Ja zur Faulheit

Ein tolle Sache, die neue Volksinitiative, die letzte Woche lanciert wurde. Sie fordert ein garantiertes Grundeinkommen für alle: Genauer gesagt, jeder Schweizer soll 2000 bis 2500 Franken pro Monat erhalten – ohne Bedingungen. Man will sozusagen nicht mehr aus der Arbeit, sondern aus der Faulheit den Massstab für unsere Gesellschaft machen. Warum auch nicht?

Auf politischer Ebene gleicht diese Initiative einem Sack Juckpulver: Sie teilt bereits die Linke und macht die Rechte schlicht sprachlos. Die Idee einer staatlichen universellen Umverteilung des Geldes löst in der Schweiz, wo der Wert der Arbeit stets hochgehalten wird, unvermeidlicherweise einen Schock aus. Arbeit ist der Stolz der Nation und die Quelle des Wohlstands, den der Gott von Zwingli und Calvin den Gerechten gewährt. Sie ist der Leuchtturm, der uns den Weg zeigt in einem Europa, das von wirtschaftlichen Stürmen heimgesucht wird. Vor diesem Hintergrund vermag diese Initiative nur zu irritieren.

Soll das Grundeinkommen einem ermöglichen, den spannenden Job zu finden, der es theoretisch jedem erlaubt, sich selbst zu verwirklichen?

Jeff Bridges und John Goodman im Film The Big Lebowski.

«Das Recht auf Faulheit» war ein Anspruch von Paul Lafargue, der Marx und Engels nahestand: Jeff Bridges und John Goodman als Müssiggänger im Film «The Big Lebowski».

Dabei wirft die Initiative auch Fragen auf, die wir sonst ignorieren. Sie zwingt uns, über den Begriff der Arbeit nachzudenken, die nach herrschender Moral eine unerlässliche Bedingung für eine Entschädigung ist. Soll das Grundeinkommen einem ermöglichen, den spannenden Job zu finden, der es theoretisch jedem erlaubt, sich selbst zu verwirklichen? Oder geht es darum, das Los jener Menschen zu erleichtern, die einen mühsamen Job annehmen, um ihre Familie über Wasser zu halten? Der Katechismus von Adam Smith postuliert zwar, dass beide Arten zu arbeiten, dem kollektiven Wohlstand dienen. Für die Arbeitenden selbst könnte der erlebte Unterschied aber nicht grösser sein.

Diese Initiative erinnert uns an weitere Dinge: Zum einen dass Hausarbeit noch immer nicht entlöhnt wird und dass Freiwilligenarbeit, ebenfalls eine Quelle des allgemeinen Wohlstands, keinerlei offizielle Anerkennung geniesst. Zum anderen wird wir uns wieder bewusst gemacht, dass Teilzeitarbeit zu Formen der Ungerechtigkeit führt, etwa wenn Personen sich entschliessen, ihre Arbeitszeit und damit ihr Einkommen zu senken, um sich ihrer Familie zu widmen, d. h. sie sich für unbezahlte Arbeit in der Familie entschliessen. Neben der Entlöhnung solcher Tätigkeiten, wäre ein garantiertes Grundeinkommen auch eine Möglichkeit, vielen Arbeitslosen und wirtschaftlich schwachen Personen zu helfen, ihre Würde zu bewahren.

Einige bezeichnen dies bereits als «Marxismus». Sie haben nicht ganz unrecht. «Das Recht auf Faulheit» war ein Anspruch von Paul Lafargue, der Marx und Engels nahestand. Etwa im Jahr 1880 kritisierte der Franzose und ferne Vorfahre der Occupy-Wall-Street-Bewegung in einem Essay diese «merkwürdige Verrücktheit», welche die klassische Linke und die Gewerkschaften verseucht: den Kampf für das Recht auf Arbeit. Gemäss Lafargue muss man blind und engstirnig sein, wenn man diesem Irrweg folgt. «Arbeitet, arbeitet, Proletarier, vermehrt den Nationalreichtum und damit euer persönliches Elend! Arbeitet, arbeitet, um – immer ärmer werdend – noch mehr Grund zu haben, zu arbeiten und elend zu sein.»

Diese Vision setzte sich in der europäischen Linken nicht durch. Sie hat vorgezogen, für die Rechte der Arbeitnehmer zu kämpfen. Einige konnten sich vorstellen, dass ein Verschwinden der sogenannt entfremdenden Arbeit (gemäss Marx) und die Freizeitkultur unseren Alltag radikal verändern würden. Dumm gelaufen: Alle Studien zu diesem Thema zeigen, dass die Arbeit ein zentraler Wert bleibt, selbst die Sisyphusarbeit, die schlecht entlöhnte Arbeit und jene der Working Poor. Sie bleibt der Angelpunkt, um den sich die Zeit und das Leben organisieren. Der Mensch stellt sich den Müssiggänger nicht anders als einen «Arbeiter ohne Arbeit» vor, d. h. als Anomalie. Selbst Lafargue hat nie genau erklärt, wie diese Freizeit ausgefüllt werden sollte.

Die Initiative steht also in der Tradition von Lafargue. Selbst wenn es im Projekt der Initianten nicht eigentlich darum geht, die Arbeit abzuschaffen und Faulheit zu fördern. Doch um ein solches Umverteilungssystem zu realisieren, muss man wissen, wie die Kassen der Allgemeinheit weiterhin finanziert werden. Die meisten Diskussionen zu dieser Initiative werden deshalb auch die Finanzierung betreffen, das A und O der ernsthaften Debatten seit dem Tod aller Utopien.

Aber grundlegende Fragen bleiben, und nichts hindert uns daran, zu träumen: Wussten Sie, dass zu Beginn des letzten Jahrhunderts ein paar kühne Bürger sich vorgestellt haben, es könnte bezahlten Urlaub für Arbeiter geben? Eine völlig verrückte Idee, oder?

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