Wie Hildebrand log, ohne zu lügen

«Ich habe in dieser Geschichte nie gelogen. Ich bin mit mir im Reinen», sagte Philipp Hildebrand am Montag, als er der Öffentlichkeit seinen Rücktritt erklärte. Wie kann der abgetretene Nationalbankpräsident nach all dem, was über die Affäre rund um seine privaten Devisengeschäfte bekannt ist, eine solche Aussage machen, ohne rot zu werden im Gesicht? Die Antwort ist ganz einfach: Aus seiner Perspektive hat er sich tatsächlich an die Wahrheit gehalten – wenn auch objektiv betrachtet nicht an die ganze.

Hildebrand beteuerte sowohl bei seinem Auftritt letzte Woche als auch am Montag, dass seine Frau «die Devisentransaktion am 15. August ohne mein Wissen veranlasst hat». Für diesen Fakt gebe er sein «Ehrenwort». So gut sie tönt, so leer ist die Aussage. Dass er am Tag X nicht über das konkrete Geschäft im Bild war, mag formal gesehen korrekt sein, ist aber irrelevant. Denn Hildebrand hat seiner Frau das Einverständnis gegeben, über sein Konto Devisengeschäfte abzuwickeln. Das ist sein grundsätzlicher Fehler. Da das Dokument, das dies beweist, erst nach seinem Auftritt am Dienstag im Internet abrufbar war, entging Hildebrand aber kritischen Fragen zu diesem für ihn unerfreulichen Teil der Wahrheit.

Indirekt zu lügen ist bei den Mächtigen und Wichtigen ein bekanntes Muster. Unvergessen ist etwa Bill Clintons Ausflucht nach seiner Affäre mit Monica Lewinsky.

Philipp Hildebrand.

«Ich habe in dieser Geschichte nie gelogen. Ich bin mit mir im Reinen»: Philipp Hildebrand, 15. Dezember 2011. (Bild: Keystone)

Hildebrand hat also bloss indirekt gelogen, indem er nur die halbe Wahrheit sagte und damit einen falschen Gesamteindruck vermitteln wollte – eine elegante Möglichkeit, einen inneren Gewissenskonflikt zu umgehen. Dabei ist auffällig: Schon letzte Woche nahm er den weiteren Verlauf der Geschichte vorweg, vielleicht um sein Gewissen weiter zu entlasten. Im Rückblick fast etwas entlarvend sagte er bei seinem ersten Auftritt am Donnerstag: «Ob wir wirklich alles kennen, heute, ist schwierig zu betrachten. Aber seit zwei Tagen haben wir das Puzzle doch zu grossen Teilen komplettieren können.» Zu diesem Zeitpunkt wusste Hildebrand genau, welches Puzzlestück noch fehlte, um ihn zu Fall zu bringen.

Indirekt zu lügen ist bei den Mächtigen und Wichtigen ein bekanntes Muster. Unvergessen ist etwa Bill Clintons Ausflucht nach seiner Affäre mit Monica Lewinsky: Er habe keinen Sex mit ihr gehabt, behauptete er – weil Oralsex in seiner Realität kein richtiger Sex ist. Genauso kann Christoph Blocher darauf beharren, keine «Bankunterlagen» von Hildebrand zu besitzen, wenn er in Tat und Wahrheit fotografierte Bildschirmausschnitte erhalten hat. Dahinter steckt ein durch und durch menschlicher Wesenszug. Auch ein Kind verschweigt, im Dorfladen Schokolade geklaut zu haben, wenn seine Eltern nur danach fragen, ob es Bonbons eingesteckt hat. Die Affäre Hildebrand zeigt einmal mehr: Die Mächtigen sind immer dann am nahbarsten, wenn sie in der Defensive sind.

// <![CDATA[
document.write("„);
// ]]>