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Magisches Eis für Paris

Ewa Hess am Dienstag den 24. November 2015

Liebe Leserinnen und Leser, wie klingt das Eis, wenn es schmilzt?

Es zischt ganz leise. Hören Sie hier mal rein: «Ice Watch». Für ihr Projekt haben der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson und der Geologie-Professor Minik Rosing zwölf Eisklumpen beim Nuuk-Fjord in Grönland gefischt. Es war keine schwierige Sache, denn im Land des ewigen Eises verflüssigt sich zurzeit gerade sowieso alles. Ständig brechen Brocken von der Eiskappe ab. Mit einem Lasso kann man mit einigem Geschick so eine Eisscholle schnell einfangen.

Eliasson und Rosing haben die Eisbrocken in grosse Kühlschränke gepackt, in welchen man sonst Crevetten auf die Reise zum Supermarkt schickt und nach Paris verschifft. Hier hätten diese während der Klimakonferenz Cop21 auf der Place de la République in Paris gut sichtbar vor sich hin schmelzen sollen. Man stelle sich vor: zwölf eisige Riesen (sie wiegen gemeinsam 80 Tonnen) in Uhrenformation dahinschmelzend – ein starkes Sinnbild dafür, dass es klimatisch fünf vor zwölf ist.

Eisernte im Nuuk-Fjord, Transport der Blöcke, Olafur Eliassons «Ice Watch» von 2013 in Kopenhagen

Eisernte im Nuuk-Fjord, Transport der Blöcke, Olafur Eliassons «Ice Watch» von 2013 in Kopenhagen.

Klar ist nach den Anschlägen in Paris jetzt alles anders, und die Klimakonferenz selbst ist mit mehreren Fragezeichen versehen. Ihre Durchführung vom 30. November bis zum 11. Dezember wird zwar bekräftigt, doch es ist unsicher, ob einige Teilnehmer vielleicht doch die Teilnahme absagen. Oder kommen, im Gegenteil, mehr? Wird man eher bereit sein, über das Klima zu diskutieren? Oder wird die klimatische Bedrohung von der terroristischen überschattet?

Ich habe Olafur Eliasson und einige andere Protagonisten der Kunst-&-Design-Bewegung im Zusammenhang mit dem Klimawandel am Wochenende in Wien getroffen. Warum engagieren sich so viele Künstler für die Verteidigung des Klimas? Eine Frage, über die man nicht lange nachzudenken braucht. Es gibt eine Ähnlichkeit zwischen der Schönheit der klimatischen Offenbarungen und der künstlerischen Kreativität, so viel ist sicher. Die wechselnden Gezeiten, die visuelle Kraft von vergänglichen Wetterbildern, die Leichtigkeit des Wolkenhimmels, die Dramatik eines Gewitters, das Anrollen einer Ozeanwelle… Muss man noch mehr Beispiele aufzählen? Der Planet, die Mutter aller Künstlerinnen und Künstler, verschwendet sich an uns. Gut, dass es parallel zur Cop21 die Sektion ArtCop21 gibt, eine Art weltweites Festival, das im Dezember in Paris kulminieren soll.

Francesca von Habsburg mit dem «Stay»-Panel an der Eröffnung der Schau von Olafur Eliasson in Wien, Eliassons Sonne im Winterpalais, Eliasson beim Vortrag in der Ausstellung

Francesca von Habsburg mit dem «Stay»-Plakat an der Eröffnung der Schau von Olafur Eliasson in Wien, Eliassons Sonne im Winterpalais des Prinzen Eugen, Eliasson beim Vortrag in der Ausstellung.

Olafur Eliasson jedenfalls ist zuversichtlich, dass es mit dem «Ice Watch» in Paris klappt. Die Eisblöcke hängen zwar zurzeit irgendwo auf der Route zwischen Grönland und Frankreich in ihren grossen Kühlschränken fest, doch Eliasson sagt: «Das wird schon werden.» «Alles, was unsere kulturelle Identität ausmacht, fällt der Wut der IS-Terroristen zum Opfer», sagt der Künstler, der mit seinem grandiosen «The Weather Project» 2003 in der Tate Modern berühmt geworden ist. «Ich spüre einen starken Willen aller, sich diesem aggressiven Furor entgegenzusetzen und dem Ausdruck freier Meinung im öffentlichen Raum eine Chance zu geben.» Anstelle von Blumen, sagt Eliasson, möchte er seine «magischen Eisblöcke» am leidgeprüften Pariser Platz niederlegen. Er ist überzeugt, dass dem Eis aus der Antarktis ein besonderes Glühen innewohnt. «Die Menge Eis, die unterwegs nach Paris ist», sagt Eliasson, «ist übrigens nur ein Zehntel dessen, was in Grönland in einer Sekunde wegschmilzt.» Die kühle Präsenz der Eisblöcke könne kalte Datenmengen auf eine emotionale Weise den Menschen klarmachen.

Beuys Eicheln wachsen weiter, der Künstler an der Schaufel 1982, Radical Action Reaction im Jardin des Plantes

Beuys Eicheln wachsen weiter (links), der Künstler mit einer Schaufel 1982 (Mitte), der Vorhang für einen Baum: So soll der Vorhang der «Radical Action Reaction» im Jardin des Plantes aussehen.

Der Deutsche Joseph Beuys war übrigens einer der Ersten, die sich künstlerisch für das Thema Umwelt starkmachten. Er pflanzte 1982 zur Documenta 7 exakt 7000 Eichen in Kassel. Ziel des Projektes war in seinen eigenen Worten «Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung». Diese Idee nimmt jetzt anlässlich der Cop21 das englische Künstlerpaar Ackroyd und Harvey wieder auf: mit seiner monumentalen Installation «Radical Action Reaction». Die beiden Engländer lassen aus den Eicheln der ursprünglichen Beuys-Eichen in Kassel weitere Eichengenerationen zu Bäumchen heranwachsen und pflanzen sie überall in Frankreich. Im Jardin des Plantes in Paris bauen sie zusätzlich einen monumentalen Vorhang aus Gras, um dem Baum, der grünen Lunge des Planeten, einen effektvollen Auftritt zu verschaffen.

Auch mit von der Partie an der Cop21 in Paris ist die TBA21 Foundation von Francesca von Habsburg, die mit ihrer Ankündigung, von Wien nach Zürich umzuziehen (hier nachzulesen), zuletzt für viel Wirbel gesorgt hat. Von Habsburgs eigenes Forschungsprojekt, «The Current», eine Abfolge von Expeditionen in die Südsee, wird in Paris vorgestellt. An Bord des Stiftungsschiffs Dardanella kommen Wissenschafter und Künstler zusammen, um der Rettung der Ozeane gemeinsam Auftrieb zu geben. Einige Expeditionen fanden schon statt, weitere werden folgen.

In Wien will man natürlich die tatkräftige Mäzenin gerne behalten. An der Eröffnung der Ausstellung «Baroque, Baroque», welche Eliasson im Winterpalais des Prinzen Eugen eingerichtet hat, wurde der Kunstpatronin das Bittplakat «Stay» überreicht – «Bleib»– mit den Unterschriften von Kulturpersönlichkeiten der österreichischen Kapitale, was sie sichtlich gefreut hat.

Kurator Damian Christinger in der Installation des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, «The Current» in action

Kurator Damian Christinger in der Installation des brasilianischen Künstlers Ernesto Neto, «The Current» in Aktion.

Die Gespräche mit der Zürcher Stadtverwaltung gehen dennoch weiter – ergebnisoffen, wie es aus dem Umkreis der Stiftung heisst. Eine weitere Verbindung der TBA21 zu Zürich wird auf jeden Fall künftig in der Person des Kurators Damian Christinger aufrechterhalten. Der bisherige Galerist der Zürcher Galerie Christinger de Mayo, der mit seiner interdisziplinären Schau «Das Fremde ist nur in der Fremde fremd» 2014 im Rietberg-Museum aufgefallen ist, wird 2016 eine «The Current»-Expedition leiten. Die aktuelle Ausstellung von Monica Ursina Jäger ist die letzte seiner Galerie an der Ankerstrasse.