Kunstalarm Stufe gelb!

Ewa Hess am Dienstag den 10. Juni 2014
Private View

«Untitled Horror» heisst Cindy Shermans Ausstellung im Kunsthaus. Nicht immer ist der Horror so subtil wie auf diesem Bild «Untitled #3» von 1981, wo man sich fragt: Ist es Schmerz? Angst? Trauer? Oder gar Lust? (Foto: Cindy Sherman / Metro Pictures, New York)

Liebe Leserinnen und Leser.

Sie wissen es und ich weiss es: Wir befinden uns in den zwei Wochen des Jahres, in welchen die Kunstwelt in einen Ausnahmezustand gerät. In den Tagen vor  ART passiert alles gleichzeitig: Die Museen und die Galerien machen ihre schönsten Ausstellungen auf, die Gäste aus Übersee jetten nach Europa, machen erst Venedig (dieses Jahr: Architekturbiennale!),  dann Zürich unsicher und strömen anschliessend nach Basel. Es ist ein süsser Wahn, in den die Kunstwelt gerade verfällt, und deshalb möchte «Private View» diese  ekstatischen Atemlosigkeit mit Ihnen teilen. Heute: ALARM GELB, nächsten Dienstag ALARM ROT. Und dann kommt die ART. Follow me!

Zürich
Haus Konstruktiv
Mittwoch Abend

Künstlerin Nika Spalinger mit Freundinnen, Designer Alfredo Häberli mit Gattin, die «Angeschlagene Moderne»

Kuratorin Yvonne Volkart, Künstlerinnen Judith Albert und Nika Spalinger (Bild links), Designer Alfredo Häberli mit Gattin Stefanie, die «Angeschlagene Moderne»

Am Mittwoch, 5. 6.,  stellt das Haus Konstruktiv gleich drei neue Schauen vor. Ich fasse mich kurz, da noch ganz viele Anlässe auf uns warten. Der US-Slowene Tobias Putrih misst sich mit Kasimir Malewitsch, der Deutsche Florian Dombois nimmt es auf mit der Moderne aus der Sammlung des Hauses auf. Beide gehen aus den Kämpfen als Verlierer heraus. Ich will nicht in Abrede stellen, dass dieses Verlieren auch programmatisch sein könnte. Während Putrih das Schwarze Quadrat (bzw die ihm vorangegangene Oper) in einer dämmrigen Installation, die New Age Assoziationen weckt, thematisiert, bringt Dombois mit Schlagwerkzeugen Klassiker zum klingen. So richtig klar wird das alles nicht – könnte das auch an der Präsentation liegen? Die Kartonobjekte Putrihs, welche sein Konzept in eine klare Form überführen sollten, sprechen wenig an. Da ist die dritte Schau – wunderbare Bilder von Auguste Herbin – richtig erholsam. Herbin, ein französischer Pionier der Abstraktion (1882-1960), trifft mit seinen Farben und Formen direkt ins Auge. Paff. Danke. Die Vernissagengäste – Medienleute, Künstler, Galeristen, Fotografen und Designer sind dennoch wohlwollend angetan. Der innere Kreis diniert im Museum drin, die anderen trinken ihr Bier an der Freiluftbar vor dem Haus aus.

Tagi-Online-Chef Michael Marti, Haus-Konstruktiv-Präsident Andreas Durisch, ein Werk von Auguste Herbin, Künstlerin Claudia Comte

Mitglied der Tagi-Chefredaktion Michael Marti, Haus-Konstruktiv-Präsident Andreas Durisch, ein Werk von  Herbin, Künstlerin Claudia Comte

Rapperswil
Alte Fabrik
Mittwoch Abend

Das optische Unbewusste: Die zwei Jungkuratoren Fredi Fischli und Nils Olsen, die zur Zeit viele Institutionen beglücken (ihr eigenes Offspace Studiolo, gta-Ausstellungen), zeigen ihr ehrgeizigstes Programm im Rahmen eines einjährigen Stipendiums der Gebert Stiftung für Kultur in Rapperswil. Die jüngste Schau «Das optische Unbewusste» begeistert den «Private View»-Autor Giovanni Pontano so sehr, dass wir ihr einen separaten Beitrag widmen.

Zürich
Kunsthaus
Donnerstag Abend

«Untitled Horror» von Cindy Sherman: Zürich gilt als eine Weltstadt, fast so etwas wie klein New York – abgebrüht und  Seltsamkeiten gewohnt. Dennoch erstaunlich, dass  die Schau, welche das Kunsthaus am Donnerstag, dem 6.6., frohgemut eröffnet, nicht zumindest für ein gewisses Unbehagen sorgt. Der Titel «Untitled Horror» ist nämlich alles andere als übertrieben.

Eine Erregung bleibt aber komplett aus. Im Gegenteil sogar. Die fröhliche Vernissagenschar scheint gegen den in Cindy Shermans Bildern sehr – sehr! – drastisch dargestellten Horror komplett immun zu sein. Mit Puppengliedern nachgestellte Vergewaltigungsszenen, explizite Anspielungen an pornografische Grobheiten, aus Knetmasse nachgeformte Genitalien… Widerlich schimmelnde Lebensmittel und Porträts von Mitleid erregenden Frauengestalten sind in diesem Reigen schon fast eine Erholung. Den Vernissagengästen weicht indes das Lächeln nicht vom Gesicht. So, als ob sie gar nicht sähen, was da die Wände ziert. Ein Herr fotografiert mitten im Saal artig sitzende Kinderchen, echte Damen ohne Alter bewundern fotografierte Karikaturen von Damen ohne Alter, kunstbeflissene Bürgerinnen bleiben ehrfurchtsvoll von den monströsen Genitalien stehen.

Dame schaut Dame, «Untitled horrors», Fototermin vor Cindy

Dame betrachtet Dame, «Untitled horrors», Fototermin vor Cindy

Verstehen Sie mich richtig: Ich selbst gehöre zu den glühenden Bewundererinnen der US-Fotokünstlerin, die sich ihr Leben lang um nichts, das schwierig, zweideutig oder lächerlich war, in ihrer Kunst gedrückt hat. Und ich will die Auswahl alles andere als kritisieren. Dass sie vor allem das Schlimme aus dem Werk der Künstlerin hier in Zürich ausbreitet, ist Programm. Ich verstehe: diese Auswahl ist eine Antwort auf die US-Retrospektive, die gerade das Schlimme auszuklammern versucht hat.

Ich kann nur diese seltsame Teflonschicht nicht verstehen, welche das Kunsthaus-Publikum vor der drängenden Aussage dieser Darstellungen zu schützen scheint. Die Menschen scheinen komplett unberührt. Das liege an der Präsentation, hat inzwischen mein Kollege Samuel Herzog in der NZZ vermutet. Weil die Bilder so «kreativ» gehängt sind, nicht in strengen Serien, sondern kunterbunt durcheinander, würden sie wie eine Jahrmarkt-Geisterbahn wirken und dadurch ihren Schrecken verlieren. Wirklich? Mich haben manche von ihnen dennoch bis tief in den Schlaf verfolgt.

Zürich
Grossmünster-Krypta
Donnerstag Abend

Mario Sala alias Anthonycells: Was für ein Szenenwechsel! Nur wenige Schritte vom Kunsthaus mit seiner seltsamen Szenerie tritt man im Grossmünster in eine heilige Stille hinein. Stille? Nein, man hört Klänge. Es ist Tom Combo an der Orgel. Grossmünster-Pfarrer Martin Rüsch hat gemeinsam mit dem Kurator Giovanni Carmine eine Installation des Schweizer Künstlers Mario Sala in der Krypta vorgestellt. Die Leserinnen und Leser von «Private View» erinnern sich an seine Ausstellung bei Nic von Senger.

Karl der Grosse mit «Tageslichtverstärkern» aus Eierschalen, unser tägliches Knäckebrot als Glasfenster

Karl der Grosse mit «Tageslichtverstärkern» aus Eierschalen,  Knäckebrot als Epiphanie

Ich sage nur eins: Wunderbar! Mit leichter Hand hat Anthony Cells, das Alter Ego des Künstlers, in der kargen Krypta eine archaische Kunstinstallation angebracht. Simple Lebensmittel weisen den Augen den Weg zum Himmel. Einer Spur aus  Eierschalen folgend, die der Künstler «Tageslichtverstärker» nennt, erhebt sich der Blick bis zum schmalen Fenster, in dem eine Scheibe schwedischen Knäckebrots so vergeistigt ihr löchriges Rund im Abendlicht präsentiert, dass einem fast die Tränen kommen. Eine Epiphanie! Und es ist Pfingsten!  Es lebe die Kunst in der Krypta. Amen.

Venedig
Giardini
Freitag Nachmittag

Architekturbiennale: Die «Private View» Sonderkorrespondentin Michelle Nicol schreibt: «Ich habe die Architektur-Biennale besucht und ich möchte, dass Rem Koolhaas für immer der Dirigent, nein der Rockstar, der Dinge ist, die mich umgeben. ..» Aber lesen Sie selbst! Wir widmen der Architekturbiennale, die, was den Schweizer Pavillon anbelangt, am Freitag, 6. 6., vom Bundesrat Alain Berset im Beisein des Alt-Bundesrats Moritz Leuenberger eröffnet wurde, einen gesonderten Beitrag.

Zürich
Spiralgarage an der Badenerstrasse 415
Pfingstsonntag

Gruppenausstellung Guyton Price Smith Walker: Hier mal eine kühne Behauptung: Die Kraft des Idealismus kann es mit jeder wirtschaftlichen Übermacht aufnehmen. Wetten? Jedenfalls, das non-kommerzielle «artist-run-off-space» Plymouth Rock, über das wir auch schon berichtet haben (hier), erfreut sich an dem fantastisch sonnigen Pfingstsonntag in Zürich, an dem die ganze Welt in den See zu springen scheint, eines interessierten Publikumzustroms.

Draussen Sonne, drinnen Kunst: Plymouth Rock, Mitchell Anderson

Plymouth Rock, Mitchell Anderson vor Emanuel Rossettis Werk

Mitchell Anderson, der Texaner in Zürich und Betreiber des Kunst-Garagenhäuschens, hat eine wunderbare Gruppenausstellung zusammengestellt, die sich mit verschiedenen Stufen der Appropriation beschäftigt. Junge Kunstcracks sind hier mit ihren Werken vertreten: Tobias Madison steuert verliebte Tiger bei, Hannah Weinberger ein Soundpiece und Emanuel Rossettis futuristische Loops erinnern an Landschaften der Zukunft. Wunderbar witziges Stück: Vittorio Brodmanns «A couple of problems» stammt aus der eigenen Sammlung des Kunstspace-Betreibers. Verkauft wird hier nix, man kann sich, wenn man etwas will, an die Künstler selber wenden. Sie kommen im Verlauf des Nachmittags vorbei, sitzen mit ihrem Bierchen vor dem Häuschen und erleuchten mit guter Laune den dunklen Innenraum der Garage. Mitchells Miete für das Häuschen läuft übrigens im August aus. Wer also das witzige Kunstkabinett noch erleben will, muss sich unbedingt beeilen.

Ein Ufo in Rapperswil

Giovanni Pontano am Dienstag den 10. Juni 2014

Was: die Ausstellung «Das Optische Unbewusste», kuratiert von Bob Nickas, Fredi Fischli und Niels Olsen
Wo: Rapperswil-Jona
Bis wann: 10.8.

«Das optische Unbewusste»

«Das optische Unbewusste»: Craig Kalpakjian “Not Yet Titled”, rechts ein Werk von John Armleder

Ein Ausstellungs-Titel als Walter Benjamin-Zitat, das ist immer gut. Gut genügt als Bezeichnung für diese Ausstellung aber nicht; es ist vom Feinsten, was das Format «Kurator» der beiden jungen Ausstellungsmacher Fredi Fischli und Niels Olsen in Rapperswil in zwei Ausstellungsräumlichkeiten der Gebert Stiftung und des Kunstzeughaus Rapperswil-Jona vorstellt. Irgendwie kommt es mir wie ein UFO vor, das in Rapperswil gelandet ist.

Genau genommen ist diese ausserirdische Ausstellung kuratiert vom US-amerikanischen Star-Kurator Bob Nickas, der hier auf Einladung der beiden Jungkuratoren fast 50 Künstlerpositionen versammelt hat. Zugegeben: Erarbeiten muss man sich den Kunstgenuss im fernen Rapperswil, denn für den Ortsunkundigen müssen die beiden Ausstellungsorte erst einmal aufgespürt werden und dann gilt es anhand einer doch einigermassen verwirrlichen road-map die einzelnen Werke den jeweiligen Künstlern zuzuordnen. Oder man begibt sich auf eine Ratetour. Lohnen tut sich fraglos Beides.

Ein loser Faden innerhalb der abstrakten Kunst führt einen so durch zahlreiche Entdeckungen und Wiederentdeckungen, es finden spannende und überraschende Gegenüberstellungen statt, die ganze Schau ist auf hohem Niveau stringent orchestriert und überraschend gehängt, so dass es ein Vergnügen ist. Immer wieder begegnet man so John Armleder und Olivier Mosset, den beiden Westschweizer Künstlern, die international arriviert, noch mehr aber für eine junge Generation von Kunstschaffenden wichtig sind. Auf sie beziehen sich Phillipe Decrauzat, Stéphane Kropf oder etwa Mai Thu Perret, nur Sylvie Fleury ist irgendwo im outer space verlorengegangen. Auch US-amerikanische cutting-edge Positionen wie Nick Relph oder Dan Walsh finden sich nonchalant aber passgenau in die Schau integriert. Und es ist gleichermassen Bestätigung wie Freude, dass hier schon fast etwas in Vergessenheit geratene wichtige Künstler der 80er-Jahre wie Luciano Castelli (mit einer Fotoserie!) und Ross Bleckner einer jüngeren Generation gegenübergestellt werden.

Links: Kurator Fredi Fischli, Galeristin Eva Presenhuber

Links: Kelley Walker «Nine Desasters», rechts: Kurator Fredi Fischli, Galeristin Eva Presenhuber vor Alex Browns «Alice»

Inhaltlich verbindet die Schau vordergründig so unterschiedlichen Positionen von Video, Fotografie, vor allem aber abstrakte Malerei und Zeichnung und schafft eine Art Schwebezustand, eine eigene Zeit, einen eigenen Raum. Die Ausstellung bietet so spielerisch die unterschiedlichsten Anknüpfungspunkte für eine erhöhte Wahrnehmung, was durch die zahlreichen scheinbar entgegengesetzten Positionen noch unterstrichen wird. In vielen Werken entsteht so eine Spannung zwischen mechanischer Reproduktion und von Hand geschaffenen Bildern. Die Werke verbindet – und das ist die Kernmessage – der Blick ins Unbewusste. Es sind Werke, die auf einer erhöhten Wahrnehmung basieren und es gelingt in manch einer Ausstellungsituation, die Wirklichkeit ebenso zu bündeln wie aufzulösen und so die Pluralität von Wirklichkeiten aufzuzeigen. Noch einmal: das ganze Vergnügen in fast 50 Künstlerpositionen, mehr als in manch arrivierter Museumsschau.

Und so katapultiert einen das Ausstellungs-UFO in Rapperswil dann irgendwann wieder nach draussen in den Sommer 2014, man nimmt die Wegstrecke nach Zürich unter die Räder und schaut sich hier im wieder bekannten Rahmen eine hausbackene Ausstellung an, raus aus dem irritierenden und inspirierenden Unbewussten rein in die biedere Realität. Von Bob Nickas könnte sich hierzulande noch manch ein Kurator eine dicke Scheibe abschneiden. Zum Glück haben die beiden Jungtalente Fischli und Olsen den Altmeister nach Zürich, pardon Rapperswil, gebeamt und ihm die Bühne überlassen.

Architekturbiennale: We love.

TA Korrektorat am Dienstag den 10. Juni 2014

Ein Gastbeitrag von Michelle Nicol
Ich habe die Architektur Biennale besucht und ich möchte, dass Rem Koolhaas für immer der Dirigent, nein der Rockstar, der Dinge ist, die mich umgeben. Koolhaas wollte eine Biennale, die nichts mit Design zu tun hat und nichts mit Architekten. «Architecture. Not Architects.» druckte er auf den Katalogrücken. Deswegen hat er sich auf das Fundamentale berufen und die Biennale «Fundamentals» genannt.

Student erklärt, Rem Kohlhaas muss reingelassen werden, Balkon der Moderne

Student erklärt die Konzepte, Rem Koolhaas muss reingelassen werden, Balkon der Moderne

Fundamental ist für Koolhaas der Zeitpunkt, wenn die Moderne jeweils akut wird. Die einzelnen Länder wurden gebeten das Thema «Absorbing Modernity 1914-2014» zu inszenieren. Der Terminus «Modernismus» ist in dieser Ausstellung verpönt und von Koolhaas ausdrücklich verbannt. Und doch flirtet jede Länderdarstellung mit den sexy Möglichkeiten der Aera, welche die absolute Öffnung der Gesellschaft versprach.

Die Schweiz, unter der Leitung von Kuratorenstern Hans Ulrich Obrist, inszeniert den «Palazzo F» nach Vorbild von Architekt Cedric Price (wir kennen den «Fun Palace») und Soziologe Lucius Burckhardt. Studenten erklären die Burckhardt- und Price-Projekte vor Ort und darüber hinaus wurden zahlreiche Künstler kuratorisch dazu gebeten. Carsten Höller’s Beitrag etwa ist ein Baum, welcher den synthetisch erzeugten Körperduft von Cedric Price verbreitet. We love.

Carsten Höllers Duftbaum, Cedric Price (rechts) mit Freunden,Leuenberger hört zu

Carsten Höllers Duftbaum, Cedric Price (rechts) mit Freunden, Moritz Leuenberger hört zu

«Elements of Architecture» heisst die Ausstellung im zentralen Pavillon der Giardini. Hier hat Koolhaas, zusammen mit Harvard Studenten und anderen Mitdenkern, eine Serie von Räumen inszeniert, welche die Geschichte der grundlegenden Architekturelemente aufarbeiten: Korridore, Balkone, Türen, Treppen – was sich langfädig anhört ist eine Entdeckungsfreude. Zum Beispiel die installatorischen Ausführungen zur Rampe. Von der Rampe für Rollstuhlfahrer bis hin zum Hippy Wohnzimmer von Claude Parent ist alles dokumentiert.

«Monditalia» heisst die Ausstellung im Arsenale. Sie zelebriert Koolhaas Liebe für Italien. Ihre Schönheit, ihre Brutalität, ihre Sentimentalität. Die rechte Seite der Ausstellung ist dem filmischen Oeuvre des Landes gewidmet. Von Stromboli über Roma bis Le Mépris. Tausend Stunden möchte man hier verbringen, um alle cineastischen Höhepunkte zu erleben und mitzufühlen.

Pessimistisch macht das für die Zukunft. Traurig. Wie soll das Land aus dieser verblühten Grandezza wieder aufsteigen? Linkerhand wird zelebriert, was es sonst auch noch gibt in Italien: Theater, Tanz, Bühne, Musik. Darüber hinaus spannende Momente wie: Bilder von Häusern von italienischen Mafiosi. Nein wirklich – sie leben in Häusern mit ganz wenigen Fenstern und ganz und gar nicht grandios.

Bitte besuchen Sie diese der Architektur Biennale unbedingt. Sie ist eine der Besten. Sie wird Sie viele Stunden beschäftigen und amüsieren. Sie will sich abgrenzen von den Feldern Kunst und Design und demonstriert dabei, dass Architektur immer schon Teil eines kulturellen Ganzen war. Und: sie besiegelt Koolhaas Liebe zum Modernismus, den er ganz und gar aus dem Diskurs entfernt haben möchte.

Michelle* Michelle Nicol. Kunsthistorikerin und Gründungspartnerin der Kreativagentur Neutral Zürich AG. Kuratorin, Kritikerin und Werberin. Bringt Kunst, Architektur und Marken zusammen.

Das Geheimnis des Burgkellers

Ewa Hess am Dienstag den 3. Juni 2014

Wo: Auf der Churburg in Schluderns, Südtirol
Wer: Melli Ink alias Melanie Grieder-Swarovski
Bis: 5. Oktober 2014

Melli Ink: «Christopher», 2007

Melli Ink: «Christopher», 2007

Die Schweizer, sagt Galerist Damian Grieder an diesem Abend in Schluderns/Sluderno, die Schweizer würden nur vom Engadin her auf das Südtirol runterschauen und dann sofort den Kopf wieder einziehen. Er sei stolz, einige nun rübergelockt zu haben. Zu den Gelockten gehört, wenn auch keine Schweizerin, so doch Schweiz-Touristin aus Santa Maria in Val Müstair, die amerikanische Krimiautorin Donna Leon. Bevor sie jetzt im Grünen Baum ihren Teller Schlutzkrapfen (Südtiroler Ravioli) in Angriff nimmt, lobt sie die Künstlerin, der sie hierher gefolgt ist: Melli Ink.

Galerist Damian Grieder und die Künstlerin Melanie Grieder-Swarovski alias Melli Ink, die Churburg im Südtirol

Galerist Damian Grieder und die Künstlerin Melanie Grieder-Swarovski alias Melli Ink, die Churburg in Südtirol

Melli Ink ist, wie man in Zürich weiss, der Künstlername von Melanie Grieder-Swarovski, und man kennt hier auch ihr Werk. Damian Grieder ist ihr Mann – als Galerist leistet er gern Pionierarbeit. In Berlin vertrat er etwa die zeitgenössische Kunst nach dem Mauerfall, das war dort ein Novum. Auch jetzt, in Zürich, zeigt er Positionen, die sonst wenig vertreten sind. Etwa die mittlere Generation guter deutscher Künstler wie Christian Jankowski oder Michael Sailstorfer. Oder die Polin Alicja Kwade. Dass er auch das Werk seiner Frau vertritt, hat etwas sympathisch Unkompliziertes, was zu dem Paar passt.

Vernissagegäste im Hof der Burg, Inks Werk «Easy Prey»

Vernissagegäste im Hof der Burg, Inks Werk «Easy Prey»

Melli arbeitet mit Glas, was naheliegend scheinen könnte, wenn man bedenkt, dass die Swarovski-Glashütten irgendwie zu ihrem Familienerbe gehören (es gibt allerdings 200 Swarovski-Erben weltweit). Mellis Glaskunst hat indes wenig mit glamourösen Glitzerkristallen zu tun. Ihre transparenten, seifenblasenfeinen Gebilde erzählen vom Fressen und Gefressenwerden – karnivore Pflanzen und blankes Gerippe von Mensch und Tier, so weit das Auge reicht. Die am berühmten St. Martins College in London ausgebildete Bühnenbildnerin hat auch als Künstlerin ein Händchen für Dramatik. Für Franziska Kesslers und Marianne Karabelniks Kunstteppichedition «needknot» etwa entwarf sie einen Wollteppich, der so aussieht, als ob er aus zerscheppertem Geschirr bestehen würde.

Jetzt stellt Melli Ink also auf einer Südtiroler Burg aus, aber bevor ich von dieser erzähle (und es gibt einiges zu erzählen) will ich erst etwas klarmachen: Diese Ausstellung mag an einem touristisch interessanten Ort stattfinden, Folklore ist sie deswegen keinesfalls. Sie ist vielmehr ein Schritt vorwärts in der Entwicklung von Ink. Paradoxerweise hat sich die Künstlerin, indem sie sich von den historischen Ornamenten der fantastisch gut erhaltenen Burg inspirieren liess (die Kreuzgang-Malerei wird auf 1580 datiert), formal in eine ruhigere Richtung bewegt, was ihrem Werk gut tut. Da gibt es zwar immer noch die schönen hauchzarten Glaswerke, etwa Nachbildungen der mittelalterlichen Wasserspeier aus Glas, doch die grossen Zeichnungen, die mit den ebenfalls ausgestellten grossen Keramikarbeiten korrespondieren, überzeugen auf eine formal reifere Art.

Ornament des Burg-Kreuzgangs, Inks Keramik aus der Serie «Coira»

Altes Ornament des Burg-Kreuzgangs, moderne Interpretation auf Inks Keramik aus der Serie «Coira»

Es ist fast, als ob die Burg die Rolle der grossen Exzentrikerin übernommen habe und damit etwas in der Künstlerin befreit habe. Ein Freundschaftsdienst der besonderen Art, kennen sich doch Melanie Swarovski und der amtierende Burgherr Gaudenz ­Hieronymus Graf Trapp zu Churburg, Matsch und Kirchberg seit ihren Kindheitstagen. Der joviale «Gaudi», dessen Familie die von den Churer Bischöfen 1259 gegründete Churburg seit mehr als 500 Jahren besitzt, hat erst kürzlich einige Räume auf der Burg renoviert, und als ihm Melli erzählt hat, dass sie an einer Keramikserie arbeite, die von der ihr seit früher erinnerlichen Burgornamenten inspiriert ist, war die Idee flugs geboren: Wie stellen auf der Burg aus!

«Gaudi» Graf Trapp von Matsch, einer seiner Vorfahren, Besucherinnen

«Gaudi» Graf Trapp von Matsch, einer seiner Vorfahren, Besucherinnen

Zur Vernissage am Freitag nach Auffahrt gibt es Sonne und einige schicke Besucher aus Zürich, Innsbruck, Venedig und sogar aus Übersee. Die amtierende Burgherrin Joanna van Maasdijk Gräfin Trapp, gebürtige Edinburgherin, hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Julie Andrews, der Film-Siefmutter der singenden Trapp-Familie im Musicalfilm «Sound of Music». Das waren allerdings andere Trapps, erklären die Gastgeber. Die drei Buben von Gaudi und Jojo (so nennt man Gräfin Joanna) sehen allerdings ebenso malerisch aus, noch einige Geschwisterchen und auch diese Trapps könnten lossingen.

«Jojo» Gräfin Trapp mit XY, St.Moritz-Galerist Stefan Hildebrandt

«Jojo» Gräfin Trapp mit Vernissagenbesucher, St.-Moritz-Galerist Stefan Hildebrandt mit Gattin Michaela

Auf der Burg wohnen die Trapps nur im Sommer – im Winter ist das alte Gemäuer zu kalt. Die weisse Fahne mit drei blauen Flügeln tut ihre Präsenz kund. Cäcilie Gräfin Trapp, (auch Gräfin de la Fontaine und d’ Harnoncourt-Unverzagt), die Mutter von Gaudi, ist mit Donna Leon befreundet, die im nur 20 Minuten Autoreise entfernten Santa Maria ennet der Grenze oft Ferien macht. Die Freundschaft erlebte allerdings schon schwierige Momente, als Leons Commissario Brunetti mal in einem Roman aus Venedig gen Norden fuhr, mitten durch Südtirol hindurch und nicht ein einziges Mal aus dem Autofenster hinausschaute, um die majestätische Churburg zu bewundern.

Cäcilie Gräfin Trapp mit Autorin Donna Leon, Sotheby's Direktorin Nadine Steger-Grisemer

Cäcilie Gräfin Trapp mit Autorin Donna Leon, Sotheby’s Direktorin Nadine Steger-Kriesemer mit Mann Harald

Beim Dinner im Gasthof Grüner Baum im nahe gelegenen Glurns machen weitere Schauergeschichten die Runde. Aber auch Ernstes wird besprochen. Man rätselt mit der ehemaligen Kunsthalle-Zürich-Stiftungsrätin und Zürcher Cashmere-Königin Sabine Parenti über Beatrix Rufs Nachfolge in der Kunsthalle und hört sich Gaudi Trapps Geschichten über das wechselvolle Verhältnis Südtirols zu Italien an (nach dem Ersten Weltkrieg verbot man Deutsch als Schulsprache und ist jetzt viel liberaler). Der Galerist Stefan Hildebrandt aus St. Moritz skizziert eine Vision von einer kunstbeseelten alpinen Landschaft hüben und drüben.

Es ist ein wundersamer Abend in diesem österreichisch-italienisch-schweizerischen Dreiländereck mit viel internationalem Einschlag. Nachts sieht man die Burg nur noch als einen dunklen Schatten vor dem Sternenhimmel. Die weisse Fahne aber, mit drei Flügeln, kündigt weithin sichtbar eine Präsenz an. Die der Kunst, denken die Vernissagengäste auf ihrem Weg in die kleinen Familienhotels der Umgebung.