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Louvre trifft Orwell am Golf

Ewa Hess am Mittwoch den 15. November 2017

Der Louvre Abu Dhabi ist eröffnet – und in den internationalen Besprechungen des Events mischt sich Bewunderung mit Skepsis. Offensichtlich hat der französische Architekt Jean Nouvel auf einer künstlichen Insel des Wüstenstaates etwas Grossartiges geschaffen: Einen musealen Komplex von grosser Schönheit und enormer Anziehungskraft. Und doch … Ist das neue Museum wirklich das, was es zu sein vorgibt, nämlich ein Zeichen der kulturellen Verschmelzung der Welten? Der Slogan der Eröffnungsausstellung suggeriert es zumindest, er heisst «See humanity in a different light», «Sieh die Menschheit in einem anderen Licht». Der Osten, der Westen, der Süden, der Norden – wir können einander verstehen. Alles eine Frage des Blickwinkels.

Jean Nouvel zeigt ein Model seines geplanten Baus dem Scheich Sultan bin Tahnoon Al Nahyan. (Bild via Archilovers.com)

Das klingt zunächst nach einer wunderbaren Idee, die zu verbreiten es sich lohnt und die zu Recht mit schönster Kunst seit Menschenangedenken propagiert wird. Doch es gibt auch eine andere Lesart von Nouvels filigran geklöppeltem Stahldach (180 Meter Durchmesser, 7000 Tonnen Stahl): dass etwa die nationale Ölindustrie der Vereinigten Arabischen Emirate ein kulturell verbrämtes Symbol ihres globalen Machtanspruchs errichtet hat.

Die Frage folgt darauf: Macht sich ein Architekt, der solches möglich macht, zum «Handlanger der Repräsentationsbedürfnisse eines undemokratischen Regimes» (FAZ)? Hat Frankreich, das dem Emirat für eine Milliarde Euro erlaubt, den Namen Louvre mindestens 30 Jahre lang zu vermarkten und Leihgaben aus 13 französischen Museen zu zeigen, tatsächlich die «Seele des Louvre verkauft», wie es in den französischen Medien seit dem Zustandekommen des Deals so oft hiess?

Grossartig, doch nicht einem demokratischen System entsprungen: Pyramiden, Basilius-Kathedrale. (Bilder via Pinterest)

Vielleicht, auch wenn es so etwas wie «mildernde Umstände» gibt: Einerseits haben viele grossen Gebäude der Welt einen ähnlichen Hintergrund. Von den ägyptischen Pyramiden bis zur Basilius-Kathedrale in Moskau: Grossartige Bauten sind selten dem demokratischen Gedanken entwachsen. Zudem konnte bisher kaum eine erfolgreiche kulturelle Institution der Versuchung widerstehen, ihr Know-how in einem der neuen reichen Staaten gewinnbringend zu versilbern. Etwa das Londoner Victoria and Albert im chinesischen Shenzhen, oder die New Yorker Universität, die seit 2010 Studenten in Abu Dhabi ausbildet.

Ein ganzes Museumsdorf unter einem gigantischen Dach: Jean Nouvels Weltwunder-Bau in Abu Dhabi. (Bild @Abu Dhabi Tourism & Culture Authority)

Unter der lichtdurchlässigen Kuppel ergiesst sich ein «Lichtregen». @bcc

Es ist andererseits eine bekannte Tatsache, dass der Umgang Abu Dhabis mit Rechten wie freier Meinungsäusserung, Minderheitengleichstellung oder Frauenbeteiligung nach wie vor auf einem unbefriedigenden Niveau dümpelt. Dass Frauen aus den herrschenden Königsfamilien oder Töchter von hohen Funktionären eine Karriere als Kuratorinnen und Kunstkäuferinnen machen können, ändert eigentlich nichts an der Tatsache, dass den meisten anderen Frauen kein Weg der Entfaltung offensteht.

Im Louvre Abu Dhabi ist im Übrigen ein Franzose der oberste Boss, er heisst Manuel Rabaté (41), er ist ein hochkarätiger Museumsfunktionär, früher CEO der Agence France-Muséums. Seine Stellvertreterin hingegen gehört zum oben erwähnten Typus: Hissa Al Dhaheri, hoch gebildete Tochter einer angesehenen Business-Familie, mit Diplomen von der Zayed University in Abu Dhabi und der Exeter-Uni in England.

Direktor Manuel Rabaté, Stellvertreterin Hissa Al Dhaheri. (Bild: ©Abu Dhabi Tourism & Culture Authority)

Die ganz grossen Zweifel, muss ich sagen, beschleichen mich persönlich erst, wenn ich die zur Eröffnung des Museums bereitgestellten Werbematerialien sehe. Da ist eine Ästhetik am Werk, die nach Entlarvung schreit. Zum Beispiel das unten eingeklinkte Filmchen der obersten touristischen Behörde, welche die Kulturinsel Saadiyat beaufsichtigt. Schauen Sie sich das an – schöne, verklärte Menschen aller Rassen, die durch eine künstliche Welt mit einem Lächeln auf den Lippen schreiten, als ob sie unter der Einwirkung stark sedierender Drogen stünden.

Dieses Bildersprache kenne ich gut – aus dystopischen Horrorfilmen! Aktuell ist gerade «Blade Runner 2049» im Kino. Würde diese Sequenz aus einem ähnlichen Kinofilm stammen, könnte man sicher sein, dass unter dem künstlichen Paradies irgendwo eine russige, dunkle Welt zum Vorschein kommt, in der sich schlecht gehaltene Arbeitssklaven von Insektenbrei ernähren.

Das «beschützende» Dach wirkt auch bedrohlich: Als ob sich ein UFO aus «Independence Day» oder zumindest eine dunkle Wolke auf dem Museum niedergelassen hätte. Rechts sieht man die Silhouette des Architekten. (Bilder: AP, AFP)

Das Schlimme ist: Diese andere, schlechtere Welt existiert tatsächlich in Abu Dhabi. Seit an den vielen neuen Projekten auf der Insel gebaut wird (Nebst Louvre waren da noch die New York University, Gehrys Guggenheim und Zaha Hadids Performative Arts Center, die beiden letzteren aufs Eis gelegt), jagen sich die Nachrichten von der misslichen Lage der meist aus Pakistan und Indien stammenden Bauarbeiter. Sie werden von zwielichtigen Agenten in ihren Heimatländern angeworben (durch das sogenannte Kafala-System), bei der Ankunft wird ihnen der Pass abgenommen, ihre Arbeitsstunden spotten allen Sicherheitsbedenken (es gab schon Unfalltote), die Unterkünfte sind dürftig.

Arbeiterunterkünfte an der Baustelle der New York University Abu Dhabi vor vier Jahren (links) und im Vorzeige-Arbeiterdorf auf der Saadiyat-Insel. (Bilder: The National)

Abu Dhabi hat zwar auf die Protestaktionen von Aktivisten wie dem US-Soziologen Andrew Ross und der Organisation Gulf Labor Artists Coalition reagiert und das geltende Arbeitsrecht verbessert. Im Prinzip sind jetzt die Honorare für Anwerbung verboten, und auf der Insel Saadiyat ist ein Arbeiterdorf errichtet worden, das ein Minimum an menschenwürdiger Lebensführung sichert. Und doch – Kafala existiert trotzdem weiter, die Arbeitsstunden sind immer noch zu lang, und Proteste enden oft in einer sofortigen Ausweisung aller Störefriede.

Protest gegen menschenunwürdige Arbeitsbedingungen der Bauarbeiter in Abu Dhabi – Gulf Labor Artist Coalition während der Biennale in Venedig. (Bild: GLAC)

Für die Eröffnung wurden Künstler aus allen Ländern um Auftragsarbeiten gebeten: Jenny Holzer hat Schöpfungsmythen in die Wände gemeisselt, Giuseppe Penone einen Baum errichtet, Ai Weiwei einen Kristallturm entworfen. In den Sälen des Museums geht es um die Verbrüderung der Völker. In zwölf Galerien erzählen sie die Geschichte der Menschheit, von den Anfängen, der Gründung der ersten Dörfer etwa 4000 vor Christus, bis heute. Die Bibel, der Koran, die Thora liegen friedlich nebeneinander und zeugen von der Verwandtschaft der Religionen. Sie sollen eine Öffnung demonstrieren.

Doch Öffnung? Wie ein Hohn wirkt dazu das Inzident, das der Crew des Westschweizer Fernsehens während der Berichterstattung über die Louvre-Eröffnung widerfuhr. Der Journalist Serge Enderlin und sein Kameramann Jon Bjorgvisson wurden verhaftet, weil sie einen Markt in der Nähe des Museums filmten. Zehn Stunden Verhör ohne Kontakt zur Aussenwelt folgten. (Die beiden sind jetzt wieder in der Schweiz zurück). Dabei waren sie korrekt akkreditiert.

Römische, asiatische, afrikanische Köpfe: Sind wir alle Brüder und Schwestern? (Bild: Louvre Abu Dhabi)

«Soft power» nennen die Diplomaten am Golf die Aufrüstung der kulturellen Kompetenz der Gegend. So sagt etwa Zaki Anwar Nusseibeh, ein aus Palästina stammender Golf-Diplomat, dass es «nicht mehr genügt, militärische und ökonomische Macht auszubauen». Es sei ebenso wichtig, zu zeigen, dass man fähig sei, die gleichen Werte zu teilen. Wie richtig! Wie heisst schon wieder der Slogan des Museums? Es wäre tatsächlich an der Zeit, die Menschlichkeit am Golf in einem neuen Licht erstrahlen zu lassen.

Politisches Roulette

Ewa Hess am Mittwoch den 19. Oktober 2016

Liebe Leserinnen und Leser, heute Dienstag erreicht mich die Nachricht, dass die kubanische Künstlerin Tania Bruguera sich auf ihrer Heimatinsel der Präsidentschaftswahl 2018 stellen will – als Kandidatin für das höchste Amt im Land. Sie erklärt ihre Absicht und die Gründe, die sie zu dieser Entscheidung führen, in einem Video, das während des Auftritts des Schweizer Superkurators Hans Ulrich Obrist am Creative Time Summit in Washington, DC, ausgestrahlt wurde. Hier schon mal das Video – der Verständlichkeit wegen, weil wir ja nicht alle des Spanischen mächtig sind – mit englischen Untertiteln.

Tania Bruguera, wir erinnern uns, ist die mutige Artivistin (ein neues Wort für künstlerisch inspirierte Aktivisten), die sich auf Kuba den Mund nicht verbieten liess und dafür Repressionen ausgesetzt war, sogar ins Gefängnis kam. Damals – Anfang 2015 – rief Bruguera ihre Landsleute dazu auf, sich auf den Revolutionsplatz in Havanna zu begeben und ihre Wünsche für das Land frei zu äussern. Jetzt ruft sie alle auf, als Präsident oder Präsidentin zu kandidieren. Sie geht schon mal mit dem guten Beispiel voran und sagt: Ich will.

Tania Bruguera zeigt Verletzungen, die ihr im kubanischen Gefängnis zugefügt wurden

Tania Bruguera zeigt Verletzungen, die ihr im kubanischen Gefängnis zugefügt wurden. (Foto: via Facebook)

Warum eigentlich nicht? Eine solche Kandidatur müsste nicht reine Utopie sein, wäre das nicht eben Kuba, wo das Einparteiensystem ein etwas weniger demokratisches Auswahlprozedere für die neue Präsidentschaft vorsieht. Wenn Raúl Castro, der 85-jährige Bruder von Máximo Líder Fidel, 2018 wie angekündigt zurücktritt, wird die kubanische Nationalversammlung – und nicht das Volk – den neuen Präsidenten bestimmen.

Wie die Zeit vergeht: Brüder Castro regieren Kuba seit mehr als einem halben Jahrhundert vierhändig.

Wie die Zeit vergeht: Die Brüder Castro regieren Kuba seit mehr als einem halben Jahrhundert vierhändig. (Fotos: NPR, AP)

Brugueras Aktion zielt genau auf diesen Umstand und möchte aufzeigen, dass auch in Kuba das Volk stärker in zukunftsträchtige politische Entscheidungen involviert werden könnte. Ähnlich wie in ihrer Performance auf dem Revolutionsplatz möchte Bruguera ihre Landsleute dazu aufrufen, «die Wahlrunde zu nutzen, um ein neues Kuba aufzubauen, eines, in dem die Kultur der Angst überwunden werden kann und die Verantwortung nicht nur einigen wenigen vorbehalten bleibt».

In ihrer Performance «Self Sabotage» in Paris und Venedig 2009 spielte Tania Bruguera während eines Vortrags, in dem sie ihre Gedanken zur politischen Kunst darlegt, russisches Roulette mit sich selbst. (Foto: via chicagoartmagazine.com)

In ihrer Performance «Self Sabotage» in Paris und Venedig 2009 spielte Tania Bruguera während eines Vortrags, in dem sie ihre Gedanken zur politischen Kunst darlegt, russisches Roulette mit sich selbst. (Foto: via chicagoartmagazine.com)

So weit so gut. Ich halte sehr viel von Artivisten aller Couleur. Die politische Dringlichkeit verleiht den künstlerischen Aktionen eine grosse Intensität und das kommt auch der politischen Aussage zugute. Ich bewundere die Mexikanerin Teresa Margolles, die den in ihrem Land herrschenden Drogenbandenterror mit erschütternden Kunstwerken anklagt (nicht selten benutzt sie dazu Flüssigkeiten, die Leichen entstammen).

Die Pussy-Riot-Girls haben mit ihren frechen Aktionen das geschafft, was nicht einmal der US-Präsident und andere Präsidenten der westlichen Demokratien vermögen: dem mächtigen Putin eine lange Nase zu ziehen (und sie mussten dafür in den Arbeitslagern schwer büssen).

Ich halte auch die Verdienste Ai Weiweis für sein Land China hoch – zeigt er doch mit seiner differenzierten Protesthaltung, dass man seine Heimat lieben und doch mit dem Kurs seiner Regierung nicht einverstanden sein kann. Auch er musste dafür ins Gefängnis und liess sich dadurch nicht brechen.

Artivisten (v.l.): Die Sängerin des Todes Teresa Margolles, die frechen Punkerinnen Pussy Riot während ihrer legendären Performance in einer Kirche in Moskau, Ai Weiwei, der eine typische Geste macht

Artivisten (v.l.): die «Todeskünstlerin» Teresa Margolles, die frechen Punkerinnen Pussy Riot während ihrer legendären Performance in einer Kirche in Moskau, Ai Weiwei und seine typische Geste. (Fotos: Wales News, AP, International Documentary Association)

Auch halte ich die Vorwürfe, dass diese Künstlerinnen und Künstler das alles nur machen, um ihre Karriere zu befördern, für zynischen Quatsch. Wer immer solche Vorwürfe von sich gibt, soll mal selbst, in seinem eigenen Kreis, den zivilen Ungehorsam versuchen, etwa dem Arbeitgeber gegenüber – mal sehen, wie einfach das ist.

Ob aber – und hier kommt mein grosser Zweifel – Künstler gute Präsidenten abgäben? Bei aller Liebe – sicher nicht. Warum das so ist, liegt am Wesen der Kunst. Was sie, die Kunst, so ausserordentlich macht, ist jede Missachtung der Pragmatik. In der Kunst darf man aufs Ganze gehen, Ungeheurliches ausprobieren, weil Kunst ein Labor ist.

Artist for President: Angesichts der absurden Züge des US-Wahlkampfs kommt man auch in den Staaten auf die Idee. Links: Kampagnen T-Shirt für den kalifornischen Skandalkünstler Paul McCarthy, rechts: Susanna Dakins Kampagne lief 2011 als Kunstaktion.

Artist for President: Angesichts der absurden Züge des US-Wahlkampfs kommt man auch in den Staaten auf die Idee. Links: Kampagnen-T-Shirt des kalifornischen Skandalkünstlers Paul McCarthy, rechts: Susanna Dakins Kampagne lief 2011 als Kunstaktion.

Darum sind Künstler oft tollkühn in ihren Fantasien. Sie sollten es sein. Und wenn sie in die Nähe von gefährlichen Geisteshaltungen kommen (wie etwa Jeff Koons, dessen Forderung nach totaler Verschmelzung mit dem Kunstwerk durchaus etwas Totalitäres hat), drücken sie das innerhalb eines ästhetisch organisierten Universums aus und niemand kommt dadurch ernsthaft zu Schaden.

Im Gegenteil, die Gesellschaft kann sogar von diesem «Flirt mit dem Teufel» profitieren. Die Kunstbetrachter können versuchsweise in den Abgrund blicken, seine Düsternis erkennen und in der wahren Welt der Versuchung gestärkt begegnen.

Tania Brugueras Werk «Untitled (Havana 2000)» wurde vom Museum of Modern Art in New York angekauft. Screenshot: Vimeo/Foto: MoMA Press Office

Tania Brugueras Werk «Untitled (Havana 2000)» wurde vom Museum of Modern Art in New York angekauft. Screenshot: Vimeo/Foto: Moma Press Office

Nach Kunstprinzipien regieren würde aber heissen, irrational regieren. Etwa Rom abbrennen lassen, um schöner dichten zu können – wie Kaiser Nero. Oder um eines ästhetischen Konzepts willen mit Menschenleben spielen. Wäre etwa Picasso ein guter Staatsvater gewesen? Niemals! Das weiss man nämlich aus seiner Biografie: Seine künstlerische Unerbittlichkeit ging mit seiner menschlichen Rücksichtslosigkeit Hand in Hand.

Strenges Urteil: Zumindest für hohe politische Ämter stimmt die Aussage des senegalesischen Sängers Yousou N' Dour. Foto via az quotes

Strenges Urteil: Zumindest für hohe politische Ämter stimmt die Aussage des senegalesischen Sängers Yousou N’Dour. Foto via az quotes

Darum kann ich mit dem streitbaren Kunstkritiker des «Guardian», Jonathan Jones, nicht einig gehen und «vote Bruguera» empfehlen. Ich werde jederzeit Brugueras Performance unterstützen, sie anschauen, darüber schreiben, sie weiterempfehlen, doch als wirkliche Präsidentin wähle ich lieber eine andere.

Im Zeichen der Katze

Ewa Hess am Dienstag den 7. Juli 2015

Liebe Leserinnen und Leser von Private View: Der Sommer ist da. Vor den grossen Ferien noch ein kleiner schnurrender Ausblick auf die Herbstsaison. Beim Sichten der kommenden Highlights bin ich über eine grosse Schau von Warhol und Ai Weiwei in Melbourne gestolpert. Kluge Paarung! Die beiden Propheten beieinander: Andy Warhol, der Papst des popbesessenen 20. Jahrhunderts, und Ai Weiwei, der Held der Generation Instagram und der aktivistischen Kunst, die erste grosse Figur des 21. Jahrhunderts. Der eine ist West, der andere Ost, und sie spielen beide mit den Grenzen: des Konsums, des Landes, der Toleranz etc. Ich sage aber heute nur: «Miau

Der junge Ai Weiwei macht den grossen Warhol gestisch nach

Der junge Ai Weiwei macht den grossen Warhol nach.

Es wird nämlich in Melbourne eine kleine Nebenschau der grossen Doppel-Retrospektive geben, welche die Besessenheit (oder Freundschaft, um es weniger aufgeregt auszudrücken) der beiden Künstler mit Katzen dokumentiert. Wenn man bedenkt, welch überraschende Führungsrolle die Samtpfoten innerhalb der Internetkultur übernommen haben, muss man doch sagen: Chapeau! Auch in dieser Hinsicht haben die beiden Visionäre den Vogel voll abgeschossen.

Posieren mit ihren Katzen: der Chinese und der Ami

Posieren mit ihrer Katze: Weiwei mit einem struppigen Tiger, Warhol mit einer eleganten Siamkatze.

Warhol lebte in den 50ern mit 25 Siamkatzen und seiner Mutter in New York. Die Vierbeiner hiessen alle Sam (oder Hester, wenn sie weiblich waren). Er malte sie ununterbrochen, seine Mutter schrieb als Legenden in ihrer schönen Handschrift den Katzennamen zu den Bildchen, eben meistens: Sam. Dann wurde ein Buch daraus, es hiess: «25 Cats Name Sam and One Blue Pussy». Eigentlich sollte es ja «A Cat Named Sam» heissen, aber Warhols Mutter hat das «d» am Schluss von «named» vergessen. Andy fand das super.

Das Cover des «25 Cats Name Sam»-Buchs mit Widmung für Lou Dorfsman, den CBS-Werbechef, der Warhol als Illustrator gross machte, Der Künstler mit Katze in seinem Atelier

Das Cover des «25 Cats Name Sam»-Buchs mit Widmung für Lou Dorfsman, den charismatischen CBS-Werbechef, für den Warhol als Illustrator arbeitete; der Künstler mit Brillo-Packung und Katze in seinem Atelier.

An die 40 Katzen tigern durch das grosse, selbst gebaute Atelier von Ai Weiwei in Peking, das er ja lange nicht verlassen durfte, weil die chinesische Regierung ihm nach der Entlassung aus dem Gefängnis Hausarrest aufgebrummt hatte (jetzt darf Ai Weiwei zwar Peking verlassen, aber nicht China). Man sieht es sehr schön in dem Dokumentarfilm «Never Sorry» von Alison Klayman: Die Katzen machen, was sie wollen. Das geht einem schon fast auf die Nerven. Ai Weiwei baut ein Modell, zum Beispiel, und die Katze beginnt, damit zu spielen. Anstatt sie zu verscheuchen, gibt ihr Ai Weiwei mit ernster Miene noch mehr Elemente in die Pfote… Es gibt dort eine Katze, welche die Tür selber aufmachen kann. Ai Weiwei sagt dazu etwas Lustiges: «Der Unterschied zwischen den Katzen und den Menschen ist, dass die Katzen zwar auch lernen können, die Türe aufzumachen, sie aber nie hinter sich schliessen.»

Aus Alison Klaymans Film:

 

Über Warhols Kohabitation mit seinen Katzen hat sein Neffe James Warhola ein lustiges Kinderbuch geschrieben, «Uncle Andy’s Cats». Man sieht darin ein Rudel kleiner Sams zwischen den Beinen des Popgiganten wieseln oder den Mann mit den weissen Haaren unter einer Decke aus warm atmenden Kätzchen schlafen. Ai Weiwei sagt immer wieder in Interviews, sein Haus sei eigentlich das Haus seiner Katzen. Sie würden dort wohnen, Kinder kriegen, sich wohlfühlen. Er findet es nett, dass die Hausherrinnen ihm und seiner Familie auch noch Unterschlupf gewähren.

Hm. Interessante Meinung. Vielleicht gehört das Internet auch ihnen? Denkt darüber nach! Und seid glücklich im Sommer! Wir sehen uns Ende August wieder.

Warhols «So happy» (links), eine Edition von Ai Wewei

Warhols «So Happy» (links), eine Edition von Ai Weiwei.