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Kunst rüstet auf

Ewa Hess am Mittwoch den 16. November 2016

Die Wahl, diese Wahl, liebe Leserinnen und Leser von Private View, konnte die Kunstwelt nicht anders als mitten ins Gesicht treffen. Kaum hat im Kalender das Datumfensterchen auf den 9. November, also 11/9 gewechselt (als eine zufällige Gegenformel zu 9/11), machte sich auf den Social Media die Betroffenheit breit.

Der deutsche Fotokünstler Wolfgang Tillmans verbreitete das Bild der Freiheitsstatue in Tränen, Tania Bruguera verzierte die Karte der USA mit einem schwarzen Band. Es kamen viele weitere dazu – und alle diese Zeichen liefen auf die eiskalte Erwartung hinaus, welche den Fans der Fernsehserie «Game of Thrones» bekannt vorkommen wird: «Winter is coming.» Der Winter kommt, zieht euch warm an, der Kulturkrieg hat angefangen.

Kommt der Kultur-Winter? Bange Erwartungen begleiten die Überraschungswahl in den USA

Kommt der Kulturwinter? Bange Erwartungen begleiten die Überraschungswahl in den USA. Bild: Game of Thrones/Cantrous via youtube

Ob das wirklich so schlimm wie erwartet kommt, wird man noch sehen. Einfach wird es allerdings nicht, denn bestimmt gehört die Kunstgemeinschaft zu jener Schicht der Bevölkerung, die neuerdings als «Elite» bezeichnet wird, ein Wort, das einen despektierlichen Beiklang bekommen hat. Nach einer neuen Auslegung gehören die Milliardäre ja nicht zur Elite, sondern zum Volk. Das heisst, sofern sie nicht in ihrer Vermessenheit die Welt retten wollen. Sondern einen gesunde Egoismus an den Tag legen.

Nun, um gute Beziehungen zu den Milliardären wäre die Kunst eigentlich nicht verlegen. Diejenigen, die Gegenwartskunst sammeln, gehören allerdings meistens zu der weltrettenden Sorte. Denn obwohl die Kunstgemeinschaft ebenso heterogen ist wie jede andere Gruppe, sind ihr querbeet zwei Werte heilig: Empathie und Inklusion. Die Gegenwartskunst ist ja aus den extremen Sensibilitäten der verschiedenen europäischen und amerikanischen Avantgardebewegungen gewachsen. Das Mitgefühl für alles Menschliche ist ihr darum ein Grundwert. Sie zieht auch stets die Differenz der Ähnlichkeit vor, die Solidarität der Ausgrenzung.

Demgegenüber steht nun die Fremdenhassrhetorik Donald Trumps, sein sexistischer und autoritärer Habitus. Die hässliche Wahlkampagne hat viele geopolitische Fronten in den USA aufgerissen, die auch einen Ausblick auf die kommende Präsidentschaft erlauben. Es wird in Trumps Regierungszeit bestimmt um mexikanische Einwanderer gehen, um Islam als Religion, um aufmüpfige Minoritäten, um den protektionistischen Umgang mit der amerikanischen Wirtschaft.

 

Gee Vauchers weinende Freiheitsstatue wurde zum Symbol der Betroffenheit der Künstler auf den Social Media, Sara Levys Porträt «Bloody Trump» sorgte schon im vorfeld der Wahlen für eine Kontroverse (dreweatts, widewalls)

Gee Vauchers weinende Freiheitsstatue (von 2006) wurde zum Symbol der gegenwärtigen Betroffenheit der Künstler auf den Social Media, Sara Levys Porträt «Bloody Trump» sorgte schon im Vorfeld der Wahlen für eine Kontroverse (dreweatts, widewalls).

Zu Kultur hat sich der gewählte Präsident noch nicht geäussert. Aber Hand auf Herz, was hat die Kunst von diesem Paradigmenwechsel zu erwarten? Man erinnert sich noch gut an die Zeit, als New Yorks ehemaliger Bürgermeister Rudy Giuliani dem Brooklyn Museum befehlen wollte, Chris Ofilis Werk «The Holy Virgin Mary» aus einer Ausstellung zu entfernen, weil er den Gebrauch von Elefantenkot darin als «krank» empfand. Das Museum hat damals widerstanden, mit Giuliani als Justizminister (mit einer solchen Nominierung wird gerechnet) könnte ein solcher Streit bald anders enden.

Auch soll der neu gewählte Präsident vor den Künstlern seines Landes wenig Respekt hegen. Er soll sie für «elitistisch und pseudo» halten, wie der Journalist Richard Johnson vom Portal Page Six kolportiert. Im Verlauf des Wahlkampfs wurde die Performance-Künstlerin Marina Abramovic vom Trump-Lager des Satanismus verdächtigt. Die Renoirs, die sowohl in Melania Trumps Büro wie im goldgeschmückten Flugzeug ihres Gatten hängen, werden allgemein für Reproduktionen gehalten. Donald Trump würde lieber in Immobilien investieren, da gäbe es einen besseren Return on Investment, verriet vor einem Jahr die «Vanity Fair» in einem Porträt.

Mitgefühl und Experimentierlust: Shirin Neshats «Women of Allah», Chris Ofilis «The Holy virgin Mary».

Mitgefühl und Experimentierlust, die heiligen Werte der Kunst: Shirin Neshats «Women of Allah», Chris Ofilis «The Holy Virgin Mary». (interartive, saatchi)

Eine Konfrontation mit dem neuen Polit-Establishment könnte für die Erfolg gewohnte Kunstszene also zu Blessuren führen. Und das ist vielleicht ganz gut so. Denn kritische Kultur hat oft eine Rolle in der Geschichte gespielt, wenn es darum ging, autoritäre Macht herauszufordern. Nur: Diese Kraft schien der westlichen Kunst in der letzten Zeit zu fehlen.

Das stellt unter anderem auch der New Yorker Kritiker Nato Thompson fest, in seinem erstaunlich aktuellem Buch «Culture as Weapon», soeben im Verlag Melville House erschienen. Darin beschreibt der künstlerische Leiter der sehr aktiven Nonprofit-Organisation Creative Time, wie die Kulturproduktion seit den frühen 1900er-Jahren langsam den Künstlern abhandenkam und zur Domäne von Public Relations, Werbung und Marketing wurde. Seither ist Kultur vor allem ein Mittel, um den Profit zu mehren und die Unzufriedenheit zu bemänteln.

Die Gegenwartskunst kann sich selbst durchaus vorwerfen, sich mit diesem Status quo blendend arrangiert zu haben. Wenn ihr heute angekreidet wird, sie sei zur überteuerten Spekulationsware verkommen, hat das schon eine gewisse Richtigkeit, egal, wie ehrlich jeder einzelne Künstler um seine Aussage zu ringen vermag. Höchste Zeit also, die Waffe Kunst wieder selbst in die Hand zu nehmen und sie als ein Werkzeug des gesellschaftlichen Fortschritts einzusetzen.

Aktivistische Kunst und Street Art mischen sich in die Politik ein.

Aktivistische Kunst und Street-Art mischen sich in die Politik ein. (massmediaandeducation, Banksy)

Die anstehende Trump-Präsidentschaft könnte dabei als ein wirksamer «wake-up call» fungieren. Kalte Zeiten sind nicht selten ein Ansporn zur kulturellen Erneuerung. Wir erinnern uns an den Prägnanzsprung in der britischen Kunst in den Thatcher-Jahren. Grossartig wütend wendeten sich die Young British Artists damals gegen soziale Ungerechtigkeiten aller Art – in einer eiskalten Lagerhalle im Norden Londons. Der Name dieser Ausstellung, «Frieze», passt zu Winter, doch ironischerweise trägt jetzt eine kommerzielle Messe den Namen. Schade, denn Worte und Bilder, die einer inneren Notwendigkeit und nicht einem Gewinnstreben entspringen, werden einfach besser gehört und gesehen.

Erwartungsgemäss wird der Run auf die teuren Blue Chips der Gegenwartskunst anhalten – denn die Zeiten bleiben unsicher und die Kunst ist ein passabler Geldanker. Es liegt also an den Künstlern selber, aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herauszutreten und die Saat der Toleranz, der Experimentierlust und fragiler Menschlichkeit in die Welt zu tragen. Und bitte, Ohio, Michigan und Pennsylvania dabei nicht vergessen!

Man nimmts mit Humor: Wir werden es überstrählen! Ein Artwork der Gemeinschaft @libertymaniacs.com

Man nimmts mit Humor: Wir werden es überkämmen! Ein Artwork der Gemeinschaft @libertymaniacs.com

 

Politisches Roulette

Ewa Hess am Mittwoch den 19. Oktober 2016

Liebe Leserinnen und Leser, heute Dienstag erreicht mich die Nachricht, dass die kubanische Künstlerin Tania Bruguera sich auf ihrer Heimatinsel der Präsidentschaftswahl 2018 stellen will – als Kandidatin für das höchste Amt im Land. Sie erklärt ihre Absicht und die Gründe, die sie zu dieser Entscheidung führen, in einem Video, das während des Auftritts des Schweizer Superkurators Hans Ulrich Obrist am Creative Time Summit in Washington, DC, ausgestrahlt wurde. Hier schon mal das Video – der Verständlichkeit wegen, weil wir ja nicht alle des Spanischen mächtig sind – mit englischen Untertiteln.

Tania Bruguera, wir erinnern uns, ist die mutige Artivistin (ein neues Wort für künstlerisch inspirierte Aktivisten), die sich auf Kuba den Mund nicht verbieten liess und dafür Repressionen ausgesetzt war, sogar ins Gefängnis kam. Damals – Anfang 2015 – rief Bruguera ihre Landsleute dazu auf, sich auf den Revolutionsplatz in Havanna zu begeben und ihre Wünsche für das Land frei zu äussern. Jetzt ruft sie alle auf, als Präsident oder Präsidentin zu kandidieren. Sie geht schon mal mit dem guten Beispiel voran und sagt: Ich will.

Tania Bruguera zeigt Verletzungen, die ihr im kubanischen Gefängnis zugefügt wurden

Tania Bruguera zeigt Verletzungen, die ihr im kubanischen Gefängnis zugefügt wurden. (Foto: via Facebook)

Warum eigentlich nicht? Eine solche Kandidatur müsste nicht reine Utopie sein, wäre das nicht eben Kuba, wo das Einparteiensystem ein etwas weniger demokratisches Auswahlprozedere für die neue Präsidentschaft vorsieht. Wenn Raúl Castro, der 85-jährige Bruder von Máximo Líder Fidel, 2018 wie angekündigt zurücktritt, wird die kubanische Nationalversammlung – und nicht das Volk – den neuen Präsidenten bestimmen.

Wie die Zeit vergeht: Brüder Castro regieren Kuba seit mehr als einem halben Jahrhundert vierhändig.

Wie die Zeit vergeht: Die Brüder Castro regieren Kuba seit mehr als einem halben Jahrhundert vierhändig. (Fotos: NPR, AP)

Brugueras Aktion zielt genau auf diesen Umstand und möchte aufzeigen, dass auch in Kuba das Volk stärker in zukunftsträchtige politische Entscheidungen involviert werden könnte. Ähnlich wie in ihrer Performance auf dem Revolutionsplatz möchte Bruguera ihre Landsleute dazu aufrufen, «die Wahlrunde zu nutzen, um ein neues Kuba aufzubauen, eines, in dem die Kultur der Angst überwunden werden kann und die Verantwortung nicht nur einigen wenigen vorbehalten bleibt».

In ihrer Performance «Self Sabotage» in Paris und Venedig 2009 spielte Tania Bruguera während eines Vortrags, in dem sie ihre Gedanken zur politischen Kunst darlegt, russisches Roulette mit sich selbst. (Foto: via chicagoartmagazine.com)

In ihrer Performance «Self Sabotage» in Paris und Venedig 2009 spielte Tania Bruguera während eines Vortrags, in dem sie ihre Gedanken zur politischen Kunst darlegt, russisches Roulette mit sich selbst. (Foto: via chicagoartmagazine.com)

So weit so gut. Ich halte sehr viel von Artivisten aller Couleur. Die politische Dringlichkeit verleiht den künstlerischen Aktionen eine grosse Intensität und das kommt auch der politischen Aussage zugute. Ich bewundere die Mexikanerin Teresa Margolles, die den in ihrem Land herrschenden Drogenbandenterror mit erschütternden Kunstwerken anklagt (nicht selten benutzt sie dazu Flüssigkeiten, die Leichen entstammen).

Die Pussy-Riot-Girls haben mit ihren frechen Aktionen das geschafft, was nicht einmal der US-Präsident und andere Präsidenten der westlichen Demokratien vermögen: dem mächtigen Putin eine lange Nase zu ziehen (und sie mussten dafür in den Arbeitslagern schwer büssen).

Ich halte auch die Verdienste Ai Weiweis für sein Land China hoch – zeigt er doch mit seiner differenzierten Protesthaltung, dass man seine Heimat lieben und doch mit dem Kurs seiner Regierung nicht einverstanden sein kann. Auch er musste dafür ins Gefängnis und liess sich dadurch nicht brechen.

Artivisten (v.l.): Die Sängerin des Todes Teresa Margolles, die frechen Punkerinnen Pussy Riot während ihrer legendären Performance in einer Kirche in Moskau, Ai Weiwei, der eine typische Geste macht

Artivisten (v.l.): die «Todeskünstlerin» Teresa Margolles, die frechen Punkerinnen Pussy Riot während ihrer legendären Performance in einer Kirche in Moskau, Ai Weiwei und seine typische Geste. (Fotos: Wales News, AP, International Documentary Association)

Auch halte ich die Vorwürfe, dass diese Künstlerinnen und Künstler das alles nur machen, um ihre Karriere zu befördern, für zynischen Quatsch. Wer immer solche Vorwürfe von sich gibt, soll mal selbst, in seinem eigenen Kreis, den zivilen Ungehorsam versuchen, etwa dem Arbeitgeber gegenüber – mal sehen, wie einfach das ist.

Ob aber – und hier kommt mein grosser Zweifel – Künstler gute Präsidenten abgäben? Bei aller Liebe – sicher nicht. Warum das so ist, liegt am Wesen der Kunst. Was sie, die Kunst, so ausserordentlich macht, ist jede Missachtung der Pragmatik. In der Kunst darf man aufs Ganze gehen, Ungeheurliches ausprobieren, weil Kunst ein Labor ist.

Artist for President: Angesichts der absurden Züge des US-Wahlkampfs kommt man auch in den Staaten auf die Idee. Links: Kampagnen T-Shirt für den kalifornischen Skandalkünstler Paul McCarthy, rechts: Susanna Dakins Kampagne lief 2011 als Kunstaktion.

Artist for President: Angesichts der absurden Züge des US-Wahlkampfs kommt man auch in den Staaten auf die Idee. Links: Kampagnen-T-Shirt des kalifornischen Skandalkünstlers Paul McCarthy, rechts: Susanna Dakins Kampagne lief 2011 als Kunstaktion.

Darum sind Künstler oft tollkühn in ihren Fantasien. Sie sollten es sein. Und wenn sie in die Nähe von gefährlichen Geisteshaltungen kommen (wie etwa Jeff Koons, dessen Forderung nach totaler Verschmelzung mit dem Kunstwerk durchaus etwas Totalitäres hat), drücken sie das innerhalb eines ästhetisch organisierten Universums aus und niemand kommt dadurch ernsthaft zu Schaden.

Im Gegenteil, die Gesellschaft kann sogar von diesem «Flirt mit dem Teufel» profitieren. Die Kunstbetrachter können versuchsweise in den Abgrund blicken, seine Düsternis erkennen und in der wahren Welt der Versuchung gestärkt begegnen.

Tania Brugueras Werk «Untitled (Havana 2000)» wurde vom Museum of Modern Art in New York angekauft. Screenshot: Vimeo/Foto: MoMA Press Office

Tania Brugueras Werk «Untitled (Havana 2000)» wurde vom Museum of Modern Art in New York angekauft. Screenshot: Vimeo/Foto: Moma Press Office

Nach Kunstprinzipien regieren würde aber heissen, irrational regieren. Etwa Rom abbrennen lassen, um schöner dichten zu können – wie Kaiser Nero. Oder um eines ästhetischen Konzepts willen mit Menschenleben spielen. Wäre etwa Picasso ein guter Staatsvater gewesen? Niemals! Das weiss man nämlich aus seiner Biografie: Seine künstlerische Unerbittlichkeit ging mit seiner menschlichen Rücksichtslosigkeit Hand in Hand.

Strenges Urteil: Zumindest für hohe politische Ämter stimmt die Aussage des senegalesischen Sängers Yousou N' Dour. Foto via az quotes

Strenges Urteil: Zumindest für hohe politische Ämter stimmt die Aussage des senegalesischen Sängers Yousou N’Dour. Foto via az quotes

Darum kann ich mit dem streitbaren Kunstkritiker des «Guardian», Jonathan Jones, nicht einig gehen und «vote Bruguera» empfehlen. Ich werde jederzeit Brugueras Performance unterstützen, sie anschauen, darüber schreiben, sie weiterempfehlen, doch als wirkliche Präsidentin wähle ich lieber eine andere.

Glücksspiel Kunst

Ewa Hess am Mittwoch den 6. Juli 2016

Liebe Leserin, lieber Leser, darf ich kurz vor der Sommerpause mal grundsätzlich werden? Selten wurde so viel über die Kunst nachgedacht und geschrieben wie in unserer Zeit. Das hat seine Gründe: Erstens bewegt sich die zeitgenössische Kunst auf einem so hohen Abstraktionsniveau, dass ein grosser Erklärungsnotstand herrscht. Zweitens aber: wegen der Preise.

Aufschrei der Körper: Francis Bacon und Lucian Freud in den jeweiligen Selbstporträts.

Aufschrei der Körper: Francis Bacon und Lucian Freud in den jeweiligen Selbstporträts.

Der Kunstmarkt ist inmitten der ökonomischen Wirren solid. (Oder auch ausser Rand und Band, wie es manche sehen, weil generell zu hoch). Jedenfalls kostet bestimmte Kunst heute eine dicke Stange Geld, und Menschen, die sonst nicht so viel von Kunst halten, nehmen sie plötzlich ernst. Dennoch bleibt das Urteil über ein Kunstwerk arbiträr, auch wenn man scheinbar objektive Kriterien anführt: Am Ende liegt es «im Auge des Betrachters».

Francis Bacon, "Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion", courtesy Tate Collection

Grossartig, ob das aber schön ist? Francis Bacons «Three Studies for Figures at the Base of a Crucifixion», courtesy Tate Collection.

Ich habe gerade einen Text von J. Tomilson Hill in «The Art Newspaper» gelesen. Der Mann sammelt barocke Bronzeskulpturen und Zeitgenössische Kunst (auch eine aparte Kombination). Und er ist der Chef von Blackstones Hedgefonds-Abteilung, also einer der mächtigsten Geldakrobaten der Welt.

Wir müssen, schreibt er, drei Wertaspekte der Kunst sehen: Geldwert, sozialen Wert und den Grundwert. Geld versteht sich von selbst, aber sozialer Wert liegt für Hill vor allem im Wettbewerb um die Frage «was hängt bei mir über dem Cheminée?» – also im kleinlichen Konkurrenzdenken.

Den Grundwert nennt er «Schönheit». Dass er es nicht oberflächlich meint, beweist seine Sammlung, die wurde in Teilen in der Frick Collection ausgestellt. Hill sammelt nicht nur klassisch Schönes. Die Achtung, die er in der Sammlerwelt geniesst, gründet unter anderem darauf, dass er früh auf Francis Bacon gesetzt hat. Und Bilder von Francis Bacon sind erschreckend, grossartig, grausam, wie man sie immer bezeichnen will – schön kann man sie eigentlich nicht nennen. (Teuer sind sie auf jeden Fall, Hill soll die «Study for Portrait II (Pope)» von 1956 besitzen, deren Wert heute vorsichtig auf 60 Millionen Dollar geschätzt wird).

Der Hedgefund-Manager und Sammler J. Tomilnson Hill IIIJ (rechts), Michael Douglas als Geldakrobat Gordon Gekko im Film "Wall Street"

Der Hedgefonds-Manager und Sammler J. Tomilson Hill III (rechts), Michael Douglas als Geldakrobat Gordon Gekko im Film «Wall Street» (links).

Hill tritt immer mit sauber gegelten Haar und in Massanzügen auf, und es gibt Leute, die sagen, sein Äusseres sei in der Figur von Gordon Gekko (Michael Douglas) im Film «Wall Street» abgebildet worden. In seiner Rede bricht er natürlich die Lanze für den Grundwert der Kunst. Er sagt, die Marktorientierung der Kunstwelt komme ihm manchmal so vor, als ob man Händler und Geldwechsler einladen würde, in den Tempel hereinzukommen (womit er auf der metaphorischen Ebene biblisch wird).

Aber gut, als Hedgefonds-Manager, also ein Börsianer, der auf den Misserfolg anderer wettet, kann man sich nicht wirklich zum Tempelwächter ausrufen. Hills Geldwechsler-Seele geht auch in dem Text mit ihm durch, wenn er ein Werk von Jeff Koons — es ist ein Wassertank mit einem Basketball drin —, das kürzlich für 15 Millionen Dollar bei Christie’s  verkauft wurde, am liebsten «shorten» würde, also in Hedgefonds-Manier dagegen wetten.

Händler raus: Eine etwas rabiate Szene der "Tempelreinigung" aus der Basler Merian-Bibel von 1625

Händler raus: Eine etwas rabiate Szene der «Tempelreinigung» aus der Basler Merian-Bibel von 1629.

Das Wetten hat allerdings schon etwas mit der Kunst zu tun. Es ist ein bestimmtes Risikoverhalten, und keiner wusste besser, dass das ganz viel mit der Kunst zu tun hat, als eben Francis Bacon, Nr.-1-Liebling des heutigen Kunstmarkts. Der seelisch gequälte Brite war, wie gerade in einer Ausstellung in Monte Carlo sehr schön ausgeführt wird, besessen vom Glücksspiel.

Was so interessant ist an der Sache: Bacon selber sah eine enge Verbindung zwischen seinem obsessiven Glücksspielverhalten und dem Malen. So nannte er etwa die Verluste am Roulette-Tisch «expenses related to painting». Er erwartete sogar von seinen Galeristen, dass sie ihm Vorschuss geben, um zu gamblen, im Sinne eines Werkbeitrags an die Malerei.

Frunde, Konkurrenten, Gambler: Francis Bacon und Lucian Freud in London (Foto and copyright Harry Diamond)

Freunde, Konkurrenten, Gambler: Francis Bacon und Lucian Freud in London. (Foto: Harry Diamond)

Auch Bacons guter Freund Lucian Freud war ein obsessiver Glücksspieler, doch er suchte sein Glück eher bei den Pferdewetten denn beim Roulette. Das Wetten, sagte der Enkel von Sigmund, habe ihm durch die Zeit geholfen, als sich noch niemand für seine Kunst interessiert hat. Nicht, weil er so viel gewonnen hätte, sondern weil es ihn daran erinnerte, wie unwichtig Geld war.

The ‘Three Studies of Lucian Freud’. The Francis Bacon painting of Lucian Freud has become the most valuable work of art ever sold at auction – fetching almost £90 million.

Das Porträt des Freundes: «Three Studies of Lucian Freud» von Francis Bacon, 1969, verkauft 2013 bei Christie’s für 142 Millionen Dollar.

Der heutige Kunstmarkt hat natürlich auch etwas von einem Spieltisch. Man gibt Millionen für Werke aus, die triviale Werbung nachäffen (z.B. Warhol). Oder für Konzepte, die gar nicht besitzbar sind (z.B. Lawrence Weiner). Sind darum Bacon und Freud die Lieblinge des Markts? Nein.

Der soziale Wert der Kunst, um Tomilson Hill zu interpretieren, liegt eben nicht darin, dass man mit dem Bild über dem Kamin prahlen kann. Sondern darin, dass die Werke einen tiefen Wert abbilden, der der Gesellschaft heilig ist. Die Mittelalter-Maler gossen ihre Seele aus, um die Heiligen und die Maria mit den himmlischen Attributen Güte und Barmherzigkeit erstrahlen zu lassen. Die Holländer legten eine religiöse Inbrunst in die Darstellung von üppig gedeckten Tafeln. Die Minimalisten leisteten heroischen Verzicht auf jede Zierde, den Weg der Gesellschaft in eine immaterielle Zukunft bereitend. Bacon und Freud zeigen den modern gequälten Körper, so etwas wie einen Aufschrei der nicht artgerecht gehaltenen Kreatur.

Und das ist das eigentliche Glücksspiel des Künstlers: alles auf eine Karte setzen, sein Innerstes in die Kunst zu werfen, ohne zu wissen, ob es überhaupt gelingt, ob es gelingen kann. Nicht wissend, ob die Passion das Werk besser oder schlechter macht (beides ist möglich). Ob das je jemand begreifen wird. Das ist der Gamble der Kunst – auf allen Ebenen. Geld, Wert, Schönheit: Alles hängt davon ab. Und das ist das Grossartige daran.

Das Ego-Gesetz

Ewa Hess am Dienstag den 9. Februar 2016

«Gebt mir eine Million, und ich mache aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat», soll Rudolf Farner bei der Gründung seiner PR-Agentur einst gesagt haben. Das war in den Fünfzigerjahren und klang skandalös. Heute hat man sich an das Phänomen (der Kartoffelsackaufwertung) gewöhnt, an grosssprecherische Ansagen ebenso. Eines bleibt sich aber gleich: Nichts hebt das Ansehen eines Politiker so sehr wie ein gepflegtes Konterfei in Öl.

Private View

Congressmen Everett McKinley Dirksen, Thomas Peter Lantos und Robert C. Byrd (gemalt von Richard Hood Harryman, Laurel Stern Boeck und Michael Shane Neal). Photos: Collection of the US House of Representatives

In den USA wurden sie übrigens gerade verboten. Bisher stand den Kongressmitgliedern die stolze Summe von 25’000 Dollar zur Verfügung, um sich von einem Maler ihrer Wahl in Öl verewigen zu lassen. Sie machten von diesem Privileg rege Gebrauch. Ob Ton in Ton mit dem Pudel (Lantos), voll beschäftigt vor den Akten (Dirksen) oder mit dem Foto der Gattin auf dem Bürotisch  (Byrd) – jeder liess sich pinseln und an die Wand des Capitols nageln. Auch wenn sie nur ganz kurz in Amt und Würden waren – wie etwa der ehemalige Sekretär des Department of Commerce John Bryson. Er diente seinem Land lediglich acht Monate, hinterliess aber den Steuerzahlern für sein Bildnis eine Rechnung von 22’400 Dollar.

Auch die Kongressdamen mögen Porträts: Shirley Anita Chisholm, Edith Nourse Rogers und Corinne Clairborne Boggs, gemalt von Kadir Nelson, Howard Christy und Ned Bittenger

Auch die Kongressdamen mögen Porträts: Shirley Anita Chisholm (die erste Afroamerikanerin im Kongress), Edith Nourse Rogers und Corinne Claiborne Boggs, gemalt von Kadir Nelson, Howard Christy und Ned Bittenger.

Das Gesetz, welches diese Ausgabe erlaubte, wurde in den USA «Ego-Act» genannt. Jetzt wurde dem eitlen Treiben ein Ende gesetzt. Das Land spare dadurch eine halbe Million Dollar, heisst es, was verglichen mit gewissen anderen Ausgaben (etwa dem neuen Kampfflugzeug des Pentagons, das 98 Millionen kostet) eigentlich nicht so viel ist. Wären es nur etwas bessere Maler! Aber natürlich klopfen die Politiker fürs Porträt nicht bei einem Künstler an, der aus ihrem Gesicht dann moderne Kunst macht. Nein. Gefragt ist konservative, geradezu biedere Ästhetik. Leider (für die US-Staatsfinanzen) sind Preise von dergestalt malenden Künstlern vom gegenwärtigen Aufwärtssog kaum betroffen.

Bill Clinton präsentiert sein Porträt (noch bevor er ahnte, dass die berühmte Praktikantin als Schatten drin schlummert)

Bill Clinton präsentiert sein Porträt von Nelson Shanks (das war, bevor Clinton ahnte, dass die berühmte Praktikantin als Schatten drin schlummert).

Natürlich hat es an den Wänden des Capitols auch jede Menge historisch relevante Porträts. Malerisch sind sie allerdings kaum besser. Etwa das wirklich kitschige Konterfei von Bill Clinton. Nicht genug, dass es ein furchtbar hässlicher Ölschinken ist, hat der Maler namens Nelson Shanks erst noch eine alberne Anspielung auf Monica Lewinsky auf dem Bild versteckt. Der Schatten über dem Cheminée ist eigentlich unmotiviert und erst noch verdächtig kurvig. Der Maler gestand kurz vor seinem Tod der Presse, dass er in diesem Schatten das blaue Kleid Lewinskys (das er tatsächlich auf einem Kleiderständer ins Zimmer gehängt hatte) abgemalt hatte. Andere Absurditäten verbinden sich mit dem Porträt Arnold Schwarzeneggers, das er immerhin von seinem österreichischen Landsmann Gottfried Hellnwein malen liess. Nach der Trennung von seiner Gattin Maria Shriver liess er einen Knopf am Revers, der ihr Gesicht trug, entfernen.

Die Enthüllungen: Thomas Heiniger und Regine Aeppli vor ihren Abbildern (gemalt von Max Rieser resp. Marc-Antoine Fehr) Photos D. Meienberg, S. Bobst

Die Enthüllungen: Thomas Heiniger und Regine Aeppli vor ihrem Abbild (gemalt von Max Reiser resp. Marc-Antoine Fehr). Photos: D. Meienberg, S. Bobst

Und in der Schweiz? Natürlich lassen sich Schweizer Politiker diese Möglichkeit der Imagepflege nicht entgehen. In Zürich gibt es sogar eine gewisse Entsprechung des amerikanischen Ego-Gesetzes. Begründet wurde es vom Kaufmann Heinrich Wilhelm Schelldorfer 1919. Er hat dem Kanton Zürich 110’000 Franken geschenkt mit dem Ziel, jeden Zürcher Regierungspräsidenten und Bundesrat mit einem Porträt zu verewigen und in die «Ahnengalerie» des Kaspar-Escher-Hauses hängen zu lassen. Einzige Vorgabe war: keine Fotos. Dieses Geld war 2012 aufgebraucht. Da hatte der Maler Marc-Antoine Fehr Regine Aeppli gerade halb fertig. Seither zahlt die Fachstelle Kultur des Kantons immerhin 20’000 Franken pro Porträt, fast gleich viel wie die Amis.

Links wie rechts die gleichen Posen: Alt-Bundesräte Moritz Leuenberger und Christoph Blocher

Links wie rechts die gleichen Posen: Alt-Bundesräte Moritz Leuenberger und Christoph Blocher (Porträts von Bruno Müller-Meyer und Karl Landolt).

Vergeblich sucht man übrigens nach ästhetischen Unterschieden zwischen den politischen Blöcken. Das gewagteste Bild hat bisher der Zürcher Regierungsrat Thomas Heiniger (FDP) von sich selbst bestellt. Wer also erwartet hat, dass aus dem linken Lager besonders mutige ästhetische Vorstösse kommen, sieht sich enttäuscht. Moritz Leuenbergers Bildnis trägt gar Züge des milden sozialistischen Realismus – die knorrigen Hände im Vordergrund könnten von einem Dienstmaler des Arbeiter- und Bauernstaates stammen. Dem ist aber nicht so, der Maler heisst Bruno Müller-Meyer und war Leuenbergers Urlaubsgefährte in Oman. Er hat sich für die Aufgabe empfohlen, indem er sich ebenso über ein unstatthaftes Foto von M. L. in Badehose empört hatte wie der später von ihm Porträtierte. Das hat der Noch-Bundesrat damals, im Oktober 2008, selbst meinen Kollegen vom «Tages-Anzeiger» so erzählt.

Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich fände es schade, wenn es die Tradition nicht mehr gäbe. In den USA heisst es jetzt: Eine Fotografie genügt, man muss nicht grad zum Pinsel greifen. Die nächste Stufe: Sollen doch die Politiker ein Selfie von sich selbst machen! Das Volk spendiert den Selfie-Stick dazu. Ich bin dennoch für Öl. Aber bitte, liebe Staatsdiener, seid doch etwas mutiger und ein bisschen weniger eitel.

Die Abgeordnete XY in den Couloiren des Capitols

Die Abgeordnete Shirley Anita Chisholm schaut mahnend in die Couloirs des Capitols hinein.