Archiv für die Kategorie ‘Löwenbräu Zürich’

Die Diebe und die Nacht

Ewa Hess am Mittwoch den 22. November 2017

Nein, es war keine Vollmondnacht. Und doch war die Stimmung im Löwenbräu von einer fiebrigen Aufregung unterfüttert. Selbst Habitués stolperten schon am frühen Abend wie trunken von Saal zu Saal und von Stockwerk zu Stockwerk – an diesem Freitag (17.11.) war so viel los wie selten: «Extra Bodies» im Migrosmuseum! «Theft is Vision» im Luma-Westbau! Und natürlich: «The Night», der jährliche Kunsthalle-Fundraiser! Der asketische Bau glich direkt einem Überraschungsei, oder soll man eher sagen einem Adventskalender? In jedem Stock war eine andere Attraktion versteckt.

 

Kunsthalle feiert – The Night

«Geht es hier zu ‹Theft›?», fragte ich in das Grüppchen am ersten Treppenabsatz hinein.

Seit ich hier in der Kunsthalle mal mit Sturtevant gesprochen habe, der inzwischen verstorbenen mysteriösen Nachahmungskünstlerin, macht mich das Konzept der Appropriation neugierig, also die Technik des konzeptuellen Klauens in der Kunst. Nicht ganz einfach, damit umzugehen. Sturtevant etwa hat mir gegenüber behauptet, dass ihre Arbeit gar nicht Appropriation sei. Andy Warhol hat ihr (der Legende nach) persönlich die Schablonen seiner Blumen-Siebdrucke vorbeigebracht. Der Schweizer Fotograf Hannes Schmid hingegen findet es nicht lustig, dass der US-Künstler Richard Prince seinen für Werbezwecke kreierten Marlboro-Cowboy klaut. Also mal sehen.

Aber offensichtlich war ich zunächst mal nicht im richtigen Stock gelandet: «This is Swiss Institute», rief mir jemand zu. Ich blickte auf, und vor der Türe stand der Direktor des New Yorker Schweizer Fensters, Simon Castets. Simon, ein Franzose, der sich in New York komplett eingeschweizert hat, ist überall ein gern gesehener Gast, ein unermüdlicher Botschafter seines SI. Er winkte mich freundlich, doch keinen Widerspruch duldend, in die Ausstellung herein.

Ich wusste gar nicht, dass das Swiss Institute gerade auch im Löwenbräu gastierte, aber es ergab Sinn. Denn das Swiss Institute ist heimatlos, seit es sein altes Haus an der Wooster Street in New York verlassen hatte und auf die Fertigstellung des neuen an der St Marks Street wartet. Deshalb gibt die Institution zurzeit lauter Gastspiele, genannt SI Offside.

Das alte SI-Haus an der Wooster Street (links) und das neue an der St Marks. Fotos: artnet, selldorf

 

Die SI-Ausstellung von Cooper Jacoby (er ist 28 Jahre alt und lebt in L.A.) war, wie es sich gehört für die wegweisende Institution, so richtig «cutting edge». Mit simplen Mitteln wie Warteschleifenmusik, flackernden Leuchtröhren und zu Monstern umgeformten Notstromaggregaten kreiert der Youngster eine starke Stimmung. Ich musste an Rem Koolhaas denken, der letztes Jahr am Art Summit in Verbier erzählte, dass die künftigen Museen von Maschinen für Maschinen gebaut werden. Der spukhafte Notstrom-Algorithmus Jacobys ist die passende Kunst dazu – sozusagen das «intelligente Haus» auf LSD.

«Disgorgers» oder zu Monstern umgeformte Notstromaggregate von Cooper Jacoby. (Bilder ewh)

Aber jetzt zu «Theft is Vision»: Die Schau ist ein Wurf. Die Innenarchtektin Petra Blaisse (das hat auch wieder etwas mit Rem Koolhaas zu tun, sie ist nämlich seine Lebensgefährtin) hat in den grossen Westbau-Saal eine Galerienflucht eingebaut, mithilfe von federleichten Wänden aus Metallstäben, mit durchsichtiger Schrumpffolie bezogen. Das sieht nicht nur genial aus, sondern passt auch zum Thema. Bei den Werken, die andere Kunstwerke nachäffen, sieht man ähnlich «halb durch» – auf das Werk eines anderen.

«Theft is Vision»: Beeindruckende Schrumpffolie-Architektur, Werke des Briten Dan Mitchell.

Fredi Fischli und Nils Olsen, das bewährte gta-Kuratorenduo, haben hier für den Westbau der Stiftung Luma von Maja Hoffmann eine sehr kluge Schau zusammengestellt, die erst noch brillant aussieht. Der Ausstellungstitel «Diebstahl ist Vision» verkörpert schon mal die These, dass gezielter Diebstahl sehr oft am Anfang der Kreation steht (auf Deutsch würde man das mit dem Sprichwort «gut geklaut ist halb gewonnen» wiedergeben).

Das Vorbild und die Travestie: Hans von Marées, «Die Lebensalter» von 1877 und Mathieu Maloufs Nachbildung aus Kunstharz, 2015.

Mir hat besonders gut die Travestie Mathieu Maloufs gefallen, der einen alten deutschen Ölschinken mit einer Kunstharz-Skulpturengruppe nachstellt. Wenn ich das richtig sehe, sind die Figuren im Zuge des Aneignungsprozesses sogar doppelgeschlechtlich geworden. Da lassen auch die britischen Brüder Jake und Dinos Chapman mit ihrer «Zygotic Acceleration« grüssen. Köstlich.

Denim-Bild von Valentina Liemur (links), die Fontana-Wand von der Seite.

Auch die Fontana-Wand ist ganz stark, in der sich verschiedene Künstlerinnen und Künstler an Leinwand-Schlitzwerken von Lucio Fontana abarbeiten. Da gibt es bewundernde Versionen, etwa von Sylvie Fleury, ironisierende, etwa von Maurizio Cattelan (der ein Zorro-Zeichen schlitzt) oder Verbeugungen vor dem Meister, wie die Denim-Fantasien der Künstlerin Valentina Liemur.

Dann war aber schon Zeit für «The Night» der Kunsthalle. Aus den Räumen drangen ein violettes Licht und der Klang von Champagnerkelchen. Nur die Karomuster-Bahnen an den Wänden erinnern an die laufende Ausstellung «My Plastic Bag» der US-Künstlerin Cheryl Donegan (55). Die Künstlerin ist auch da, bei bester Laune. Sie hat das ästhetische Motto des Abends herausgegeben: «A Touch of Gingham!» (Gingham, erfahren wir alle bei dieser Gelegenheit, nennt sich das kleinkarierte Muster, welches sowohl auf Oxford-Hemden wie auf Küchentüchern vorkommt).

Vollmond-Stimmung in der zum Festsaal umfunktionierten Kunsthalle.

Das muntere Organisationskomitee von «The Night» führt durch den Abend. Dazu gehören nebst dem Kunsthalle-Direktor Daniel Baumann noch drei Damen: Chantal Blatzheim (Kulturkommunikatorin, Sammlerin), Sandra Nedvetskaia (ehemals Christie’s Russland, Khora Foundation) und Martina Vondruska (Modelabel Brand of Sisters). Ein Tischplatz kostet 1000 Franken, der Saal ist voll, und bei der darauffolgenden Versteigerung der gespendeten Werke kommen 110’000 Franken zusammen. Schöner Erfolg!

Künstlerin Donegan in Gingham, Organisations-Komitee der «Nacht»: Direktor Baumann, Damentrio Nedvetskaia, Vondruska, Blatzheim (alle in Donegan-Strampelanzügen).

Um alles transparent zu machen: Ich durfte am Tisch der Galeristin Eva Presenhuber dazusitzen, die als eine pflichtbewusste Bürgerin ihrer Stadt die Kunsthalle mit dem Kauf eines ganzen Tisches unterstützte. Das ist ein gutes Zeichen, denn die für Zürich wichtige Galerie, die viele Schweizer Künstler im Programm führt, hat eine Dependance in New York eröffnet. Gut zu wissen, dass sie sich Zürich nach wie vor verbunden fühlt.

Überraschenderweise trat ein Ballett-Duo auf. Das fanden manche seltsam, denn an einem Kunsthalle-Fest hätte man eher eine schräge Performance erwartet. Doch das Schräge gibt es erst am kommenden Freitag, an der Performance-Nacht der Kunsthalle – fürs Publikum zugänglich. Die wunderbaren Tänzer haben zum Abend gut gepasst – ich fand das Interlude überraschend poetisch.

Elena Vostrotina und Jan Casier tanzen, Sandra Nedvetskaia schwingt den Hammer.

Lauter gute Nachrichten also: Die Kunstmanagerin Sandra Nedvetskaia, die zusammen mit ihrem Mann, dem Star-Auktionator Andreas Rumbler (aktuell ist er Chairman von Christie’s Switzerland) in Zürich lebt, ist selbst eine höllisch geschickte Hammerschwingerin. Sie hat der Kunsthalle für nur sieben Werke (Warren, Eisenman, Das Institut, Kippenberger, Madison, Wekua und ein Plakat von Wade Guyton) immerhin 110’000 Franken ersteigert. Top Lot: Martin Kippenbergers Buntstift-Zeichnung von 1992. Sie ging für 32’000 Franken weg.

Einen Preis gab es auch: Bice Curiger, aus Los Angeles angereist, übergab ihn dem Off-Space Taylor Macklin (links). Rechts eine der Künstlerinnen, die Taylor Macklin betreiben, Michèle Graf.

Der grosse Abwesende des Abends war indes der Verleger Michael Ringier, immerhin seit einem Jahr Präsident der Kunsthalle und bedeutender Kunstsammler. Man rätselte über den Grund seines Wegbleibens – und fragte sich, ob ihm die Affäre um seine langjährige Sammlungsberaterin und ehemalige Kunsthalle-Direktorin Beatrix Ruf etwa zusetzt.

Themenpark auf Crack

Ewa Hess am Mittwoch den 30. August 2017

Es geht wieder los, im Löwenbräu riecht es nach Herbst. Man wartet. Wir warten. Das Warten hängt wie eine Wolke unter den weissen Decken und dämpft die Festlaune. Die hier in der letzten Zeit eh in vornehmer Eleganz dahindümpelt. Worauf wird da eigentlich gewartet? Auf den Winter? (Nein, ist ja nicht «Game of Thrones».) Auf die Kunst? Sie ist schon da. Und zwar, wie so oft in Zürich, in schwindelerregend guter Qualität, doch davon später. Aber ja, man wartet trotzdem. Vielleicht auf einen weiteren Umbau? Dabei sind die Baumängel des letzten gerade erst fertig ausgebessert.

Buchhandlung Kunstgriff im Löwenbräu mit der Clare-Goodwin-Wand. Im März muss sie einem neuen Konzept weichen, wird den Eingangsbereich verlassen und sich räumlich zum JRP-Ringier-Verlag im ersten Stock gesellen.

Was: Saisoneröffnung im/in und um Löwenbräu, Migros-Museum, Kunsthalle, Galerien
Wann: Freitag, 25. August
Wo: Zürich, Limmatstrasse 270–277

Aber ja, es wird einiges anders in den kargen Hallen. Die Buchhandlung Kunstgriff am Eingang muss weichen – dabei sieht sie heute mit ihrer Clare-Goodwin-Wand hinten besonders chic aus. Übrigens, eine tolle Schau der 44-jährigen britischen Geometrikerin Goodwin (für die Bezeichnung Konstruktivistin sind ihre Linien, Formen und Muster doch etwas zu kapriziös) wird gerade bei der Galerie Lullin+Ferrari eröffnet, wenige Häuser weiter. Lauter neue Werke, mit einem neckischen Hang zur Fast-Gegenständlichkeit.

Von links: Galeristin Francesca Pia vor einer Skulptur Fabrice Gygis, Marie Lusa (Galerie Gregor Staiger) mit Flyer der Ausstellung von Vittorio Brodmann, Kunstgriff-Buchhändler Markus Schmutz.

Und doch ja, das mit der Transformation bestätigen alle. Wenn auch niemand wirklich die letzten Details kennt. Das Löwenbräu will etwas gegen seinen Wohlstands-Spleen unternehmen (auch «ennuie» genannt, also Weltschmerz oder schlicht Langeweile) und verfolgt jetzt ein Ziel: mehr Besucher und mehr Fun! Der Belustigungsplan ist dem ehemaligen Zürcher Hot Spot von der ehemaligen Co-Chefin der Art Basel (und jetzigen kaufmännischen Direktorin des Kunstmuseums Basel), Annette Schönholzer, verschrieben worden.

In ihrer Funktion als Beraterin hat sie einen Genesungsplan für das lethargisch dämmernde Kunstzentrum entworfen. Gut, ich muss gestehen, dass ich bisher die elegant-zurückhaltende Erscheinung von Frau Schönholzer NICHT mit irgendwelchen euphorischen Zuständen assoziiert habe, aber man kann sich ja täuschen. Was sicher seltsam ist: Die Details des Löwenbräu-Transformationsplans werden so geheim gehalten, man könnte meinen, es handle sich dabei um Baupläne für nordkoreanische Luftraketen. Dabei … Jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand kann sich in etwa vorstellen, was Frau Doktor da verschreiben konnte. Prost!

Shirana Shabhazis «Fire/Works for Parkett», noch bis Oktober zu sehen.

Am Freitag war schon mal genug Tranksame da. Ich kam spät von den Bergen herunter und eilte sofort ins «kleine Löwenbräu», wo die Galerien Francesca Pia und Gregor Staiger Eröffnungen feierten (sowie die wunderbaren Räume besichtigt werden konnten, die Shirana Shabhazi fürs Parkett eingerichtet hat). Shirana übrigens eröffnet eine Einzelschau bei Peter Kilchmann im Maag-Areal kommenden Freitag – don’t miss. Lauter neue Werke.

Vergeistigter Konstruktiver? Neue Werke von Fabrice Gygi bei Francesca Pia.

Ich traf Francesca Pia beim Eingang ihrer Galerie und gratulierte ihr zu Fabrice Gygi. Die einst in Bern ansässige Galeristin mit kompromisslosem Gespür für gute Kunst wagt sich als eine der wenigen an die sogenannten Mid-Career-Künstler, eine Sorte, die im gegenwärtigen überheizten Kunstgeschehen oft zwischen Stuhl und Bank fällt. Es sind gute Künstler, die weder blutjung und vielversprechend erscheinen, noch so alt sind, dass sie schon ein sicherer Wert wären. Der Genfer Gygi (52) hat die Schweiz 2009 an der Biennale Venedig vertreten, doch in den letzten Jahren hörte man weniger von ihm. Pia zeigt nun wunderbare Aquarelle, die sich sehr nüchtern geben: Schon wieder ein falscher Konstruktiver! Bei Gygi ist es anders als bei Goodwin nicht die Intimität, welche die konstruktive Strenge konterkariert, sondern eher – soll ich es so nennen? – eine malerische Vergeistigung. Flacher Farbauftrag verleiht seinen Gittern eine durchscheinende Präsenz.

Vittorio Brodmann; «Oblique» und «Puddle of Pain», beide 2017.

Aus der reisst einen bei Gregor Staiger der lustige Vittorio Brodmann heraus (ein Schweizer von 30 Jahren). Der junge Tausendsassa war eben noch in der Kunsthalle Bern und auch schon bei Gavin Brown in New York. Und schon wieder eilt er weiter, manchmal als Stand-up-Comedian und immer als furioser Maler, der in der gegenwärtigen Ausstellung bei Marie (Lusa) und Gregor (Staiger) seine wilden Gouachen zeigt. Diese Werke vibrieren von Energie und guter Laune – ein echtes Antidepressivum. (Ja, auch «Puddle of Pain», also eine Schmerzpfütze, kann vital wirken.)

Als ich endlich im «richtigen» Löwenbräu ankam, war es schon spät: Ich musste um den Einlass betteln. Alle wollten raus, auf die Terrasse, und sich ein Bierchen schnappen. Dass jemand wegen der Band rausstürmte, glaube ich weniger – aber es stand doch ein ansehnliches Völkchen vor der improvisierten Bühne im Hof.

Luxus Heavy Heart? Die Band! Konzert im Hof.

Im oberen Stock der Kunsthalle musste ich dann meine ganze Überredungskunst in die Waagschale werfen, damit mir die Tür aufgemacht wurde (normal, es war schon nach 21 Uhr) – aber hey, es hat sich gelohnt! Der Brite John Russell, mir bis dato komplett unbekannt, hat wirklich Gas gegeben. Mit seinen von hinten beleuchteten monumentalen Leuchtpanoramen nimmt er einem kurz den Atem. Es ist die erste institutionelle Ausstellung Russells in der Schweiz, eigentlich erstaunlich. Ich habe aber danach versucht, Interviews mit ihm zu lesen – unlesbar. Die Bank, jene Gruppe, die er in den 90er-Jahren in London mitgegründet hat, war rebellisch drauf. Grosso modo gegen Kapitalismus, aber ohne einen missionarischen Eifer. Passend dazu sieht die von ihm verwandelte Kunsthalle wie ein Themenpark auf Crack aus.

John Russells Installation für die Kunsthalle – wild!

Ich muss da wieder hingehen, die Ausstellung erschöpft sich nicht mit diesen schwindelerregenden digitalen Prints. Es gibt noch Bücher, Filme, ich will mehr davon. Aus der ganzen Inszenierung weht einem ein Geist grosser Unabhängigkeit entgegen. Eine Haltung weder für noch gegen und immer zwischen tragisch und lächerlich.

Der Künstler John Russell war noch in der Ausstellung drin, als ich kam. Ich habe kurz gezögert – dann aber doch nichts gesagt. Jetzt aber muss ich meinen Gedanken verraten: Leute! Wollt ihr wirklich das Löwenbräu aus seinem Dornröschenschlaf küssen? Lasst doch John Russell das Konzept dafür machen. Mit allem Respekt für Beamte und Berater – könnte das am Ende doch besser herauskommen.

John Russell: «Judgement. The kangaroo is not happy. It is not clear who or what it represents, but it is not in good place».

Piano, piano

Ewa Hess am Dienstag den 1. September 2015

Man will ja Rilke nicht überstrapazieren, liebe Leserin und lieber Leser, aber der Sommer war nun mal so etwas von gross. Die herbstliche Kunstsaison ging dementsprechend sanft los. Die Ausstellung, die am meisten zu reden gab, war schon mal eine, die gar nicht stattfand.

Was: Saisonstart der Zürcher Galerien, Löwenbräu und weiter westlich
Wann: Mittwoch bis Freitag, 26.–28. August 2015

Bob van Orsouw hat sich entschieden, die Pforten seiner Galerie gar nicht erst aufzumachen. Der verdienstvolle Keyplayer  des Zürcher Szene zieht es vor, eine Saison auszusetzen, und heftete an seine Tür ein Manifesto der Entschleunigung: Er wolle jetzt mal innehalten und nachdenken. Das passiert nicht alle Tage, man reagierte leicht perplex. Bob war aber da und gab geduldig Auskunft. Ich war die hundertste Person, die ihn dann fragte, was das denn wirklich zu bedeuten habe, und kann jetzt allen, die nicht da waren, eine gute Botschaft überbringen: nichts Schlimmes. Bob ist weder krank noch pleite, er hat einfach von diesem überhitzten Kunstbetrieb die Nase gestrichen voll. Er will jetzt eine Weile nicht hetzen und nicht über Preise reden, sondern mit den Besuchern Tee trinken und über Grundsätzliches diskutieren. Das trifft sich natürlich wunderbar, das mit dem Tee, weil nicht nur hat das Museum Rietberg eine echte Teemeisterin engagiert, auch haben die Architekten Fuhrimann Hächler in der Christian-Marclay-Ausstellung im Kunsthaus Aarau ein modernes Teehäuschen eingebaut. Tee for everybody, heisst es also fortan von A nach Z. Vergesst alle Hugos, Spritzs und Caipis.

Es werde Farbe: Martin Creed hat dem Löwenbräu seine White-Box-Ernsthaftigkeit ausgetrieben

Es werde Farbe: Martin Creed hat dem Löwenbräu seine White-Box-Ernsthaftigkeit ausgetrieben.

Meditative Elemente gibt es unter den neuen Schauen auch sonst nicht wenige. Allen voran eine filigrane Installation der Brasilianerin Fernanda Gomes bei Kilchmann im Maag-Areal. Gomes, eine würdige Nachfolgerin der grossen Brasilianer wie Lygia Clark oder Helio Oiticica, verbrachte den Sommer in der Galerie und hat sie mit ihrem feinen Händchen in ein raumfüllendes Gedicht in Weiss verwandelt. In perfekter Balance und wie das der brasilianischen Kunst eigen ist, im Geiste eines augenzwinkernden Konstruktivismus, überzog sie die Galerieräume mit einem Netzwerk von Objekten, Mobiles und Installationen, die den Raum prägen, fast ohne ihn zu berühren. Mir hat es der mittlere Raum vor allem angetan, in dem die grossen Fenster das wechselnde Licht von draussen hereinlassen, wodurch das Weiss in allen Farben des Tages und des Abends erstrahlt und die Schatten der feinen Skulpturen ihren neckischen Schabernack mit dem Auge des Betrachters treiben.

Galerie Peter Kilchmann: Raum mit Schatten, die brasilianische Künstlerin Fernanda Gomes

Galerie Peter Kilchmann: Raum mit Schatten, die brasilianische Künstlerin Fernanda Gomes.

Zudem waren nicht weniger als zwei Philosophen von der Insel Shakespeares in der Stadt: Douglas Gordon und Martin Creed. Als ob sie Figuren aus einem Bühnenstück des grossen Barden wären, gaben sie Rätsel auf und straften mit ihren melancholischen Scherzen das höfische Getue der Vernissagegäste Lügen. Douglas, der seinen Turner-Preis 1996 bekam, ist ein Schotte mit martialischen Tattoos auf den muskulösen Unterarmen. Auf die Einladung der von der Zürcher Kunsthistorikerin Kathrin Beer ins Leben gerufenen Organisation «Expanding the Contemporary» hat Douglas in Zusammenarbeit mit dem Zürcher Druckermeister Thomi Wolfensberger in mehrmonatiger Arbeit zwei Editionen kreiert (plus ein Steinskulptur-Unikat). Als wir Gordon zu einem Pre-Saisonstart-Dinner in den Löwenbräu-Räumen seiner Galeristin Eva Presenhuber trafen, war er gerade in allerbester Laune. Mit Kajal-umflortem, unwiderstehlich tiefem Blick bat er Bice Curiger, ihre dezent gemusterte Bluse gegen sein braunes T-Shirt zu tauschen, welches, um ehrlich zu sein, nicht den allerfrischesten Eindruck machte. Doch alles ging gut, sehr gut sogar, am Ende liessen sich die Gäste zu einem Sängerwettbewerb herausfordern. Wie viele der zwei Editionen (Auflage je 13, mit mehreren tiefschwarzen oder farbigen Druckblättern) schon weg sind, kann ich im Moment nicht berichten. Ich vermute, dass sich Interessenten noch melden könnten: hier.

Douglas Gordon gibt Singbefehl, Gäste vor der Edition «Just Me»

Douglas Gordon gibt Singbefehl, Gäste vor der Edition «Just Me».

Creed, der seinen Turner 2001 für ein Werk bekommen hat, welches aus einem Raum besteht, in dem im rhythmischen Abstand das Licht ein- und ausgeht, ist zwar kein Schotte wie Gordon, doch auch im Norden des Königreichs aufgewachsen. Auch er wird gerne grundsätzlich. Seine Schau bei Hauser & Wirth zeigt den Konzeptualisten indes als Maler. Nicht nur, weil er die Wände des gesamten Löwenbräus mit farbigen Mustern ent-sterilisiert hat. Nein, in der Ausstellung hängen tatsächlich Ölbilder. Eins wandert sogar als eine Art Schweizer Alp-Transportbahn am Seil in der ganzen Ausstellung herum. Ansonsten trat an der Vernissage ein Trüppchen Parolenschreier auf. Die Anführerin hatte eine grosse Ähnlichkeit mit Morticia, der Mutter der Addams-Family. Zumindest was die Kostümierung anbelangt.

Mortitia und die seltsamen Figur, ein Ölbild Creeds

Vernissage-Performance: Morticia und weitere seltsame Figuren, rechts: ein Ölbild Creeds.

Es gäbe noch viel zu erzählen: über neue, erstaunlich skulpturale Objekte des «teuflischen Ingenieurs» der Schweizer Kunstszene, Florian Germann, bei Gregor Staiger. Über den langen Tisch, den Pamela Rosenkranz für die Parkett-Editionen im Parkett-Space angerichtet hat und wo Jayne Mansfields Skalp nur durch ein offenes Messer von kleinen Kinderschühchen getrennt ist. Von Josh Smiths beinahe rudolf-steinerschen Zeichnungen bei Eva Presenhuber und von den komplexen Videos in der Kunsthalle und beim Migrosmuseum. Aber Leute, hey, die Saison hat erst angefangen. Wir wollen nichts überstürzen und jetzt einmal schön ruhig ein Tässchen Tee trinken.

Gregor Staiger, ein Kunststoff-Objekt von Florian Germann

Gregor Staiger, ein Kunststoff-Objekt von Florian Germann.

Künstlerin Pamela Rosenkrantz im Gespräch mit der Kuratorin Alexandra Blättler, Joan Crawfords Skalp

Künstlerin Pamela Rosenkranz im Gespräch mit der Kuratorin Alexandra Blättler, rechts: Jayne Mansfields Skalp (es handelt sich dabei um die Parkett-Edition von John Waters, anlässlich der gegenwärtigen Waters-Ausstellung im Kunsthaus neu aufgelegt).

Martin Creed and his band: Der Künstler gibt sich die Ehre an der Löwenbräu-Party, Stimmung auf der Terrasse

Martin Creed and his band: Der Künstler gibt sich die Ehre an der Löwenbräu-Party, Stimmung auf der Terrasse

Martin Creed and his band: Konzertausschnitt mit dem Song «I’m feeling brown».