Manetas und die Monetas

Ewa Hess am Dienstag den 27. Mai 2014

Wo: Galerie Plutschow & Felchlin an der Waldmannstrasse 6 in Zürich
Wer: Miltos Manetas
Bis: 19.7.

Die Griechen! Ein wehrhaftes Volk. Der künstlerische Parcours von Miltos Manetas gleicht einer Geschichte von Homer: eine endlose Suche im Labyrinth des Lebens. Kaum findet Mr. Manetas etwas (das Glück, den Erfolg oder auch nur eine freundlich gesinnte Galerie), gehört es alsbald weggeworfen. Denn wo die Suche den Sinn darstellt, ist ein Finden nicht vorgesehen. An der Vernissage bei Plutschow & Felchlin am Freitag sitzt der Künstler im hintersten Raum der Galerie und skypt mit seiner Familie. Freundin Catalina und Tochter Alpha sind vor einiger Zeit nach Kolumbien abgehauen. Konzentriert, ernst, entrückt hängt Manetas während der ganzen Vernissage in einer endlosen Internetkonversation, die auch Performance ist. Hinter ihm hängt ein Gemälde: Selbstporträt des 50-jährigen Künstlers – als Kabelsalat.

Skype-Performance von Miltos Manetas: Der Künstler ist «connected»

Skype-Performance von Miltos Manetas, 50: Der Künstler ist «connected».

Einst stand Manetas, ein Pionier der Internetkunst, in der Sonne des Künstlerglücks. Vanessa Beecroft, die US-italienische Performance-Künstlerin, teilte mit ihm das Leben sowie die Gunst der mächtigen Gagosian-Galerie. Beecroft, man erinnert sich, war eine Dompteurin von Massenperformances, in welchen die schönsten Frauen – mit wenig bis nichts bekleidet – die grossen Museumssäle und Fotostrecken von berühmten Modemarken bevölkerten wie schmucke Aliens eine kalte Zukunftswelt. Doch dann wollte Beecroft Kinder, Familie, ihr, der herrischen Kunstdomina mit grosser Gegenwart und prophezeiten Glanzzukunft, wars plötzlich nach spiessigem Bürgerglück. Da hat sie aber die Rechnung ohne den stolzen Griechen gemacht. Miltos sagte nein, Beecroft fand einen anderen. Anstatt einer Armee wohlgewachsener Nackedeis dirigiert sie jetzt einen Hauskosmos voller Windeln, liegen gelassener Spielzeuge und anderer Requisiten des Glücks (die letzte Performance auf ihrer Website datiert von 2010).

Performance von Vanessa Beecroft (2000), die von Dolf Schnebli umgebauten  Räume

Performance von Vanessa Beecroft (2000), die von Dolf Schnebli umgebauten Räume

Andere Galerien, andere Frauen kamen. Manetas machte unterdessen aus Videogames Kunst, gründete eine Internetseite, auf der jeder so malen konnte wie Jackson Pollock, und rief eine neue Kunstrichtung ins Leben, die sich NEEN nannte. Es ging darum, einfach voll und ganz, im Jetzt, im Moment, da zu sein. Er war bei Almine Rech, der berühmten Pariser Grande Dame der zeitgenössischen Kunst. Angewidert vom wilden Treiben des Kunstmarkts wagte Advocatus Diaboli Manetas ein Experiment: Mme Rech sollte ihm eine horrende Vorschusssumme zahlen. Sie hatte sie nicht. Er ging. Auch bei der Galerie Yvon Lambert blieb er nicht lange. Als Freundin Catalina ihm ein Töchterchen gebar, wurde er kurz schwach. Liess er sich doch vom Glück korrumpieren? Da half ihm Catalina, indem sie das Kind unter den Arm packte und in ihr Heimatland Kolumbien zurückfuhr – dort konnte sie die Kindsbetreuung besser organisieren. Miltos blieb in Rom.

Der Galerist und Vernissagengästen: Anwalt Christoph von Graffenried, Künstlerin Eugenia Burgo, Grafikdesignerin Karin Erdmann

Der Galerist und seine Gäste (von links): Roman Plutschow, Anwalt Christoph von Graffenried, Künstlerin Eugenia Burgo, Grafikdesignerin Karin Erdmann.

Die Verbindung Manetas mit Plutschow & Felchlin scheint gut zu passen. Die Ausstellung in den grossartigen Räumen, welche der Schweizer Architekturstar Dolf Schnebli 1995 für seine Frau Jamileh Weber umbaute und die Grösse und Souveränität ausstrahlen, funktioniert nach dem Prinzip des Kontrasts. Die disparate, zerstückelte, atemlose Kunst Manetas’ zeigt sich verwundbar und lebendig inmitten der Schweizer Beständigkeit und Qualität. Die Galeristen Roman Plutschow (ex Gmurzynska und ex Christie’s Deutschland) sowie Joe Felchlin (ex Art Felchlin, ein Spross der Schwyzer Schokolade-Dynastie Felchlin) sind schon die zweite Nachfolgemannschaft an der Waldmannstrasse 6, wo Jamileh Weber als Pionierin der zeitgenössischen Kunst in Zürich amtete, bis sie 2012 entnervt das Tuch warf. Ivo Kamm, der als Galerie-Newcomer überraschenderweise nach ihr die Räume bezog, blieb nicht lange, er zog im November 2013 in die Villa der Künstlerin Ursula Hodel an der Bellerivestrasse 10, wo er jetzt einen Kunstsalon betreibt. (Ich höre gerade, auch dort zieht er wieder aus. Die Räume sind auf den Sommer gekündigt). Plutschow und Felchlin wünscht man einen etwas längeren Aufenthalt an der edlen Adresse unweit von Kunsthaus und Niederdorf. Was die Miete dieser Räume kostet, traut man sich schon fast nicht zu fragen.

"Blackberry»-Painting, präsentiert von Nora, Selbstporträt des Künstlers als Kabelsalat

«Blackberry»-Painting, präsentiert von Nora, Selbstporträt des Künstlers als Kabelsalat.

Was die Manetas-Bilder kosten, steht auf der Preisliste, auch wenn man sich manchmal auf die Preise keinen Reim zu machen vermag. Sie sind, erklärt mir Joe Felchlin, nach persönlicher Bedeutung der Werke für den Künstler gestaffelt. Es gibt kleine Fotowerke für 500 Franken, grössere Leinwände für 12’000 Fr., und dann wieder ein Bild für 40’000. Das innovativste ist wohl das sogenannte Blackberry-Painting. Das ist eine Aufnahme von den schlafenden Catalina und Alpha, die der Künstler mit einem verträumten Pinsel vor der Blackberry-Kamera in der Luft «nachmalt». Dieses komplexe, wenn auch nicht besonders auffällige Werk, wird zu 25’000 Franken angeboten. Das Blackberry gibt es dazu. Nur blöd, dass die Schweiz ein iPhone-Land ist.

«Baustellen-Dinner» in der Galerie

«Baustellen-Dinner» in der Galerie

Nach der Vernissage gibt es ein «Baustellen-Essen». Das habe sich der Künstler so gewünscht, und die beiden Galeristen gehorchten auf kreative Weise. Ein kunstvoll, doch sichtbar provisorisch zusammengezimmerter langer Tisch, gekrönt von einem Baumzweig, wird in die Galerie reingestellt, und köstliche Pasta vom nahe gelegenen Comestibles Tschingg kommt in handlichen Essschachteln auf den Tisch. Die Gespräche drehen sich um die Wohltätigkeit, denn am Tisch sitzt auch der Künstler Noritoshi Hirakawa, der Gründer der «Today is the day»-Stiftung, die sich um kranke Kinder von Fukushima kümmert. Am Vortag fand in der nahe gelegenen Galerie Mai 36 eine Versteigerung der Kunstwerke für die Stiftung statt und Noritoshi muss der Schweiz in Sachen Wohltätigkeit ganz schlechte Noten ausstellen. Spendabel waren nur die Künstler – etwa Pipilotti Rist, die nicht nur ein Werk spendete (eine ihrer Unterhosen-Lämpchen), sondern auch eins erwarb. Dabei gab es lauter Schnäppchen, sagt Noritoshi, etwa einen echten Lawrence Weiner für 9000 Franken.

Künstler und Philanthrop Noritoshi Hirakawa, Galerist Joe Felchlin

Galerist Joe Felchlin, Künstler und Philanthrop Noritoshi Hirakawa.

Jamileh Webers Präsenz ist immer noch spürbar, auch wenn die Galeristin selbst nicht anwesend ist. Seit einigen Wochen ist ihr neuer Schauraum an der Wühre 3 offen. Sie zeigt dort Werke von Robert Rauschenberg und Samaras. Als die Gesellschaft um Mitternacht die Räume verlässt, hat der angekündigte Regen noch nicht eingesetzt. Manchmal braucht es zum Glück so wenig.

12 Kommentare zu “Manetas und die Monetas”

  1. Joe Felchlin sagt:

    Toller Bericht Ewa Hess!

    Mir persönlich gefällt Ewa Hess’s Schreibstiel sehr gut, vorab wie Sie die Dinge betrachtet und analysier. Kurzum auf den Punkt gebracht. Einfach klasse bitte weiter so.

  2. Octavian Alexander Huon sagt:

    Ich hab Ihren Artikel erst nach Verfassen meines Kommentars fertig gelesen und den Hinweis auf Frau Weber erst spaet entdeckt. Sagen Sie mir bitte wer Samaras ist? Lucas Samaras?

    Wenn Sie bei Beecroft von “spiessigem Buergerglueck” sprechen, weil sie Kinder wollte und hervorheben, dass in Beecroft’s Werk Frauen unbekleidet oder leicht bekleidet sind, dann klingen Sie wie eine Frau, die die Vierzig ueberschritten hat, nicht so schlank ist wie die Frauen in Beecroft’s Werk und die keine Kinder hat und das vielleicht bereut.

    • Ewa Hess sagt:

      Lieber Leser, wie uncharmant, Ihr Kommentar. Weit davon entfernt, mich mit irgendjemanden zu messen oder ihm vorzuschreiben, wie sein Glück auszusehen hat, wähle ich meine Worte im Satzkontext. Also lesen Sie den Satz, falls Sie mögen, nochmals. Was Jamileh Weber anbelangt, so war sie immer aktiv, auch ohne einen Galerieraum. Nun hat sie das Lokal an der Wühre 3. Wie lange sie es noch betreiben will, hat die Galeristin noch nicht entschieden – ich habe mit ihr gesprochen. Sie plant auch, Ausstellungen in anderen Weltstädten zu präsentieren. Wegen den Öffnungszeiten sollten Sie sich mit der auf der Website http://www.jamilehweber.com angegebenen Kontaktnummer in Verbindung setzen – sie sind unregelmässig.

      • Octavian Alexander Huon sagt:

        Frau Weber ist/war doch wie vom Erdboden verschluckt verschwunden. Als “aktiv” geblieben wuerde ich das nicht bezeichnen, Sie schon? Diese Einschaetzung entspricht der Sichtweise von Protagonisten, von denen ich annehme, dass sie den Markt doch recht gut kennen.

        • Ewa Hess sagt:

          Sie hat weiterhin auf dem Kunstmarkt Geschäfte getätigt und die ihr anvertrauten Künstler vertreten. LG EWH

  3. Octavian Alexander Huon sagt:

    Geschaetzte Autorin

    Jamileh Weber ist doch wieder aktiv? Die neue Gallerie ist hinter dem Muensterhofplatz. So steht es zumindest angeschrieben dort. Die aktuelle Show soll bis Ende Juni dauern (gemaess Jamilehweber.com). Allerdings ist der potenzielle Besucher an der Wuehre mit geschlossenen Raeumlichkeiten konfrontiert, wenn er die Show sehen will.

  4. Berner Bürgerin sagt:

    Toller Artikel über die manchmal etwas schalen Abläufe in den Institutionen zeitgenössischer Kunst.