Klimaneutral – und zwar subito!

Die deutsche Grünen-Chefin Annalena Baerbock erweckte den Eindruck, dass die Hochöfen in der Stahlproduktion sofort ersetzt werden können. Foto: Hendrik Schmidt (Keystone)

Die Grünen sind die gesetzten Wahlsieger dieses Jahres. Der Hitzesommer 2018 hat sich vielen Mittel- und Nordeuropäern ins Gedächtnis eingebrannt, die «Fridays for Future»-Bewegung bringt die etablierte Politik ins Schwitzen.

In Verlegenheit geraten jene Parteien, die jahrzehntelang einen kontinuierlichen und sanften Übergang von einer CO2-intensiven zu einer ressourcenschonenden Wirtschaft verzögert haben, und jene, die die Ökologie nicht zuoberst auf der Agenda haben. Es profitieren vor allem die Grünen, welche die radikalen Forderungen der jugendlichen Protestbewegung dankbar aufnehmen. CO2-neutrale Schweiz bis 2030, verlangt die Strasse. Machen wir, sagen die Grünen.

Luftschlösser statt Lösungen

Wie ein solch radikaler Umbau gehen soll, ohne dass die Wirtschaft kollabiert, sagen sie allerdings nicht. Denn politischer Realismus würde auf die Unrast der fordernden Jugend wie ein altväterischer Mahnfinger wirken. Statt einen realistischen Zeitplan zur Reduktion des CO2-Ausstosses zu entwerfen, werden Luftschlösser gebaut.

Das zeigte sich etwa am EU-Wahlsonntag in der Talkrunde von Anne Will auf ARD. Als Beleg dafür, dass sich die Grünen sehr wohl um den Erhalt von Arbeitsplätzen kümmerten, nannte Grünen-Chefin Annalena Baerbock ihren Besuch bei einem deutschen Stahlkonzern. Dort arbeite man mit Hochdruck an der klimaneutralen Stahlproduktion. Sie erweckte damit den Eindruck, dass die Hochöfen, die einen riesigen CO2-Ausstoss haben, sogleich ersetzt werden können – wenn nur die anderen Parteien nicht blockierten. Tatsache ist jedoch, dass klimaneutrale Stahlproduktionsmethoden frühestens im übernächsten Jahrzehnt breit einsetzbar sein werden und dafür zusätzliche und grosse Mengen an Ökostrom produziert werden müssen.

Mögliche Folgen der Flugscham

Die Bereitschaft der Bevölkerung zum ökologischen Umbau wird nur so lange vorhanden sein, wie dieser nicht massenweise Jobs kostet. Das gilt nicht nur für Europa. Wir alle sollen weniger fliegen, lautet das Gebot der Stunde. Das ist zweifellos richtig, aber auch hier dürfte es Jahrzehnte dauern, bis die Fliegerei auf ein umweltverträgliches Mass reduziert werden kann.

Was passierte, wenn die ganze Nordhemisphäre über Nacht von der schwedischen Flugscham ergriffen würde, malen wir uns besser nicht aus. Denn Millionen von Menschen in ärmeren Ländern leben von den Touristen aus dem reichen Norden. Gingen diese Jobs innert weniger Jahre verloren, drohten in diesen Ländern soziale Unruhen, vor denen auch wir uns fürchten müssten. Wir im reichen Norden können tatsächlich auf die Ferienfliegerei verzichten. Wovon aber all jene Menschen leben sollen, denen der Tourismus aus den reichen Ländern eine Existenz bietet, haben wir von den Grünen noch nicht gehört.

Tourismus ist nicht nur böse

Zwar richtet der Tourismus vielerorts Schäden an Natur und Umwelt an, aber nicht nur. In vielen Ländern trägt der Tourismus auch zum Erhalt von Landschaften bei und verhindert, dass Naturreservate abgeholzt, drainiert und ausgeplündert werden. Die Galapagos-Inseln sind ein Beispiel für diesen Konflikt. Kommen zu viele Touristen, ist die Tier- und Pflanzenwelt bedroht. Kommen keine Touristen mehr, verliert Ecuador das Interesse, die Inseln einem strengen Schutz zu unterstellen.

Die Jugend darf ungeduldig Maximalforderungen stellen. Fragwürdig ist es, wenn Parteien den Eindruck erwecken, man könne alles sofort umsetzen.

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