Niemand ist gern Opfer

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Politblog

Für Genugtuung gekämpft: Eine Gruppe ehemaliger Verdingkinder lancierte 2014 eine Initiative mit dem Ziel, einen Entschädigungsfonds einzurichten. Foto: Lukas Lehmann (Keystone)

Schreckliches klingt manchmal schön. Bis 1981 gab es die «Versorgungsgesetze». Der Name suggeriert Schutz, Fürsorge. Doch die Gesetze brachten grosses Leid über Familien, sie erlaubten den Behörden, willkürlich einzugreifen, wenn Leute nicht nach ihren Vorstellungen lebten. Armen Eltern wurden die Kinder weggenommen, auf Bauernhöfen, in Pflegefamilien oder Heimen platziert und dort misshandelt und ausgebeutet. Ledige Mütter wurden zur Abtreibung und Sterilisation gezwungen oder ins Gefängnis gesteckt.

Noch bis Ende März 2018, also eine Woche lang, können Betroffene beim Bund einen Solidaritätsbeitrag von 25’000 Franken beantragen. Sie müssen ihre Geschichte nicht bis ins letzte Detail beweisen. Es genügt, wenn sie sie glaubhaft machen. Die Behörden (zuständig ist das Bundesamt für Justiz) sind mittlerweile vertraut mit dem Thema und merken schnell, ob Angaben übereinstimmen. Sie wissen, welche Heime für welche Praktiken berüchtigt waren, in welchen Kantonen die Behörden besonders rigoros vorgingen. Es ist nicht schwer, das Opfergeld zu bekommen. Und trotzdem melden sich viel weniger als erwartet. Der Bund hatte mit bis zu 15’000 Personen gerechnet. Ende März werden sich nach heutigem Stand schätzungsweise gegen 7000 gemeldet haben.

Die Scham sitzt tief

Manche kritisieren deshalb das Engagement von Bundesrat und Parlament. Die Wiedergutmachung sei offensichtlich kein Bedürfnis, sagte der Zürcher SVP-Nationalrat Claudio Zanetti letzten Sommer dieser Zeitung. «Die Sozialindustrie hat wieder einmal massiv übertrieben.» Auch Felix E. Müller, Ex-Chefredaktor der «NZZ am Sonntag» kritisierte das Parlament, das «auf völlig unzuverlässiger Basis Millionen gesprochen» und sich von Emotionen habe leiten lassen.

Diese Reaktionen sind verfehlt. Jeder, der einmal Einblick in das Leben von Betroffenen hatte, weiss, dass sich nur ein Bruchteil von ihnen melden wird. Viele halten ihre Erlebnisse bis ins hohe Alter selbst vor ihren nächsten Angehörigen geheim. Schuld und Schamgefühle sitzen so tief wie der amtliche Stempel von damals: «liederlich», «lügenhaft», «unnütz». Nun ganz plötzlich das Schweigen zu brechen, ist nicht ganz einfach. Kommt hinzu, dass niemand gern ein Opfer ist. Ein Opfer schämt sich nicht nur für seine Geschichte, sondern glaubt insgeheim auch an eine Mitschuld, und es muss mit latentem Misstrauen rechnen: Stimmt die Geschichte wirklich? Oder will die Person nur Geld? Sich wichtig machen?

Mitgefühl ist angebracht

Die Gesuchstellung sei ihr sehr nahe gegangen, sagte eine 48-Jährige mit schrecklicher Heim-Kindheit dem «Tagblatt der Stadt Zürich», es sei alles so präsent gewesen wie noch nie. Dabei gehört sie zu den Widerstandsfähigsten. Sie ist so stark und mutig, über das, was ihr wehtut, öffentlich zu reden.

Das Problem der Wiedergutmachung ist, dass sie nicht an eine klar definierte Bevölkerungsgruppe gerichtet werden kann, da es keine Statistik über die Zwangsversorgten gibt. Die Betroffenen müssen sie selbst abholen, es geht nicht anders. Doch zu sagen, Wiedergutmachung sei kein Bedürfnis, ist zynisch und unsensibel.

Bislang ist die Schweiz nicht verpflichtet, frühere Untaten, die seinerzeit rechtens waren, wiedergutzumachen. Trotzdem ist das Parlament zur Überzeugung gelangt, dass es im Fall der Verdingkinder und weiterer Versorgter gerechtfertigt ist. Es hat sich von Gerechtigkeitsempfinden und Mitgefühl leiten lassen. Zum Glück. Man wünschte der Gesellschaft mehr davon.