Der falsche Ort für Armeepropaganda

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Politblog

Die Bombardierung von Schaffhausen hat sich tief ins kollektive Gedächtnis seiner Einwohner und ihrer Nachkommen eingebrannt. (Foto: Keystone)

Eine spätere Zeichnungslehrerin von mir befand sich gerade auf dem Heimweg vom Kindergarten, als die Bomben einschlugen. Die Zeichnungslehrerin sprach im Unterricht immer wieder darüber. Ein lebenslanger Versuch, das Unbegreifliche zu begreifen.

Wer wie ich in Schaffhausen aufwuchs, hat ein besonderes Verhältnis zum 1. April 1944. Das Datum liegt tief in der Vergangenheit. Aber die Katastrophe reicht bis in die Gegenwart. Die Überlebenden verweisen auf die Toten.

Am Morgen des 1. April 1944 näherten sich 47 amerikanische Bomber der Stadt Schaffhausen. Über der Altstadt warfen sie fast 400 Spreng- und Brandbomben ab. 40 Menschen kamen ums Leben, Hunderte wurden teils schwer verletzt, viele Wohnhäuser und Fabriken brannten nieder.

Die Bombardierung war ein Irrtum. «Wir glaubten fest, wir wären in Deutschland», erzählte der letzte lebende Pilot George Insley dem Historiker Matthias Wipf. Er bete noch heute oft für die Angehörigen.

Politik im Namen der Toten

Der 75. Jahrestag der Katastrophe war Anfang Woche auch für die Stadt Schaffhausen ein Anlass, der Opfer und ihrer Familien zu gedenken. Ehrengast Karin Keller-Sutter legte auf dem städtischen Waldfriedhof einen Kranz nieder. Dann sprach die Bundesrätin in der 1944 zerstörten und später wieder aufgebauten Steigkirche über Schicksal und Solidarität.

Pietätlos: Bundesrätin Karin Keller-Sutter. (Foto: Keystone)

Gegen Ende ihrer Rede wandte sie sich der Gegenwart zu: Die Bombardierung von Schaffhausen lehre uns, dass Krisen und Spannungen in Europa auch die neutrale Schweiz betreffen könnten, sagte Keller-Sutter gemäss dem veröffentlichten Manuskript. Es könnten auch wieder stürmischere Zeiten aufziehen. Daran solle man denken, wenn es bald um den Kauf neuer Kampfjets gehe, mahnte Keller-Sutter. Sie kosteten zwar mehrere Milliarden Franken. Aber die Schweiz könne sich «in einem Krisenfall» nicht darauf verlassen, «dass uns die anderen dann schon zu Hilfe eilen werden und unseren Luftraum schützen».

Ich war befremdet, als ich die Rede las. Sie erinnerte mich an jenen militärischen Totenkult, der etwa in Frankreich oder Grossbritannien sehr ausgeprägt ist: Die Gefallenen von früher dienen den Regierenden dazu, sich in der Erzählung der Nation zu verankern und die eigene Politik zu legitimieren. Alles geschieht im Namen der Toten. In der Schweiz hingegen ist es höchst ungewöhnlich, dass an einem Gedenkanlass für Kriegsopfer Rüstungspolitik betrieben wird. Man darf es wohl pietätlos nennen.

Vom Bund im Stich gelassen

Die Rede der Justizdirektorin in der Schaffhauser Steigkirche ist aber auch geschichtspolitisch problematisch. Keller-Sutter suggeriert, es sei zum tragischen Bombenabwurf gekommen, weil die Schweizer Armee den Luftraum über Schaffhausen nicht habe schützen können. Sie unterschlägt die Tatsache, dass dieser Verteidigungslücke ein politischer Entscheid zugrunde lag: Der Bundesrat und die Armeespitze hatten viele Grenzregionen und ihre Bewohner faktisch aufgegeben. Die Streitkräfte – auch die Luftwaffe – konzentrierten sich im Mittelland und im Alpenraum. Das Réduit war keine Option für den Angriffsfall, es war Realität. Davon zeugten auch die Sprengladungen in der Rheinbrücke unter dem Munot.

Die Kriegsjahre haben in Schaffhausen ein Trauma hinterlassen. Nicht nur, weil 1944 Bomben der Alliierten auf die Stadt fielen. Sondern auch, weil man sich in den Jahren zuvor vom Bundesrat und der Armeespitze im Stich gelassen fühlte. Der 75. Jahrestag der Bombardierung wäre ein günstiger Zeitpunkt für Karin Keller-Sutter gewesen, dies anzusprechen. Sie hat es leider versäumt.

Literatur: Wipf, Matthias: Die Bombardierung von Schaffhausen, Meier-Buchverlag, 2019.

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