Jeder ist ersetzbar

Die Schweiz in Schockstarre, das war im vergangenen August, als der Euro zum Franken regelrecht taumelte und wankend Richtung Parität abglitt. Am Abend des 9. August erreichte die europäische Währung das Allzeittief von 1,0075. Und keiner wusste, ob es noch schlimmer kommt. Für manch einen Exportbetrieb hätte dieser Stand das Aus bedeutet.

Spätestens jetzt war klar, die Nationalbank und ihr Präsident Philipp Hildebrand müssen eingreifen. Zwar liess sich das Institut nochmals fast einen Monat Zeit. Dann aber, am 6. September, trat die SNB wuchtig in Erscheinung und setzte die Untergrenze bei 1.20 Franken fest. Obwohl der Schritt mittelfristig erwartet wurde, kam er dennoch überraschend.

In einem denkwürdigen Auftritt in den Vorhallen der Nationalbank gab Hildebrand den Tarif durch. Stimme und Hall gaben dem Auftritt den Touch einer Rede von der Kirchenkanzel. In Tat und Wahrheit war es eine Kriegserklärung an die Spekulanten im Devisenmarkt. Spätestens jetzt war er General. Seine Rolle erschien – im Strudel der Euro-Krise – inzwischen viel wichtiger als diejenige eines Bundesrates. Jedes Kind im Lande wusste nun, wer Hildebrand ist. Interessanterweise kam die Kriegsrhetorik von seinem ärgsten Gegner, Christoph Blocher. Aber das ist nur eine Randbemerkung.

Was Hildebrand schaffte, ist für die Schweiz ungewöhnlich: Einer vom Establishment, ein feinbetuchter Banker, hatte es zu Popularität gebracht.

Philipp Hildebrand.

Die Angst, dass es ohne Philipp Hildebrand nicht geht, wirkte paralysierend: Hildebrand im Dezember 2009.

Mit der Kriegserklärung begann das grosse Zittern: Können sich die kleine Schweiz und ihre Nationalbank gegen den globalen Devisenmarkt stemmen? Braucht es wirklich hunderte Milliarden Franken für die Intervention? Vom «Austrinken des Meeres» war die Rede. Unmöglich, das konnte nicht gelingen.

Die letzten Monate belehrten uns eines Besseren. Die Intervention war ein eigentlicher Erfolg. Die SNB und an ihrer Spitze Philippe Hildebrand hatten es geschafft, den Markt in Schach zu halten. Ob mit Marktpsychologie oder geschicktem Trading oder beidem: Die Investorengemeinde wagte es nicht, den Schweizer Franken anzugreifen. Hildebrand war definitiv zum Helden geworden. Dazu gehörte, dass er bereits 2008 dabei war, als die UBS vor dem Aus und die Schweiz vor einer Katastrophe zu retten war. Und er sich später für eine Bändigung der Finanzinstitute einsetzte.

Was Hildebrand schaffte, ist für die Schweiz ungewöhnlich: Einer vom Establishment, ein feinbetuchter Banker, hatte es zu Popularität gebracht.

Im Lichte dieser Entwicklung ist zu erklären, dass seine Verfehlungen so lange verteidigt wurden. Bankrat, Bundesrat und ein Grossteil der Medien hielten äusserst lang zu Hildebrand, der zuvor mit Devisen handelte, als sei er ein einfacher Angestellter. Auch Volkes Meinung zeigte noch lange Solidarität mit dem Angeschossenen. Dabei entstand inzwischen ein Bild von Hildebrand, der zum Kriegsgeneral wurde, welcher durch private Geschäfte am Gemetzel zu verdienen schien. Der Angeschuldigte selber erklärte, dass er im Nachhinein nicht mehr verstehen konnte, so etwas zugelassen zu haben.

Und nicht nur der Heldenstatus hinderte uns daran, der Wahrheit in die Augen zu schauen. Auch die Angst, ohne Hildebrand würde der Euro zum Franken wieder Richtung Parität rutschen, wirkte paralysierend. Ganz nach dem Motto: Ohne Marktbändiger Hildebrand sind wir verloren.

Inzwischen sind wir schlauer. Und einmal mehr muss man sagen: Jeder ist ersetzbar.

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