Wo bleibt verdammt noch mal die Revolution?

Der Oktober war der Monat der Empörung, der Occupy-Bewegung. Im November haben die Empörten resigniert. Im Dezember wurden sie vergessen. Traurige Feststellung nach einem Spaziergang am Mittwochabend durch die Strassen Genfs. In den anderen Städten wurden die campierenden Demonstranten weggejagt, bei uns gibt es sie noch. Toleriert von einem Gemeinderat der Fraktion «Nette und Linke», der für die einen unverschämt liberal, für die anderen beschämend lasch ist.

In Genf geht der überraschendsten Bewegung des Jahres 2011 am schwachen Feuer des Lagerfeuers langsam aber sicher der Atem aus. Es ist lediglich noch ein Grüppchen von etwa zehn Leuten übriggeblieben, das jede Nacht im Parc des Bastions campiert und mehr schlecht als recht die nassen Nächte ausharrt, so Stadtpräsident Pierre Maudet.

Die Ironie der Geschichte: Sie schnarchen nur einen Katzensprung vom internationalen Reformationsdenkmal entfernt. Ein Bauwerk errichtet zu Ehren der ersten Globalisierungsgegner der Neuzeit, allen voran Calvin. Humanisten für die einen, Taliban für die anderen. Und von diesem Denkmal mit den strengen Linien aus habe ich den stechenden Blick der Statue von Calvin gesehen, mit dem er die blutleeren Träumereien der Empörten aus Genf beobachtet. Was würde dieser geniale und kompromisslose Revolutionär davon halten?

Sind die Empörten im Dezember bereits in Vergessenheit geraten? Ich weigere mich, daran zu glauben.

Das Camp der Occupy-Genf-Bewegung vor dem Denkmal der Reformatoren.

Das Feuer der Revolution erlischt: Camp der Occupy-Genf-Bewegung vor dem Denkmal der Reformatoren.

Vermutlich hätte er das Konzept des ungeordneten Campierens nicht gutgeheissen: Hunde ohne Leine irren zwischen Tipis, Zelten und Wasserkanistern umher. Zu seiner Zeit wären die Bewohner Genfs für so etwas wegen Störung der öffentlichen Ordnung für ein paar Tage im Gefängnis gelandet, Auswärtige wären aus der Stadt gejagt oder direkt in die Rhone geworfen worden.

Aber der Gründer des öffentlichen Hospizes und der Universität, Schöpfer einer fast egalitären Stadt inmitten des ungerechten Europas des 16. Jahrhunderts; der Verteidiger der Republik, des Sparens; der Zerstörer der materialistischen Exzesse der römischen Kirche mit ihrer Verschwendung und ihrem Luxus, würde vermutlich auch eine gewisse Sympathie für diese radikalen Träumer hegen, die lieber die Unbequemlichkeit eines Zeltes auf sich nehmen, als auf ihre Ideale zu verzichten.

Einen Moment dachte ich, dass ich die Empörten verpasst habe. Nach meinem Spaziergang am Mittwoch fragte ich also meinen Bruder, ob wir beide eine grosse Revolution, einen grundlegenden Umsturz, einfach übersehen hätten. Er ist 25. Er meinte: «Die Empörten? Das ist eine sympathische Bewegung, die durchaus ihre Berechtigung hat. Aber sie haben nichts getan. Nichts vorgeschlagen, nichts geändert. Ich weiss nicht, ob sie zu etwas nütze sind.»

Was sollte ich ihm antworten? Von den Schweizer Empörten kenne ich nur ein nebliges Palaver, verdunkelt durch Protokolle endloser Generalversammlungen. Die vor ein paar Monaten entzündete Flamme wurde durch Untätigkeit geschwächt und ist an einer auf die Spitze getriebenen Demokratie erstickt. Die armen Teufel haben keine Sorge zu ihrem Feuer getragen, noch nicht einmal im rotblauen Äther von Twitter, Facebook und Youtube.

Sind die Empörten also im Dezember bereits in Vergessenheit geraten? Ich weigere mich, daran zu glauben. Vielleicht, weil ich Christ bin und das Christentum der ausdauernde und lebhafte Samen des revolutionären Kommunismus ist. Deshalb faszinieren mich auch diese Demonstranten. Als Idealisten und aufgeklärte Utopisten erfüllen sie mich auf gewisse Weise mit Bewunderung.

Wie Stephane Hessel, der sie letzte Woche besuchte, bewahre auch ich in meinem Herzen einen Hoffnungsschimmer für die Bewegung der Genfer Empörten. Und ich wünsche mir, dass neue Ideen diese Flamme aufrechterhalten können und dass eine lebendige Bewegung die materialistische Finsternis unserer Zeit verdrängt. Ich weiss nicht, vielleicht eine Wiedergeburt des frühsozialistischen Saint-Simonismus, eine kollektivistische Erneuerung, ein solidarischer Elan. Empörung, gewiss, aber die mutige und bestimmte Empörung, die den Helm des Heils und das Schwert des Geistes ergreift.

Als ich am Mittwoch durch die Stille des Camps der Empörten ging, wollte ich sie alle wecken mit meinem Ausruf: «Wo bleibt verdammt noch mal die Revolution?»

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