Jeder Tag sollte Frauentag sein

Der Internationale Frauentag ist vorbei. Aber die Fragen nach der Gleichberechtigung müssen täglich gestellt werden und dürfen nicht bis zum nächsten 8. März warten. Die Aktualität beweist es: Diese Fragen, welche die Gesamtheit der sozialen Bereiche betreffen, stehen das ganze Jahr im Blickfeld.

Apropos Blickfeld: Vor ein paar Tagen hat der Waadtländer Grosse Rat beschlossen, sexistische Plakate zu verbieten. Bekanntlich wird der Körper der Frau oft blossgestellt, zu Werbezwecken missbraucht und zur Ware gemacht, um dieses Auto oder jene Konfitüre besser verkaufen zu können.  Der Mann als Objekt ist so selten, dass sein kürzliches Erscheinen auf dem Plakat eines grossen Jazzfestivals viel Aufsehen erregt hat …

Vergessen wir aber nicht das Kernproblem, die Lohnungleichheit, die in der Privatwirtschaft bei 18 Prozent stagniert.

Kundgebung am Frauentag, 8. März 2011. (Keystone)

Die Fragen nach der Gleichberechtigung müssen täglich gestellt werden: Kundgebung am Frauentag, 8. März 2011. (Keystone)

Es gibt aber nicht nur Bilder, die unsere gesellschaftliche Realität widerspiegeln und prägen. Auch Wörter haben ihren Einfluss. In dieser Hinsicht ist die kürzliche Beerdigung des Wortes «Mademoiselle» (Fräulein) in Frankreich von erheblicher Bedeutung: In der Schweizer Bundesverwaltung wurde diese Bezeichnung vor 40 Jahren abgeschafft, aber das bedeutet nicht zwingend, dass sie nicht mehr in Gebrauch steht. Es geht darum, dass eine unverheiratete Frau dieselbe Identität hat und denselben Respekt verdient wie eine verheiratete Frau.

Wenn die Wörter kein Gewicht hätten, warum sollte sich die Vereinigung «Ja zum Leben» darüber aufregen, dass sich das Fastenopfer wagt im Rahmen einer ökumenischen Kampagne – die dieses Jahr anprangerte, dass 70 Prozent der Hunger leidenden Menschen weiblichen Geschlechts sind – das Wort «Gender» zu verwenden? Für diese Fundamentalisten ist Gender fast ein Schimpfwort, was darauf hindeutet, dass viele Unterschiede zwischen Frauen und Männern einen sozialen oder kulturellen Ursprung haben und daher abgeändert werden können. Nun möchten diese Leute aber im Namen der Biologie die Frau auf ihre Rolle als Mutter beschränken, den Zugang zur Abtreibung einschränken und sogar das Recht auf Abtreibung verbieten.

Es liegt mir bestimmt fern, die biologischen Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu leugnen. Insbesondere der Mutterschutz ist ein Bereich, wofür die Feministinnen kämpfen. Ein ganz aktuelles Beispiel: Nach einer parlamentarischen Initiative meiner Kollegin Liliane Maury Pasquier habe ich in einer Motion die Entlöhnung der Stillpausen verlangt und der Bundesrat ist dem Anliegen gefolgt.

Aber es muss verhindert werden, dass die biologische Ausgangslage zu einer Quelle von Entfremdung, Leiden und Diskriminierung wird. Es gilt für die Veränderung der Sprache und der Bilder zu kämpfen, aber natürlich auch für die Veränderung all dessen, was dahintersteckt: die Gewalt gegen Frauen, ihre geringe Präsenz in der Politik oder in den Schlüsselpositionen der Arbeitswelt, aber auch das Kopfzerbrechen (das fast nur Frauen betrifft) der Doppelbelastung durch Arbeit und Haushalt (angesichts des Mangels an Krippenplätzen und der ungleichen Verteilung der Hausarbeit).

Vergessen wir aber nicht das Kernproblem, die Lohnungleichheit, die in der Privatwirtschaft bei 18 Prozent stagniert. Wenn man davon ausgeht, dass sich die Lohnungleichheit zwischen 1998 und 2006 nur um 0,5 Prozent vermindert hat, würde es bei gleicher Geschwindigkeit noch 91 Jahre brauchen, um die Lohngleichheit zu erreichen. Das würde heissen: Noch 91 Mal ein solcher 8. März… Es kommt nicht infrage, so lange zu warten, und auch nicht, die Hände in den Schoss zu legen: Der 8. März ist jeden Tag –  und es muss daher jeden Tag für mehr Gleichberechtigung gekämpft werden.

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