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Das Ego-Gesetz

Ewa Hess am Dienstag den 9. Februar 2016

«Gebt mir eine Million, und ich mache aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat», soll Rudolf Farner bei der Gründung seiner PR-Agentur einst gesagt haben. Das war in den Fünfzigerjahren und klang skandalös. Heute hat man sich an das Phänomen (der Kartoffelsackaufwertung) gewöhnt, an grosssprecherische Ansagen ebenso. Eines bleibt sich aber gleich: Nichts hebt das Ansehen eines Politiker so sehr wie ein gepflegtes Konterfei in Öl.

Private View

Congressmen Everett McKinley Dirksen, Thomas Peter Lantos und Robert C. Byrd (gemalt von Richard Hood Harryman, Laurel Stern Boeck und Michael Shane Neal). Photos: Collection of the US House of Representatives

In den USA wurden sie übrigens gerade verboten. Bisher stand den Kongressmitgliedern die stolze Summe von 25’000 Dollar zur Verfügung, um sich von einem Maler ihrer Wahl in Öl verewigen zu lassen. Sie machten von diesem Privileg rege Gebrauch. Ob Ton in Ton mit dem Pudel (Lantos), voll beschäftigt vor den Akten (Dirksen) oder mit dem Foto der Gattin auf dem Bürotisch  (Byrd) – jeder liess sich pinseln und an die Wand des Capitols nageln. Auch wenn sie nur ganz kurz in Amt und Würden waren – wie etwa der ehemalige Sekretär des Department of Commerce John Bryson. Er diente seinem Land lediglich acht Monate, hinterliess aber den Steuerzahlern für sein Bildnis eine Rechnung von 22’400 Dollar.

Auch die Kongressdamen mögen Porträts: Shirley Anita Chisholm, Edith Nourse Rogers und Corinne Clairborne Boggs, gemalt von Kadir Nelson, Howard Christy und Ned Bittenger

Auch die Kongressdamen mögen Porträts: Shirley Anita Chisholm (die erste Afroamerikanerin im Kongress), Edith Nourse Rogers und Corinne Claiborne Boggs, gemalt von Kadir Nelson, Howard Christy und Ned Bittenger.

Das Gesetz, welches diese Ausgabe erlaubte, wurde in den USA «Ego-Act» genannt. Jetzt wurde dem eitlen Treiben ein Ende gesetzt. Das Land spare dadurch eine halbe Million Dollar, heisst es, was verglichen mit gewissen anderen Ausgaben (etwa dem neuen Kampfflugzeug des Pentagons, das 98 Millionen kostet) eigentlich nicht so viel ist. Wären es nur etwas bessere Maler! Aber natürlich klopfen die Politiker fürs Porträt nicht bei einem Künstler an, der aus ihrem Gesicht dann moderne Kunst macht. Nein. Gefragt ist konservative, geradezu biedere Ästhetik. Leider (für die US-Staatsfinanzen) sind Preise von dergestalt malenden Künstlern vom gegenwärtigen Aufwärtssog kaum betroffen.

Bill Clinton präsentiert sein Porträt (noch bevor er ahnte, dass die berühmte Praktikantin als Schatten drin schlummert)

Bill Clinton präsentiert sein Porträt von Nelson Shanks (das war, bevor Clinton ahnte, dass die berühmte Praktikantin als Schatten drin schlummert).

Natürlich hat es an den Wänden des Capitols auch jede Menge historisch relevante Porträts. Malerisch sind sie allerdings kaum besser. Etwa das wirklich kitschige Konterfei von Bill Clinton. Nicht genug, dass es ein furchtbar hässlicher Ölschinken ist, hat der Maler namens Nelson Shanks erst noch eine alberne Anspielung auf Monica Lewinsky auf dem Bild versteckt. Der Schatten über dem Cheminée ist eigentlich unmotiviert und erst noch verdächtig kurvig. Der Maler gestand kurz vor seinem Tod der Presse, dass er in diesem Schatten das blaue Kleid Lewinskys (das er tatsächlich auf einem Kleiderständer ins Zimmer gehängt hatte) abgemalt hatte. Andere Absurditäten verbinden sich mit dem Porträt Arnold Schwarzeneggers, das er immerhin von seinem österreichischen Landsmann Gottfried Hellnwein malen liess. Nach der Trennung von seiner Gattin Maria Shriver liess er einen Knopf am Revers, der ihr Gesicht trug, entfernen.

Die Enthüllungen: Thomas Heiniger und Regine Aeppli vor ihren Abbildern (gemalt von Max Rieser resp. Marc-Antoine Fehr) Photos D. Meienberg, S. Bobst

Die Enthüllungen: Thomas Heiniger und Regine Aeppli vor ihrem Abbild (gemalt von Max Reiser resp. Marc-Antoine Fehr). Photos: D. Meienberg, S. Bobst

Und in der Schweiz? Natürlich lassen sich Schweizer Politiker diese Möglichkeit der Imagepflege nicht entgehen. In Zürich gibt es sogar eine gewisse Entsprechung des amerikanischen Ego-Gesetzes. Begründet wurde es vom Kaufmann Heinrich Wilhelm Schelldorfer 1919. Er hat dem Kanton Zürich 110’000 Franken geschenkt mit dem Ziel, jeden Zürcher Regierungspräsidenten und Bundesrat mit einem Porträt zu verewigen und in die «Ahnengalerie» des Kaspar-Escher-Hauses hängen zu lassen. Einzige Vorgabe war: keine Fotos. Dieses Geld war 2012 aufgebraucht. Da hatte der Maler Marc-Antoine Fehr Regine Aeppli gerade halb fertig. Seither zahlt die Fachstelle Kultur des Kantons immerhin 20’000 Franken pro Porträt, fast gleich viel wie die Amis.

Links wie rechts die gleichen Posen: Alt-Bundesräte Moritz Leuenberger und Christoph Blocher

Links wie rechts die gleichen Posen: Alt-Bundesräte Moritz Leuenberger und Christoph Blocher (Porträts von Bruno Müller-Meyer und Karl Landolt).

Vergeblich sucht man übrigens nach ästhetischen Unterschieden zwischen den politischen Blöcken. Das gewagteste Bild hat bisher der Zürcher Regierungsrat Thomas Heiniger (FDP) von sich selbst bestellt. Wer also erwartet hat, dass aus dem linken Lager besonders mutige ästhetische Vorstösse kommen, sieht sich enttäuscht. Moritz Leuenbergers Bildnis trägt gar Züge des milden sozialistischen Realismus – die knorrigen Hände im Vordergrund könnten von einem Dienstmaler des Arbeiter- und Bauernstaates stammen. Dem ist aber nicht so, der Maler heisst Bruno Müller-Meyer und war Leuenbergers Urlaubsgefährte in Oman. Er hat sich für die Aufgabe empfohlen, indem er sich ebenso über ein unstatthaftes Foto von M. L. in Badehose empört hatte wie der später von ihm Porträtierte. Das hat der Noch-Bundesrat damals, im Oktober 2008, selbst meinen Kollegen vom «Tages-Anzeiger» so erzählt.

Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich fände es schade, wenn es die Tradition nicht mehr gäbe. In den USA heisst es jetzt: Eine Fotografie genügt, man muss nicht grad zum Pinsel greifen. Die nächste Stufe: Sollen doch die Politiker ein Selfie von sich selbst machen! Das Volk spendiert den Selfie-Stick dazu. Ich bin dennoch für Öl. Aber bitte, liebe Staatsdiener, seid doch etwas mutiger und ein bisschen weniger eitel.

Die Abgeordnete XY in den Couloiren des Capitols

Die Abgeordnete Shirley Anita Chisholm schaut mahnend in die Couloirs des Capitols hinein.

Piktogramm des Horrors

Ewa Hess am Montag den 16. November 2015

Innert weniger Stunden haben sich Tausende des Zeichens bemächtigt: Ein mit leicht zu zittern scheinender Hand gezeichnetes Peace-Symbol, dessen inneres Dreieck dem Eiffelturm gleicht, dem Wahrzeichen von Paris. «Peace for Paris» wurde nebst der in den Farben der Tricolore eingefärbten Profilfotos sowohl auf Facebook wie auf Twitter zum meistgeteilten Piktogramm des Horrors. Die Zeichnung habe Banksy angefertigt, hiess es schon bald – dem grossen Konsumverweigerer der Kunstwelt traute man zu, eine solche Chiffre für das kollektive Entsetzen schnell entwerfen zu können.

Acht Minuten nach Mitternacht: Jean Julliens Post auf Twitter, dreizehn Minuten nach Mitternacht: Der falsche Banksy bemächtigt sich des Zeichens

14. November, acht Minuten nach Mitternacht: Jean Julliens Post auf Twitter (links), dreizehn Minuten nach Mitternacht: Der falsche Banksy bemächtigt sich des Zeichens.

Zu Unrecht, wie sich zeigt. Die Zeichnung hat der französische Künstler Jean Jullien voll Kummer gekritzelt und gleich nach Mitternacht auf seinen Accounts geteilt. Eine Person, die sich auf Twitter @therealbanksy nennt und für Banksy ausgibt (und auf diese Weise über eine Million Follower gesammelt hat) schnappte das Bild sofort und postete es ebenfalls. Die vielen Retweets dieses Posts trugen die Verwirrung in Bezug auf die Autorenschaft ins weltweite Netz hinaus. Der richtige Banksy unterhält zwar seit 2007 einen Twitter-Account, dessen einziger, oft wiederholter Inhalt aber besagt: «Banksy is not on Twitter». Am Wochenende fügte er seiner Homepage in der Sektion «Question + Answers» die Bekräftigung an, dass er sich auf Social Media nicht äussert. Denkt man über die Sache etwas länger nach, scheint einem logisch, dass das Zeichen nicht von ihm stammen kann – Banksys Zeichensprache fehlt die Direktheit der Piktogramme. Seine Graffitis, auch wenn sie manchmal wie Kinderzeichnungen aussehen, sind komplexer in ihrer Symbolik.

Diesen Update zu seiner Homepage hat Banksy erst am Wochenende hinzugefügt - seine Art, der Usurpierung einer falschen Autorschaft entgegenzuwirken

«Banksy is not on Facebook and is not on Twitter». Dieses Update zu seiner Homepage hat Banksy erst am Wochenende hinzugefügt – wohl um der falschen Autorenschaftzuschreibung entgegenzuwirken.

Wer ist aber der wahre Autor des «Peace for Paris»-Zeichens? Jean Jullien ist 32, in Paris geboren, hat in London studiert und lebt wahrscheinlich immer noch dort, wenn er auch seinen genauen Wohnort zurzeit nicht verraten möchte. Er hat inzwischen einige Interviews gegeben. Er zeichne meistens, um Menschen zum Lachen zu bringen, sagte er in diesen, «doch diese Zeichnung war meine direkte Reaktion auf Trauer». Der Zeichner hat auch früher politische Aktualität kommentiert, auch die brutalen Attacken auf  «Charlie Hebdo» in Paris. Die Verwirrung um die Autorenschaft sei ihm übrigens egal, das sei kein guter Zeitpunkt, um sich wegen der Urheberrechte aufzuregen.

Jean Jullien, der Zeichner des «Peace for Paris»

Jean Jullien, der Zeichner des «Peace for Paris». Foto: Daniel Arnold

Julliens satirische Begabung ist gefragt, erst vor wenigen Tagen hat die «Süddeutsche Zeitung» eine Serie seiner Zeichnungen veröffentlicht, die peinliche Begrüssungsmomente schildern. Er beobachtet genau und mokiert sich meist nur leise über seine Umwelt und ihre diversen Absurditäten: die tägliche Verlogenheit, die Feriengewohnheiten, die Kommunikationspannen. Wie viele im Ausland lebende Franzosen hat er die Schreckensstunden am Freitag, dem 13. am Fernsehen mitverfolgt.

Ältere Prints von Jean Jullie: Louis-Vuitton-Burka, die Bräune des Handynutzers

Ältere Prints von Jean Jullien: Louis-Vuitton-Burka, die Bräune des Handynutzers.

Die französischen Künstler und Kulturschaffende haben ihrem Entsetzen sonst weniger bildlich Ausdruck gegeben. Der algerisch-französische Bildhauer und Zeichner Adel Abdessemed etwa, der Algerien verliess, weil er mit dem agressiven Islamismus nicht zurecht kam, sagte die Eröffnung seiner Ausstellung in Los Angeles ab, wie er der Zeitung «Le Figaro» erzählte. «Diese Verrückten, die Mord und Selbstmord nicht scheuen, die kenne ich schon», sagt er, «ich bin bereits vor ihnen geflohen. Ich weiss wie sie funktionieren und ich weiss, wie sie rekrutiert werden. Ein gut funktionierender Mechanismus, der mich an die Hitlerjugend erinnert – das jugendliche Bedürfnis nach Utopie wird brutal ausgebeutet». Abdessemed selbst ist vor zwei Jahren anlässlich seiner Ausstellung in Doha unter Androhung einer Fatwa gezwungen worden, eine seiner Skulpturen aus der Ausstellung zu entfernen. Die Skulptur, fünf Meter gross, zeigte Zinedine Zidane und Marco Materazzi in der berühmten Kopfstoss-Szene der Fussball-WM von 2006. Unklar, was den Fanatikern daran nicht passte, sie wurde schliesslich wegen «Idolatrie» aus Katar entfernt.

Die der «Idolatrie» angeklagte Skulptur von Abdemessed wird aus Doha (Katar) entfernt

Die Zidane-Skulptur von Adel Abdessemed in Doha, Katar.

Die Filmemacherin Agnes Varda, von mehreren Medien belagert, weigerte sich übrigens standhaft, die ihr wohlfeil scheindenden Betroffenheitsfloskeln zu äussern. Das sei nicht ihre Art, sagte sie. Sie müsse erst nachdenken. Und auch die 90-jährige Künstlerin und Dichterin Etel Adnan, über die ich letzte Woche berichtet habe und die gerade im Haus Konstruktiv eine schöne Ausstellung hat, schrieb einen nachdenklichen Satz als Kommentar zum Geschehen, den Hans Ulrich Obrist auf Instagram postete: «Der Terror ist unser kollektives Versagen. Das Leben der Triumph der Natur».

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«Habe ich nun alle beleidigt?»

Ewa Hess am Dienstag den 3. November 2015

Liebe Leute, ich bin besorgt. Seit Monaten führt die Zeitschrift «The Art Newspaper» die Umfrage unter den prominenten Kuratoren und Künstlern durch. Die Frage: Wozu dient Kunst? Ich las das bisher nicht, denn (Sie kennen mich vielleicht schon ein bisschen), Definitionshuberei interessiert mich weniger als lebendige Kunst. Da ich aber heute etwas Zeit hatte, schaute ich in die Serie hinein und bin echt erschrocken. Diese Menschen – lauter ernst zu nehmende Kuratoren und Kunstkenner – schlagen Alarm. Es geht ihnen auch gar nicht um die Definitionsfrage an sich, sondern um den aktuellen Zustand des Kunstbetriebs.

Neil McGregor, der Direktor des British Museum, schreibt, dass es erst der brutalen Zerstörungen im Irak und in Syrien bedurft habe, um uns den Sinn der grossen Kunstdenkmäler vergangener Zeiten ins Bewusstsein zu rufen, deren Ruf durch die Aufklärung ramponiert gewesen sei.

Chris Dercon, der zurücktretende Chef der Tate Modern, stellt nüchtern fest, dass die steigenden Preise der Kunstwerke nicht von einer Steigerung ihres gesellschaftlichen Werts begleitet worden seien (er wechselt bald folgerichtig in die Theaterbranche nach Berlin. Mal sehen, ob er dort den kulturellen Einfluss ausüben kann, den er in der von vier Millionen Menschen jährlich besuchten Tate Modern nicht konnte).

Der chinesische Künstler Xu Bing vergleicht Kunst mit einem Tumor – der durch sein Wachstum den krankhaften Zustand des Gesamtorganismus offenbart (!).

Und der italienische Nobelpreisträger Dario Fo sagt, dass unsere gegenwärtige Kultur in Desinformation gründe. Dass eine Leere, eine Langeweile, ein Mangel an Involviertheit herrschten und vor allem die Unlust, etwas wirklich Neues zu entdecken.

Der Klagechor: Neil McGregor, Chris Dercon, Xu Bing, Robert Storr, Dario Fo

Der Klagechor: Neil McGregor, Chris Dercon, Xu Bing, Robert Storr, Dario Fo.

Einer hat aber dem Ganzen die Krone aufgesetzt: Der amerikanische Kurator und Kunsthistoriker Robert Storr. Der ehemalige Chef der 52. Biennale in Venedig, heute 66 Jahre alt, hat einen apokalyptischen Text verfasst, dunkel und ehrlich wie ein schwarzer Diamant. Ich habe ihn hier übersetzt. Lesen Sie ihn selbst:

«Wie noch nie wird Kunst von allen Seiten bedrängt.

Von einer Seite greifen sie brutale ideologische Bilderstürmer an. Die Taliban und die Isis sind nur die schlimmsten unter ihnen. In ihrem Gefolge die Marodeure, sie plündern die archäologischen Stätten, Landhäuser und Kirchen. Diese «bad guys» tragen Schwarz (Turbane, Masken, Helme, geschneiderte Anzüge).

Andere tragen Weiss. Sie «machen es richtig, um Gutes zu tun». Dabei lieben sie die Kunst zu Tode. Angeführt wird diese Truppe von den Oligarchen aller Art, die Trophäenkäufe von den Messen in die Freihafenlager verfrachten und von dort in Privatmuseen und wieder zurück in einer Art Perpetuum mobile des unsichtbaren Kapitalüberflusses. An ihnen kleben die Schmeichler, die sie «inspirieren», und «Berater», die ihre Transaktionen schmieren. Dicht gefolgt von einer Armee von Kunsthändlern, Auktionatoren und Mittelsmännern (-frauen) diverser Couleur, welche die Eigenschaften der Kunstwerke – und ihre Preise – unermüdlich aufschäumen.

Danach folgt das Feld des Nonprofitvolks. Staatlich besoldete und im Privatsektor eingenistete Kulturbürokraten, Museumsdirektoren Kuratoren und Pädagogen, Biennalen-Wiederholungstäter, die einen nimmer endenden Zyklus von Ausstellungen, Bühnenevents, Kommissionen und Interventionen ausrollen und damit nolens volens die Aktien des gerade Angesagten manipulieren. Masslos produktiv, sind diese Kulturfabrikanten auch ihr eigenes Kulturproletariat.

In einer losen Formation, Tinte spritzend, digital schnaufend, erscheint danach ein Schwarm von Journalisten, Kritikern und Wissenschaftern. Sie bieten Sprache und Ideen feil, kommentieren am Laufmeter das Fortschreiten des Desasters und stellen mit ihrem Getöse sicher, dass ein bombastischer Diskurs über jedes Engagement und jede Einsicht triumphiert.

Habe ich nun alle beleidigt? Ich hoffe es. Muss ich mich entschuldigen? Nein, weil nur einer, der mittut, die anderen Mitläufer auch erkennen kann. Wir sind alle für dieses Unglück verantwortlich, sind alle schuldig, diese Monster geschaffen zu haben und selber zu Monstern geworden zu sein. Jeder, jede von uns hat in seiner eigenen Weise dazu beigetragen, dass ein authentisches Erleben von Kunst fast unmöglich erscheint, dass es uns selbst nicht möglich ist, eigene Gedanken und Gefühle zu erforschen, ohne zu erschrecken, ohne Wut oder Ekel zu empfinden, ohne sich der eigenen Mittäterschaft bewusst zu werden. Wir müssen dieses Karussell anhalten. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, auf das ästhetische Äquivalent des hippokratischen Eids zu schwören: vor allem dem Patienten keinen weiteren Schaden zuzufügen.»

Lauter Monster und Missgeburten: Antonius-Altar (Detail) von Hieronymus Bosch

Lauter Monster und Missgeburten: Antonius-Altar (Detail) von Hieronymus Bosch.

Wow. Ist es wirklich so schlimm? Andererseits: Das Dunkle, Grandiose des Textes empfinde ich persönlich als tröstend. Man kann dieses Schlachtgemälde direkt vor seinem geistigen Auge sehen: die Bösewichte in Schwarz und die Pharisäer in Weiss, um sie herum die schnaufenden Tintenspritzer, die schmierigen Aufschäumer. Eine herrliche Dystopie, in der keiner von Schuld frei ist. Als wäre es ein Gemälde von Hieronymus Bosch.

Das ist eben das Gute an der Kunst: Auch wenn sie die Hölle ausmalt, berührt sie manchmal den Himmel.

Varoufakis in Rage

Ewa Hess am Dienstag den 6. Oktober 2015

Er sprach als Letzter und enttäuschte nicht: Der griechische Ex-Finanzminister Giannis Varoufakis hat in Moskau verbal um sich geschossen. «Ihr Künstler und Kulturschaffende», sagte er zum Publikum der 6. Moskauer Biennale, «solltet von den Mächtigen eurer Länder gefürchtet sein. Falls ihr das nicht seid, macht ihr euren Job einfach nur – lausig.»

Was: 6. Moscow Biennale of Contemporary Art
Wann: 22. September bis 1. Oktober 2015
Wo: Ausstellungspark VDNKh (Exhibition of Achievements of the People’s Economy) in Moskau

Die Moskauer Biennale, muss man wissen, ist unter den Biennalen dieser Welt das Aschenputtel. Das heisst, noch geht sie in Küchenschürze und putzt die Klinken, könnte aber schon morgen die Prinzessin sein. Denn auch wenn die Veranstaltung gegenwärtig weder über Ressourcen noch über Einfluss in Putins Imperium verfügt, so ist sie doch immerhin die wichtigste Kunstbiennale in Moskau – der exotischen Schönen unter Europas Kapitalen. Die erst noch in Sachen zeitgenössische Kunst beinahe jungfräulich vor sich hin schlummert (bis auf Dascha Schukowas neues Museum «Garage», über das ich vor wenigen Monaten hier berichtet habe).

Als ich im Juni am Rande der Garage-Eröffnung in Moskau ein vertrautes Gespräch mit Joseph Backstein führte, dem Chef der Biennale, war nicht einmal die Durchführung der Veranstaltung sicher. Backstein, so etwas wie das Moskauer Urgestein in Sachen zeitgenössische Kunst (er leitete das ICA Moscow in den 1990er-Jahren), klagte über Unsicherheiten – finanziell und politisch. Doch offensichtlich haben Backstein sowie die westlichen Co-Kuratoren Bart De Baere, Defne Ayas und Nicolaus Schafhausen aus der Not eine Tugend gemacht, denn die Biennale fand statt, und zwar nicht als eine teure Installation, sondern als ein spontan organisiertes 10-tägiges Think-in (das ist so etwas wie ein Sit-in, nur dass man dabei fest nachdenkt).

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«Ihr habt euren Job lausig gemacht»: Giannis Varoufakis liest den Künstlern in Moskau die Leviten. Screenshot: ORT

Das Highlight kam am Schluss – die Rede des charismatischen Euro-Rebellen Varoufakis am Sonntag. Sie wurde auf dem staatseigenen, im Ausland tätigen Sender Russia Today live übertragen – denn seit der Grieche den Bad Boy auf dem europäischen Polit- und Finanzparkett gegeben hat, wird er von der Putin-Administration gehätschelt. Wohl nach dem Motto: Wir mögen alle, die jene ärgern, die uns ärgern.

Varoufakis, dem eine künstlerische Grandezza nie abgesprochen werden konnte, biss in seinem Vortrag heftig in die Hand, die ihn füttert und beleidigte gezielt die Veranstalter. Er erklärte die Kunst in Europa für scheintot und griff die Kuratoren an, die ihn nach Moskau eingeladen hatten. Die Musik, die Kunst, sogar das Theater, führte er aus, litten unter der Dominanz des Marktes. Die sich auch darin äussere, dass postmodernistische Kuratoren – wohlverstanden gesponsert aus den Taschen der Grossfinanz (der Sponsor der Biennale ist eine baltische Bank) – Ökonomen als Redner an Kunstanlässe einlüden. Also ihn.

Haben sie ihren Job lausig gemacht? Bart De Baere, Defne Ayas und Nicolaus Schaffhausen, die Kuratoren der Moskau-Biennale

Haben sie ihren Job lausig gemacht? Bart De Baere, Defne Ayas und Nicolaus Schafhausen, die Co-Kuratoren der Moskau-Biennale. Foto: PD

Ökonomen, klagte der Ex-Finanzminister, regieren die Welt. Und den Ökonomen wurde beigebracht, dass Kunst in jeder ihrer Ausprägung nur eine Verzierung der wichtigen Welt sei. Und da unter der Dominanz des Marktes nur die Tauschkraft des Objekts, nicht sein ideeller Wert, zähle, ist die Kunst zum Rohstoff geworden, zu einer Art Reservoir für «spielerisches Querdenken». Als eine «Commodity» wird sie von geschäftstüchtigen Auktionatoren und Galeristen verwaltet, von den selbstherrlichen Kuratoren ins Unverständliche postmodernisiert, von den bürokratischen Förderinstitutionen aller Art gleichgeschaltet und gesäubert.

Viertklassiges Design von einem drittklassigem Designer: fiktive Brückenbögen auf der Euro-Note

«Viertklassiges Design von einem drittklassigen Künstler»: Fiktive Brückenbögen auf der Euronote.

Dabei sei sie ein wichtiges Instrument der Welterkenntnis. Hier einige von Varoufakis’ Beispielen für die Kunst als Indikator der politischen Verhältnisse: Die Kunst von Picasso war besser als diejenige von den Künstlern, die das Franco-Regime unterstützte. Und die Musik der Sandinisten  besser als diejenige der Contras. Beethovens 9. sei besser gewesen als die preussischen Hymnen der Zeit – auch wenn des Komponisten Begeisterung für Napoleon später einen Schiffbruch erlitt.

Vor allem aber zeige das Design der Euronote, dass Europa nicht korrekt zusammengewachsen sei. Die gemeinsamen Banknoten zierten weder Akropolis noch Kolosseum noch der Kölner Dom, sondern von einem viertklassigen Grafiker entworfene fiktive Bogenbrücken – weil man sich nicht darauf einigen konnte, was gezeigt werden sollte.

Kitsch oder Kunst? Für Varoufakis eine wichtige Unterscheidung zwischen Gut und Böse. Im Bild die Skulptur «Arbeiter und Kolchoz-Frau», Zuckerbäckerstil der VDNKh-Pavillons, Mosfilm-Logo

Kitsch oder Kunst? Für Varoufakis ein wichtiges Unterscheidungsmerkmal zwischen Gut und Böse. Im Bild die Skulptur «Arbeiter und Kolchos-Frau», Zuckerbäckerstil der VDNKh-Pavillons, Mosfilm-Logo. Bild: PD

Man muss auch noch wissen, dass das Ganze auf dem Gelände von VDNKh stattfand, dem sowjetischen Ausstellungspark mit den Pavillons der Republiken, wo der sowjetische Architekturkitsch noch in seiner ungesäuberten Pracht zu besichtigen ist, inklusive des Kosmos-Pavillons mit Rakete davor und der goldenen Skulptur des Kolchos-Paares mit Hammer und Sichel in der erhobenen Hand, die man als Logo der sowjetischen Filme kennt.

«Es braucht keine Gulags mehr», redete sich Varoufakis in Rage, «Subversion der Kunst wird neuerdings an der Börse gehandelt! Eurokraten, Kuratoren und Auktionshäuser haben die Künstler besser als jeder Polizist zum Schweigen gebracht.»

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Und plötzlich schnitten sie ihm das Wort ab: Varoufakis redet sich in Rage.

Und dann geschah es: Gerade als der Grieche der Welt erklären wollte, mit welchen politischen Mitteln man «die dunkle Seite der Macht» neutralisieren könnte, um die subversive Kunst zu retten, schnitt ihm die Live-Aufzeichnung von Russia Today das Wort ab, die weiteren Worte des Redners gingen unter.

Gemessen an seinem eigenen Massstab, muss er seinen Job verdammt gut gemacht haben.