Das Ego-Gesetz

Ewa Hess am Dienstag den 9. Februar 2016

«Gebt mir eine Million, und ich mache aus einem Kartoffelsack einen Bundesrat», soll Rudolf Farner bei der Gründung seiner PR-Agentur einst gesagt haben. Das war in den Fünfzigerjahren und klang skandalös. Heute hat man sich an das Phänomen (der Kartoffelsackaufwertung) gewöhnt, an grosssprecherische Ansagen ebenso. Eines bleibt sich aber gleich: Nichts hebt das Ansehen eines Politiker so sehr wie ein gepflegtes Konterfei in Öl.

Private View

Congressmen Everett McKinley Dirksen, Thomas Peter Lantos und Robert C. Byrd (gemalt von Richard Hood Harryman, Laurel Stern Boeck und Michael Shane Neal). Photos: Collection of the US House of Representatives

In den USA wurden sie übrigens gerade verboten. Bisher stand den Kongressmitgliedern die stolze Summe von 25’000 Dollar zur Verfügung, um sich von einem Maler ihrer Wahl in Öl verewigen zu lassen. Sie machten von diesem Privileg rege Gebrauch. Ob Ton in Ton mit dem Pudel (Lantos), voll beschäftigt vor den Akten (Dirksen) oder mit dem Foto der Gattin auf dem Bürotisch  (Byrd) – jeder liess sich pinseln und an die Wand des Capitols nageln. Auch wenn sie nur ganz kurz in Amt und Würden waren – wie etwa der ehemalige Sekretär des Department of Commerce John Bryson. Er diente seinem Land lediglich acht Monate, hinterliess aber den Steuerzahlern für sein Bildnis eine Rechnung von 22’400 Dollar.

Auch die Kongressdamen mögen Porträts: Shirley Anita Chisholm, Edith Nourse Rogers und Corinne Clairborne Boggs, gemalt von Kadir Nelson, Howard Christy und Ned Bittenger

Auch die Kongressdamen mögen Porträts: Shirley Anita Chisholm (die erste Afroamerikanerin im Kongress), Edith Nourse Rogers und Corinne Claiborne Boggs, gemalt von Kadir Nelson, Howard Christy und Ned Bittenger.

Das Gesetz, welches diese Ausgabe erlaubte, wurde in den USA «Ego-Act» genannt. Jetzt wurde dem eitlen Treiben ein Ende gesetzt. Das Land spare dadurch eine halbe Million Dollar, heisst es, was verglichen mit gewissen anderen Ausgaben (etwa dem neuen Kampfflugzeug des Pentagons, das 98 Millionen kostet) eigentlich nicht so viel ist. Wären es nur etwas bessere Maler! Aber natürlich klopfen die Politiker fürs Porträt nicht bei einem Künstler an, der aus ihrem Gesicht dann moderne Kunst macht. Nein. Gefragt ist konservative, geradezu biedere Ästhetik. Leider (für die US-Staatsfinanzen) sind Preise von dergestalt malenden Künstlern vom gegenwärtigen Aufwärtssog kaum betroffen.

Bill Clinton präsentiert sein Porträt (noch bevor er ahnte, dass die berühmte Praktikantin als Schatten drin schlummert)

Bill Clinton präsentiert sein Porträt von Nelson Shanks (das war, bevor Clinton ahnte, dass die berühmte Praktikantin als Schatten drin schlummert).

Natürlich hat es an den Wänden des Capitols auch jede Menge historisch relevante Porträts. Malerisch sind sie allerdings kaum besser. Etwa das wirklich kitschige Konterfei von Bill Clinton. Nicht genug, dass es ein furchtbar hässlicher Ölschinken ist, hat der Maler namens Nelson Shanks erst noch eine alberne Anspielung auf Monica Lewinsky auf dem Bild versteckt. Der Schatten über dem Cheminée ist eigentlich unmotiviert und erst noch verdächtig kurvig. Der Maler gestand kurz vor seinem Tod der Presse, dass er in diesem Schatten das blaue Kleid Lewinskys (das er tatsächlich auf einem Kleiderständer ins Zimmer gehängt hatte) abgemalt hatte. Andere Absurditäten verbinden sich mit dem Porträt Arnold Schwarzeneggers, das er immerhin von seinem österreichischen Landsmann Gottfried Hellnwein malen liess. Nach der Trennung von seiner Gattin Maria Shriver liess er einen Knopf am Revers, der ihr Gesicht trug, entfernen.

Die Enthüllungen: Thomas Heiniger und Regine Aeppli vor ihren Abbildern (gemalt von Max Rieser resp. Marc-Antoine Fehr) Photos D. Meienberg, S. Bobst

Die Enthüllungen: Thomas Heiniger und Regine Aeppli vor ihrem Abbild (gemalt von Max Reiser resp. Marc-Antoine Fehr). Photos: D. Meienberg, S. Bobst

Und in der Schweiz? Natürlich lassen sich Schweizer Politiker diese Möglichkeit der Imagepflege nicht entgehen. In Zürich gibt es sogar eine gewisse Entsprechung des amerikanischen Ego-Gesetzes. Begründet wurde es vom Kaufmann Heinrich Wilhelm Schelldorfer 1919. Er hat dem Kanton Zürich 110’000 Franken geschenkt mit dem Ziel, jeden Zürcher Regierungspräsidenten und Bundesrat mit einem Porträt zu verewigen und in die «Ahnengalerie» des Kaspar-Escher-Hauses hängen zu lassen. Einzige Vorgabe war: keine Fotos. Dieses Geld war 2012 aufgebraucht. Da hatte der Maler Marc-Antoine Fehr Regine Aeppli gerade halb fertig. Seither zahlt die Fachstelle Kultur des Kantons immerhin 20’000 Franken pro Porträt, fast gleich viel wie die Amis.

Links wie rechts die gleichen Posen: Alt-Bundesräte Moritz Leuenberger und Christoph Blocher

Links wie rechts die gleichen Posen: Alt-Bundesräte Moritz Leuenberger und Christoph Blocher (Porträts von Bruno Müller-Meyer und Karl Landolt).

Vergeblich sucht man übrigens nach ästhetischen Unterschieden zwischen den politischen Blöcken. Das gewagteste Bild hat bisher der Zürcher Regierungsrat Thomas Heiniger (FDP) von sich selbst bestellt. Wer also erwartet hat, dass aus dem linken Lager besonders mutige ästhetische Vorstösse kommen, sieht sich enttäuscht. Moritz Leuenbergers Bildnis trägt gar Züge des milden sozialistischen Realismus – die knorrigen Hände im Vordergrund könnten von einem Dienstmaler des Arbeiter- und Bauernstaates stammen. Dem ist aber nicht so, der Maler heisst Bruno Müller-Meyer und war Leuenbergers Urlaubsgefährte in Oman. Er hat sich für die Aufgabe empfohlen, indem er sich ebenso über ein unstatthaftes Foto von M. L. in Badehose empört hatte wie der später von ihm Porträtierte. Das hat der Noch-Bundesrat damals, im Oktober 2008, selbst meinen Kollegen vom «Tages-Anzeiger» so erzählt.

Ich weiss ja nicht, wie es Ihnen geht, aber ich fände es schade, wenn es die Tradition nicht mehr gäbe. In den USA heisst es jetzt: Eine Fotografie genügt, man muss nicht grad zum Pinsel greifen. Die nächste Stufe: Sollen doch die Politiker ein Selfie von sich selbst machen! Das Volk spendiert den Selfie-Stick dazu. Ich bin dennoch für Öl. Aber bitte, liebe Staatsdiener, seid doch etwas mutiger und ein bisschen weniger eitel.

Die Abgeordnete XY in den Couloiren des Capitols

Die Abgeordnete Shirley Anita Chisholm schaut mahnend in die Couloirs des Capitols hinein.

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