Ein grosser Knall

Ewa Hess am Donnerstag den 4. September 2014

Der Sommer, liebe Leserinnen und Leser des Private-View-Blogs, war, wie er war. Wer zu Hause geblieben ist, verbrachte die Tage eh in den Museen. Und das ist ganz gut so, denn nichts macht so sehr Lust auf gute Kunst wie gute Kunst. Willkommen zur neuen Saison! (English version here)

Wo: Zürich
Wann: Freitag, 29. August
Was: Saisonstart der Galerien

Es geht los! Selfie vor dem Löwenbräu (links) Ein Objekt von Slavs and Tatars in der Kunsthalle, die schmale Löwenbräu-Treppe
Es geht los! Gedränge auf der Löwenbräu-Treppe (links), ein Objekt von Slavs and Tatars in der Kunsthalle (Mitte), Doppelselfie vor dem Löwenbräu.

Ab Mittwoch gab es in Zürich jeden Abend Eröffnungen, es ging Schlag auf Schlag und man musste gut in Form sein, um der heissen Kunstspur folgen zu können. Ich war aus dem Häuschen, weil eine meiner Lieblingskünstlerinnen in der Stadt war: Judith Bernstein. Mehr über sie und ihre tolle Schau bei Karma International später, doch sie war unter anderem der Grund, weshalb dieser Saisonstart so oversexed ausgefallen ist. Meine Herrschaften, all diese Körperteile und Stellungen und Entblössungen … Nicht nur Judith, die man als einen weiblichen Homer der Genitalien bezeichnen kann, war da, sondern auch noch Dorothy Iannone im Migros-Museum, die Bardin der Liebe in allen ihren Verrenkungen. Auch Peter Hujar bei Mai 36 dürfen wir nicht vergessen. Ja, wenn Bernsteins Genitaliendarstellungen etwas Heroisches an sich haben, Iannones sexy Zeichnungen Märchen aus 1001 Nacht erzählen, sind Hujars Nackte wie Sonette – melancholisch und kraftvoll zugleich.

«Organsmic Man» von Peter Hujar (links), Judith Bernsteins Werk "Birth of Universe: Gold Cunt" (2013, Mitte); «I Was Thinking of You» (1975) von Dorothy Iannone
«Orgasmic Man» von Peter Hujar (links), Judith Bernsteins Werk «Birth of Universe: Gold Cunt» (2013, Mitte); «I Was Thinking of You» (1975) von Dorothy Iannone.

Am Freitag war im Löwenbräu die Bude voll. All den Unkenrufen zum Trotz, welche prophezeiten, dass es nach dem Umbau nie mehr «so wie früher» sein werde. Klug, dass die Architekten die Haupttreppe des Gebäudes genau so schmal belassen haben, wie sie früher war. Auch Vernissagenbesucher sind Herdenvieh, so ein Leib-an-Leib-Körperkontakt beim Auf- und Niedersteigen stärkt den Gemeinschaftssinn.

Die meisten haben sich zwar schon am Vorabend getroffen. Zum Beispiel bei Peter Kilchmann, wo Fabian Marti ganz neue Wege geht und zu Polyester greift. Das Material, das so sauber, glänzend und appetitlich im Endzustand aussieht, muss bei der Verarbeitung – Marti goss es für seine Objekte in Formen – recht eklig sein. Klebrig und stinkig. Wie die Ursuppe! Darum wimmelt es vielleicht in Martis «Eiern» und «Vide-poches» nur so von Wiedergeburts- und Fruchtbarkeitssymbolen. Aber vielleicht ergibt sich diese Inspiration auch aus einer biografischen Koinzidenz. Denn der bärtige Glückspilz heiratet in wenigen Wochen die schöne Karolina Dankow, Co-Gründerin von Karma International.

Künstler Bruno Jakob und Galerist Peter Kilchmann in der Ausstellung «All is All» (links), Fabian Marti vor seinen Werken «Many Ouroboroi Magenta and Blue» (Mitte), Marina Olsen und Karolina Dankow von Karma International mit dem Sammler und Art Broker Manuel Gerber
Künstler Bruno Jakob und Galerist Peter Kilchmann in der Ausstellung «All is All» (links), Fabian Marti vor seinen Werken «Many Ouroboroi Magenta and Blue» (Mitte), Marina Olsen und Karolina Dankow von Karma International mit dem Sammler und Art Broker Manuel Gerber.

Aber eben, von Karma und ihrer Judith Bernstein wollte ich eigentlich erzählen. Mir ist die New Yorkerin, die damals noch nicht ganz 70 Jahre alt war, an einer Ausstellung bei Hauser & Wirth aufgefallen. Die Tochter des kalifornischen Künstlers Paul McCarthy, Mara, zeigte damals US-Positionen aus den 70er-Jahren. Auf die hat sie ihr Papa aufmerksam gemacht, der damals der Unangepassteste unter den Unangepassten war, heute aber sehr, sehr berühmt ist und sehr, sehr teuer verkauft, sodass er sich jede freche Geste erlauben kann («Don’t bring the kids», schrieb die «New York Times» 2013 anlässlich seiner grossen Schau). Dass er sich an seine weniger erfolgreichen Weggefährten erinnert hat und seine Tochter ihnen eine Ausstellung ausgerichtet hat, ist eigentlich sehr schön und stärkt den Glauben ans Gute in der Welt. Und jedenfalls in dieser Schau, die den Titel «The Historical Box» trug, hing das Ding – ein monumentaler Penis, in schwarzer Kohle, obsessiv mit kreisenden Linien hingeschmiert, realistisch und surreal zugleich. Man konnte nicht wegschauen. Per Zufall sass ich damals am Abend in der Kronenhalle neben der Künstlerin, die ihn gemalt hat: Judith Bernstein. Auf den Ausdruck meiner Bewunderung hin lächelte diese und sagte ganz trocken: «Die Ausstellenden haben ein Glück, ich habe ihnen die Ausstellung gerockt.»

Judith Bernstein, muss man dazu wissen, war in den wilden Siebzigern eines der aufstrebenden Jungtalente mit Potenzial zum Weltruhm. Kühn, begabt und engagiert, entwickelte sie einen kraftvollen Malstil von grosser Originalität. Ihre Bilder von damals sind wütend. «Fuck Vietnam» oder «Jackoff Flag» schrieb sie unter Darstellungen, zu welchen sie Toilettenzeichnungen aus Herrentoiletten inspirierten. Schon damals gab es in ihren Bildern viele Schwänze. «Fun gun» nannte sie eines, und drückte damit nicht nur die Wut auf die männlich dominierte Machtpolitik, sondern auch das Selbstbewusstsein der weiblichen Begierde aus.

Judith Bernstein in den 70-er Jahren (links, vor ihrem Werk «Horizontal Plus #3»), Bernstein-Gemälde «Jackoff Flag von 1975», Judith heute mit der Sammlerin Gitti Hug
Judith Bernstein in den 70er-Jahren (links, vor ihrem Werk «Horizontal Plus #3»), Bernstein-Gemälde «Jackoff Flag» von 1975, Judith Bernstein heute mit der Sammlerin Gitti Hug.

Ende 2011 besuchte ich die Künstlerin in ihrem Atelier in New York. Mitten in Chinatown war das, zuoberst in einem Haus, das in der Schweiz als baufällig gelten würde. Riesige Räume, beinahe ungeheizt, vollgestellt mit alten Möbeln. An den Wänden, unter den Sofas, in riesigen Regalen und einfach überall waren diese Leinwände und Kohlezeichnungen – grossartigste, leuchtendste, expressivste, schlicht wunderbarste Werke. Judith Bernstein, langbeinig und voller jugendlicher Energie, verscheuchte Katzen, die dort mit ihr in grosser Zahl wohnten, zeigte mir die Werke und lachte sich halb kaputt über das Leben, das sie fast ein halbes Jahrhundert als Zeichnungslehrerin geführt hatte – «Can you imagine? Thousands and thousands of slow pupils!» Damals begann es gerade gut zu laufen für sie. Danach kam alles aufs Mal: Grosse Einzelschau im New Museum, Gavin Brown Gallery, ICA London, Studio Voltaire

Wie konnte man eine Malerin von diesem Format alle diese Jahre übersehen? Ein Mysterium. 1974 fand in Philadelphia eine Ausstellung feministischer Kunst statt, «Women’s Work». Als die Kuratoren, ein Mann und eine Frau, Judith Bernsteins «Horizontal» sahen, dieses Monster von einem schwarzen Phallus, hängten sie das Werk sofort ab. Proteste von Louise Bourgeois und Clement Greenberg halfen nicht. An der Eröffnung liefen alle mit einem Button herum, auf dem stand: «Where’s Bernstein?» Gute Frage. Die für alle die Jahre danach ihre Gültigkeit behielt.

Sie war zwischen den Fronten. Den Feministinnen waren ihre Symbole vielleicht zu männlich. Und den Männern wars ungeheuer, dass ein selbstbewusstes Mädel aus New Jersey sich ihres besten Stücks so kühn bemächtigte. Doch jetzt sieht man endlich die Kraft, die in ihrem Werk steckt. Witzig und todernst, mit psychologischem Subtext und enormer Ausdruckskraft. Sie hat nie aufgehört, obwohl der Mainstream sie alle die Jahre geflissentlich übersah. Wie sagt sie das selber? «It’s political. It’s sexual. And it’s right in your face.»

Die chinesische Sammlerin Gina Kuan mit Art Consultant Thomas Stauffer (links), Künstlerin Mia Marbach, Galerist und Künstler Mitchell Anderson und Jungkuratorin Lola Kramer vor Bernsteins Werk «Birth of the Universe #2» (Mitte), Wirtschaftsjournalist Beat Schmid vor «Gold Cunt»
Die chinesische Sammlerin Gina Kuan mit Art Consultant Thomas Stauffer (links), Künstlerin Mia Marfurt, Galerist und Künstler Mitchell Anderson und Jungkuratorin Lola Kramer vor Bernsteins Werk «Birth of the Universe #2» (Mitte), Journalist Beat Schmid vor «Gold Cunt».

An der Vernissage am Freitag bei Karma waren auch Sammler äusserst angetan. Manuel Gerber (der Neffe des legendären Berner Sammlers Toni Gerber) und auch die Juristin Gitti Hug (verwandt mit Musik Hug) schauten Bernsteins alte Penisse und neue Vaginas mit begehrendem Blick an. Wenig Wunder! In den neueren Werken, in welchen Judith Bernstein nun mit leuchtender Begeisterung auch das weibliche Genital feiert, spiegelt sich das Universum: die Milchstrasse, die Galaxien, das Phänomen des Big Bang. Man fällt in diese Bilder hinein wie in kosmische Tiefen, in welchen atomangetriebene künstlerische Schaffenslust spielend Lichtjahre der Mühsal überwindet. Prima Anfang für die Kunstsaison: Päääääääng!

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