Die grosse Rückkehr der Moral

Achtung, Gefahr: Die «Moral» ist wieder da. Eine moralisierende Welle fegt bis zum Überdruss über das Zeitgeschehen: Hildebrand und sein «moralischer» Fehler, die Wirtschaftskrise und unsere «Sünden» (gemäss Klaus Schwab in der Westschweizer Zeitschrift «L’Hebdo»), die Kernkraft, die Ökologie (der zwingend «böse» Mensch, der seinen Planeten umbringt), die «unanständigen» Boni der Bosse. Und vergessen wir Genf nicht mit Mark Muller und seinen «moralischen Verfehlungen».

Um es kurz zu machen, wir sind heute in der Tat alle schuldig. Unsere Gesellschaft mit ihrer «Hyperinformation» und «Hypersensibilisierung» führt zu einer kollektiven «Hyperschuldigerklärung». Alle sind schuldig. Für die SVP geht die Schweiz dem Untergang entgegen wegen der Eliten, der Reichen, die alle marode sind. Für die Linke ist der Kapitalismus der Hauptschuldige und für alles Übel verantwortlich. Für die Grünen ist es die Konsumgesellschaft (Sie und ich). Wissen Sie was? Die Welt ist dem Untergang geweiht, und dies wegen uns allen! Grossartig, nicht wahr?

Das neue Jahrtausend gab uns zwei gute Gründe, in Panik zu geraten: eine wirtschaftliche Krise und eine ökologische Krise.

Aktivisten von "Occupy Paradeplatz" demonstrieren am Samstag, 29. Oktober 2011,

Für die Linke ist der Kapitalismus unmoralisch: Aktivisten von «Occupy Paradeplatz», 29. Oktober 2011,

Das Problem (neben dem Ende der Welt) ist, dass die Moral keine Antworten auf unsere Probleme gibt. Sie ist höchstens eine einfache Ausflucht von Politikern, denen die Argumente ausgehen; die ein günstiges Echo in den Medien finden, die ja für Katastrophenmeldungen und Schuldigerklärungen immer ein offenes Ohr haben. Das ist verständlich: So gewinnt man Kunden! Sie entfachen unsere innerste, verborgenste Schuld: die Erbsünde. Wir sind schuldig, geboren zu sein und stürzen die Welt ins Verderben.

Um richtig auf Touren zu kommen, waren aber doch echte Probleme erforderlich. Gott sei Dank: Das neue Jahrtausend gab uns zwei gute Gründe, in Panik zu geraten: eine wirtschaftliche Krise und eine ökologische Krise. Und 2012 erreicht der verurteilende Moralismus seinen Höhepunkt: das «offizielle» Jahr des Weltuntergangs.

Aber die Besessenheit des «Guten» ist nicht immer gut. Der moralisierende Auswuchs kann gefährlich werden: Die Menschheit macht Fortschritte, seit sie sich des lähmenden Gewichts der Moral entledigt hat. Seit sie über die Unterscheidung von Gut und Böse hinausgewachsen ist. Wie Nietzsche vor mehr als einem Jahrhundert in seinem Werk «Zur Genealogie der Moral» unterstrich, nach einer gnadenlosen Anklage gegen «den Kult der Moral»: «dieser Hass gegen das Menschliche, mehr noch gegen das Thierische, mehr noch gegen das Stoffliche, dieser Abscheu vor den Sinnen, vor der Vernunft selbst, diese Furcht vor dem Glück und der Schönheit, dieses Verlangen hinweg aus allem Schein, Wechsel, Werden, Tod, Wunsch, Verlangen selbst – das Alles bedeutet, wagen wir es, dies zu begreifen, einen Willen zum Nichts, einen Widerwillen gegen das Leben».

Wenn unsere Gesellschaft Lösungen für die Herausforderungen der Zukunft findet, innovativ, kreativ, erfinderisch bleiben will, muss sie sich von der bedrückenden Umgebung der Moral befreien. Zum Glück können das Forscher, Unternehmer, Künstler und Denker, welche die Talente unseres Landes bilden, in der Stille unserer Labors, Universitäten und Unternehmen.

Sie sind es, die das Leben verändern. Weit, weit entfernt vom Polittheater in den Medien. Weit weg von den Parlamentariern in Frankreich, Deutschland oder Italien, die aufgeregt eine Rückkehr der Moral in die Wirtschaft fordern, während Europa pleite geht. Ein Kontinent ertrinkt, seine Herrscher philosophieren. Sie hüllen sich in ihre Tugend, fehlen aber völlig, wo Handeln nottut.

Die Moral der Geschicht’: Mit der Moral erhält man schlicht das Recht, nichts zu tun. Sie ist einfach nur Lärm um nichts. Man erhält Stimmen und kann ruhig schlafen.

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