Die Wahrheit über Jenny

Ewa Hess am Dienstag den 14. Oktober 2014

Liebe Leserin, lieber Leser! Die Ausstellung «Egon Schiele/Jenny Saville» im Kunsthaus Zürich ist ein starker Tobak. An der Vernissage standen viele Menschen leicht ratlos vor Jenny Savilles Riesenweibern. Oder besser: Sie sassen. Vom grossen Fleisch bedroht, musste sich der eine oder die andere setzen. Jenny Saville selbst, eine kleine resolute Schottin, ging auf leisen Sohlen zwischen den Bildern umher, von den meisten als die Urheberin der fleischfarbenen Ungetüme unerkannt. (Unbedingt lesenswert in diesem Zusammenhang ist die Besprechung meiner Kollegin Paulina Szczesniak hier – sie malt in ihrem Text wunderbar mit Worten.)

Was: Ausstellung «Egon Schiele/Jenny Saville»
Wo:
Kunsthaus Zürich
Wann: Vernissage am Donnerstag, dem 9.10.2015, Ausstellung bis 25. Januar

Seit Charles Saatchi damals 1991 die junge Malerin Jenny Saville mit einigen anderen britischen Künstlerinnen und Künstlern zu einer «Bewegung» zusammengeschweisst hat (Sie wissen schon, die young british artists, die YBAs), habe ich mir selbst immer wieder Fragen über sie gestellt. Hier einige Antworten – so etwas wie meine Wahrheit über Jenny. Die Ihre finden Sie nur auf eine Art heraus: indem Sie die Ausstellung anschauen.

Jenny Saville, Porträts aus den Serien «Red Stare», «Stare» und «Bleach»

Jenny Saville, Porträts aus den Serien «Red Stare», «Stare» und «Bleach».

Sind ihre Bilder schön?

Ja. Vor allem die früheren Fleischberge oder die zerschundenen Porträts sind doch unwiderstehlich, finden Sie nicht auch? Diese suggestiv gemalten Brustwarzen, die prallen Bäuche, die schimmernde, atmende, verletzliche Haut sind für mich eine grossartige Antwort auf die Abgeklärtheit von Lucian Freuds dicken Nackten. Der Kurator Oliver Wick hat an der Pressekonferenz gesagt, er hätte sich zunächst überlegt, Lucian Freud zu Schiele zu hängen, sich dann aber für Saville entschieden, weil ihre Werke «leichter» seien. Ist Freud schwer und Saville leicht? Vielleicht in dem Sinn, dass bei Saville das Leben pulsiert; man meint, diese Leiber atmen zu sehen. In Freuds Nackten entdeckt man vor allem das, was sein Grossvater Sigmund «die Realitätskränkung» nannte. Der Körper ist, was er ist. Punktum. (Aber vielleicht waren Savilles Werke für die Ausstellung einfach nur leichter zu bekommen, kann ja auch sein.)

Blicke auf Werke »Ruben's Flapp», «Fulcrum» sowie (rechts): Dank der österreichischen Grosszügigkeit knallen an einer Vernissage im Kunsthaus wieder Korken. Österreich hat den grünen Veltliner und Liptauer-Schnittchen gespendet

Blicke auf die Werke «Ruben’s Flapp» und «Fulcrum». Rechts: Dank der österreichischen Grosszügigkeit knallen an einer Vernissage im Kunsthaus wieder einmal die Korken. Österreich hat den Grünen Veltliner und Liptauer-Schnittchen gespendet.

Ist Jenny Saville ein «Machwerk» von Saatchi und Gagosian?

Nein. Und ja. Natürlich braucht jeder Künstler Unterstützung. Und ich bin dieses Geschnöde über Saatchi irgendwie satt. Man muss sich das vorstellen, damals. Keine Subventionen, eisiger Thatcherismus und das traditionsbewusste England, in dem der gerechte Bürger (bis heute übrigens) bei jeder Erwähnung der zeitgenössischen Kunst sofort einen Protest-Menschenteppich veranstalten möchte. Und dann kam so einer wie Saatchi und sagte der Künstlerin: «Mach, was du für richtig hältst.» Jenny Saville erzählt das selber: Sie wohnte damals in Glasgow und fühlte sich selbst in der eigenen Familie so unverstanden, als ob sie vom Mars käme. Und Saatchi zahlte ihr Leinwand, Farbe, und war bedingungslos unterstützend, ermunterte sie zu den grossen Leinwänden, kaufte ihr alles ab und liess es unbesehen nach London schicken. Natürlich ist Saatchi ein Werber und keine so super zarte Natur, dafür hat er das Herz auf dem richtigen Fleck! Er hat mit Kunst viel Geld gemacht? Na und? Machs nach – das ist schon in die Fassade des Berner Münsters eingemeisselt.

Jenyy Saville vor ihrem Selbstporträt «The Mothers», Blick in den Saal, Vernissagenbesucher legen eine Ruhepause ein

Jenny Saville vor ihrem Selbstporträt «The Mothers», Blick in den Saal, Vernissagenbesucher legen eine Ruhepause ein.

(Über Gagosian lasse ich mich ein anderes Mal aus. Nur so viel: Galeristen, die ich mag, mögen den nicht. Von mir aus könnte Jenny S. den Galeristen wechseln. Gemacht hat er sie aber auch nicht, denn Gagosian nimmt lieber die schon Gemachten in sein Programm).

Dr. Elisabeth Leopold (links),  ein Blick auf Savilles «Rosetta II»,  Oliver Wick (vor Schieles «Tod und Mädchen»)

Dr. Elisabeth Leopold (links), ein Blick auf Savilles «Rosetta II», Oliver Wick (vor Schieles «Tod und Mädchen»)

Sind Schiele und Saville eine gute Paarung?

Kollege Samuel Herzog von der NZZ schreibt etwas von Zwieback und Sahne, und lässt keinen Zweifel daran, was er von einer solchen Kombination hält. Andererseits war der Galerist Etienne Lullin (Lullin + Ferrari) restlos überzeugt. Was zeigt, dass auch äusserst kritische Geister einer solchen ungewöhnlichen Gegenüberstellung etwas Besonderes abgewinnen können. Mir wäre Schiele allein genug. Oder Saville allein. Mir sind die beiden aufs Mal zu viel. Aber zu viel ist manchmal auch gut. Ich habe mir erlaubt, Dr. Elisabeth Leopold, die Gründerin der Wiener Stiftung Leopold, die an der Vernissage dabei war, danach zu fragen, ob ihr die Ausstellung gefällt. Schliesslich hat sie dem Kunsthaus «ihren Schiele», wie es Wick an der Pressekonferenz ausplauderte, überlassen. Die für ihre Direktheit bekannte Wienerin (die 88-jährige Augenärztin hat mit ihrem Mann Rudolf Leopold die berühmte Sammlung aufgebaut) hat mich leicht strafend angesehen und geantwortet: «Ich muss vorsichtig sein.» Das Kunsthaus war mit der Paarung unvorsichtig, sprich wagemutig. Allein das ist in meinen Augen schon eine grosse Tugend.

2 Kommentare zu “Die Wahrheit über Jenny”

  1. f. konrad sagt:

    savilles malerei ist fotografie, effekt, ein filter bei photoshop.

  2. Rolf Inhauser sagt:

    Salut Ewa, einen herzlichen Gruss nach so vielen Jahren. Du erinnerst Dich? Chateau de Mur mit Gachnang. Dein farblich polnisches Essen. – Bin auch Deiner Meinung was die Paarung Schiele/Saville betrifft. Ciao, Rolf