Jedem seine «Welschen»

Die jüngsten Angriffe der «Weltwoche» gegen die Romands, die als die «Griechen der Schweiz» bezeichnet wurden, sind ein Musterbeispiel populistischer Rhetorik. Diese besteht darin, Klischees und Stereotypen auf eine soziale Gruppe zu fokussieren und kulturelle Eigenschaften als Erklärung für alles Mögliche herbei zu zerren, statt echte Erklärungen zu suchen.

Konkret interpretiert der Populismus kulturelle Züge von Minderheiten als Behinderungen oder versucht, gewisse sozioökonomische oder politische Lagen auf eine einzige Kultur zurückzuführen und dabei andere Elemente zu kaschieren.

Was die Stigmatisierung von kulturellen Gemeinschaften anbelangt, hat die «Weltwoche» bereits einiges an Übung.

SVP-Plakat gegen einen Kredit für ein Begegnungszentrum für kosovarische Familien.

Ganze Volksgruppen zu verunglimpfen ist billiger Populismus: SVP-Plakat gegen einen Kredit für ein Begegnungszentrum für kosovarische Familien. (Keystone)

In der Schweiz gibt es verschiedene kulturelle Sensibilitäten, und zwar nicht nur auf den beiden Seiten der Saane, sondern auch in jeder Region und in jedem Kanton. Der grosse Reichtum der Schweiz liegt in eben dieser Vielfältigkeit auf verschiedenen Ebenen. Doch eine Sprache zu nutzen, um Statistiken zu erklären, ist fahrlässig. Jede Gemeinschaft, ob in kultureller oder geografischer Hinsicht, hat ihre eigenen «Welschen», die einer anderen sprachlichen, religiösen, sexuellen oder sonstigen Gruppe angehören. Das Einbringen der imaginären kulturellen Barriere bzw. des Röstigrabens durch die «Weltwoche» stiess auch bei verschiedenen bedeutenden Politikern auf der anderen Seite der Saane auf Ablehnung.

Man fragt sich, ob durch die undifferenzierten Aussagen der SVP-nahen Zeitschrift über die Romands in Tat und Wahrheit nicht ein Gefühl der Schwäche überspielt wird. Haben etwa die Stimmenverluste der SVP seit den letzten Wahlen etwas damit zu tun? Anders gesagt: Wird versucht, mit der Stigmatisierung der Romands die fehlende Fantasie gegenüber den Lesern bzw. Wählern wettzumachen, die es müde sind, stets dieselben populistischen Argumente über sich ergehen lassen zu müssen? Oder einfacher ausgedrückt, ist die «unpolitisch korrekte» Haltung dieser Zeitung im Begriff, eine Ideologie zu werden?

Was die Stigmatisierung von kulturellen Gemeinschaften anbelangt, hat die «Weltwoche» bereits einiges an Übung. Ausländer, insbesondere balkanischer Herkunft, müssen oft den Kopf herhalten.

Im letzten August nahm der Journalist, der den Artikel über die Romands geschrieben hat, die Kosovaren heftig aufs Korn, indem er «Kriminelle Kosovaren» als Titel über einen Text setzte. Auch hier beschränkte er sich auf eine schemenhafte Darstellung, um gewisse schreckliche, aber völlig individuelle Gewalttaten zu erklären, die von Kosovaren in der Deutschschweiz verübt wurden, und erinnerte am Schluss daran, dass bestimmt nicht alle so seien – aber trotzdem.

Doch der letzte Paukenschlag der Zürcher Wochenzeitung sollte uns die Unsitte, verschiedene Situationen automatisch und ausschliesslich durch den kulturellen oder religiösen Filter zu sehen, bewusst machen. Man darf niemals die komplexeren Zusammenhänge aus den Augen verlieren, ansonsten verhält man sich wie die «Weltwoche», nämlich wie ein Elefant im Porzellanladen.

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