II (Pope)» von 1956 besitzen, deren Wert heute vorsichtig auf 60 Millionen Dollar geschätzt wird).

Der Hedgefund-Manager und Sammler J. Tomilnson Hill IIIJ (rechts), Michael Douglas als Geldakrobat Gordon Gekko im Film "Wall Street"

Der Hedgefonds-Manager und Sammler J. Tomilson Hill III (rechts), Michael Douglas als Geldakrobat Gordon Gekko im Film «Wall Street» (links).

Hill tritt immer mit sauber gegelten Haar und in Massanzügen auf, und es gibt Leute, die sagen, sein Äusseres sei in der Figur von Gordon Gekko (Michael Douglas) im Film «Wall Street» abgebildet worden. In seiner Rede bricht er natürlich die Lanze für den Grundwert der Kunst. Er sagt, die Marktorientierung der Kunstwelt komme ihm manchmal so vor, als ob man Händler und Geldwechsler einladen würde, in den Tempel hereinzukommen (womit er auf der metaphorischen Ebene biblisch wird).

Aber gut, als Hedgefonds-Manager, also ein Börsianer, der auf den Misserfolg anderer wettet, kann man sich nicht wirklich zum Tempelwächter ausrufen. Hills Geldwechsler-Seele geht auch in dem Text mit ihm durch, wenn er ein Werk von Jeff Koons — es ist ein Wassertank mit einem Basketball drin —, das kürzlich für 15 Millionen Dollar bei Christie’s  verkauft wurde, am liebsten «shorten» würde, also in Hedgefonds-Manier dagegen wetten.

Händler raus: Eine etwas rabiate Szene der "Tempelreinigung" aus der Basler Merian-Bibel von 1625

Händler raus: Eine etwas rabiate Szene der «Tempelreinigung» aus der Basler Merian-Bibel von 1629.

Das Wetten hat allerdings schon etwas mit der Kunst zu tun. Es ist ein bestimmtes Risikoverhalten, und keiner wusste besser, dass das ganz viel mit der Kunst zu tun hat, als eben Francis Bacon, Nr.-1-Liebling des heutigen Kunstmarkts. Der seelisch gequälte Brite war, wie gerade in einer Ausstellung in Monte Carlo sehr schön ausgeführt wird, besessen vom Glücksspiel.

Was so interessant ist an der Sache: Bacon selber sah eine enge Verbindung zwischen seinem obsessiven Glücksspielverhalten und dem Malen. So nannte er etwa die Verluste am Roulette-Tisch «expenses related to painting». Er erwartete sogar von seinen Galeristen, dass sie ihm Vorschuss geben, um zu gamblen, im Sinne eines Werkbeitrags an die Malerei.

Frunde, Konkurrenten, Gambler: Francis Bacon und Lucian Freud in London (Foto and copyright Harry Diamond)

Freunde, Konkurrenten, Gambler: Francis Bacon und Lucian Freud in London. (Foto: Harry Diamond)

Auch Bacons guter Freund Lucian Freud war ein obsessiver Glücksspieler, doch er suchte sein Glück eher bei den Pferdewetten denn beim Roulette. Das Wetten, sagte der Enkel von Sigmund, habe ihm durch die Zeit geholfen, als sich noch niemand für seine Kunst interessiert hat. Nicht, weil er so viel gewonnen hätte, sondern weil es ihn daran erinnerte, wie unwichtig Geld war.

The ‘Three Studies of Lucian Freud’. The Francis Bacon painting of Lucian Freud has become the most valuable work of art ever sold at auction – fetching almost £90 million.

Das Porträt des Freundes: «Three Studies of Lucian Freud» von Francis Bacon, 1969, verkauft 2013 bei Christie’s für 142 Millionen Dollar.

Der heutige Kunstmarkt hat natürlich auch etwas von einem Spieltisch. Man gibt Millionen für Werke aus, die triviale Werbung nachäffen (z.B. Warhol). Oder für Konzepte, die gar nicht besitzbar sind (z.B. Lawrence Weiner). Sind darum Bacon und Freud die Lieblinge des Markts? Nein.

Der soziale Wert der Kunst, um Tomilson Hill zu interpretieren, liegt eben nicht darin, dass man mit dem Bild über dem Kamin prahlen kann. Sondern darin, dass die Werke einen tiefen Wert abbilden, der der Gesellschaft heilig ist. Die Mittelalter-Maler gossen ihre Seele aus, um die Heiligen und die Maria mit den himmlischen Attributen Güte und Barmherzigkeit erstrahlen zu lassen. Die Holländer legten eine religiöse Inbrunst in die Darstellung von üppig gedeckten Tafeln. Die Minimalisten leisteten heroischen Verzicht auf jede Zierde, den Weg der Gesellschaft in eine immaterielle Zukunft bereitend. Bacon und Freud zeigen den modern gequälten Körper, so etwas wie einen Aufschrei der nicht artgerecht gehaltenen Kreatur.

Und das ist das eigentliche Glücksspiel des Künstlers: alles auf eine Karte setzen, sein Innerstes in die Kunst zu werfen, ohne zu wissen, ob es überhaupt gelingt, ob es gelingen kann. Nicht wissend, ob die Passion das Werk besser oder schlechter macht (beides ist möglich). Ob das je jemand begreifen wird. Das ist der Gamble der Kunst – auf allen Ebenen. Geld, Wert, Schönheit: Alles hängt davon ab. Und das ist das Grossartige daran.