«Habe ich nun alle beleidigt?»

Ewa Hess am Dienstag den 3. November 2015

Liebe Leute, ich bin besorgt. Seit Monaten führt die Zeitschrift «The Art Newspaper» die Umfrage unter den prominenten Kuratoren und Künstlern durch. Die Frage: Wozu dient Kunst? Ich las das bisher nicht, denn (Sie kennen mich vielleicht schon ein bisschen), Definitionshuberei interessiert mich weniger als lebendige Kunst. Da ich aber heute etwas Zeit hatte, schaute ich in die Serie hinein und bin echt erschrocken. Diese Menschen – lauter ernst zu nehmende Kuratoren und Kunstkenner – schlagen Alarm. Es geht ihnen auch gar nicht um die Definitionsfrage an sich, sondern um den aktuellen Zustand des Kunstbetriebs.

Neil McGregor, der Direktor des British Museum, schreibt, dass es erst der brutalen Zerstörungen im Irak und in Syrien bedurft habe, um uns den Sinn der grossen Kunstdenkmäler vergangener Zeiten ins Bewusstsein zu rufen, deren Ruf durch die Aufklärung ramponiert gewesen sei.

Chris Dercon, der zurücktretende Chef der Tate Modern, stellt nüchtern fest, dass die steigenden Preise der Kunstwerke nicht von einer Steigerung ihres gesellschaftlichen Werts begleitet worden seien (er wechselt bald folgerichtig in die Theaterbranche nach Berlin. Mal sehen, ob er dort den kulturellen Einfluss ausüben kann, den er in der von vier Millionen Menschen jährlich besuchten Tate Modern nicht konnte).

Der chinesische Künstler Xu Bing vergleicht Kunst mit einem Tumor – der durch sein Wachstum den krankhaften Zustand des Gesamtorganismus offenbart (!).

Und der italienische Nobelpreisträger Dario Fo sagt, dass unsere gegenwärtige Kultur in Desinformation gründe. Dass eine Leere, eine Langeweile, ein Mangel an Involviertheit herrschten und vor allem die Unlust, etwas wirklich Neues zu entdecken.

Der Klagechor: Neil McGregor, Chris Dercon, Xu Bing, Robert Storr, Dario Fo

Der Klagechor: Neil McGregor, Chris Dercon, Xu Bing, Robert Storr, Dario Fo.

Einer hat aber dem Ganzen die Krone aufgesetzt: Der amerikanische Kurator und Kunsthistoriker Robert Storr. Der ehemalige Chef der 52. Biennale in Venedig, heute 66 Jahre alt, hat einen apokalyptischen Text verfasst, dunkel und ehrlich wie ein schwarzer Diamant. Ich habe ihn hier übersetzt. Lesen Sie ihn selbst:

«Wie noch nie wird Kunst von allen Seiten bedrängt.

Von einer Seite greifen sie brutale ideologische Bilderstürmer an. Die Taliban und die Isis sind nur die schlimmsten unter ihnen. In ihrem Gefolge die Marodeure, sie plündern die archäologischen Stätten, Landhäuser und Kirchen. Diese «bad guys» tragen Schwarz (Turbane, Masken, Helme, geschneiderte Anzüge).

Andere tragen Weiss. Sie «machen es richtig, um Gutes zu tun». Dabei lieben sie die Kunst zu Tode. Angeführt wird diese Truppe von den Oligarchen aller Art, die Trophäenkäufe von den Messen in die Freihafenlager verfrachten und von dort in Privatmuseen und wieder zurück in einer Art Perpetuum mobile des unsichtbaren Kapitalüberflusses. An ihnen kleben die Schmeichler, die sie «inspirieren», und «Berater», die ihre Transaktionen schmieren. Dicht gefolgt von einer Armee von Kunsthändlern, Auktionatoren und Mittelsmännern (-frauen) diverser Couleur, welche die Eigenschaften der Kunstwerke – und ihre Preise – unermüdlich aufschäumen.

Danach folgt das Feld des Nonprofitvolks. Staatlich besoldete und im Privatsektor eingenistete Kulturbürokraten, Museumsdirektoren Kuratoren und Pädagogen, Biennalen-Wiederholungstäter, die einen nimmer endenden Zyklus von Ausstellungen, Bühnenevents, Kommissionen und Interventionen ausrollen und damit nolens volens die Aktien des gerade Angesagten manipulieren. Masslos produktiv, sind diese Kulturfabrikanten auch ihr eigenes Kulturproletariat.

In einer losen Formation, Tinte spritzend, digital schnaufend, erscheint danach ein Schwarm von Journalisten, Kritikern und Wissenschaftern. Sie bieten Sprache und Ideen feil, kommentieren am Laufmeter das Fortschreiten des Desasters und stellen mit ihrem Getöse sicher, dass ein bombastischer Diskurs über jedes Engagement und jede Einsicht triumphiert.

Habe ich nun alle beleidigt? Ich hoffe es. Muss ich mich entschuldigen? Nein, weil nur einer, der mittut, die anderen Mitläufer auch erkennen kann. Wir sind alle für dieses Unglück verantwortlich, sind alle schuldig, diese Monster geschaffen zu haben und selber zu Monstern geworden zu sein. Jeder, jede von uns hat in seiner eigenen Weise dazu beigetragen, dass ein authentisches Erleben von Kunst fast unmöglich erscheint, dass es uns selbst nicht möglich ist, eigene Gedanken und Gefühle zu erforschen, ohne zu erschrecken, ohne Wut oder Ekel zu empfinden, ohne sich der eigenen Mittäterschaft bewusst zu werden. Wir müssen dieses Karussell anhalten. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, auf das ästhetische Äquivalent des hippokratischen Eids zu schwören: vor allem dem Patienten keinen weiteren Schaden zuzufügen.»

Lauter Monster und Missgeburten: Antonius-Altar (Detail) von Hieronymus Bosch

Lauter Monster und Missgeburten: Antonius-Altar (Detail) von Hieronymus Bosch.

Wow. Ist es wirklich so schlimm? Andererseits: Das Dunkle, Grandiose des Textes empfinde ich persönlich als tröstend. Man kann dieses Schlachtgemälde direkt vor seinem geistigen Auge sehen: die Bösewichte in Schwarz und die Pharisäer in Weiss, um sie herum die schnaufenden Tintenspritzer, die schmierigen Aufschäumer. Eine herrliche Dystopie, in der keiner von Schuld frei ist. Als wäre es ein Gemälde von Hieronymus Bosch.

Das ist eben das Gute an der Kunst: Auch wenn sie die Hölle ausmalt, berührt sie manchmal den Himmel.