Beiträge mit dem Schlagwort ‘Ana Roldan’

Zeichen und Wunder

Ewa Hess am Dienstag den 7. Oktober 2014

Ein unsichtbarer Faden verbindet das ferne Georgien und die Schweiz. Vielleicht weil es zwei kleine Länder mit einigen sehr reichen Einwohnern sind. Und weil sie beide Kunst lieben. Die Eröffnung von «Echolot» im Ausstellungsraum Binz 39 war jedenfalls geprägt von prickelnder Nostalgie und kluger Gesellschaftsanalyse.

Was: Echolot, Gruppenausstellung mit Künstlern aus der Schweiz und aus Georgien
Wann: Donnerstag, 2. Oktober
Wo: Ausstellungsraum der Stiftung Binz 39, Sihlquai 133 in Zürich

Die beiden Kuratorinnen von «Echolot»: Irene Grillo (Binz 39) und die georgische Nachwuchs-Kuratorin Ana Gabelaia (mit blauem Haar). Links: Gönnerverein-Leiter Dr. med. Gianni Garzoli

Die beiden Kuratorinnen von «Echolot»: Irene Grillo (Binz 39) und die georgische Nachwuchskuratorin Ana Gabelaia (rechts). Links: Gönnervereinsleiter Dr. med. Gianni Garzoli

Bice Curiger hat 1995 den georgischen Bazillus in Zürich ausgesetzt. Mit der Ausstellung «Zeichen und Wunder» im Kunsthaus feierte sie den grossen georgischen Naiven Niko Pirosmani im Kreise zeitgenössischer Westler. Auch wenn «Der Bund» damals heutige Grössen wie Robert Gober und Katharina Fritsch als minderwertig abkanzelte, Pirosmani vergass man hierzulande nie mehr.

Thomas Haemmerli, Alena Boika: Sowjetische Mosaiken in Georgien; Frances Belser: «Love Letters to a Eurodream»; Lisa Biedlingmaier: «Bitten, auffordern und sich bedanken»

Von links: Thomas Haemmerli, Alena Boika: Sowjetische Mosaiken in Georgien; Frances Belser: «Love Letters to a Eurodream»; Monika Stalder: «76 Postcards»

Der frisch gewählte Leiter der Kunsthalle Zürich, Daniel Baumann, erforschte später erfolgreich den georgischen Modernismus, eine Blütezeit der Kunst in der kurzen Periode der georgischen Unabhängigkeit 1918–1921, kurz vor der Sowjetisierung des stolzen Landes. Und als Henry F. Levy, der Gründer der Binz 39 und grösster privater Künstlerförderer der Schweiz, 2011 begann, in Zusammenarbeit mit Georgien Austausch-Ateliers für Schweizer und Georgier anzubieten, wandelte sich die Verwandtschaft in einen Strom kontinuierlicher Beeinflussung und Befruchtung.

Künstler Mark Divo, Journalist, Filmer und Künstler Haemmerli, Ana roldan vor ihrem Werk «Different Orders»

Künstler Mark Divo, Journalist, Filmer und Künstler Thomas Haemmerli, rechts: Ana Roldan vor ihrem Werk «Different Orders»

Eigentlich wollte man mit dem «Echolot» die Früchte dieses Austausches feiern. Doch als die Binz-39-Stipendiatin Ana Gabelaia ans Kuratieren der Ausstellung ging, nahm sie mit grosszügiger Geste noch einige weitere Georgien-Grenzgänger dazu. Nicht zuletzt Thomas Haemmerli, den Journalisten mit untrüglichem Gespür für Zeitphänomene, bekannt für seinen Kult-Dok-Film «Sieben Mulden und eine Leiche». Aber auch den grossen Koka Ramischwili, den in Genf lebenden georgischen Multimedia-Künstler.

Die Ausstellung geht mit einer Audio-Installation «Thermophon» von Monika Schori und Franziska Koch los. Noch bevor man die Treppe zum Ausstellungsraum  hochsteigt, hört man schon den treibenden Rhythmus, der die industrielle Vergangenheit eines Quartiers von Tiflis evoziert. Lisa Biedlingmaier, eine in Zürich lebende Tochter deutsch-georgischer Aussiedler, hat Spracherwerbsituation als eine universelle Metapher der Völkerverständigung (oder eben Völker-Missverständigung) inszeniert.

Als wir die Ausstellung verlassen, steigt Henry F. Levy munteren Schrittes die von Monika Stalder mit Rauten verzierte Treppe hoch. Der 89-jährige Geschäftsmann ist als Kind von einer vermögenden jüdischen Familie aus Köln vor dem Krieg nach England gerettet worden. Seit er in der Schweiz lebt, hat der ehemalige Knopf- und Schuhfabrikant einen beträchtlichen Teil seines persönlichen Vermögens in Künstlerförderung investiert. Wer ihn gutgelaunt die steile Treppe hochsteigen sieht, sieht einen schönen Beweis für die Behauptung der österreichischen Künstlerin Maria Lassnig, die Kunst würde einen ewig jung halten.

Künstlerin Monika Stalder mit Andreas Hagenbach, Henry F. Levy steigt die Treppe mit Stalders Rhombenmustern hoch

Künstlerin Lisa Biedlingmayer mit Andreas Hagenbach (der zurzeit eine Ausstellung an einer Ausstellung im Kunstraum Baden teilnimmt), rechts: Stiftungsgründer Henry F. Levy folgt  Stalders Rautenmustern die Treppe hoch.

Die von Levy gegründete und von seiner Frau Lucia Coray bis heute geführte Förderstiftung ist so etwas wie der schnelle Brüter der Schweizer Kunstszene. Ohne Kommissionsaufwand und Einmischung der öffentlichen Hand haben Binz-Betreiber mit einer so sicheren Hand ihre Stipendiaten ausgewählt, dass kaum eine Grösse des helvetischen Kunstwunders nicht ein ehemaliger Binzler ist. Ugo Rondinone, Olaf Breuning, Nic Hess, Urs Fischer, Zilla Leutenegger, auch unsere nächstjährige Vertreterin in Venedig, Pamela Rosenkranz, gehören dazu. Kein Wunder behalten Kuratoren und Sammler den unscheinbaren Ausstellungsraum am Sihlquai 133 fest im Auge.

An der aktuellen Ausstellung bildet Haemmerlis Projekt einen Mittelpunkt. Er hat sich gemeinsam mit Alena Boika auf die Suche nach den sowjetischen Mosaiken in Georgien gemacht und immenses Archivmaterial über diese dekorativ zerfallenden Zeitzeugen aus den 70er-Jahren zusammengebracht. Ein Buch und Film zum Thema sind in Vorbereitung. Pikantes Detail: Der Star der sowjetischen Mosaikszene in Georgien war der heute in Putins Russland gefeierte Kitsch-Bildhauer Zurab Tsereteli, bekannt für sein den Fluss Moskwa in Moskau verunstaltendes Mahnmal Peters des Grossen.

Ana Roldan: «Different Orders»; Koka Ramishvili: ein Still aus dem Video «Drawing lesson»; Lisa Biedlingmaier: «Bitten, auffordern und sich bedanken»

Von links: Ana Roldan: «Different Orders»; Koka Ramishvili: ein Still aus dem Video «Drawing lesson»; Lisa Biedlingmaier: «Bitten, auffordern und sich bedanken»

Damit die Schmelztigel-Stimmung noch dichter wird, hat die Schweiz-Mexikanerin (und Haemmerlis Lebensgefährtin) Ana Roldan in ihrer Arbeit «Different Orders» dem Ganzen noch einen Schuss lateinamerikanische Würze hinzugefügt. Ausgehend von den Lehren des mexikanischen Modernisten Adolfo Best Maugard hat sie den fotografierten Exponaten aus einem archäologischen Museum in Georgien eine Hyperordnung aus Zeichen und Formen aufgesetzt.

Die Vernissage platzt aus allen Nähten. Polyglotter Vernissagentalk und ernsthafte Politdiskussionen wechseln sich ab. Die blauhaarige Gabelaia und Binz’ Hauskuratorin Irene Grillo machen charmant die Honneurs. Die georgische Nachwuchskuratorin fliegt schon am nächsten Tag nach Tiflis zurück. Derweil bereitet sich Künstlerin Lisa Biedlingmaier auf ihre Teilnahme am Artisterium 7 vor, so etwas wie der georgischen Biennale, nur, dass sie jedes Jahr stattfindet. Einige sind gekommen, um Haemmerlis Mosaikenschatz zu bewundern: der zwischen Tschechien und Zürich pendelnde Künstler Mark Divo («Im Bett mit Mark Divo»), Michael Steiners Drehbuchautor Michael Sauter («Sennentuntschi», «Missen-Massaker»), Künstler und Cutter Daniel Cherbuin (hat Haemmerlis Film geschnitten). Für alle Interessierten: Haemmerli hält am 16. Oktober um 18 Uhr einen Vortrag zum Thema. Nicht verpassen.

 

Der Künstler Koka Ramishvili vor seiner Video-Installation, die kleinste Besucherin vor der Flimmerkunstkiste

Der Künstler Koka Ramischwili vor seiner Video-Installation, die kleinste Besucherin vor der Flimmerkunstkiste.

Koka Ramischwilis Video-Installation «Drawing Lesson», eine virtuose Verquickung von Zeichnung und Video, erfreut sich grosser Popularität, auch unter den allerjüngsten Besuchern: Wie gebannt sitzt ein kleines Mädchen vor der Flimmerkunstkiste. Das Geräusch des zeichnenden Bleistifts erzeugt eine geheimnisvolle Soundkulisse. Ramischwili ruft in Vernissagenbegeisterung die zeitgenössische Kunst zur Universalsprache unserer Zeit aus. Tückisch nach seinem Verhältnis zu den Mosaiken aus der Sowjetzeit gefragt, antwortet er mit entwaffnender Ehrlichkeit: Es stimme zwar, dass man in Georgien nicht so gerne an die Sowjetzeit erinnert werde. Doch die Mosaiken begleiteten mit ihrer suggestiven Ikonografie (Pioniere, Traktorfahrer, Arbeitshelden) die Kindheit eines so manchen Bewohners des Landes. Sie zu hassen, würde heissen, die eigene Kindheit zu verraten.

Das sind versöhnliche Töne! Vielleicht sollte man nächstens einen russisch-ukrainischen Austausch ins Zentrum einer Schau rücken. Denn dank der Kunst, da haben Ramischwili und Curiger recht, geschehen tatsächlich noch Zeichen und Wunder, verhärtete Fronten fangen an zu bröckeln.