Fliegt, Schmetterlinge!

Ewa Hess am Dienstag den 9. September 2014

Leute! Von Zürich nach Rapperswil, das ist doch keine Distanz! Zwischen der West Bronx und Brighton Beach in New York etwa liegt eine höhere Anzahl Kilometer, von der Dichte des Verkehrs schon gar nicht zu reden. Dafür ist es ein Hauch von Williamsburg, was man in Rappi in der letzten Zeit wahrnimmt. Williamsburg, also jenem New Yorker Quartier, in dem sich Studenten und Welterfinder tummeln. Hier wie dort schnuppert man «the shape of things to come».

Wann: Samstag, 6. September 2014
Wo: Rapperswil, Alte Fabrik
Was: Gruppenausstellung junger Szene: «Courting Aporia», bis 26.10.

Allein schon die Alte Fabrik ist ein Ort mit cooler Vergangenheit. Es ist die alte Fabrikationsstätte der Firma Geberit, also hier wurden bis 1962 die Spülkästen für Klos hergestellt. Ich weiss, mein Vorschlag kommt zu spät, aber etwas mit Klo im Namen wäre auch nett gewesen. Zum Beispiel «Loo factory»? Vielleicht zu britisch. Aber ich erinnere daran, dass Maurizio Cattelans Kultzeitschrift «Toiletpaper» heisst. Jedenfalls, 1988 hatte Jörg Gebert, der Enkel des Geberit-Gründers, die Idee, in dem stillgelegten Fabrikgebäude ein Kulturzentrum einzurichten. Dann gründete die Familie Gebert die Gebert-Stiftung für Kultur. Und dann hat Stiftungspräsidentin Christa Gebert 2006 den Kurator ins Leben gerufen,  eine Spielwiese für Jungkuratoren.

Ein Hauch von Williamsburg: Das Kunst- und Kulturzentrum Altefrabrik in Rapperswil

Ein Hauch von Williamsburg: Das Kunst- und Kulturzentrum Alte Fabrik in Rapperswil SG.

Mit Fredi Fischli und Niels Olsen sind zurzeit zwei mit viel Punch am Ball. Sie haben bisher Anregung für die Zukunft in der Vergangenheit gesucht und sich mit dem Kuratoren-Altmeister Bob Nickas zusammengetan (Giovanni Pontano berichtete für Private View hier). Doch jetzt wagen sie den direkten Schritt in die Zukunft. Und machen Platz für eine Generation, die so jung ist, dass die beiden Jungtürken Fischli/Olsen ihnen gegenüber fast schon onkelhaft auftreten dürfen. «Mikrogeneration» nennt das Fischli, weil die Generationen in unserer hyperbeschleunigten Gegenwart so schnell aufeinander folgen. Zwei, fünf Jahre später und schwups, alles ist anders.

Den Blick von aussen liefert die New Yorkerin Lola Kramer, zwar selbst eine Angehörige der aufstrebenden Generation 20+, doch in Zürich wie eine Forscherin im unbekannten Land unterwegs. Sie hat eine dichte Szene von coolen Offspaces geortet und aus ihrem Programm die riesige Ausstellung husch, husch zusammengestellt, wunderbar unprätentiös.

Kuraotrin Lola Kramer wird vom Künstler Mayo in der Kunst unterwiesen, den Namen Mayo mit den Fingern in die Luft zu zeichnen

Künstler Mayo unterweist Kuratorin Lola Kramer in der Kunst, den Namen Mayo mit den Fingern in die Luft zu zeichnen.

Als Lola vor wenigen Monaten nach Zürich kam, wohnte sie in der Wohnung von Pamela Rosenkrantz, die uns im kommenden Jahr an der Biennale in Venedig vertreten wird. Und sie war von der Zürcher Szene so begeistert, dass sie sofort eine Ausstellung in der besagten Wohnung veranstaltet hat. Die hiess «How do you solve a problem like Maria». Ich weiss nicht, ob Sie sich an den Film «The Sound of Music» erinnern mögen? Und die kleine ungehorsame Nonne, die alle zum Lachen brachte? Das war Maria. Eine Träumerin und ein Wildfang, und die Nonnen sangen über sie diesen sentimentalen Ohrwurm. Ach.

Wolkenfänger, Mondanhalter, junge Schmetterlinge, die gerade ausgeschlüpft sind: Das sind auch diese Jungen, die gerade in Rappi ausstellen. «Courting Aporia» nennt Lola diese Schau. Weil Aporia der lateinische Name eines Schmetterlings ist (des Baum-Weisslings, wenn Sie es genau wissen wollen). Aber auch weil Aporie als philosophischer Begriff (laut Duden) folgendes bedeutet: «Unmöglichkeit, eine philosophische Frage zu lösen, da Widersprüche vorhanden sind, die in der Sache selbst oder in den zu ihrer Klärung gebrauchten Begriffen liegen».  Die Welt kann der Generation, die gerade neu dazukommt, schon manchmal wie ein verdammtes Rätsel vorkommen.

Die Architekten Isa Stürm und Urs Wolf (Stürm & Wolf) begutachten Mayos Installation «Paradies», Tuchbild von Thomas Sauter, Tina Braegger mit klein Katharina vor ihrem Objekt «Untitled»

Die Architekten Isa Stürm und Urs Wolf (Stürm & Wolf) begutachten Mayos Installation «Paradies», das Tuchbild von Thomas Sauter, Tina Braegger mit klein Katharina neben ihrem Objekt «Untitled»

Diese hier gezeigte Kunst, ein Rundgang zeigt es, ist eine erste These. Noch fragil, manchmal auch unausgegoren, wenn auch schon manchmal von einer stupenden formalen Sicherheit wie etwa die Tuch-Bilder von Thomas Sauter. Der Churer, von dem wir auch schon berichtet haben, ist mit 30 Jahren schon etwas älter als die meisten hier und konnte mit seinen virtuosen Objekten aus gespannten Tüchern bereits internationale Anerkennung erobern. Er gehört zum Umkreis des Offspace Plymouth Rock, dessen Betreiber Mitchell Anderson auch selber ein Künstler ist. Sein Objekt ist eine gestickte Inschrift, die aber von der Rückseite her präsentiert wird. Schon wieder so ein  Rätsel. «Good luck», ruft mir der Künstler ironisch zu, als er sieht, dass ich vor dem Werk die Stirn in Denkfalten lege.

Künstler, Kuratoren, sie sind alle ein bisschen alles. Das ist typisch für diese Generation, die genug vom künstlerischen Ego-Trip hat und verschworene Communitys bildet. Offspaces Up State, Muda Muramuri oder Taylor Macklin sind hier vertreten. Und es gibt nicht wenige Gemeinschaftsarbeiten, wie etwa die «singenden Abfallkübel», eine effektvolle Soundinstallation von Marc Hunziker, Tim Eicke, Mayo & Friends sowie Rafal Skoczek. Werke tauschen, einander unterstützen, gemeinsam Installationen entwerfen – das ist das Credo der Youngster.

Es ist eine Generation, die sich Sorgen um die Welt macht – wie Marc Asekhame, der mit seinem Netzbild «Nana Benz» den Export von in Holland hergestellten Stoffen der Firma Vlisco nach Westafrika thematisiert. Auch ein Zinnobjekt von Tina Braegger, das an die wahrsagenden Figürchen erinnert, die man am Sylvester ins kalte Wasser giesst, wirkt unbehaglich. Ist es ein Püppchen oder ein Mutant? Die junge Künstlerin,   eine der interessanteren Figuren ihrer Generation, lächelt ihrer kleinen Tochter zu. Die Verantwortung ereilt diese jungen Schmetterlinge schneller, als sie es seinerzeit bei den Wohlstandskindern der Seventies tat.

Abfallkübel-Soundinstallation von Hunziker/Eimcke/Mayo&Friends/Skoczek (links), Kaspar Müllers Fisch auf dem Tisch, Installation mit Bojen von Brigham Baker und Anina Yoko Gantenbein

Abfallkübel-Soundinstallation von Hunziker/Eimcke/Mayo&Friends/Skoczek (links), Kaspar Müllers Fisch auf dem Tisch, Installation mit Bojen von Brigham Baker und Anina Yoko Gantenbein

Adressen

*ALTEFABRIK
Klaus-Gebert-Strasse 5
CH-8640 Rapperswil-Jona

Up State
Flüelastrasse 54, 8047 Zürich
Up-State on www.facebook.com

mudamuramuri
Badenerstrasse 415, 1. Floor
newsletter@mudamuramuri.ch
www.mudamuramuri.ch

Taylor Macklin
Mühlezelgstrasse 24, 8047 Zürich
www.taylormacklin.com

Ein grosser Knall

Ewa Hess am Donnerstag den 4. September 2014

Der Sommer, liebe Leserinnen und Leser des Private-View-Blogs, war, wie er war. Wer zu Hause geblieben ist, verbrachte die Tage eh in den Museen. Und das ist ganz gut so, denn nichts macht so sehr Lust auf gute Kunst wie gute Kunst. Willkommen zur neuen Saison! (English version here)

Wo: Zürich
Wann: Freitag, 29. August
Was: Saisonstart der Galerien

Es geht los! Selfie vor dem Löwenbräu (links) Ein Objekt von Slavs and Tatars in der Kunsthalle, die schmale Löwenbräu-Treppe
Es geht los! Gedränge auf der Löwenbräu-Treppe (links), ein Objekt von Slavs and Tatars in der Kunsthalle (Mitte), Doppelselfie vor dem Löwenbräu.

Ab Mittwoch gab es in Zürich jeden Abend Eröffnungen, es ging Schlag auf Schlag und man musste gut in Form sein, um der heissen Kunstspur folgen zu können. Ich war aus dem Häuschen, weil eine meiner Lieblingskünstlerinnen in der Stadt war: Judith Bernstein. Mehr über sie und ihre tolle Schau bei Karma International später, doch sie war unter anderem der Grund, weshalb dieser Saisonstart so oversexed ausgefallen ist. Meine Herrschaften, all diese Körperteile und Stellungen und Entblössungen … Nicht nur Judith, die man als einen weiblichen Homer der Genitalien bezeichnen kann, war da, sondern auch noch Dorothy Iannone im Migros-Museum, die Bardin der Liebe in allen ihren Verrenkungen. Auch Peter Hujar bei Mai 36 dürfen wir nicht vergessen. Ja, wenn Bernsteins Genitaliendarstellungen etwas Heroisches an sich haben, Iannones sexy Zeichnungen Märchen aus 1001 Nacht erzählen, sind Hujars Nackte wie Sonette – melancholisch und kraftvoll zugleich.

«Organsmic Man» von Peter Hujar (links), Judith Bernsteins Werk "Birth of Universe: Gold Cunt" (2013, Mitte); «I Was Thinking of You» (1975) von Dorothy Iannone
«Orgasmic Man» von Peter Hujar (links), Judith Bernsteins Werk «Birth of Universe: Gold Cunt» (2013, Mitte); «I Was Thinking of You» (1975) von Dorothy Iannone.

Am Freitag war im Löwenbräu die Bude voll. All den Unkenrufen zum Trotz, welche prophezeiten, dass es nach dem Umbau nie mehr «so wie früher» sein werde. Klug, dass die Architekten die Haupttreppe des Gebäudes genau so schmal belassen haben, wie sie früher war. Auch Vernissagenbesucher sind Herdenvieh, so ein Leib-an-Leib-Körperkontakt beim Auf- und Niedersteigen stärkt den Gemeinschaftssinn.

Die meisten haben sich zwar schon am Vorabend getroffen. Zum Beispiel bei Peter Kilchmann, wo Fabian Marti ganz neue Wege geht und zu Polyester greift. Das Material, das so sauber, glänzend und appetitlich im Endzustand aussieht, muss bei der Verarbeitung – Marti goss es für seine Objekte in Formen – recht eklig sein. Klebrig und stinkig. Wie die Ursuppe! Darum wimmelt es vielleicht in Martis «Eiern» und «Vide-poches» nur so von Wiedergeburts- und Fruchtbarkeitssymbolen. Aber vielleicht ergibt sich diese Inspiration auch aus einer biografischen Koinzidenz. Denn der bärtige Glückspilz heiratet in wenigen Wochen die schöne Karolina Dankow, Co-Gründerin von Karma International.

Künstler Bruno Jakob und Galerist Peter Kilchmann in der Ausstellung «All is All» (links), Fabian Marti vor seinen Werken «Many Ouroboroi Magenta and Blue» (Mitte), Marina Olsen und Karolina Dankow von Karma International mit dem Sammler und Art Broker Manuel Gerber
Künstler Bruno Jakob und Galerist Peter Kilchmann in der Ausstellung «All is All» (links), Fabian Marti vor seinen Werken «Many Ouroboroi Magenta and Blue» (Mitte), Marina Olsen und Karolina Dankow von Karma International mit dem Sammler und Art Broker Manuel Gerber.

Aber eben, von Karma und ihrer Judith Bernstein wollte ich eigentlich erzählen. Mir ist die New Yorkerin, die damals noch nicht ganz 70 Jahre alt war, an einer Ausstellung bei Hauser & Wirth aufgefallen. Die Tochter des kalifornischen Künstlers Paul McCarthy, Mara, zeigte damals US-Positionen aus den 70er-Jahren. Auf die hat sie ihr Papa aufmerksam gemacht, der damals der Unangepassteste unter den Unangepassten war, heute aber sehr, sehr berühmt ist und sehr, sehr teuer verkauft, sodass er sich jede freche Geste erlauben kann («Don’t bring the kids», schrieb die «New York Times» 2013 anlässlich seiner grossen Schau). Dass er sich an seine weniger erfolgreichen Weggefährten erinnert hat und seine Tochter ihnen eine Ausstellung ausgerichtet hat, ist eigentlich sehr schön und stärkt den Glauben ans Gute in der Welt. Und jedenfalls in dieser Schau, die den Titel «The Historical Box» trug, hing das Ding – ein monumentaler Penis, in schwarzer Kohle, obsessiv mit kreisenden Linien hingeschmiert, realistisch und surreal zugleich. Man konnte nicht wegschauen. Per Zufall sass ich damals am Abend in der Kronenhalle neben der Künstlerin, die ihn gemalt hat: Judith Bernstein. Auf den Ausdruck meiner Bewunderung hin lächelte diese und sagte ganz trocken: «Die Ausstellenden haben ein Glück, ich habe ihnen die Ausstellung gerockt.»

Judith Bernstein, muss man dazu wissen, war in den wilden Siebzigern eines der aufstrebenden Jungtalente mit Potenzial zum Weltruhm. Kühn, begabt und engagiert, entwickelte sie einen kraftvollen Malstil von grosser Originalität. Ihre Bilder von damals sind wütend. «Fuck Vietnam» oder «Jackoff Flag» schrieb sie unter Darstellungen, zu welchen sie Toilettenzeichnungen aus Herrentoiletten inspirierten. Schon damals gab es in ihren Bildern viele Schwänze. «Fun gun» nannte sie eines, und drückte damit nicht nur die Wut auf die männlich dominierte Machtpolitik, sondern auch das Selbstbewusstsein der weiblichen Begierde aus.

Judith Bernstein in den 70-er Jahren (links, vor ihrem Werk «Horizontal Plus #3»), Bernstein-Gemälde «Jackoff Flag von 1975», Judith heute mit der Sammlerin Gitti Hug
Judith Bernstein in den 70er-Jahren (links, vor ihrem Werk «Horizontal Plus #3»), Bernstein-Gemälde «Jackoff Flag» von 1975, Judith Bernstein heute mit der Sammlerin Gitti Hug.

Ende 2011 besuchte ich die Künstlerin in ihrem Atelier in New York. Mitten in Chinatown war das, zuoberst in einem Haus, das in der Schweiz als baufällig gelten würde. Riesige Räume, beinahe ungeheizt, vollgestellt mit alten Möbeln. An den Wänden, unter den Sofas, in riesigen Regalen und einfach überall waren diese Leinwände und Kohlezeichnungen – grossartigste, leuchtendste, expressivste, schlicht wunderbarste Werke. Judith Bernstein, langbeinig und voller jugendlicher Energie, verscheuchte Katzen, die dort mit ihr in grosser Zahl wohnten, zeigte mir die Werke und lachte sich halb kaputt über das Leben, das sie fast ein halbes Jahrhundert als Zeichnungslehrerin geführt hatte – «Can you imagine? Thousands and thousands of slow pupils!» Damals begann es gerade gut zu laufen für sie. Danach kam alles aufs Mal: Grosse Einzelschau im New Museum, Gavin Brown Gallery, ICA London, Studio Voltaire

Wie konnte man eine Malerin von diesem Format alle diese Jahre übersehen? Ein Mysterium. 1974 fand in Philadelphia eine Ausstellung feministischer Kunst statt, «Women’s Work». Als die Kuratoren, ein Mann und eine Frau, Judith Bernsteins «Horizontal» sahen, dieses Monster von einem schwarzen Phallus, hängten sie das Werk sofort ab. Proteste von Louise Bourgeois und Clement Greenberg halfen nicht. An der Eröffnung liefen alle mit einem Button herum, auf dem stand: «Where’s Bernstein?» Gute Frage. Die für alle die Jahre danach ihre Gültigkeit behielt.

Sie war zwischen den Fronten. Den Feministinnen waren ihre Symbole vielleicht zu männlich. Und den Männern wars ungeheuer, dass ein selbstbewusstes Mädel aus New Jersey sich ihres besten Stücks so kühn bemächtigte. Doch jetzt sieht man endlich die Kraft, die in ihrem Werk steckt. Witzig und todernst, mit psychologischem Subtext und enormer Ausdruckskraft. Sie hat nie aufgehört, obwohl der Mainstream sie alle die Jahre geflissentlich übersah. Wie sagt sie das selber? «It’s political. It’s sexual. And it’s right in your face.»

Die chinesische Sammlerin Gina Kuan mit Art Consultant Thomas Stauffer (links), Künstlerin Mia Marbach, Galerist und Künstler Mitchell Anderson und Jungkuratorin Lola Kramer vor Bernsteins Werk «Birth of the Universe #2» (Mitte), Wirtschaftsjournalist Beat Schmid vor «Gold Cunt»
Die chinesische Sammlerin Gina Kuan mit Art Consultant Thomas Stauffer (links), Künstlerin Mia Marfurt, Galerist und Künstler Mitchell Anderson und Jungkuratorin Lola Kramer vor Bernsteins Werk «Birth of the Universe #2» (Mitte), Journalist Beat Schmid vor «Gold Cunt».

An der Vernissage am Freitag bei Karma waren auch Sammler äusserst angetan. Manuel Gerber (der Neffe des legendären Berner Sammlers Toni Gerber) und auch die Juristin Gitti Hug (verwandt mit Musik Hug) schauten Bernsteins alte Penisse und neue Vaginas mit begehrendem Blick an. Wenig Wunder! In den neueren Werken, in welchen Judith Bernstein nun mit leuchtender Begeisterung auch das weibliche Genital feiert, spiegelt sich das Universum: die Milchstrasse, die Galaxien, das Phänomen des Big Bang. Man fällt in diese Bilder hinein wie in kosmische Tiefen, in welchen atomangetriebene künstlerische Schaffenslust spielend Lichtjahre der Mühsal überwindet. Prima Anfang für die Kunstsaison: Päääääääng!

Seasonopening in Zürich: Big Bang!

Ewa Hess am Donnerstag den 4. September 2014

The summer, Dear Readers, was how it was. Whoever stayed at home spent the days in the museums. That’s fine, because nothing whets your appetite for art like great art. Welcome to the new season!

Where: Zürich

When: Freitag, 29. August

What: Saisonstart der Galerien

Es geht los! Selfie vor dem Löwenbräu (links) Ein Objekt von Slavs and Tatars in der Kunsthalle, die schmale Löwenbräu-Treppe
Crowd on the stairs (left), an object by Slavs and Tatars in the Kunsthalle, double-selfie in front of the  Löwenbräu.

From Wednesday onwards, there were openings every evening in Zürich. You had to be in good form to follow the hot art trail. I was excited because one of my favourite artists was in town: Judith Bernstein. More about her and her fantastic show at Karma International later; she was one of the reasons why this seasonopening has been so oversexed. Ladies and gentlemen, all this exposure and body parts and postures … It wasn’t just Judith, who can be described as a female Homer of the genitalia, but also Dorothy Iannone in the Migros Museum; the minstrel of love in all its forms. And let’s not forget Peter Hujar at Mai 36. If Bernstein‘s genitalia depictions have somewhat heroic and Iannone’s sexy drawings tell tales from 1001 Arabian Nights, Hujars nudes are like sonnets – simultaneously melancholy and powerful.

«Organsmic Man» von Peter Hujar (links), Judith Bernsteins Werk "Birth of Universe: Gold Cunt" (2013, Mitte); «I Was Thinking of You» (1975) von Dorothy Iannone
«Orgasmic Man» by Peter Hujar (links), Judith Bernstein’s work «Birth of Universe: Gold Cunt» (2013, in the middle); «I Was Thinking of You» (1975) by Dorothy Iannone.

On Friday the Löwenbräu was crammed full. The naysayers, who predicted that it would never be ‘like before’ after the renovation, were proved wrong. The architects were smart to have left the main stairs to the building as narrow as before. Vernissage visitors are herd animals too. Such body to body contact when going up and down increases the sense of community.

Künstler Bruno Jakob und Galerist Peter Kilchmann in der Ausstellung «All is All» (links), Fabian Marti vor seinen Werken «Many Ouroboroi Magenta and Blue» (Mitte), Marina Olsen und Karolina Dankow von Karma International mit dem Sammler und Art Broker Manuel Gerber
Artist Bruno Jakob and galerist Peter Kilchmann in the show «All is All» (links), Fabian Marti in front of his work «Many Ouroboroi Magenta and Blue», Marina Olsen and Karolina Dankow of Karma International with the collector and art broker Manuel Gerber.

Most people have already met each other the evening before. For example, at Peter Kilchmann Gallery, where Fabian Marti is showing works in polyester – a novelty in his oeuvre. The material, which looks so clean, gleaming and appetising in its final state, must be really disgusting to handle – Marti cast it in moulds for his objects. Sticky and stinky. Like primeval soup! Marti’s ‘eggs’ and ‘vide-poches’ are teeming with symbols of rebirth and fertility. But maybe this inspiration resulted from a biographical coincidence because this bearded lucky devil is to marry beautifull Karolina Dankow, cofounder of Karma International, in a few weeks.

But anyway, I wanted to tell you about Karma and Judith Bernstein. The New Yorker got my attention at an exhibition at Hauser & Wirth. She was almost 70 years old then. The daughter of the Californian artist Paul McCarthy, Mara, was presenting US artists from the 70s. They had been brought to her attention by her dad, who was then the most unconformist amongst unconformists. Of course McCarthy is very famous now, an his works sell for large amounts, meaning that he can allow himself to shock the world (‘Don’t bring the kids’, wrote the ‘New York Times’ during his big retrospective). That he didn’t forget some of his less successful friends and that his daughter arranged an exhibition for them, is rather lovely and strengthens the belief in the goodness of the world. Anyway, the thing hung in this show, which bore the name ‘The Historical Box’ – a monumental penis in black coal, obsessively scrawled with circular lines; both realistic and surreal at the same time. You couldn’t look away. By chance that evening I sat in the ‘Kronenhalle‘ next to the artist who had painted it: Judith Bernstein. She smiled at my admiration and said dryly: ‘The exhibitors have been lucky, I rocked the show.‘

You also have to know that Judith Bernstein was one of the aspiring young talents in the wild seventies, with huge potential for international renown. Bold, gifted and engaged, she developed a powerful painting style with great originality. Her pictures from that time are furious. She wrote ‘Fuck Vietnam’ or ‘Jackoff Flag’ under her images, which had been inspired by bathroom graffiti from the men’s toilets. There were a lot of dicks in her pictures back even then. She called one ‘Fun gun’ and expressed not only her fury at the male dominated power politics but also the self confidence of female desire.

Judith Bernstein in den 70-er Jahren (links, vor ihrem Werk «Horizontal Plus #3»), Bernstein-Gemälde «Jackoff Flag von 1975», Judith heute mit der Sammlerin Gitti Hug
Judith Bernstein in the 70eies (left, vin front of her work «Horizontal Plus #3»), Bernstein’s painting «Jackoff Flag», 1975, Judith Bernstein now with the collector Gitti Hug.

At the end of 2011 I visited the artist in her studio in New York. It was in the middle of Chinatown, right at the top of a house that would be considered to be a ruin in Switzerland. Massive rooms, almost unheated, stuffed full of old furniture. And there were these canvases and coal drawings on the walls, under the sofas, on huge shelves, just everywhere – the most magnificent, vibrant, expressive and simply the most wonderful works. Judith Bernstein, long legged and full of youthful energy with 70, shooed away the cats that live there with her in large numbers and showed me the works. She also laughed her head off about the life that she had led as an art teacher for almost half a century – ‘Can you imagine? Thousands and thousands of slow pupils!‘ Then it began to go well for her. Afterwards everything came at one: a large individual show in the New Museum, Gavin Brown Gallery, ICA London, Studio Voltaire…

How could the world overlook a painter of the calibre for all these years? A mystery. In 1974 an exhibition of feminist art ‘Women’s Work’ took place in Philadelphia. When the curators, a man and a woman, saw Judith Bernstein’s ‘Horizontal‘, this monster of a black phallus, they immediately took the work down. Protests from Louise Bourgeois and Clement Greenberg were of no use. At the opening everyone walked round with a badge, on which it was written: ‘Where’s Bernstein?’ A good question. One that has retained its validity for all these years.

She was between two fronts. Her symbols were perhaps too manly for the feminists. And for men it was simply too shocking that a confident girl from New Jersey usurped their best piece so boldly. Yet people are finally seeing the power hidden in her work. Funny and deathly serious, with psychological subtext and enormous power of expression. She has never stopped even though the mainstream intentionally overlooked her all those years. How does she put it herself? ‘It’s political. It’s sexual. And it’s right in your face.’

Die chinesische Sammlerin Gina Kuan mit Art Consultant Thomas Stauffer (links), Künstlerin Mia Marbach, Galerist und Künstler Mitchell Anderson und Jungkuratorin Lola Kramer vor Bernsteins Werk «Birth of the Universe #2» (Mitte), Wirtschaftsjournalist Beat Schmid vor «Gold Cunt»
Die Chinese collector Gina Kuan with art consultant Thomas Stauffer (left), artist Mia Marfurt, galerist and artist Mitchell Anderson and the curator  Lola Kramer in front of Bernstein’s work «Birth of the Universe #2» (center), journalist Beat Schmid in front of «Gold Cunt».

At the opening on Friday at Karma, collectors were flocking around her. Manuel Gerber (nephew of the legendary Bernese collector Toni Gerber) and the lawyer Gitti Hug (connected to Musik Hug) viewed Bernstein’s old penises and new vaginas with desiring gazes. No wonder! The newer works, in which Judith Bernstein now celebrates the female genitals with glowing enthusiasm, reflect the universe: the Milky Way, the galaxies, the Big Bang phaenomenon. You fall into these pictures like falling into strange depths, in which nuclear powered artistic passion effortlessly overcomes light years of hardship. A great start for the art season: Baaaaaaang!